Sizilianische Melancholie: Ein digitaler Nomade in Catania
Ein Neustart in Sicht
Ich hatte schon lange nicht mehr das Gefühl, wirklich irgendwo anzukommen. Die letzten Jahre waren ein ständiges Umherziehen, von Coworking Space zu Coworking Space, von Airbnb zu Airbnb. Digitaler Nomade, nennen das die Leute. Klingt romantisch, ist aber oft nur ein Synonym für chronische Ziellosigkeit. Ich hatte den Job in der Agentur gekündigt, die Wohnung in Berlin aufgelöst und beschlossen, dass ich einfach mal… schauen musste. Richtig schauen, nicht nur durch den Bildschirm meines Laptops.Italien hatte ich mir ausgesucht, weil es eben nicht perfekt ist. Weil es schmutzig, laut und chaotisch sein darf. Und weil ich die Hoffnung hatte, dass mich die Einfachheit des Lebens hier irgendwie wieder mit mir selbst verbinden würde.
Warum Catania?
Catania war kein Zufall. Ich hatte mich bewusst gegen die typischen Touristenziele entschieden. Rom, Florenz, Venedig… zu viele Menschen, zu viel Inszenierung. Ich wollte den echten Süden erleben, die raue Schönheit des Landes. Und der Ätna, dieser riesige Vulkan, der über der Stadt thront, hatte mich irgendwie magisch angezogen. Eine Art Sinnbild für die zerstörerische und gleichzeitig schöpferische Kraft des Lebens, dachte ich.
Ich hatte mir ein kleines Apartment in der Altstadt gemietet, etwas abseits der Hauptstraßen. Der Vermieter, ein älterer Herr mit wettergegerbtem Gesicht und freundlichen Augen, hatte mich mit einem Glas Limoncello begrüßt und mir erklärt, dass ich hier „wie zu Hause“ sein würde. Ich hoffte, er hatte recht.Die ersten Stunden verbrachte ich damit, durch die Gassen zu schlendern, mich zu verlieren und einfach nur zu beobachten. Die Wäsche leinen flatterte zwischen den Häusern, alte Männer saßen vor ihren Geschäften und spielten Karten, Kinder jagten sich mit Bällen über die Plätze. Es roch nach frisch gebackenem Brot, Olivenöl und Kaffee. Alles war anders als das sterile, durchgeplante Leben, das ich bisher geführt hatte.
Die Suche nach dem Rhythmus
Ich versuchte, einen Rhythmus zu finden. Morgens arbeitete ich ein paar Stunden, dann ging ich auf den Markt, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Am Nachmittag schwamm ich im Meer oder wanderte auf den Hügeln rund um die Stadt. Abends saß ich in einem der kleinen Restaurants und aß Pasta oder Pizza, während ich den Menschen zusah. Es war ein langsames, einfaches Leben, aber es fühlte sich gut an.
Ich merkte, dass ich die ständige Erreichbarkeit, die mein Leben in Berlin geprägt hatte, allmählich hinter mir ließ. Ich schaltete mein Handy öfter aus, antwortete seltener auf E-Mails und lernte, den Moment zu genießen. Es war ein Prozess, ein langsames Loslassen, aber es fühlte sich befreiend an.Doch hinter all der Schönheit und der Einfachheit spürte ich auch eine gewisse Melancholie. Die Frage, was ich eigentlich hier suchte, ließ mich nicht los. War ich wirklich auf der Suche nach einem neuen Leben, oder nur auf der Flucht vor dem alten?
Die ersten Tage in Catania hatten mich zwar beruhigt, aber auch nachdenklich gemacht. Ich begann zu erkennen, dass dieser Ort mehr war als nur ein vorübergehender Aufenthaltsort – er war ein Spiegel meiner eigenen Seele, ein Ort, an dem ich mich mit meinen Ängsten und Sehnsüchten auseinandersetzen musste. Und so tauchte ich tiefer ein in das Leben dieser Stadt, in die Geschichten ihrer Bewohner, in die Geheimnisse des Ätna, um herauszufinden, was es wirklich bedeutete, hier zu sein.Der Fischmarkt und das Chaos am Morgen Ich hatte gehört, dass der Fischmarkt von Catania ein Erlebnis für sich war. Und das war es definitiv. Ich ging früh hin, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, und fand mich in einem wahren Getümmel wieder. Die Händler riefen ihre Preise, die Kunden feilschten, Fische lagen auf Eis, Garnelen zappelten in Eimern. Der Geruch war intensiv, salzig, ein bisschen fischig, aber nicht unangenehm.
Ich war überwältigt. Ich versuchte, mir ein paar Sardinen und etwas Thunfisch zu kaufen, aber die Kommunikation war schwierig. Mein Italienisch war begrenzt, und die Händler schienen meine Versuche, mich zu verständigen, eher amüsant zu finden. Nach ein paar Minuten kam eine ältere Dame zu Hilfe und übersetzte. Sie erklärte mir, dass ich den Preis feilschen müsse, und ermutigte mich, selbstbewusster zu sein. Am Ende ging ich mit einem vollen Beutel und einem Lächeln nach Hause.
Entdeckung von La Pescheria
Die Gegend um den Fischmarkt, La Pescheria, war faszinierend. Die Straßen waren eng und verwinkelt, die Häuser heruntergekommen, aber voller Leben. Ich verbrachte Stunden damit, einfach nur herumzuschlendern, die Menschen zu beobachten, die kleinen Geschäfte zu entdecken. Hier und da sah ich Graffiti an den Wänden, hörte Musik aus offenen Fenstern. Es war ein authentischer Einblick in das Catania, das hinter den Postkartenmotiven verborgen liegt.
Ich geriet einmal in eine kleine Sackgasse und musste einen älteren Mann um Hilfe bitten. Er führte mich nicht nur aus der Gasse heraus, sondern lud mich auch in sein kleines Geschäft ein, eine Art Werkstatt, in der er alte Fahrräder reparierte. Wir unterhielten uns auf gebrochenem Italienisch und Englisch, und er erzählte mir von seinem Leben, von seiner Familie, von seiner Liebe zu Catania. Es war ein kurzes, aber berührendes Gespräch, das mir zeigte, wie offen und freundlich die Menschen hier sind.
Der Elefantenbrunnen und die Piazza Duomo
Die Piazza Duomo, der zentrale Platz von Catania, war ein beeindruckender Ort. Der Elefantenbrunnen, ein barockes Denkmal mit einem Elefanten aus schwarzem Lavagestein, war das Herzstück des Platzes. Ich saß oft in einem der Cafés am Platz und beobachtete das bunte Treiben. Touristen, Einheimische, Studenten, Geschäftsleute – alle kamen hier zusammen.
Einmal versuchte ich, ein Foto vom Brunnen zu machen, als plötzlich eine Taube auf meine Schulter landete. Ich erschrak und ließ meine Kamera fast fallen. Die Taube flatterte auf und setzte sich auf den Kopf einer alten Dame, die gerade an mir vorbeiging. Wir beide mussten lachen. Es war ein absurder, aber lustiger Moment, der mir zeigte, dass das Leben manchmal unvorhersehbar ist.
Ich hatte mich in Catania treiben lassen, hatte mich von den Geräuschen, den Gerüchen und den Begegnungen leiten lassen. Ich hatte begonnen, die Stadt nicht nur zu sehen, sondern sie zu fühlen, sie zu verstehen. Doch hinter all dem positiven Erleben blieb eine unterschwellige Frage: War dies nur eine vorübergehende Flucht, oder konnte ich hier tatsächlich ein neues Kapitel meines Lebens aufschlagen?
Die Tage vergingen, und während ich tiefer in das Leben Catanas eintauchte, begann ich zu erkennen, dass die Antwort vielleicht nicht so einfach war, wie ich dachte, und dass die wahre Herausforderung darin bestand, die Schönheit des Moments zu akzeptieren, ohne zu versuchen, die Zukunft zu kontrollieren.
Die Tage wurden kürzer, die Abende kühler. Der Ätna präsentierte sich oft mit einer Schneekappe, ein majestätischer Anblick, der aber auch eine gewisse Melancholie in mir auslöste. Ich saß oft auf meinem Balkon, trank einen Espresso und beobachtete das Leben in der Altstadt. Kinder spielten Fußball, alte Männer diskutierten lautstark, Frauen hingen die Wäsche auf. Es war ein normales Leben, ein Leben, das ich lange nicht mehr geführt hatte.
Die Suche nach Beständigkeit
Ich hatte mich daran gewöhnt, ständig auf der Suche nach dem nächsten Coworking Space, dem nächsten Airbnb, dem nächsten WLAN-Hotspot zu sein. Ich hatte mich daran gewöhnt, keine Wurzeln zu schlagen, keine Beziehungen aufzubauen, keine Verantwortung zu übernehmen. Aber hier in Catania, inmitten dieser chaotischen und wunderschönen Stadt, begann ich zu spüren, dass ich etwas anderes wollte. Ich wollte einen Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen konnte, einen Ort, an dem ich Wurzeln schlagen konnte.
Die kleinen Dinge zählen
Es waren die kleinen Dinge, die ich am meisten schätzte. Das tägliche Gespräch mit dem Bäcker, der mir jeden Morgen ein frisches Brot backte. Das Lächeln der alten Dame, die mir jeden Tag einen Espresso anbot. Die Wärme der Sonne auf meiner Haut, während ich durch die Gassen schlenderte. Die Geräusche der Stadt, die mich in den Schlaf wiegten.
Mehr als nur ein Urlaub
Ich hatte geplant, nur ein paar Wochen in Catania zu bleiben, aber ich merkte, dass ich länger bleiben wollte. Ich wollte mehr von dieser Stadt entdecken, mehr von ihren Menschen lernen, mehr von ihrem Leben genießen. Ich wollte herausfinden, ob ich hier tatsächlich ein neues Kapitel meines Lebens aufschlagen konnte.
Ein bisschen Heimat
Ich begann, mich in der Stadt zu engagieren. Ich meldete mich freiwillig in einem lokalen Kulturzentrum, lernte Italienisch, knüpfte Kontakte zu Einheimischen. Ich versuchte, nicht nur ein Tourist zu sein, sondern ein Teil der Gemeinschaft. Es war nicht immer einfach, aber es fühlte sich gut an. Ich begann, Catania als mein Zuhause zu betrachten, als einen Ort, an dem ich hingehörte.
Empfehlungen für Catania
Wenn du nach Catania reist, solltest du dir unbedingt die folgenden Dinge ansehen:
La Pescheria
Der Fischmarkt ist ein echtes Erlebnis. Du solltest früh hingehen, um das bunte Treiben zu erleben. Sei bereit, zu feilschen und dich von den Gerüchen und Geräuschen überwältigen zu lassen.
Der Ätna
Eine Wanderung auf den Ätna ist ein unvergessliches Erlebnis. Du solltest dich aber gut vorbereiten und einen erfahrenen Führer engagieren.
Die Altstadt
Die Altstadt von Catania ist voller Geschichte und Kultur. Du solltest dich einfach treiben lassen und die kleinen Gassen und Plätze erkunden.
Abschied und Neubeginn
Als es dann Zeit war, Catania zu verlassen, fiel mir der Abschied schwer. Ich hatte mich in diese Stadt verliebt, in ihre Schönheit, ihre Wärme, ihre Melancholie. Ich wusste, dass ich wiederkommen würde. Catania hatte mir gezeigt, dass es möglich ist, ein erfülltes Leben zu führen, auch ohne ständige Bewegung und Veränderung. Ich hatte gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen, die Wärme der Sonne, das Lächeln eines Fremden, die Einfachheit des Lebens. Ich hatte gelernt, dass es nicht darum geht, wohin man geht, sondern wie man lebt.
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- La Pescheria (Fischmarkt)
- Der Ätna
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- Die Altstadt von Catania