Reisebericht Europa - Spanien - Bilbao
Die Entscheidung
Ich hatte mich fast aus der Reise zurückgezogen. Drei Tage vor Abflug saß ich da, vor dem Laptop, und starrte auf die Buchungsbestätigung. Warum tat ich das? War das wirklich eine gute Idee, einfach so aufzubrechen? Vierzig Jahre, ein geregeltes Leben, ein Job, der zwar nicht erfüllte, aber wenigstens sicher war. Und dann das. Dieser plötzliche Drang, alles hinter mir zu lassen, zumindest für ein paar Wochen. Ich nannte es Selbstfindung, aber ehrlich gesagt, ich wusste nicht so recht, was ich eigentlich suchte. Vielleicht einfach nur eine Pause von all dem, was mich ausmachte. Oder vielleicht eine Antwort auf die Frage, was ich eigentlich wirklich will.Erste Schritte in Bilbao
Die Taxifahrt in die Stadt war unspektakulär. Graue Betonbauten säumten die Straße, unterbrochen von vereinzelten grünen Flecken. Es war nicht hässlich, aber auch nicht atemberaubend schön. Eher… funktional. Ich hatte ein kleines Hotel in der Altstadt gebucht, das "Pension Astoria". Eine knarzende Holztreppe, abgewetzte Teppiche, der Duft von altem Holz und Kaffee. Perfekt. Die Dame an der Rezeption, eine korpulente Frau mit streng zurückgekämmtem Haar, sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen verstand ich, dass mein Zimmer im dritten Stock war.Die Altstadt und ihre Eigenheiten
Die Altstadt, das Casco Viejo, war ein Labyrinth aus engen Gassen und kleinen Plätzen. Überall tapas-Bars, pintxos-Bars, Weinbars. Menschen standen dicht gedrängt an den Theken, aßen, tranken, lachten. Ich schloss mich einem kleinen Kreis an und bestellte ein Glas Txakoli, einen leicht prickelnden Weißwein. Das Ritual, das Glas hochzuheben und den Wein in einem Bogen zu trinken, fühlte sich gut an. Eine Art Initiation in diese neue Welt. Ich beobachtete die anderen Gäste. Familien, Paare, Freunde. Jeder schien in seiner eigenen kleinen Blase zu leben. Ich fragte mich, ob sie auch auf der Suche waren, nach etwas, das ihnen fehlte.Pintxos und erste Gespräche
Die Pintxos waren eine Offenbarung. Kleine Kunstwerke, auf Brot getöpfelt, mit allem belegt, was das Herz begehrt. Ich probierte verschiedene Sorten, von einfachen Käse- und Schinkenvarianten bis hin zu komplexeren Kreationen mit Meeresfrüchten und Gemüse. Es war mehr als nur Essen, es war eine soziale Erfahrung. Ich kam mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der mir erklärte, dass die Pintxos in Bilbao nicht einfach nur Tapas seien. Sie seien ein Ausdruck der baskischen Kultur, ein Zeichen der Gastfreundschaft und des Zusammenhalts. Er erzählte mir von der Geschichte des Baskenlandes, von den Konflikten mit Spanien, von der Sehnsucht nach Unabhängigkeit. Seine Augen funkelten, als er sprach.Ein Gefühl der Entfremdung
Trotz all der Eindrücke und Gespräche überkam mich ein seltsames Gefühl der Entfremdung. Ich war eine Fremde in dieser Stadt, eine Beobachterin, die von außen zusah. Ich konnte die baskische Kultur zwar bewundern, aber ich konnte sie nicht wirklich verstehen. Ich war nicht hier geboren, ich hatte nicht die gleichen Erfahrungen gemacht, ich hatte nicht die gleichen Wurzeln. Ich war eine Touristin, eine Voyeurin, die nur für kurze Zeit in diese Welt eintauchte. Und das machte mich traurig.Die Suche beginnt
Ich setzte mich auf einen kleinen Platz, beobachtete das Treiben um mich herum und trank meinen Kaffee. Die Sonne brach durch die Wolken und tauchte die Stadt in ein goldenes Licht. Es war ein schöner Moment, ein Moment der Ruhe und Besinnung. Ich fragte mich, ob ich hier wirklich Antworten finden würde. Ob ich hier wirklich zu mir selbst finden würde. Die Reise hatte gerade erst begonnen, und ich hatte das Gefühl, dass sie mich an Orte führen würde, die ich mir noch nicht einmal vorstellen konnte. Und vielleicht war das ja auch gut so.Ich nippte an meinem Kaffee, die Sonne wärmte mein Gesicht, und spürte eine leichte Erleichterung. Vielleicht war diese Reise doch keine dumme Idee. Vielleicht konnte ich hier wirklich etwas finden, etwas, das mir schon lange fehlte.Der Markt von La Ribera: Ein überwältigendes Erlebnis
Am nächsten Tag beschloss ich, den Markt von La Ribera zu besuchen, den größten überdachten Markt Europas. Schon von außen war er beeindruckend, ein riesiges, metallenes Gerüst, das sich entlang des Flusses Nerbión erstreckte. Drinnen dann eine Kakophonie aus Geräuschen, Gerüchen und Farben. Fischhändler riefen ihre Ware an, Metzger präsentierten ihre Fleischstücke, Gemüsehändler boten ihre Ernte an. Es war überwältigend, chaotisch, aber auch unglaublich lebendig. Ich verirrte mich in den Gängen, probierte Oliven, Käse, Chorizo. Ein älterer Herr drückte mir eine getrocknete Chilischote in die Hand und grinste. Ich versuchte, ihn zu fragen, wie scharf sie ist, aber er sprach kein Wort Englisch. Wir verstanden uns trotzdem, mit Gesten und Lächeln. Ich kaufte ein paar Datteln und einen kleinen Laib Brot. Einfach so, um etwas von diesem Ort mitzunehmen.Getzaria – Auf den Spuren von Balenciaga
Ich hatte gelesen, dass in der Nähe von Bilbao das kleine Küstenstädtchen Getaria liegt, die Geburtsstadt des berühmten Modedesigners Cristóbal Balenciaga. Ein Tagesausflug schien mir eine gute Idee. Die Fahrt dorthin führte entlang der Küstenstraße, mit Blick auf das raue Meer und die steilen Klippen. Getaria selbst war malerisch, mit engen Gassen und weißen Häusern. Ich besuchte das Balenciaga-Museum, das in einem restaurierten Palast untergebracht war. Die Ausstellung war beeindruckend, mit einer großen Auswahl an Kleidern und Entwürfen des Designers. Ich war überrascht, wie innovativ und mutig seine Kreationen waren. Es war mehr als nur Mode, es war Kunst. Ich schlendete durch die Gassen, aß in einem kleinen Restaurant frisch gegrillten Fisch und genoss die entspannte Atmosphäre.Ein kleiner Fauxpas in der Altstadt
Zurück in Bilbao wollte ich noch einmal durch die Altstadt schlendern. Ich hatte mir vorgenommen, mir eine Pintxos-Bar auszusuchen, die mir sympathisch aussah, und dort zu Mittag zu essen. Ich entdeckte eine kleine Bar, die sehr gut besucht war, und drängte mich an die Theke. Ich bestellte ein Glas Wein und ein paar Pintxos, aber ich achtete nicht darauf, dass die Pintxos auf kleinen Stäbchen befestigt waren. Ich nahm mir einen Pintxo und biss hinein, und plötzlich spießte ich mir ein Stäbchen in den Gaumen. Es tat höllisch weh, und ich spuckte den Pintxo sofort aus. Die Leute an der Theke lachten, und ich errötete. Ich versuchte, es mit Humor zu nehmen, aber es war trotzdem peinlich. Ein freundlicher Barkeeper half mir, das Stäbchen zu entfernen, und brachte mir sofort ein Glas Wein als Entschädigung. Ich lernte schnell, dass man die Pintxos nicht einfach so essen darf.Die Suche nach dem "Etwas" geht weiter
Ich saß am Abend auf meiner Hotelterrasse, blickte auf die Stadt und dachte über die letzten Tage nach. Ich hatte viel gesehen, viel erlebt, viel probiert. Aber hatte ich auch etwas gefunden? Ich war mir nicht sicher. Vielleicht war ich einfach zu sehr damit beschäftigt, nach etwas zu suchen, anstatt den Moment zu genießen. Oder vielleicht war das "Etwas", das ich suchte, gar nicht so einfach zu finden. Vielleicht musste ich einfach nur geduldig sein und mich dem Fluss des Lebens hingeben. Die Reise war noch lange nicht vorbei, und ich hatte das Gefühl, dass noch viele Überraschungen auf mich warteten – und dass die eigentliche Antwort vielleicht gar nicht in den Städten, Museen oder Pintxos lag, sondern in der Art und Weise, wie ich die Reise selbst erlebte.Die letzten Tage in Bilbao waren geprägt von einem seltsamen Wechselspiel zwischen dem Genuss der kleinen Dinge und dem nagenden Gefühl, dass ich immer noch nicht wirklich wusste, was ich hier eigentlich suchte. Ich hatte mich an das bunte Treiben in der Altstadt gewöhnt, an die kleinen Pintxos-Bars, an das ständige Geplapper und Gelächter. Ich hatte versucht, mich treiben zu lassen, mich dem Rhythmus der Stadt anzupassen. Aber irgendetwas fehlte.
Die Suche nach Authentizität
Ich glaube, ich hatte gehofft, hier eine Art Erleuchtung zu finden, eine klare Antwort auf die Frage, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Aber das Leben ist eben nicht so einfach. Es gibt keine einfachen Antworten, keine vorgefertigten Lösungen. Und vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht geht es ja gerade darum, die Ungewissheit zu akzeptieren, die Fragen zu stellen und sich auf den Weg zu machen, ohne genau zu wissen, wohin er führt.
Der Strand von Getaria – eine kurze Flucht
Ich unternahm noch einen Ausflug zum Strand von Getaria, einem kleinen, aber feinen Strand unterhalb der Stadt. Das Meer war rau, der Wind peitschte über die Klippen. Ich saß dort eine Weile, beobachtete die Wellen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Es war ein beruhigender Moment, eine kurze Flucht vor dem Trubel der Stadt. Aber auch hier fand ich keine endgültigen Antworten.
Ein Gespräch am Markt
Eines Morgens kehrte ich auf den Markt von La Ribera zurück. Ich sprach mit einem älteren Fischhändler, der seit über vierzig Jahren hier arbeitete. Er erzählte mir von seinem Leben, von den Höhen und Tiefen, von den Freuden und Sorgen. Er sagte, das Leben sei wie das Meer: manchmal ruhig und friedlich, manchmal stürmisch und unberechenbar. Aber egal was passiert, man muss immer den Mut haben, weiterzusehen und das Beste daraus zu machen.
Ein Fazit – und ein paar Tipps
Bilbao hat mich nicht verändert, aber es hat mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen. Ich habe gelernt, dass es okay ist, nicht alles zu wissen, dass es okay ist, Fehler zu machen und dass es okay ist, sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was man wirklich will. Ich habe auch gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen: ein gutes Essen, ein schönes Gespräch, ein warmer Sonnenstrahl.
Wenn ich jemandem eine Reise nach Bilbao empfehlen würde, würde ich ihm sagen, er soll sich nicht zu viele Erwartungen machen. Bilbao ist keine Stadt, die man