Asien - Sri Lanka - Kandy

Zwischen Teeplantagen und innerer Einkehr

Der Geruch von Zimt und Abgas vermischt sich in der feuchten Luft, als ich aus dem klimatisierten Bus steige. Kandy. Sofort ist da diese stickige Hitze, die sich wie ein Schleier über alles legt. Ich habe gerade meinen Yogamatte aus dem Gepäckraum gefischt und versuche, nicht völlig überfordert zu wirken. Eigentlich bin ich ja Profi im Reisen – oder zumindest dachte ich das. Seit fünf Jahren organisiere ich Yoga-Retreats, meistens in Italien oder Portugal. Orte, die mir vertraut sind, wo ich weiß, wo es guten Kaffee gibt und wo ich mich mit Händen und Füßen verständigen kann. Sri Lanka ist anders.

Warum Sri Lanka?

Die Idee kam mir während einer besonders grauen Winterwoche in Berlin. Ich war irgendwie ausgebrannt, die ewige Routine, immer die gleichen Asanas, die gleichen Teilnehmer. Ich brauchte etwas Neues, eine Art Reset. Und dann stolperte ich über ein paar Bilder von den Teeplantagen, den alten Tempeln und den Ayurveda-Zentren. Es klang nach einem Ort, der nicht nur guttut, sondern auch herausfordert. Ich wollte nicht nur Urlaub machen, sondern auch wieder etwas spüren, etwas lernen. Und vielleicht, ganz ehrlich gesagt, auch mal aus meiner Komfortzone ausbrechen.

Ich habe mich also entschieden, hier in Kandy ein kleines, achttägiges Retreat zu veranstalten. Nicht für eine riesige Gruppe, sondern für maximal acht Teilnehmer. Menschen, die wirklich offen sind für neue Erfahrungen, die bereit sind, loszulassen und sich auf das Unbekannte einzulassen. Die Organisation war… sagen wir mal, chaotisch. Visum, Flüge, Unterkunft, Transport, Ayurveda-Behandlungen, Yoga-Studio… alles auf einmal. Und dann noch die kulturellen Unterschiede, die ich kaum kenne. Ich habe viel gelesen, mich informiert, aber das ist natürlich etwas anderes, als wirklich hier zu sein.

Erste Begegnungen

Der Fahrer, den ich online gebucht habe, erwartet mich nicht. Kein Problem, denke ich, das kommt vor. Ich frage am Informationsschalter nach, erkläre mein Problem und nach einer halben Stunde steht er dann doch da. Ein freundlicher Mann mit einem breiten Grinsen und einer Vorliebe für laute Musik. Die Fahrt in die Stadt ist ein Erlebnis für sich. Tuk-Tuks, Busse, Motorräder, Fußgänger – ein einziges Chaos. Und überall diese bunten Tempel, die sich zwischen den Gebäuden verstecken. Ich versuche, die Eindrücke aufzusaugen, aber es ist einfach zu viel.

Mein kleines Gästehaus liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums, in einer ruhigen Seitenstraße. Die Besitzerin, eine ältere Dame namens Mrs. Silva, empfängt mich mit einem freundlichen Lächeln und einem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Sie spricht kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen können wir uns einigermaßen verständigen. Das Zimmer ist einfach, aber sauber und gemütlich. Und das Beste: es gibt einen kleinen Balkon mit Blick auf den Garten. Dort sitze ich jetzt, schreibe diese Zeilen und versuche, zur Ruhe zu kommen.

Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen nervös. Nicht wegen der Organisation des Retreats, sondern wegen mir selbst. Bin ich überhaupt bereit für diese Erfahrung? Kann ich meine Teilnehmer wirklich unterstützen, wenn ich selbst noch so viele Fragen habe? Ich habe das Gefühl, dass ich hier nicht nur Yoga unterrichten werde, sondern auch selbst lernen muss.

Die Stadt erkunden

Am Nachmittag mache ich einen ersten Spaziergang durch die Stadt. Kandy ist ein lebendiger, geschäftiger Ort. Überall sind Menschen unterwegs, die handeln, lachen, reden. Ich schlendere über den Marktplatz, entdecke exotische Früchte, Gewürze und Textilien. Ich besuche den Tempel des Zahnes, ein heiliger Ort für die Buddhisten. Es ist ein beeindruckendes Gebäude, aber auch voller Touristen. Ich versuche, mich auf die spirituelle Atmosphäre zu konzentrieren, aber es ist schwierig.

Ich merke, dass ich mich hier anders fühle als in Europa. Die Menschen sind freundlicher, offener, hilfsbereiter. Aber sie sind auch anders, denken anders, leben anders. Und das ist gut so. Ich möchte nicht, dass Sri Lanka zu einem Spiegelbild meiner eigenen Kultur wird. Ich möchte hier etwas Neues lernen, etwas entdecken, etwas spüren. Ich möchte mich öffnen für die Schönheit und die Herausforderungen dieses Landes.

Ich stehe am Rande des Kandy Sees, beobachte die Schwäne und die Fischerboote, und spüre eine gewisse Ruhe in mir aufsteigen. Die Anspannung der letzten Tage weicht einer vorsichtigen Neugier. Ich bin hier, in Sri Lanka, und bereit für das, was kommt. Die ersten Teilnehmer werden morgen anreisen, und dann wird es ernst. Aber im Moment genieße ich einfach den Moment, die Wärme der Sonne auf meiner Haut und den Duft von Zimt und Abgas in der Luft. Denn ich ahne, dass diese Reise nicht nur eine berufliche Herausforderung sein wird, sondern auch eine persönliche Transformation.Ich atme tief ein und spüre, wie sich die feuchte Luft in meinen Lungen ausbreitet. Morgen kommen die ersten Teilnehmer – acht Frauen, die alle das gleiche Bedürfnis haben wie ich: Ausbrechen, Loslassen, Finden. Ich hoffe so sehr, dass ich ihnen dabei helfen kann. Und dass sie mir helfen, mich selbst ein bisschen besser zu verstehen.

Der Markt und seine Gerüche

Am nächsten Morgen wage ich mich erneut auf den Markt, diesmal mit einem konkreten Ziel: frisches Obst für das Frühstück. Die Farben, die Gerüche, das Geschrei – es ist überwältigend. Ich versuche, mich zu orientieren, aber ich verliere mich sofort in den Gassen. Ein Mann versucht, mir getrocknete Fischhäute zu verkaufen, eine Frau bietet mir exotische Gewürze an, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Ich lächle freundlich und winke ab. Schließlich finde ich einen Stand mit Ananas, Mangos und Papayas. Die Früchte sehen unglaublich lecker aus. Ich zeige auf eine Ananas und versuche, den Preis auszuhandeln. Es ist ein lustiges Spiel, das ich meistens verliere. Aber es geht nicht um das Geld, sondern um die Begegnung, den Austausch. Ich stelle fest, dass ich hier nicht als Tourist, sondern als Mensch wahrgenommen werde.

Die Teeplantagen von Peradeniya

Einen Tag später unternehmen wir einen Ausflug zu den Teeplantagen von Peradeniya. Die Landschaft ist atemberaubend. Grüne Hügel, soweit das Auge reicht, bedeckt mit unzähligen Teebüschen. Wir wandern durch die Plantagen, beobachten die Pflückerinnen, die mit unglaublicher Geschwindigkeit die Teeblätter ernten. Ich versuche, mir vorzustellen, wie hart diese Arbeit sein muss. Die Frauen tragen bunte Saris und lächeln uns freundlich zu. Wir besuchen eine Tee-Fabrik und erfahren, wie der Tee hergestellt wird. Von der Ernte bis zur Verpackung – ein langer und aufwendiger Prozess. Ich kaufe ein paar Packungen Ceylon-Tee und freue mich darauf, ihn zu Hause zu probieren.

Ein Tempelbesuch mit Hindernissen

Ein anderes Mal beschließen wir, einen weniger bekannten Tempel etwas außerhalb der Stadt zu besuchen. Der Tempel liegt auf einem Hügel und ist nur mit dem Tuk-Tuk erreichbar. Wir queren holprige Straßen, vorbei an Reisfeldern und kleinen Dörfern. Der Fahrer ist ein junger Mann mit einem breiten Grinsen und einer Vorliebe für laute Musik. Er fährt wie ein Verrückter, aber wir kommen sicher an. Der Tempel ist wunderschön, aber auch voller Moskitos. Wir werden sofort gestochen, trotz Moskitospray. Ich versuche, mich auf die spirituelle Atmosphäre zu konzentrieren, aber es ist schwierig, wenn ich ständig die Moskitos verscheuchen muss. Außerdem sind wir die einzigen Touristen hier. Die Einheimischen schauen uns neugierig an, aber sie sind freundlich und hilfsbereit. Eine ältere Frau bietet uns frische Blumen an, um sie vor dem Tempel niederzulegen. Ich fühle mich geehrt und dankbar.

Es ist erstaunlich, wie viel ich hier lerne – nicht nur über Sri Lanka, sondern auch über mich selbst. Ich merke, dass ich mich langsam von meinen Erwartungen löse und mich auf das Hier und Jetzt konzentriere. Ich lerne, flexibler zu sein, spontaner zu sein, dem Unbekannten zu vertrauen. Ich lerne, dass Perfektion nicht wichtig ist, sondern Authentizität. Und ich lerne, dass Glück in den kleinen Dingen zu finden ist – in einem freundlichen Lächeln, einer duftenden Blume, einer warmen Umarmung. Die Tage vergehen wie im Flug. Bald heißt es Abschied nehmen. Aber ich weiß, dass ich Sri Lanka nicht vergessen werde. Diese Reise hat mich verändert, berührt, inspiriert. Und ich bin dankbar für jede Erfahrung, jede Begegnung, jede Herausforderung. Mit dem Gefühl, dass ich hier nicht nur ein Retreat geleitet habe, sondern auch eine eigene innere Reise angetreten habe, kehre ich bald nach Hause zurück.

Die letzten Tage sind wie im Flug vergangen. Ich sitze jetzt in einem kleinen Café in Kandy, trinke einen Ceylon-Tee und versuche, all die Eindrücke zu sortieren. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was diese Reise für mich bedeutet hat. Es war mehr als nur ein Job, mehr als nur ein Retreat. Es war eine Art von Selbstfindung, eine innere Einkehr. Ich bin hierher gekommen, um anderen Menschen zu helfen, zur Ruhe zu kommen, sich zu öffnen, neue Energie zu tanken. Aber ich habe mindestens genauso viel von dieser Reise mitgenommen.

Die Herausforderungen

Es war nicht alles einfach. Die Organisation eines Retreats in einem fremden Land ist immer eine Herausforderung. Es gab Missverständnisse, Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede. Manchmal war ich frustriert, manchmal überfordert. Aber ich habe gelernt, flexibel zu sein, mich anzupassen, das Unvorhergesehene zu akzeptieren. Und ich habe gelernt, dass es okay ist, um Hilfe zu bitten. Die Menschen hier in Sri Lanka sind unglaublich hilfsbereit und freundlich. Sie haben mir oft geholfen, wenn ich nicht weiter wusste.

Die Teilnehmer

Die Frauen, die an meinem Retreat teilgenommen haben, waren alle einzigartig und inspirierend. Jede von ihnen hatte ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Herausforderungen, ihre eigenen Träume. Es war wunderbar zu sehen, wie sie sich im Laufe der Tage geöffnet haben, wie sie sich gegenseitig unterstützt haben, wie sie gemeinsam gelacht und geweint haben. Wir haben zusammen Yoga gemacht, meditiert, Ayurveda-Behandlungen genossen, Teeplantagen besucht und lokale Märkte erkundet. Aber wir haben auch einfach nur Zeit miteinander verbracht, uns ausgetauscht, uns kennengelernt.

Was ich gelernt habe

Ich habe gelernt, dass wahres Glück nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von innerer Einstellung. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, im Hier und Jetzt zu leben, die kleinen Dinge zu genießen und dankbar für das zu sein, was man hat. Und ich habe gelernt, dass es okay ist, Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen und weiterzumachen. Ich bin mit einem neuen Gefühl der Klarheit, des Friedens und der Zuversicht nach Hause zurückgekehrt.

Tipps für deine Reise

Wenn du planst, nach Sri Lanka zu reisen, habe ich ein paar Tipps für dich:

  • Sei offen für neue Erfahrungen: Probiere lokale Gerichte, besuche Tempel, lerne die Kultur kennen.
  • Respektiere die lokale Kultur: Bedecke deine Schultern und Knie beim Besuch von Tempeln, sprich leise und sei höflich.
  • Sei flexibel: Plane nicht zu viel, lass Raum für Spontaneität und sei bereit, dich anzupassen.
  • Nimm dir Zeit: Hetze nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern nimm dir Zeit, die Landschaft zu genießen, die Menschen kennenzulernen und dich zu entspannen.

Und vor allem: Sei bereit, dich selbst neu zu entdecken. Sri Lanka ist ein Land, das dich verändern kann. Es ist ein Land, das dich inspirieren kann. Und es ist ein Land, das du nie vergessen wirst.

    • Tempel des Zahnes (Kandy)
    • Teeplantagen von Peradeniya
    • Kandy (Stadt)
👤 Yoga-Lehrerin (32) die Yoga-Retreats und Wellness-Erlebnisse kombiniert ✍️ kritisch und hinterfragend