Äthiopien: Staub, Kaffee und verrückte Bergabfahrten
Landung in der Realität
Ich bin Alex, 28 Jahre alt und beruflich – naja, sagen wir mal – flexibel. Flexibel heißt in meinem Fall, dass ich genug gespart habe, um für unbestimmte Zeit rumzureisen und dabei möglichst viel Scheiße zu bauen. Diesmal führt mich die Reise nach Äthiopien. Warum Äthiopien? Gute Frage. Ich hatte mal einen Artikel über das Simien-Gebirge gelesen, in dem irgendwelche extremen Trailrunner durch die Landschaft flitzten. Das schien mir ein guter Ort zu sein, um meine Knie endgültig zu ruinieren. Und dann gab es noch die Geschichten über Danakil-Senke, diesen surrealen, vulkanischen Landstrich. Dachte mir, das könnte man sich mal ansehen. Der Plan war eigentlich ganz einfach: Ankommen, ein paar lokale Guides finden, die keine Angst vor verrückten Ideen haben, und dann einfach drauf los. Keine festen Pläne, keine Hotelreservierungen, einfach nur die Neugier und einen Rucksack voller technischem Equipment, das ich wahrscheinlich zu 90% nicht brauchen werde.Erste Schritte in der Hauptstadt
Die Taxifahrer am Flughafen stürzten sich wie Hyänen auf mich. "Taxi? Taxi, Sir? Cheap price!" Ich ignorierte sie einfach und versuchte, mich in der Menschenmenge zu orientieren. Es war ein Chaos aus Farben, Gerüchen und Geräuschen. Männer in traditioneller Kleidung, Frauen mit bunten Tüchern, Kinder, die am Boden spielten, und überall dieses endlose Hupen. Ich fühlte mich, als wäre ich in einen alten Heimatfilm geraten – nur dass hier alles echt war. Ich hatte mir ein kleines Hotel in der Nähe des Mercato, dem größten Markt von Addis Abeba, ausgesucht. Die Adresse hatte ich mir aufgeschrieben, aber die Straßen hier waren verwinkelt und unübersichtlich. Nach einer halben Stunde ziellosen Herumirrns und einigen hilflosen Gesten fand ich es dann doch. Das Hotel war, sagen wir mal, rustikal. Die Wände waren fleckig, die Möbel abgenutzt und das Badezimmer hatte den Charme einer Kohlenmine. Aber hey, ich bin ja kein Prinz. Hauptsache, es gibt ein Bett und ein Dach über dem Kopf.Der Mercato – Ein Angriff auf die Sinne
Am Nachmittag wagte ich mich dann zum Mercato. Ich hatte mich von einigen Reisenden im Hostel gewarnt gemacht: "Bleib auf der Hut, pass auf deine Wertsachen auf und lass dich nicht abziehen!" Ich nickte brav und dachte mir: "Ach, was soll schon passieren?" Der Mercato war überwältigend. Ein Labyrinth aus Gassen und Ständen, auf denen alles Mögliche verkauft wurde: Gewürze, Kaffee, Kleidung, Elektronik, Tiere, Werkzeuge, Medikamente… Und natürlich jede Menge Touristenfallen. Ich wurde von Händlern angepöbelt, von Bettlern belästigt und von Kindern um Geld gebeten. Es war anstrengend, aber auch faszinierend. Ich kaufte ein paar Gewürze, einen Kaffee und ein paar Postkarten. Und dann beschloss ich, dass ich dringend ein Bier brauchte. Ich fand eine kleine Bar in einer Seitengasse und bestellte ein "St. George", das lokale Bier. Es schmeckte erfrischend, aber auch ein bisschen nach Metall. Egal. Es tat gut. Ich setzte mich an einen wackeligen Tisch und beobachtete das Treiben um mich herum. Männer spielten Schach, Frauen unterhielten sich, Kinder tobten herum. Es war ein lebendiges, authentisches Bild des äthiopischen Lebens. Ich hatte das Gefühl, dass ich gerade erst anfange, dieses Land kennenzulernen. Es war anders, wilder, chaotischer, als alles, was ich bisher gesehen hatte. Und ich freute mich darauf, noch tiefer einzutauchen – ins Simien-Gebirge, in die Danakil-Senke, in die Seele dieses faszinierenden Landes. Aber bevor ich mich in die Wildnis stürzen konnte, musste ich erst noch ein paar lokale Guides finden, die bereit waren, mich auf meine verrückten Ideen einzulassen. Und das würde sich als gar nicht so einfach erweisen, wie ich dachte.Auf der Suche nach Komplizen
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mich durch die Gassen von Addis Abeba zu treiben und nach geeigneten Guides zu suchen. Das stellte sich als ziemliche Herausforderung heraus. Die meisten Einheimischen, die ich ansprach, schauten mich verständnislos an, wenn ich von Trailrunning im Simien-Gebirge oder einem Ausflug in die Danakil-Senke sprach. Entweder sie hatten noch nie von diesen Orten gehört, oder sie hielten mich für verrückt. Einmal sprach ich einen älteren Mann an, der vor seinem kleinen Laden saß und Kaffee röstete. Ich erklärte ihm meine Pläne und bot ihm einen ordentlichen Batzen Geld für seine Dienste an. Er hörte aufmerksam zu, nickte dann langsam und sagte: "Das ist sehr gefährlich. Dort gibt es wilde Tiere und böse Geister. Ich kann Ihnen nicht helfen." Ich versuchte, ihn zu überzeugen, aber er blieb hartnäckig. Schließlich gab ich auf und bestellte mir einen weiteren Kaffee.Little Italy und die unerwartete Geländewagen-Reparatur
Irgendwann landete ich in einem Viertel, das Little Italy genannt wurde. Warum Little Italy? Keine Ahnung. Vielleicht hatte ein italienischer Einwanderer irgendwann mal einen kleinen Laden eröffnet und den Namen verbreitet. Aber hier fand ich dann auch, was ich suchte: einen kleinen Veranstalter für Outdoor-Touren. Der Besitzer, ein hagerer Mann mit sonnengegerbter Haut, hörte sich meine Pläne interessiert an. Er hatte zwar noch nie von Trailrunning gehört, aber er war bereit, es zu versuchen. "Ich habe einen Freund, der ein guter Fahrer ist und sich mit Geländeautos auskennt", sagte er. "Er kann Sie ins Simien-Gebirge bringen. Aber wir brauchen einen Mechaniker, der das Auto überprüft." Und so landete ich dann auch noch bei einem kleinen Autowerkstatt, die aussah, als wäre sie seit Jahrzehnten nicht mehr renoviert worden. Der Mechaniker, ein bärtiger Mann mit ölverschmierten Händen, untersuchte das Geländeauto mit kritischem Blick. Nach einer halben Stunde verkündete er: "Das Auto ist kaputt. Wir brauchen ein neues Getriebe." Die Reparatur dauerte zwei Tage und kostete ein Vermögen. Aber am Ende hatte ich zumindest ein funktionierendes Auto und zwei Guides, die bereit waren, mich ins Unbekannte zu führen.Der Mercato bei Nacht – Eine ganz andere Welt
Um den Stress der Autoreparatur zu vergessen, beschloss ich, den Mercato bei Nacht zu erkunden. Tagsüber war der Markt schon chaotisch, aber nachts war er eine ganz andere Welt. Die Gassen waren voller Menschen, die Essensstände rauchten, die Musik dröhnte und überall leuchteten bunte Lichter. Ich probierte verschiedene lokale Spezialitäten, darunter eine Art scharfen Eintopf, der mir fast die Zunge verbrannt hätte. Ich unterhielt mich mit einigen Einheimischen, die mir von ihrem Leben erzählten. Und ich beobachtete das Treiben um mich herum. Es war ein faszinierendes Erlebnis. Ich hatte das Gefühl, dass ich langsam anfing, dieses Land zu verstehen. Es war ein Land voller Kontraste, voller Schönheit und voller Herausforderungen. Und ich freute mich darauf, noch mehr davon zu entdecken – auch wenn das bedeutete, dass ich mich immer wieder aus meiner Komfortzone bewegen musste. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, die Guides standen bereit und das Abenteuer rief. Es war Zeit, sich ins Simien-Gebirge zu stürzen und die raue Schönheit Äthiopiens zu erleben, bevor die Hitze der Danakil-Senke mich noch versuchte.Der Jeep ruckelte über die holprige Straße, und ich hielt mich krampfhaft fest. Vor uns erstreckte sich das Simien-Gebirge in all seiner rauen Schönheit. Die Landschaft war atemberaubend, aber ehrlich gesagt hatte ich erwartet, dass es etwas weniger… anstrengend wird. Mein Fahrer, ein grimmiger Typ namens Dawit, schien jeden Zentimeter dieses Gebirges zu kennen – und jede Abkürzung, die mein Magen nicht so recht gutheißen wollte.
Der Ruf des Simien-Gebirges
Ich hatte mir vorgenommen, ein paar der berühmten Bergpfade zu erkunden, aber die Realität sah anders aus. Die Pfade waren eher eine Ansammlung von Ziegenwegen, und die Luft wurde dünner, als ich es erwartet hatte. Dawit, der offensichtlich ein Meister des Geländefahrens war, musste mich mehrfach aus schlammigen Löchern ziehen. Ich fühlte mich, als wäre ich in einer Folge von „Wipeout“ gelandet – nur dass ich keine Chance hatte, zu gewinnen.
Kaffee, Kultur und Chaos
Zwischen den anstrengenden Bergabfahrten nahmen wir uns Zeit, die lokale Kultur kennenzulernen. Wir besuchten kleine Dörfer, tranken unzählige Tassen Kaffee (der übrigens fantastisch war) und lernten einige freundliche Einheimische kennen. Ich versuchte, ein paar Worte Amharisch zu lernen, aber meine Zunge verweigerte den Dienst. Dawit musste ständig übersetzen und kicherte jedes Mal, wenn ich einen Fehler machte.
Der Danakil-Albtraum (fast)
Nach dem Simien-Gebirge hatte ich geplant, in die Danakil-Senke zu reisen. Dieser vulkanische Landstrich sollte das absolute Highlight meiner Reise werden. Aber ehrlich gesagt, ich war ein bisschen eingeschüchtert. Die Temperaturen sind extrem hoch, die Landschaft ist unwirtlich, und es gibt ständig die Gefahr von Vulkanausbrüchen. Dawit riet mir davon ab, und ich hörte auf ihn. Manchmal ist es besser, auf seinen gesunden Menschenverstand zu hören, besonders wenn man sich in einem Land befindet, das einem völlig fremd ist.
Rückblick und Lessons Learned
Äthiopien war eine Erfahrung für sich. Es ist ein Land voller Kontraste, voller Schönheit und voller Herausforderungen. Ich habe mich oft gefragt, warum ich mir das alles antue, warum ich mich immer wieder in schwierige Situationen bewege. Aber dann habe ich gemerkt, dass genau das den Reiz ausmacht. Es ist das Gefühl, etwas Neues zu entdecken, etwas Unerwartetes zu erleben, etwas, das mich verändert.
Empfehlungen für angehende Abenteurer
Wenn ihr vorhabt, nach Äthiopien zu reisen, hier ein paar Tipps:
- Packt leichte Kleidung ein – aber vergesst nicht eine Jacke für die kühleren Höhenlagen.
- Lernt ein paar grundlegende Amharisch-Phrasen – die Einheimischen werden es euch danken.
- Seid offen für neue Erfahrungen – Äthiopien ist ein Land, das euch überraschen wird.
- Vertraut eurem Instinkt – und seid vorsichtig, besonders in belebten Städten.
- Vergesst nicht, den Kaffee zu genießen – er ist wirklich fantastisch.
Ich werde Äthiopien nicht vergessen. Es war eine Reise, die mich gelehrt hat, dass man manchmal einfach loslassen und dem Abenteuer folgen muss – auch wenn es bedeutet, dass man sich ein paar Mal im Schlamm wälzen muss.
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- Simien-Gebirge (atemberaubende Landschaft und anspruchsvolle Wanderwege)
- Addis Abebas Mercato (größter Markt der Stadt, ein Angriff auf die Sinne)
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- Nationales Museum von Äthiopien (historische Artefakte, darunter Überreste von Lucy)
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- Addis Abeba (pulsierende Hauptstadt mit einer reichen Kultur und Geschichte)