Europa - Slowenien - Bohinj

Ein stiller See, eine lange Reise

Die Luft roch nach feuchtem Stein und Kiefern, ein Geruch, der sofort etwas in mir weckte – eine Erinnerung an Sommerurlaube in den Bergen, als die Kinder noch klein waren und alles irgendwie einfacher schien. Wir standen am kleinen Flughafen Ljubljana, das Gepäckband knatterte leise, spuckte Koffer aus, die aussahen, als hätten sie schon die halbe Welt gesehen. Es war Mitte September, die Sonne stand schon tiefer, aber die Luft war noch warm. Wir hatten uns dieses Mal für Slowenien entschieden, ein Land, das wir immer nur auf der Durchreise erlebt hatten. Eigentlich hatten wir ja Italien geplant, aber dann…nun ja, dann hatte meine Frau, Elisabeth, in einem Reiseführer ein Foto vom Bohinj-See gesehen. Und sie hatte gesagt: “Dort müssen wir hin.” Elisabeth und ich, wir sind jetzt seit über dreißig Jahren zusammen. Wir kennen uns gut, manchmal vielleicht zu gut. Ich weiß, was sie mag, was sie braucht. Und ich weiß, dass ihre Sehnsucht nach solchen Orten – ruhig, naturbelassen, ein bisschen abseits vom großen Trubel – tiefer liegt, als sie vielleicht zugeben würde.

Ein stiller Abschied

Es war nicht nur der Wunsch nach einem schönen Urlaub. Es war auch ein stiller Abschied. Die Kinder sind aus dem Haus, haben ihr eigenes Leben, ihre eigenen Sorgen. Und wir? Wir stehen an einem Scheideweg, denke ich. Nicht im schlechten Sinne, aber…es ist, als würde ein Kapitel enden. Ein Kapitel voller Hektik, voller Verantwortung, voller Lachen und Tränen. Und ein neues beginnt. Eines, in dem wir mehr Zeit füreinander haben. In dem wir versuchen, die kleinen Dinge wieder bewusster wahrzunehmen.

Die Fahrt zum See

Die Fahrt von Ljubljana zum Bohinj-See war wunderschön. Die Straße schlängelte sich durch grüne Täler, vorbei an kleinen Dörfern mit roten Ziegeldächern. Überall waren Kühe auf der Weide, die friedlich wiederkäuten. Ich erinnere mich, wie Elisabeth lächelte und sagte: “Siehst du, das ist das, was ich meinte. Einfach schön.” Ich nickte, aber ehrlich gesagt war ich noch etwas müde vom Flug. Ich brauchte Zeit, um anzukommen. Um mich wirklich auf diesen Ort einzulassen. Wir hatten ein kleines Hotel in Stara Fužina gebucht, einem winzigen Dorf direkt am See. Als wir ankamen, war es schon fast dunkel. Das Hotel war ein einfaches, aber charmantes Gebäude mit einem kleinen Garten und einer Terrasse mit Blick auf den See. Der See lag da wie ein dunkler Spiegel, umgeben von hohen Bergen.

Erste Eindrücke

Am nächsten Morgen, als wir aufwachten, war der See in ein goldenes Licht getaucht. Der Nebel hing noch tief über dem Wasser, aber langsam verzog er sich und gab den Blick auf die umliegenden Berge frei. Es war atemberaubend schön. Wir frühstückten auf der Terrasse, mit Blick auf den See. Es gab frisches Brot, Marmelade und Käse. Elisabeth trank ihren Kaffee schwarz, ich einen Cappuccino. Wir sprachen wenig, aber es war eine angenehme Stille. Eine Stille, die uns guttat.

Wanderungen und Erinnerungen

Wir verbrachten die nächsten Tage mit Wandern in den Bergen. Die Wege waren gut ausgeschildert, aber anstrengend. Ich war nicht mehr der Jüngste, und Elisabeth hatte mit ihren Knien zu kämpfen. Aber wir machten Pausen, wenn wir sie brauchten, und genossen die Aussicht. Wir sahen kleine Bergseen, blühende Almwiesen und alte Bauernhäuser. Wir sprachen über alles Mögliche – über die Kinder, über die Arbeit, über unsere Zukunftspläne. Aber wir sprachen auch über die Vergangenheit – über unsere erste Begegnung, über unsere Hochzeitsreise, über die Geburt unserer Kinder. Es waren Erinnerungen, die uns verbinden und uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ein Hauch von Melancholie

Manchmal, wenn ich am Ufer des Sees saß und den Bergen zusah, überkam mich ein Hauch von Melancholie. Es war nicht Traurigkeit, eher eine Sehnsucht nach etwas, das verloren gegangen ist. Die Zeit vergeht so schnell. Und wir werden älter. Es ist schwer, das zu akzeptieren. Aber ich versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Auf die Schönheit der Natur, auf die Liebe meiner Frau, auf die kleinen Momente des Glücks. Wir hatten uns vorgenommen, einfach zu sein, ohne Erwartungen, ohne Plan. Und es funktionierte. Langsam löste sich die Anspannung, die sich über die Jahre angesammelt hatte. Wir begannen, wieder mehr zu lachen, mehr zu kuscheln, mehr zu reden. Es war, als würden wir uns neu verlieben. Wir saßen oft am Abend auf der Terrasse, tranken Wein und schauten den Sternen zu. Der See lag da wie ein dunkler Spiegel, und die Berge schienen den Himmel zu berühren. Und wir, wir saßen da und fühlten uns geborgen und glücklich. Aber die Zeit war unaufhaltsam. Und langsam näherten wir uns dem Ende unseres Urlaubs. Ein Gefühl der Wehmut machte sich breit. Wir wussten, dass wir diesen Ort vermissen würden. Und dass wir uns irgendwann wieder hierher zurückkehren würden. Aber jetzt, in diesem Moment, wollten wir einfach nur noch die Ruhe und die Schönheit des Bohinj-Sees genießen. Und uns darauf vorbereiten, was die Zukunft bringen mag.

Ein Ausflug nach Ukanc

Eines Tages beschlossen wir, einen Ausflug in das kleine Dorf Ukanc zu machen, das am westlichen Ende des Bohinj-Sees liegt. Es war ein sonniger Tag, und wir fuhren mit dem Bus entlang des Ufers. Die Fahrt war wunderschön, aber auch etwas holprig. Der Bus war alt und quietschte bei jeder Kurve. Elisabeth lachte und sagte: “Das ist ja wie eine Zeitreise.” Ich nickte und versuchte, die Unebenheiten auszubügeln. In Ukanc angekommen, waren wir sofort von der Atmosphäre begeistert. Es war ein malerisches Dorf mit alten Bauernhäusern, einem kleinen Hafen und einer Kirche mit einem hohen Turm. Wir bummelten durch die Gassen, schauten uns die Souvenirläden an und tranken einen Kaffee in einem kleinen Café mit Blick auf den See. Elisabeth kaufte ein paar handgemachte Kerzen, und ich einen kleinen Holzschlüsselanhänger mit dem Bohinj-See darauf. Wir aßen zu Mittag in einem Restaurant am Hafen. Es gab frischen Fisch aus dem See und hausgemachte Pommes Frites. Es schmeckte hervorragend.

Die Kirche des heiligen Johannes des Täufers

Nach dem Mittagessen besuchten wir die Kirche des heiligen Johannes des Täufers. Sie ist eine kleine, aber wunderschöne Kirche mit einem mittelalterlichen Glockenturm. Die Kirche ist bekannt für ihre Fresken, die biblische Szenen darstellen. Wir nahmen uns Zeit, die Fresken zu bewundern. Sie waren farbenprächtig und detailreich. Elisabeth war besonders beeindruckt von der Darstellung der Geburt Christi. Sie sagte: “Das ist ja wie ein Gemälde von Michelangelo.” Ich lächelte und nahm ihre Hand. Wir zündeten eine Kerze an und beteten kurz für unsere Familie und Freunde. Der Besuch in der Kirche war ein ruhiger und besinnlicher Moment. Es tat gut, einfach mal innezuhalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ein kleines Missgeschick

Am nächsten Tag wollten wir eine Wanderung zur Vogel-Alm unternehmen. Wir fuhren mit der Seilbahn hinauf, und dann ging es zu Fuß weiter. Der Weg war steil und anstrengend, aber die Aussicht war atemberaubend. Wir sahen den Bohinj-See von oben, umgeben von hohen Bergen und grünen Wäldern. Wir machten eine Pause, um uns zu stärken, und aßen ein paar Butterbrote und tranken Wasser. Plötzlich stolperte ich über einen Stein und fiel hin. Zum Glück ging es mir nicht schlimm, aber ich hatte mir das Knie aufgeschlagen. Elisabeth war sofort zur Stelle und half mir aufstehen. Sie reinigte die Wunde mit einem feuchten Tuch und legte einen Pflaster drauf. “Du alter Tollpatsch”, sagte sie lachend. Ich grinste und sagte: “Ich bin halt nicht mehr der Jüngste.” Wir machten uns langsam auf den Rückweg. Der Abstieg war zwar einfacher, aber trotzdem anstrengend.

Abendessen in Stara Fužina

Zurück in Stara Fužina beschlossen wir, in einem kleinen Gasthof Abend zu essen. Das Gasthaus war gemütlich und rustikal eingerichtet. Es gab traditionelle slowenische Gerichte auf der Speisekarte. Wir bestellten *Jota*, eine dicke Bohnensuppe, und *Kranjska klobasa*, eine Art Klobasse. Es schmeckte hervorragend. Wir tranken dazu ein Glas Rotwein. Der Abend war wunderschön. Wir saßen draußen auf der Terrasse, schauten den Sternen zu und genossen die Ruhe und die Schönheit des Bohinj-Sees. Es war ein perfekter Abschluss eines schönen Tages. Die Zeit verging viel zu schnell, und bald war es wieder Zeit, Abschied zu nehmen, mit einem Gefühl der Dankbarkeit für die stillen Momente und die neu gewonnene Energie, die dieser Ort uns geschenkt hatte.

Der Morgen unseres letzten Tages am Bohinj-See war grau, aber nicht traurig. Eher so, als würde der Himmel selbst unsere Wehmut teilen. Wir saßen noch einmal auf der Terrasse, tranken unseren Kaffee und schauten auf den See. Der Nebel lag tief über dem Wasser, und die Berge waren kaum zu erkennen. Elisabeth nahm meine Hand und sagte: “Es ist schön, oder?” Ich nickte. Es war schön. Aber es war auch traurig, Abschied zu nehmen.

Die Rückreise

Die Rückreise verlief ohne besondere Vorkommnisse. Wir fuhren mit dem Bus nach Ljubljana und dann mit dem Flugzeug zurück nach Hause. Ich saß am Fenster und schaute auf die Wolken. Sie zogen schnell vorbei, und ich fühlte mich, als würde ich die Zeit zurückdrehen. Die letzten Tage am Bohinj-See waren wie ein Traum gewesen. Ein Traum, der viel zu schnell vorbei war.

Was bleibt

Was bleibt von dieser Reise? Erinnerungen. Erinnerungen an stille Momente, an wunderschöne Landschaften, an das Gefühl von Freiheit und Geborgenheit. Wir haben gelernt, die kleinen Dinge wieder bewusster wahrzunehmen. Wir haben gelernt, die Zeit miteinander zu genießen. Und wir haben gelernt, dass das Glück oft in den einfachen Dingen zu finden ist.

Ein Ort der Stille

Der Bohinj-See ist ein Ort der Stille. Ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann. Ein Ort, an dem man sich mit sich selbst und mit der Natur verbunden fühlen kann. Es ist ein Ort, den ich jedem empfehlen kann, der dem Alltag entfliehen und neue Kraft tanken möchte. Wir werden sicherlich wiederkommen. Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber irgendwann. Denn dieser Ort hat uns tief berührt.

Ein paar Tipps

Wenn ihr auch einmal an den Bohinj-See reisen möchtet, hier ein paar Tipps:

Wandern

Das Wanderwegenetz rund um den See ist gut ausgebaut. Es gibt Touren für jedes Niveau. Nehmt euch unbedingt festes Schuhwerk mit!

Bootsfahrt

Mietet euch ein Ruderboot oder ein Kanu und erkundet den See vom Wasser aus. Es ist ein unvergessliches Erlebnis.

Kulinarische Genüsse

Probiert die regionalen Spezialitäten. Die slowenische Küche ist vielfältig und lecker. Besonders zu empfehlen sind die Forelle aus dem See und die hausgemachten Nudeln.

Elisabeth und ich, wir sitzen jetzt wieder zu Hause. Der Alltag hat uns wieder eingeholt. Aber die Erinnerungen an den Bohinj-See sind noch frisch in unserem Gedächtnis. Und sie werden uns noch lange begleiten. Ein stiller See, eine lange Reise. Und ein kleines Stück Glück, das wir mit nach Hause nehmen.

    • Bohinj-See (Der See selbst, das Highlight der Reise)
    • Wanderungen in den umliegenden Bergen (insbesondere die Touren mit Panoramablick)
    • Kirche des heiligen Johannes des Täufers (mit ihren historischen Fresken)
    • Stara Fužina (Das kleine Dorf, in dem wir gewohnt haben und die Ruhe genossen haben)
👤 Paar Mitte 50, kulturinteressiert und genussorientiert ✍️ nostalgisch und melancholisch