Reisebericht Europa - Norwegen - Geirangerfjord
Die grandiose Idee und ihr Preis
Es fing alles mit einem Schnäppchen an. Flugtickets, die so günstig waren, dass man fast vermuten konnte, die Airline verlöre absichtlich Passagiere. "Das ist ein Zeichen!", rief mein Mann. Ich dachte eher: "Das ist eine Rechnung, die wir irgendwann bezahlen werden." Und ich hatte Recht. Die "günstigen" Flüge bedeuteten, wir mussten in einer Ferienwohnung außerhalb von Ålesund wohnen, die aussah, als hätte sie in den 70ern ihre Blütezeit gehabt – inklusive passender Einrichtung. Orange war scheinbar die Farbe der Hoffnung damals. Die Kinder waren begeistert. Ich weniger.Anreise und erste Quartiere
Die Fahrt vom Flughafen zur Ferienwohnung war… landschaftlich reizvoll. Wenn man "landschaftlich reizvoll" mit "schwindelerregend" und "potenziell tödlich" übersetzt. Mein Mann, der sich selbst als "talentierten Autofahrer" bezeichnet, navigierte uns gekonnt über Straßen, die breiter als die Spur einer Katze waren. Ich saß hinten und zählte innerlich die Schafe. Es waren viele. Sehr viele. Ich verlor den Überblick. Die Ferienwohnung selbst war… rustikal. Sagen wir mal so. Es roch nach altem Holz und dem Geist vergangener Urlauber. Die Küche war ausgestattet mit allem, was man brauchte, um eine Mahlzeit zu zaubern – vorausgesetzt, man hatte einen Doktortitel in Archäologie, um die Bedienungsanleitungen zu entschlüsseln. Der Fernseher zeigte ausschließlich norwegische Nachrichtensendungen. Die Kinder waren wenig begeistert. Ich auch nicht. Aber hey, wir waren in Norwegen! Wir sollten die Natur genießen!Die Logistik des Chaos
Die nächste Herausforderung: die Organisation des Camping-Equipments. Wir hatten beschlossen, den Geirangerfjord nicht nur von der Straße aus zu bewundern, sondern auch ein paar Nächte mit Zelt und Schlafsack direkt am Fjord zu verbringen. Klingt romantisch, oder? In der Realität bedeutete das, dass wir versuchten, ein überdimensionales Puzzle aus Campingkochern, Zelten und Isomatten in den Kofferraum unseres Kleinwagens zu quetschen. Mein Mann schwitzte, die Kinder jammerten, und ich versuchte, nicht in hysterisches Lachen auszubrechen.Die Suche nach dem Supermarkt
Der nächste logistische Albtraum: der Supermarkt. Wir brauchten Proviant für die kommenden Tage. Und zwar Proviant, der nicht nur aus Schokolade und Limonade bestand. Die Kinder waren der Meinung, dass das ausreichend sei. Ich bestand darauf, dass wir auch mal ein bisschen Gemüse zu uns nehmen sollten. Das Ergebnis war ein Kompromiss, der hauptsächlich aus Fertiggerichten und halben Litern Joghurt bestand. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mir noch einen Kredit aufnehmen, um die Rechnung zu bezahlen. Norwegen ist teuer. Sehr teuer. Wir hatten es geschafft, alles unterzubringen. Mehr oder weniger. Der Kleinwagen sah aus, als hätte er einen Marathon hinter sich. Aber wir waren bereit. Bereit, den Geirangerfjord zu erobern. Zumindest, solange die Kinder nicht ineinander übergingen und mein Mann nicht beschloss, er sei Jacques Cousteau. Wir hatten uns vorgenommen, uns nicht unterkriegen zu lassen. Egal was kam. Und glaubt mir, es kam einiges. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt hieß es erst einmal: Aufbruch zum Fjord. Und hoffentlich würde das Wetter mitspielen.Aufbruch zum Fjord – und die erste Panikattacke
Der Aufbruch zum Geirangerfjord gestaltete sich…interessant. Mein Mann, der stolze Besitzer einer detaillierten Fjord-Karte (die er online für schlappe 20 Euro erworben hatte), erklärte sich zum Navigator. Ich saß mit den Kindern im Fond und versuchte, das Chaos zu bändigen. Die ersten Kilometer verliefen relativ harmlos. Dann kam die erste Fähre. Eine winzige, klapprige Fähre, die aussah, als hätte sie seit den 70ern keinen neuen Anstrich mehr bekommen. Mein Mann bestand darauf, dass wir mit dem Auto an Bord fahren müssten. Ich protestierte. Vergeblich.Die Kunst des Einparkens auf norwegisch
Das Einparken auf der Fähre war eine Herausforderung für die gesamte Mannschaft. Der Platz war eng, die anderen Autofahrer ungeduldig, und mein Mann, der sich selbst als "Meister des Einparkens" bezeichnete, brauchte gefühlt fünf Anläufe, um das Auto halbwegs gerade zu positionieren. Die Kinder kreischten, ich versuchte, meinen Blutdruck im Griff zu behalten, und ein älterer Norweger winkte angewidert mit dem Kopf. Irgendwie hatten wir es dann doch geschafft. Wir waren auf der Fähre. Und ich hatte eine Panikattacke.Geiranger – Postkartenidylle und Touristenmassen
Geiranger selbst war…überwältigend. Im positiven Sinne. Der Fjord war atemberaubend schön, die Wasserfälle tosten in die Tiefe, und die Berge ragten majestätisch in den Himmel. Aber dann kamen die Touristen. Horden von Touristen. Mit Selfiesticks, Rucksäcken und einer unstillbaren Neugier. Die kleine Stadt war überfüllt, die Restaurants rappelten vor Menschen, und die Parkplätze waren ein Albtraum. Ich fühlte mich wie in einem Ameisenhaufen.Der Kampf um den besten Fotopunkt
Wir versuchten, uns einen Platz zu erkämpfen, um ein paar Fotos zu machen. Es war ein Kampf. Ein Kampf gegen Selfiesticks, Kinderwagen und ältere Damen mit riesigen Sonnenhüten. Irgendwann gab ich auf und fotografierte einfach die Rücken der anderen Touristen. Es war ehrlich gesagt interessanter. Wir fanden dann doch noch einen kleinen, versteckten Aussichtspunkt, von dem aus wir den Fjord in aller Ruhe bewundern konnten. Die Kinder waren erleichtert. Ich auch.Camping am Fjord – oder: Wie man ein Zelt im Sturm aufbaut
Der Campingplatz, den wir gefunden hatten, war…rustikal. Sagen wir mal so. Es war ein großes Feld mit ein paar Bäumen und einer windigen Aussicht auf den Fjord. Und es regnete. Es goss sogar. Mein Mann erklärte sich zum Zeltaufbau-Experten und begann mit der Arbeit. Ich versuchte, die Kinder bei Laune zu halten und gleichzeitig zu verhindern, dass sie in den Schlamm fielen. Der Zeltaufbau dauerte gefühlt eine Ewigkeit. Der Wind riss und zerrte an dem Zelt, die Stangen verbogen sich, und mein Mann fluchte in fünf Sprachen. Irgendwann stand das Zelt dann doch. Wackelig, aber stehend. Wir quetschten uns hinein, und ich stellte fest, dass ich meine Schlafmaske vergessen hatte. Der nächste Morgen versprach, "interessant" zu werden. Aber egal. Wir waren am Geirangerfjord. Und das war alles, was zählte, oder? Nun, zumindest für den Moment. Und während wir uns in unsere Schlafsäcke kuschelten, dachte ich, dass dieser Urlaub vielleicht doch noch zu einer guten Geschichte werden könnte – selbst wenn ich dafür meinen letzten Nerv opfern musste.Der Morgen begann, wie so viele andere auf diesem Trip: mit Regen. Nicht so einem leichten Nieselregen, nein, mit einem richtigem Guss. Ich lag im Zelt und fragte mich, ob ich nicht einfach in den Schlafsack zurückkriechen und so tun könnte, als sei ich noch nicht aufgewacht. Aber dann schrien die Kinder. Natürlich. Sie hatten beschlossen, dass es Zeit für ein Frühstück im Freien war. Im strömenden Regen. Mein Mann, der unerschütterliche Optimist, strahlte und meinte, das sei doch eine tolle Gelegenheit, die Natur zu erleben. Ich nickte stumm und begann, Cornflakes mit kaltem Wasser anzurühren. Ein kulinarisches Meisterwerk.
Die Realität des Familien-Campings
Das Frühstück verlief… chaotisch. Die Cornflakes flogen, die Kinder stritten sich um die letzten Joghurtbecher, und mein Mann versuchte, ein halbwegs funktionierendes Lagerfeuer zu entfachen. Ich saß daneben und trank meinen Kaffee, während ich innerlich flehte, dass das Zelt den Sturm übersteht. Irgendwann hatten wir dann doch noch etwas in den Magen bekommen. Und ich hatte den ersten grauen Haaransatz entdeckt.
Abschied vom Fjord – und vom letzten Nerv
Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen zusammen. Es war ein Kampf gegen Wind, Regen und müde Kinder. Irgendwann hatten wir dann doch alles ins Auto gequetscht und machten uns auf den Weg zurück zur Zivilisation. Der Abschied vom Geirangerfjord fiel uns schwer. Nicht, weil er so wunderschön war (das war er zweifellos), sondern weil wir einfach nur froh waren, dass wir überlebt hatten.
Was wir gelernt haben (oder auch nicht)
Dieser Urlaub war anstrengend. Sehr anstrengend. Aber er war auch lehrreich. Wir haben gelernt, dass Familien-Camping nicht immer so idyllisch ist, wie es auf den Prospekten dargestellt wird. Wir haben gelernt, dass Regenjacken und Gummistiefel unverzichtbare Ausrüstungsgegenstände sind. Und wir haben gelernt, dass ein bisschen Humor die einzige Möglichkeit ist, die Nerven zu bewahren.
Fazit: Lohnt sich Norwegen?
Trotz allem würde ich sagen: Ja, Norwegen lohnt sich. Die Landschaft ist atemberaubend, die Luft ist sauber, und die Menschen sind freundlich. Aber man sollte sich bewusst sein, dass es nicht gerade ein günstiges Reiseziel ist. Und man sollte sich auf alles vorbereiten – auch auf Regen. Und auf müde Kinder. Und auf einen erschöpften Ehemann.
Würde ich es noch einmal machen? Wahrscheinlich. Aber vielleicht in ein paar Jahren. Und mit einem größeren Budget. Und mit einem besseren Regenschirm. Und mit einem Babysitter.