Farben des Windes
Ein Bild, das mich hierherführte
Ich bin eigentlich Maler, oder zumindest versuche ich, es zu sein. Die letzten Monate waren… schwierig. Kreativ ausgebrannt, würde ich sagen. Alles fühlte sich abgenutzt und leer an, jede Leinwand ein Spiegelbild meiner inneren Leere. Dann stieß ich auf dieses Foto. Ein altes Schwarz-Weiß-Bild, das mein Großvater aus seiner Zeit als Seemann mitgebracht hatte. Es zeigte den Le Morne Brabant, diesen ikonischen Felsen, der aus dem türkisfarbenen Wasser ragt. Im Hintergrund ein paar Fischerboote, und über allem dieser unglaublich dramatische Himmel. Es war, als würde das Bild flüstern. Als würde es mir sagen: „Schau genauer hin. Hier gibt es etwas für dich.“Ich weiß, das klingt vielleicht kitschig, aber es war mehr als nur ein schönes Foto. Es war ein Versprechen. Ein Versprechen von Weite, von Farbe, von einer anderen Art zu sehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich hier, an diesem Ort, wiederfinden könnte, was ich verloren hatte. Nicht unbedingt eine neue Technik oder einen neuen Stil, sondern einfach nur die Freude am Schaffen.
Die Fahrt zum Le Morne
Die Taxifahrt zum Le Morne war ein Fest für die Sinne. Überall blühten bunte Blumen, die Häuser waren in allen möglichen Farben gestrichen, und am Straßenrand saßen Menschen, die Mangoes verkauften oder gerade ihre Wäsche aufhängten. Ich versuchte, alles aufzusaugen, jedes Detail, jede Nuance. Die Art, wie das Licht auf die Zuckerrohrfelder fiel, die Geräusche der Straßenhändler, das Lachen der Kinder. Es war so anders als alles, was ich gewohnt war.Ich hatte mich bewusst für eine kleine, einfache Unterkunft entschieden, weit weg von den großen Hotels und den Touristenströmen. Ein kleines Gästehaus direkt am Strand, geführt von einer Familie, die seit Generationen hier lebte. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet, aber sauber und gemütlich. Und das Wichtigste: Es hatte einen Balkon mit Blick auf das Meer.
Erste Eindrücke
Am Abend saß ich auf diesem Balkon und beobachtete den Sonnenuntergang. Der Himmel färbte sich in den unglaublichsten Farben, von leuchtendem Orange über tiefes Rot bis hin zu sanftem Lila. Der Le Morne Brabant stand im Hintergrund wie eine stumme Wache, ein Mahnmal an die Geschichte und die Schönheit dieser Insel. Es war ein magischer Moment. Ein Moment, in dem ich das Gefühl hatte, endlich angekommen zu sein.Ich spürte, wie sich langsam etwas in mir veränderte. Die Anspannung der letzten Monate begann zu lösen, und eine neue Art von Energie durchströmte mich. Es war, als würde die Insel selbst mir ihre Kraft geben. Ich wusste, dass ich hier noch lange bleiben musste. Dass ich diesen Ort erkunden, seine Menschen kennenlernen und seine Schönheit auf meine Weise festhalten musste. Ich ahnte, dass diese Reise mehr sein würde als nur eine Flucht. Es war der Beginn einer neuen Suche, nach Farbe, nach Licht, nach der verlorenen Freude am Schaffen. Und während ich dort saß und den Sternenhimmel betrachtete, wurde mir klar, dass der Le Morne Brabant nicht nur ein Felsen ist. Er ist ein Versprechen. Ein Versprechen an mich selbst, die Inspiration wiederzufinden, die ich so lange gesucht hatte.
Der Markt von Port Louis
Am nächsten Morgen beschloss ich, Port Louis zu erkunden. Ich hatte gehört, dass der Markt dort ein echtes Erlebnis sein sollte. Und das war er definitiv. Ein Labyrinth aus Gängen, gefüllt mit Ständen, die alles verkauften, was man sich vorstellen konnte – Gewürze, frische Früchte, getrocknete Fische, Kleidung, Souvenirs. Die Luft war erfüllt von einem intensiven Mix aus Gerüchen, die ich nicht immer zuordnen konnte. Es war unglaublich lebhaft, chaotisch und wunderschön.Ich versuchte, mich nicht zu verirren, aber das gelang mir nur bedingt. Ich landete immer wieder an denselben Ständen, wurde von freundlichen Händlern angesprochen und versuchte, mich mit meinem gebrochenen Französisch zu verständigen. Einmal wollte ich Mangoes kaufen und verwechselte versehentlich den Preis mit der Stückzahl. Ich bot dem Händler einen Euro pro Mango an, anstatt für ein Kilo. Er lachte herzlich und korrigierte mich. Ich errötete, aber es war ein lustiger Moment. Ich kaufte dann ein Kilo dieser köstlichen Früchte und aß sie direkt am Straßenrand.
Die Farben von Chamarel
Ein paar Tage später mietete ich einen Jeep und fuhr nach Chamarel, einem kleinen Dorf im Landesinneren. Ich hatte Bilder von den "Seven Coloured Earth" gesehen und war gespannt darauf, diesen ungewöhnlichen Ort mit eigenen Augen zu sehen. Es war noch beeindruckender als auf den Fotos. Hügel aus vulkanischem Gestein in den unterschiedlichsten Farben – rot, braun, violett, gelb. Es sah aus, als hätte ein Künstler mit Erde und Pigmenten gemalt.Ich verbrachte Stunden damit, durch die Landschaft zu wandern, die Farben zu fotografieren und die Stille zu genießen. Es war ein Ort der Ruhe und der Schönheit, fernab vom Trubel der Küste. Neben den Seven Coloured Earth besuchte ich auch den Chamarel Waterfall, einen beeindruckenden Wasserfall, der in einen dichten Dschungel stürzt. Die Kombination aus dem grünen Dschungel, dem weißen Wasser und dem blauen Himmel war atemberaubend.
Eine Begegnung in Le Pretre
Weniger touristisch und viel authentischer fand ich das Fischerdorf Le Pretre. Es liegt an der Südküste, direkt am Fuße des Le Morne Brabant. Ich fuhr dort hin, um den Sonnenuntergang zu beobachten und die Fischer bei ihrer Arbeit zu sehen.Ich kam mit einem alten Mann ins Gespräch, der seit über 50 Jahren als Fischer arbeitete. Er erzählte mir von seinem Leben, von den Herausforderungen und den Freuden der Fischerei, von den Veränderungen, die die Insel im Laufe der Jahre erlebt hatte. Er sprach langsam und bedächtig, mit einem tiefen Wissen und einer tiefen Verbundenheit zu seinem Land. Er schenkte mir einen frisch gefangenen Fisch und sagte: "Lass ihn dir schmecken, er ist ein Stück von Mauritius."
Ich setzte mich an den Strand, sah dem Sonnenuntergang zu und aß den Fisch. Er schmeckte unglaublich gut, viel besser als alles, was ich in den Restaurants gegessen hatte. Es war ein einfacher, aber unvergesslicher Moment. Ich verstand, dass die wahre Schönheit von Mauritius nicht nur in der Landschaft lag, sondern auch in den Menschen, in ihrer Freundlichkeit, in ihrer Gastfreundschaft und in ihrer Lebensweise. Und während die Sonne langsam im Meer versank, wurde mir klar, dass ich hier nicht nur Inspiration gefunden hatte, sondern auch ein Stück meiner Seele zurückgewonnen hatte, und ich wusste, dass diese Reise bald zu einem Abschluss finden musste, um all die gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten.
Ich saß noch immer oft am Strand, nicht um zu malen, sondern einfach nur um zu sein. Zu beobachten, wie das Licht sich auf dem Wasser brach, wie die Wellen an den schwarzen Lavagesteinen zerbrachen. Es war, als würde die Insel mich langsam leersaugen, aber nicht im negativen Sinne. Eher so, als würde sie all die unnötigen Dinge, all den Lärm in meinem Kopf absorbieren. Ich merkte, wie die Farben intensiver wurden, nicht nur in der Landschaft, sondern auch in meiner Wahrnehmung.
Die Suche nach dem Rot
Ich hatte mich in den letzten Tagen intensiv mit dem Rot beschäftigt. Nicht mit dem leuchtenden, aufdringlichen Rot, sondern mit dem tiefen, erdigen Rot des vulkanischen Gesteins, dem Rot der Hibiskusblüten, dem Rot des Sonnenuntergangs. Ich versuchte, dieses Rot in meinen Skizzen einzufangen, aber es war unmöglich. Es war mehr als nur eine Farbe, es war ein Gefühl, eine Energie. Es war das Leben selbst.
Ein Workshop in Chamarel
Zufällig stieß ich in Chamarel auf einen kleinen Workshop, in dem lokale Künstler traditionelle Batikmuster auf Stoff malten. Ich setzte mich neben einen alten Mann, der seit über 50 Jahren Batik herstellte, und beobachtete ihn bei der Arbeit. Er erklärte mir die Bedeutung der verschiedenen Muster und Farben, und wie sie mit der Geschichte und Kultur der Insel verbunden waren. Er sagte: „Jede Farbe erzählt eine Geschichte. Wenn du genau hinsiehst, kannst du sie lesen.“
Ich versuchte es selbst, aber meine Hände waren zu ungeschickt, meine Linien zu zittrig. Der alte Mann lächelte und sagte: „Es braucht Zeit. Es braucht Geduld. Und es braucht Liebe.“ Ich verbrachte den ganzen Nachmittag damit, Batikmuster zu malen, und obwohl meine Ergebnisse weit von perfekt entfernt waren, fühlte ich mich glücklich und zufrieden.
Die Stille des Le Morne
Ich kehrte oft zum Le Morne Brabant zurück, nicht um ihn zu besteigen, sondern um ihn einfach nur zu betrachten. Er stand da wie ein stummer Zeuge der Geschichte, ein Mahnmal an die Versklavten, die hier einst Zuflucht gesucht hatten. Ich saß am Strand, hörte dem Rauschen des Meeres zu und versuchte, die Stille zu spüren. Es war eine Stille, die tiefer ging als alles, was ich je zuvor erlebt hatte. Es war eine Stille, die mich mit der Seele der Insel verband.
Ein letzter Sonnenuntergang
Am Abend vor meiner Abreise saß ich ein letztes Mal am Strand und beobachtete den Sonnenuntergang. Der Himmel färbte sich in den unglaublichsten Farben, von leuchtendem Orange über tiefes Rot bis hin zu sanftem Lila. Der Le Morne Brabant stand im Hintergrund wie eine Silhouette, ein Schatten seiner selbst. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Ich spürte, wie sich etwas in mir veränderte. Die Anspannung der letzten Monate war verschwunden, und eine neue Art von Energie durchströmte mich. Ich wusste, dass ich diesen Ort nie vergessen würde.
Was ich mitnehme
Ich bin nicht mit einem Koffer voller fertiger Gemälde abgereist. Ich habe auch keine bahnbrechende neue Technik entdeckt. Aber ich habe etwas viel Wertvolleres mitgenommen: Ich habe meine Freude am Schaffen wiedergefunden. Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, perfekt zu sein, sondern darum, den Prozess zu genießen. Und ich habe gelernt, dass die wahre Schönheit nicht im fertigen Produkt liegt, sondern in der Geschichte, die dahinter steckt.
Mauritius hat mir nicht nur neue Farben gezeigt, sondern auch eine neue Perspektive. Ich habe gelernt, dass das Leben ein Geschenk ist, und dass wir es in vollen Zügen genießen sollten. Und ich habe gelernt, dass die Inspiration überall sein kann, wenn wir nur bereit sind, sie zu finden.
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- Le Morne Brabant (der Felsen, der die gesamte Reise geprägt hat)
- Chamarel (Seven Coloured Earth und Wasserfall)
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- Der Strand am Le Morne (ruhige Atmosphäre, ideal zum Beobachten der Natur)
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- Batik-Workshop in Chamarel (authentische Kunstform, Einblick in die Kultur)
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- Chamarel (kleines Dorf mit besonderer Landschaft)