Afrika - Tunesien - Nabeul

Ein stiller Ort am Mittelmeer

Der Geruch von Orangenblüten und etwas undefinierbar Würzigem hing in der Luft, vermischt mit dem Abgas der alten Busse. Ich stand also hier, am Flughafen Enfidha, Tunesien, ein bisschen verloren, ein bisschen aufgeregt. Es war warm, viel wärmer als zu Hause in diesem grauen November. Die Sonne schien hell, fast schon blendend, und alles wirkte ein bisschen… lauter. Nicht im Sinne von Dezibel, sondern farblich, stimmungsmäßig. Ein ganz anderer Teppich aus Eindrücken als ich es gewohnt war.

Eine Reise der Stille

Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, 60 Jahre sind nun mal erreicht, und nach dem Renteneintritt dachte ich mir, jetzt ist es Zeit, etwas für mich zu tun. Nicht irgendwelche To-Do-Listen abarbeiten, sondern wirklich *leben*. Und für mich bedeutet das im Moment: Ruhe. Einfach mal zur Ruhe kommen. Die Enge der Stadt hinter mir lassen und mich treiben lassen. Meine Frau, Gott hab sie selig, hat immer gesagt, ich brauche einen Ort, an dem ich die Stille hören kann. Sie hatte Recht. Nach ihrem Tod… naja, das ist eine andere Geschichte. Ich wollte einfach raus, weg von all den Erinnerungen. Ich hatte mir eigentlich gedacht, ich mache einen Rundtrip, erkunde das ganze Land. Aber dann habe ich in einem Reiseführer einen kleinen Ort entdeckt: Nabeul. Eine Stadt, die für ihre Töpferei und ihre entspannte Atmosphäre bekannt ist. Klingte gut. Sehr gut sogar. Also buchte ich eine kleine Ferienwohnung, weit abseits vom Trubel, und flog hierher.

Erste Schritte in Nabeul

Die Taxifahrt vom Flughafen nach Nabeul war… interessant. Der Fahrer, ein freundlicher Mann mit einem verschmitzten Lächeln, sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Französisch kam ich trotzdem durch. Die Landschaft zog an mir vorbei: Olivenhaine, Felder mit gelbem Getreide, kleine Dörfer mit weißen Häusern. Überall Menschen, die ihr Leben lebten, ganz ohne Hektik. Ein großer Unterschied zu dem Hamsterrad, in dem ich so lange gelaufen war. Als wir dann endlich in Nabeul ankamen, war ich gleich begeistert. Die Stadt ist nicht riesig, aber sie hat einen ganz eigenen Charme. Kleine Gassen, die sich winden und schlängeln, bunte Geschäfte mit handgemachten Produkten, überall der Duft von Gewürzen und frisch gebackenem Brot. Es war noch nicht so touristisch überlaufen, wie ich es von anderen Urlaubsorten kenne. Genau das gefiel mir. Ich fand meine Ferienwohnung ohne Probleme. Eine kleine, einfache Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße, mit einem kleinen Balkon und Blick auf einen grünen Garten. Die Vermieterin, eine ältere Dame mit freundlichen Augen, begrüßte mich herzlich und erklärte mir alles Wichtige. Ich packte meine Sachen aus, stellte ein paar Fotos von meiner Frau auf den Nachttisch und atmete tief durch. Es fühlte sich gut an. Geborgen.

Der Klang der Stille

Ich verbrachte den Rest des Tages damit, einfach nur durch die Stadt zu schlendern, die Atmosphäre aufzusaugen und mich zu orientieren. Ich entdeckte kleine Cafés, in denen ich Minztee trank und die Leute beobachtete, und kleine Läden, in denen ich handgemachte Keramik bewunderte. Ich kaufte ein paar frische Orangen und Feigen auf dem Markt und genoss sie auf meinem Balkon. Der Abend war ruhig. Es gab keinen Lärm, keine Hektik, nur das Zirpen der Grillen und das leise Rauschen des Windes. Ich saß auf meinem Balkon, trank einen Glas Wein und blickte in den Sternenhimmel. Es war wunderschön. Endlich hatte ich einen Ort gefunden, an dem ich die Stille hören konnte. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe kommen und neue Kraft tanken konnte. Die kommenden Tage würden zeigen, was Nabeul noch alles für mich bereithielt. Aber schon jetzt wusste ich, dass ich an einem besonderen Ort gelandet war. Ein Ort, der mir helfen würde, mit meiner Vergangenheit abzuschließen und einen neuen Blick in die Zukunft zu gewinnen. Und so begann mein Aufenthalt in Nabeul, einer kleinen Stadt an der tunesischen Küste, die mir mehr zu bieten hatte, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich war gespannt darauf, die versteckten Schätze dieser Stadt zu erkunden und mich von ihrer Magie verzaubern zu lassen.

Das Viertel der Töpfereien

Am nächsten Morgen beschloss ich, das Viertel der Töpfereien zu erkunden. Schon von Weitem konnte man die kleinen Werkstätten sehen, aus denen der Duft von gebranntem Ton drang. Es war ein faszinierendes Bild: Männer und Frauen, die konzentriert an ihren Töpferscheiben arbeiteten, die Hände voller Lehm, die Augen voller Konzentration. Ich schlenderte von Werkstatt zu Werkstatt, beobachtete die Künstler bei ihrer Arbeit und bewunderte die Vielfalt der Keramikprodukte. Von einfachen Tonkrügen bis hin zu kunstvollen Vasen und bunten Schalen war alles dabei. Ich kam mit einem älteren Mann ins Gespräch, der seit über 50 Jahren Töpferei betrieb. Er erzählte mir, dass die Tradition der Töpferei in Nabeul seit Generationen weitergegeben wird und dass die Keramikprodukte nicht nur für den lokalen Markt, sondern auch für den Export hergestellt werden. Er lud mich ein, selbst an die Töpferscheibe zu treten. Ich will euch sagen, das war eine Herausforderung! Meine Hände waren viel zu ungeschickt, um den Ton in Form zu bringen. Aber es hat Spaß gemacht, und ich habe großen Respekt vor den Künstlern entwickelt, die mit so viel Geduld und Präzision arbeiten. Am Ende kaufte ich eine kleine Schale als Andenken und versprach, wiederzukommen.

Der Souk und die kleinen Missverständnisse

Ein weiteres Highlight war der Souk, der Markt von Nabeul. Ein Labyrinth aus Gassen, voll mit Ständen, an denen alles Mögliche verkauft wurde: Gewürze, Olivenöl, Datteln, Kleidung, Schmuck, Lederwaren. Es war ein Fest für die Sinne: die bunten Farben, die exotischen Düfte, die lauten Rufe der Händler. Ich verbrachte Stunden damit, durch die Gassen zu schlendern, zu feilschen und neue Geschmäcker zu entdecken. Einmal geriet ich in ein kleines Missverständnis. Ich wollte eine bestimmte Sorte Datteln kaufen, aber der Händler verstand mich nicht. Er dachte, ich hätte Interesse an einer anderen Sorte, und begann, mir diese anzupreisen. Ich versuchte, ihm zu erklären, was ich wollte, aber er hörte nicht zu. Am Ende lachte ich einfach und ließ ihn mir die falsche Sorte geben. Es war eine lustige Erfahrung, und ich habe gelernt, dass man in einem fremden Land manchmal einfach mitspielen muss.

Ein stiller Strandspaziergang

Abseits vom Trubel der Stadt fand ich einen kleinen, versteckten Strand. Der Sand war fein und weiß, das Wasser klar und blau. Ich ging stundenlang am Strand entlang, sammelte Muscheln und beobachtete die Möwen. Es war herrlich ruhig und entspannend. Ich fühlte mich frei und unbeschwert. Einmal traf ich auf einen alten Fischer, der gerade sein Netz auswarf. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir, dass er seit über 50 Jahren Fisch fängt. Er sagte, dass das Meer sein Leben sei und dass er sich kein anderes Leben vorstellen könne. Ich war beeindruckt von seiner Leidenschaft und seiner Verbundenheit mit der Natur. Wir saßen eine Weile zusammen am Strand und schwiegen. Es war ein besonderer Moment. Diese Tage in Nabeul waren mehr als nur ein Urlaub; sie waren eine Art stiller Neubeginn, ein langsames Auffüllen dessen, was das Leben mir genommen hatte, und ließen mich ahnen, dass vielleicht doch noch viel Licht am Ende des Tunnels warten konnte.

Die letzten Tage in Nabeul sind wie im Flug vergangen. Ich sitze jetzt auf meinem kleinen Balkon, trinke den letzten Minztee und versuche, all die Eindrücke zu sortieren. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was dieser Ort für mich bedeutet hat. Es war mehr als nur ein Urlaub, es war eine Art Heilung. Eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und wieder zu sich selbst zu finden.

Die kleinen Dinge, die zählen

Ich habe gelernt, die kleinen Dinge im Leben wieder zu schätzen. Das Lächeln eines Fremden, der Duft von Orangenblüten, das Rauschen des Meeres, die Wärme der Sonne auf meiner Haut. All diese Dinge, die wir oft übersehen, können uns so viel Freude bereiten.

Ich habe versucht, mich nicht zu sehr auf die Vergangenheit zu konzentrieren, sondern den Moment zu genießen. Ich habe lange Spaziergänge am Strand gemacht, bin durch die Gassen der Stadt geschlendert, habe mich mit den Einheimischen unterhalten und einfach das Leben genossen.

Die Töpfereien und ihre Geschichten

Besonders beeindruckt hat mich die Töpferei-Tradition in Nabeul. Die Künstler, die mit so viel Leidenschaft und Hingabe arbeiten, sind wirklich bewundernswert. Ich habe stundenlang zugesehen, wie sie aus einfachen Tonklumpen wahre Kunstwerke erschaffen. Jedes Stück ist einzigartig und erzählt eine eigene Geschichte. Ich habe mir eine kleine Schale gekauft, als Andenken an diese besondere Erfahrung.

Ich erinnere mich an das Gespräch mit dem alten Fischer. Er sagte mir, dass das Meer sein Leben sei und dass er sich kein anderes Leben vorstellen könne. Ich habe verstanden, was er meinte. Das Meer hat etwas Magisches, etwas Beruhigendes, etwas Inspirierendes.

Was Nabeul mir bedeutet hat

Ich bin nach Nabeul gekommen, um der Stille zu begegnen. Und ich habe sie gefunden. Nicht in der Abwesenheit von Geräuschen, sondern in der Abwesenheit von Lärm. In der Abwesenheit von Stress und Hektik. In der Abwesenheit von Erwartungen.

Ich habe gelernt, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Ein ruhiger Ort, ein gutes Buch, ein freundliches Gesicht, ein warmer Sonnenstrahl. Das sind die Dinge, die wirklich zählen.

Ich werde Nabeul nie vergessen. Es wird immer ein besonderer Ort in meinem Herzen bleiben. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe gekommen bin, an dem ich neue Kraft geschöpft habe, an dem ich wieder zu mir selbst gefunden habe.

Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich bin dankbar für diese Zeit in Nabeul. Sie hat mir gezeigt, dass das Leben noch viele schöne Seiten hat, auch wenn man schon etwas älter ist.

Ich werde wiederkommen. Das verspreche ich mir selbst. Und vielleicht, wenn ich Glück habe, werde ich auch meine Frau wiedersehen. Irgendwo zwischen den Olivenhainen und dem blauen Meer.

    • Die Töpfereien in Nabeul
    • Der ruhige Strand, perfekt für Spaziergänge
    • Der Strand von Nabeul
    • Die kleinen Werkstätten der Töpfer
    • Das Viertel der Töpfereien
👤 Alleinreisender (60) der Ruhe und Entspannung sucht ✍️ detailreich und erzählerisch