Europa - Spanien - Sevilla

Andalusische Melodien und der Duft des Sherry

Der Geruch von Orangenblüten hing schwer in der schwülen Luft, vermischt mit dem salzigen Hauch des Guadalquivir. Ich stand am Flughafen Sevilla, der Koffer mit den wenigen Kleidungsstücken, die ich brauchte, bereits auf dem Band verschwunden, und atmete tief ein. Es war anders, als ich erwartet hatte – nicht die trockene Hitze, die ich von den Rioja-Regionen gewohnt war, sondern eine feuchte Wärme, die sich sofort auf der Haut absetzte.

Ein alter Traum wird wahr

Schon lange hatte ich von Andalusien geträumt, nicht nur wegen der Geschichte und der Kultur, sondern vor allem wegen der Sherry-Region. Ich, der ich mein Leben lang Weinbaugebiete erkundet und Weine verkostet habe, hatte irgendwie den Bogen um dieses einzigartige Getränk gemacht. Schuld war wahrscheinlich die lange Zeit herrschende Meinung, Sherry sei ein Getränk für die ältere Generation, ein süßer, staubiger Tropfen, der auf Omas Geburtstagstisch stand. Aber das war ein Irrtum, wie ich in den letzten Jahren gelernt hatte. Ein Besuch bei einigen Winzern und Verkostungen auf Fachmessen hatten mir die Augen geöffnet – Sherry ist komplex, vielschichtig und unglaublich spannend.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur die berühmten Bodegas zu besuchen, sondern auch die kleineren, familiengeführten Betriebe, die oft noch nach traditionellen Methoden arbeiten. Und natürlich wollte ich die andalusische Küche kennenlernen, die perfekt zu den lokalen Weinen passt. Tapas, Jamón Ibérico, Gazpacho – schon beim Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Die erste Orientierung

Das Taxi brachte mich in die Altstadt, ins Barrio Santa Cruz, das ehemalige jüdische Viertel. Die engen Gassen waren ein Labyrinth aus weißen Häusern, dekoriert mit bunten Blumentöpfen und Gittern. Überall hörte man Gitarrenmusik und das lebhafte Geplapper der Menschen. Es war, als wäre ich in eine andere Zeit eingetaucht.

Mein kleines Hotel, eine umgebaute Patrizierwohnung, lag versteckt hinter einer unscheinbaren Tür. Der Innenhof war ein grüner Garten mit einem kleinen Brunnen, der beruhigend plätscherte. Ich checkte ein und ließ mein Gepäck fallen, bevor ich mich auf den Weg machte, die Umgebung zu erkunden.

Die Plaza de España, ein architektonisches Meisterwerk, beeindruckte mich sofort. Die bunten Kacheln, die die Plaza schmücken, stellen die verschiedenen spanischen Provinzen dar. Ich saß mich auf eine Bank und beobachtete das bunte Treiben, die Touristen, die Fotos machten, die Einheimischen, die Schach spielten. Es war ein perfekter Ort, um das andalusische Lebensgefühl aufzusaugen.

Am Abend suchte ich mir eine kleine Tapas-Bar in einer der Seitenstraßen. Ich bestellte eine Auswahl an Tapas – Gambas al ajillo, Patatas Bravas, Jamón Ibérico – und ein Glas Fino Sherry. Der Fino war trocken, frisch und hatte einen leicht hefigen Geschmack. Er passte perfekt zu den Tapas und zum warmen Abend.

Ein erster Eindruck vom Sherry

Ich kam mit dem Wirt ins Gespräch, einem älteren Mann mit freundlichen Augen und einem verschmitzten Lächeln. Er erzählte mir von der Geschichte des Sherry, von den verschiedenen Rebsorten und den traditionellen Herstellungsmethoden. Er erklärte mir auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sherry-Typen – Fino, Manzanilla, Amontillado, Oloroso.

Es wurde schnell klar, dass Sherry nicht einfach nur Sherry ist. Jeder Typ hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Persönlichkeit. Der Fino ist leicht und frisch, der Manzanilla salzig und mineralisch, der Amontillado nussig und komplex, der Oloroso reichhaltig und vollmundig.

Nach einigen Gläsern Sherry und vielen interessanten Gesprächen machte ich mich auf den Weg zurück zum Hotel. Ich war müde, aber glücklich. Sevilla hatte mich sofort in ihren Bann gezogen. Die Stadt war voller Leben, voller Geschichte, voller Kultur – und voller köstlichem Sherry.

Die kommenden Tage versprach ich mir, tiefer in die Welt des Sherry einzutauchen, die Bodegas zu erkunden und die Menschen kennenzulernen, die diesen einzigartigen Wein herstellen. Aber ich war auch gespannt darauf, die anderen Facetten Andalusiens zu entdecken – die maurische Architektur, die Flamenco-Tänze, die wunderschönen Landschaften. Denn die Sherry-Region war ja nur der Anfang meiner Reise.

Triana – Mehr als nur Keramik

Am nächsten Morgen beschloss ich, das Viertel Triana zu erkunden. Triana liegt auf der anderen Seite des Guadalquivir und hat einen ganz eigenen Charakter. Lange galt es als Arbeiterbezirk, heute ist es ein lebendiges Künstlerviertel mit vielen Keramikwerkstätten, Tapas-Bars und kleinen Geschäften. Ich hatte gelesen, dass hier die besten Keramiken Sevillas hergestellt werden und wollte mir das mal genauer ansehen.

Ich schlenderte durch die engen Gassen, vorbei an den Werkstätten, in denen die Töpfer an ihren Drehscheiben saßen und kunstvolle Keramiken formten. Die bunten Kacheln, die die Fassaden zierten, waren ein Augenschmaus. Ich besuchte eine kleine Werkstatt, in der eine Familie seit Generationen Keramik herstellt. Der alte Mann, der mir die Werkstatt zeigte, erklärte mir die traditionellen Techniken und Motive. Die Keramiken waren nicht nur schön, sondern auch Ausdruck der andalusischen Kultur und Lebensart.

Natürlich durfte auch ein Besuch auf dem Mercado de Triana nicht fehlen. Der Markt ist ein Paradies für Feinschmecker. Überall gab es frisches Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und natürlich Sherry. Ich probierte mich durch die verschiedenen Tapas und Sherry-Sorten und kam mit einigen lokalen Spezialitäten für mein Hotelzimmer wieder. Allerdings passierte mir beim Bezahlen eine kleine Panne. Ich hatte vergessen, dass in Spanien auf dem Markt oft bar bezahlt wird und hatte nur meine Kreditkarte dabei. Zum Glück konnte der freundliche Händler mir helfen und akzeptierte eine Zahlung per Handy. Es war eine kleine Anekdote, die mir zeigte, wie hilfsbereit die Menschen in Sevilla sind.

Sherry-Bodegas – Ein Blick hinter die Kulissen

Am Nachmittag stand der Besuch einer Sherry-Bodega auf dem Programm. Ich hatte mich für eine relativ kleine, familiengeführte Bodega entschieden, die etwas außerhalb von Sevilla liegt. Der Winzer, ein sympathischer Mann namens Ricardo, empfing mich persönlich und führte mich durch die Bodega. Er erklärte mir den gesamten Herstellungsprozess, von der Reberziehung über die Gärung bis zum Ausbau in den Eichenfässern. Besonders fasziniert war ich vom Solera-System, einer traditionellen Methode, bei der die verschiedenen Jahrgänge miteinander vermischt werden, um einen komplexen und harmonischen Sherry zu erzeugen.

Nach der Führung durfte ich natürlich auch den Sherry probieren. Ricardo erklärte mir die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sherry-Typen und wie sie am besten getrunken werden. Ich kostete einen trockenen Fino, einen salzigen Manzanilla, einen nussigen Amontillado und einen reichen Oloroso. Jeder Sherry hatte seinen eigenen Charakter und seine eigene Geschichte. Ich lernte, dass Sherry nicht nur ein Getränk, sondern ein Lebensgefühl ist.

Santa Cruz – Verloren im Labyrinth

Am Abend kehrte ich ins Barrio Santa Cruz zurück und ließ mich einfach treiben. Ich verlor mich in den engen Gassen, entdeckte versteckte Innenhöfe mit duftenden Orangenbäumen und lauschte den Klängen der Gitarrenmusik. Ich setzte mich in eine kleine Bar und bestellte ein Glas Sherry und einige Tapas. Es war ein perfekter Abend, um das andalusische Lebensgefühl zu genießen.

Ich bemerkte, dass Santa Cruz nicht nur ein wunderschönes Viertel ist, sondern auch voller Geschichte steckt. Die engen Gassen sind Überreste der alten jüdischen Stadt und erinnern an die Zeit, als Juden, Muslime und Christen friedlich miteinander lebten. Es ist ein Ort, der zum Nachdenken anregt und die eigene Vorstellung von Europa erweitert.

Die kommenden Tage versprachen, noch tiefer in die Geheimnisse Andalusiens einzutauchen und all die Facetten dieser einzigartigen Region zu erkunden, bevor ich mich auf den Weg zurück machen würde.

Die letzten Tage in Sevilla sind wie im Flug vergangen. Ich sitze jetzt in einem kleinen Café im Viertel Alameda de Hércules, nippe an einem Cortado und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Die Hitze des Tages hat sich etwas gelegt, und ein leichter Wind weht durch die Platanen. Ich denke über das nach, was ich erlebt habe, und bin voller Dankbarkeit für diese Reise.

Ein Fazit in vielen Schattierungen

Sevilla ist mehr als nur eine Stadt – es ist ein Lebensgefühl. Eine Mischung aus Geschichte, Kultur, Kunst und natürlich Gastronomie. Die maurische Architektur, die verwinkelten Gassen, die lebhaften Plätze – all das hat mich fasziniert. Aber was mich am meisten beeindruckt hat, sind die Menschen. Ihre Herzlichkeit, ihre Gastfreundschaft und ihre Lebensfreude sind ansteckend.

Und dann ist da noch der Sherry. Ich bin als jemand hierhergekommen, der zwar viel über Wein weiß, aber den Sherry unterschätzt hat. Ich verlasse Sevilla als jemand, der ihn versteht, schätzt und liebt. Die Vielfalt der Sherry-Typen, die traditionellen Herstellungsmethoden und die Leidenschaft der Winzer haben mich tief beeindruckt. Ich habe gelernt, dass Sherry nicht nur ein Getränk ist, sondern ein Spiegelbild der andalusischen Kultur und Geschichte.

Ein paar persönliche Empfehlungen

Wenn du jemals nach Sevilla reist, möchte ich dir ein paar Dinge ans Herz legen. Erstens: Verlore dich in den Gassen des Barrio Santa Cruz. Lass dich treiben, entdecke versteckte Innenhöfe und genieße die Atmosphäre. Zweitens: Besuche eine Sherry-Bodega und lerne mehr über dieses einzigartige Getränk. Und drittens: Probiere die Tapas! Sevilla ist ein Paradies für Feinschmecker, und es gibt unzählige kleine Bars, in denen du köstliche Tapas und Sherry genießen kannst.

Mehr als nur Sehenswürdigkeiten

Abseits der klassischen Touristenattraktionen empfehle ich dir, das Viertel Triana zu erkunden. Hier findest du viele kleine Keramikwerkstätten, Kunstgalerien und Tapas-Bars. Es ist ein lebendiges Viertel mit einem ganz eigenen Charme. Auch ein Besuch auf dem Mercado de Triana ist ein Muss. Hier kannst du frisches Obst, Gemüse, Fisch und natürlich Sherry kaufen. Es ist ein lebhafter Markt, auf dem du das andalusische Lebensgefühl hautnah erleben kannst.

Ich habe auch einige Flamenco-Vorstellungen besucht, die mich tief beeindruckt haben. Die Leidenschaft, die Energie und die Ausdruckskraft der Tänzer und Musiker sind unglaublich. Es ist ein einzigartiges Kulturerlebnis, das du nicht verpassen solltest.

Ein letzter Blick zurück

Ich sitze hier und nippe an meinem Cortado, und ich weiß, dass ich Sevilla nie vergessen werde. Es ist eine Stadt, die mich tief berührt hat und die ich immer wieder gerne besuchen werde. Ich nehme nicht nur viele schöne Erinnerungen mit, sondern auch eine neue Wertschätzung für den Sherry und die andalusische Kultur. Und ich weiß, dass ich noch viel zu entdecken habe. Denn Andalusien ist eine Region voller Überraschungen und Geheimnisse.

    • Barrio Santa Cruz
    • Flamenco-Vorstellung
    • Triana
👤 Weinliebhaber (50) der Weinregionen erkundet und Weinproben unternimmt ✍️ fachkundig und expertenwissen