Ein Herz voller Fels und Staub
Der lange Weg nach Lalibela
Es war nicht die klassische Urlaubsplanung. Ich bin ja eher der Typ für spontane Unternehmungen, für das Mountainbike, das in den Kofferraum geworfen wird, und die Entscheidung, wo es hingeht, fällt erst während der Fahrt. Aber Äthiopien, Lalibela, das stand schon lange auf meiner Liste. Ich hatte vor Jahren ein Dokumentarische über die Felsenkirchen gesehen, und seitdem hatte ich dieses Bild vor Augen – diese gigantischen, in den roten Fels gehauenen Kirchen, ein stilles Zeugnis einer tiefen Spiritualität. Es fühlte sich an, als müsse ich diesen Ort mit eigenen Augen sehen. Die Weiterreise nach Lalibela war allerdings nicht ganz so einfach. Ein kleiner Propellerflieger, der aussah, als hätte er schon bessere Tage gesehen, sollte mich und ein paar andere Reisende in die Berge bringen. Während des Fluges bot sich ein atemberaubender Blick auf die Landschaft: sanfte Hügel, tiefe Täler, kleine Dörfer, die wie Spielzeug aussahen. Das Land schien endlos, unberührt, wild. Ich fühlte mich winzig klein und gleichzeitig unglaublich frei.Erste Eindrücke von Lalibela
Lalibela selbst ist ein kleines, beschauliches Städtchen, eingebettet in eine bergige Landschaft. Die Luft ist dünn und klar, die Sonne scheint intensiv. Überall sind Menschen unterwegs, viele von ihnen Pilger, die zu den berühmten Kirchen gekommen sind. Es herrscht eine besondere Atmosphäre, eine Mischung aus Andacht, Lebensfreude und Gelassenheit.
Ich hatte mir ein kleines Gästehaus gemietet, einfach, aber sauber und freundlich. Der Besitzer, ein älterer Mann namens Teshome, empfing mich mit einem warmen Lächeln und einer Tasse starker, aromatischer Kaffee. Wir unterhielten uns ein bisschen, er erzählte mir von Lalibela, von seiner Geschichte, von seinen Traditionen. Er erklärte mir, dass die Kirchen im 12. Jahrhundert vom König Lalibela erbaut wurden, um ein neues Jerusalem zu schaffen. Ein unglaublich ambitioniertes Projekt, das bis heute andauert.
Der Duft von Weihrauch und die Stille der Steine
Am nächsten Morgen war ich früh aufgestanden, um die Kirchen zu besichtigen. Ich hatte mir einen lokalen Führer engagiert, einen jungen Mann namens Samuel, der sich bestens auskannte und mir alles erklären konnte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich zum ersten Mal vor den Kirchen stand. Sie waren riesig, imposant, in den roten Fels gehauen, wie aus einem einzigen Stück Stein entstanden.
Der Duft von Weihrauch lag in der Luft, vermischt mit dem Geruch von Erde und Stein. Es war still, nur das leise Murmeln der Pilger und das Zwitschern der Vögel waren zu hören. Ich wanderte von Kirche zu Kirche, bestaunte die kunstvollen Fassaden, die filigranen Fenster, die beeindruckenden Innenräume. Jede Kirche war einzigartig, jede hatte ihre eigene Geschichte, ihre eigene Seele.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie diese Kirchen entstanden sein müssen, wie die Arbeiter tagelang mit Meißel und Hammer am Fels gearbeitet haben, ohne moderne Maschinen oder Werkzeuge. Es war eine unglaubliche Leistung, ein Meisterwerk menschlicher Handwerkskunst und Hingabe. Es war mehr als nur Architektur, es war eine Manifestation des Glaubens, eine Verbindung zur spirituellen Welt. Und während ich dort stand, inmitten dieser uralten Steine, fühlte ich mich verbunden, nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit etwas Größerem, etwas Unbegreiflichem. Die Reise nach Lalibela hatte gerade erst begonnen, und ich spürte bereits, dass sie mich tiefgreifend verändern würde.Das Leben in den Gassen von Lalibela
Die Kirchen waren atemberaubend, keine Frage. Aber das wahre Lalibela, das entdeckte man nicht auf den ersten Blick. Es versteckte sich in den verwinkelten Gassen, zwischen den bescheidenen Lehmhäusern, in den kleinen Werkstätten und auf den belebten Märkten. Ich verbrachte Stunden damit, einfach nur durch die Stadt zu schlendern, die Menschen zu beobachten, den Geräuschen und Gerüchen der Stadt aufzusaugen.
Ich entdeckte einen kleinen Handwerker, der mit unglaublicher Präzision Holzkreuze schnitzte. Sein Gesicht war von den Jahren gezeichnet, aber seine Augen leuchteten, als er mir seine Arbeit zeigte. Er sprach kaum Englisch, aber wir verstanden uns trotzdem, durch Gesten und Lächeln. Ich kaufte ein kleines Kreuz von ihm, ein Andenken an dieses besondere Treffen.
Der bunte Markt und der missglückte Kaffee
Der Markt war ein einziges Farbenspiel. Überall türmten sich Gewürze, Obst, Gemüse, Textilien und andere Waren. Die Händler priesen ihre Produkte lautstark an, die Pilger handelten feilschten um den besten Preis. Es war ein lebendiges, chaotisches Spektakel. Ich probierte verschiedene Früchte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und kaufte ein paar bunte Tücher als Geschenk für meine Familie.
Ich wollte unbedingt den traditionellen äthiopischen Kaffee probieren, den sogenannten "Bunna". Ich fand ein kleines Café, in dem gerade eine Kaffeeparty stattfand. Die Kaffeebohnen wurden frisch geröstet und gemahlen, und der Kaffee wurde in kleinen Tassen serviert. Leider war der Kaffee viel zu stark für mich, bitter und fast ungenießbar. Ich versuchte, meine Miene zu verbergen, aber der Gastgeber bemerkte sofort, dass ich nicht begeistert war. Er lachte und sagte: "Für Anfänger ist der Kaffee zu stark. Aber du wirst dich daran gewöhnen!"
Die Stille des Klosters und der Ausblick
Ein wenig außerhalb von Lalibela befindet sich ein altes Kloster, das in den Fels gebaut wurde. Der Weg dorthin führte steil bergauf, aber der Ausblick war die Mühe wert. Von oben hatte man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und die umliegende Landschaft. Im Kloster selbst herrschte eine tiefe Stille, nur das leise Summen der Mönche war zu hören.
Ich saß eine Weile dort, betrachtete die Landschaft und versuchte, die Atmosphäre dieses besonderen Ortes aufzusaugen. Es war ein Moment der Ruhe und Besinnung, ein Moment, in dem ich mich mit mir selbst und mit der Welt um mich herum verbunden fühlte. Ich hatte das Gefühl, einen Hauch der Spiritualität und des Friedens, die diesen Ort durchdringen, aufnehmen zu können.
Die Tage in Lalibela vergingen wie im Flug. Ich hatte das Gefühl, in einer anderen Zeit zu leben, weit weg vom Stress und der Hektik des modernen Lebens. Es war eine Reise, die mich tief berührt und verändert hatte. Und während ich mich auf den Heimweg vorbereitete, wusste ich, dass ein Teil meines Herzens für immer in diesem magischen Land zurückbleiben würde.
Die letzten Tage in Lalibela waren geprägt von einem stillen Abschied. Ich saß oft auf dem Dach meines kleinen Gästehauses, trank starken Kaffee und blickte auf die Stadt hinab. Die roten Dächer, die sich an den Berghängen erstreckten, wirkten in der Abendsonne fast unwirklich. Es war, als würde die Zeit hier langsamer vergehen, als gäbe es keinen Raum für Hektik und Stress.
Letzte Wanderungen und Begegnungen
Ich unternahm noch ein paar Wanderungen in der Umgebung, abseits der touristischen Pfade. Ich entdeckte kleine Dörfer, in denen das Leben noch im Einklang mit der Natur stand. Die Menschen waren unglaublich freundlich und gastfreundlich, trotz ihrer bescheidenen Lebensumstände. Ich wurde oft zu Tee und Brot eingeladen, und wir tauschten uns mit Händen und Füßen aus, denn meine Amharisch-Kenntnisse beschränkten sich auf ein paar Brocken.
Einmal traf ich einen alten Hirten, der seine Ziegen auf einem kargen Hügel weidete. Er erzählte mir von den alten Traditionen seines Volkes, von den Göttern und Geistern, die die Landschaft bewohnen. Er zeigte mir einen alten Felsvorsprung, an dem er als Kind gespielt hatte, und erzählte mir Geschichten von seinen Eltern und Großeltern. Es war ein Moment der Verbundenheit, ein Moment, in dem ich das Gefühl hatte, einen Einblick in das Herz Äthiopiens zu erhalten.
Der Abschied und die Erkenntnis
Als ich mich schließlich auf den Heimweg machte, fühlte ich eine tiefe Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit. Ich hatte einen Ort entdeckt, der mich tief berührt und verändert hatte. Lalibela war mehr als nur eine Ansammlung von Felskirchen; es war ein Ort der Spiritualität, der Geschichte und der menschlichen Wärme.
Was Lalibela so besonders macht
Die Felskirchen sind natürlich atemberaubend. Aber es ist die Kombination aus Architektur, Landschaft und der Lebensweise der Menschen, die Lalibela so einzigartig macht. Es ist ein Ort, an dem man die Zeit vergessen und sich mit dem Wesentlichen verbinden kann. Es ist ein Ort, der einen daran erinnert, dass Glück nicht von materiellen Gütern abhängt, sondern von den einfachen Dingen des Lebens: der Schönheit der Natur, der Wärme der menschlichen Beziehungen und der inneren Ruhe.
Ein paar Tipps für deine Reise
- Plane genügend Zeit ein: Lalibela ist kein Ort, den man in wenigen Tagen abhaken kann. Nimm dir Zeit, um die Stadt zu erkunden, die Menschen kennenzulernen und die Atmosphäre auf dich wirken zu lassen.
- Sei offen und respektvoll: Äthiopien ist ein Land mit einer reichen Kultur und Traditionen. Sei offen für neue Erfahrungen und respektiere die Lebensweise der Menschen.
- Probiere den lokalen Kaffee: Der äthiopische Kaffee ist weltberühmt. Nimm dir Zeit für eine traditionelle Kaffeeparty und genieße den einzigartigen Geschmack.
Ich hoffe, dass auch du die Magie von Lalibela erleben wirst. Es ist ein Ort, der dich für immer verändern wird. Ich weiß, dass ich eines Tages zurückkehren werde, um die roten Felsen und die warmherzigen Menschen wiederzusehen.
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- Die Felskirchen von Lalibela
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- Lokale Handwerkskunst (Holzschnitzereien, Webarbeiten)
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- Die Gassen und Dörfer rund um Lalibela