Südamerika - Chile - Santiago de Chile

Reisebericht Südamerika - Chile - Santiago de Chile

Der Geruch von feuchtem Beton und süßlichem Abgas hing in der Luft, als ich aus dem Bus stieg. Santiago de Chile. Es war heißer, als ich erwartet hatte, und die Sonne schien grell auf den grauen Asphalt. Vierzig Jahre, ein Job, der mich aushöhlte, und eine Ehe, die im Stillen an ihrem Gewicht zerbrach – das war die Bilanz, die ich im Gepäck hatte, als ich den Absprung gewagt hatte. Nicht irgendeine Urlaubsreise, das war klar. Eher eine Art Inventur.

Erste Orientierung

Ich hatte mir ein kleines Apartment in Lastarria gemietet, einem Viertel, das als künstlerisch und bohemisch beschrieben wurde. Die Gegend wirkte… ordentlich. Nicht heruntergekommen, aber auch nicht so lebendig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eher so, als hätte man versucht, das Leben in eine sehr saubere Schablone zu pressen. Das Apartment selbst war zweckmäßig, mit einem kleinen Balkon, der auf eine belebte Straße blickte. Überall hingen bunte Wahlplakate, die Vorboten der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen. Ich war im November angekommen, die politische Stimmung war spürbar, aber es schien, als hätte sich die Stadt darauf eingestellt, einfach weiterzumachen, als wäre nichts. Eine gewisse Resignation lag in der Luft.

Der Preis der Bequemlichkeit

Ich hatte mich jahrelang in einem goldenen Käfig aufgehalten. Ein sicherer Job, ein schönes Haus, ein passender Ehemann. Alles, wovon mir gesagt wurde, dass ich es haben sollte. Aber irgendwann hatte ich gemerkt, dass dieses „Sollte“ nicht mehr mit dem übereinstimmte, was ich wirklich wollte. Oder vielleicht hatte ich es nie richtig gewusst. Ich hatte mich zu sehr darauf konzentriert, Erwartungen zu erfüllen, anstatt auf meine eigene innere Stimme zu hören. Das klang jetzt alles sehr pathetisch, wenn ich es so aufschrieb, aber es war die Wahrheit. Und es fühlte sich an, als hätte ich eine ganze Menge aufzuholen.

Mehr als nur Postkartenmotive

Natürlich hatte ich auch die typischen Touristenattraktionen abgeklappert. Das Plaza de Armas, die Catedral Metropolitana, den Cerro Santa Lucía. Alles beeindruckend, aber eben auch irgendwie… inszeniert. Die vielen Menschen, die Selfies machten, die Verkäufer, die Souvenirs anpriesen – es fühlte sich an, als würde man eine Kulisse betrachten, anstatt das echte Leben. Ich versuchte, mich tiefer hineinzukämpfen, in die Seitenstraßen, in die kleinen Cafés, auf die Märkte. Dort sah ich dann das andere Santiago. Die älteren Frauen, die auf dem Mercado Central ihre Einkäufe erledigten, die Straßenmusiker, die mit ihren Gitarren für ein paar Pesos spielten, die Studenten, die auf den Stufen der Universitäten diskutierten. Diese Menschen wirkten authentischer, echter. Aber auch sie schienen von einer gewissen Müdigkeit geprägt. Als würden sie mit einer Last leben, die sie nicht abschütteln können.

Die Suche nach Antworten

Ich begann, mich mit der chilenischen Geschichte auseinanderzusetzen. Die Militärdiktatur, die Pinochet so lange am Leben erhalten hatte, hatte tiefe Wunden hinterlassen. Die Narben waren noch immer sichtbar, nicht nur in den Ruinen der verlassenen Gefängnisse, sondern auch in den Augen der Menschen. Ich merkte, dass ich nicht einfach nur auf der Suche nach mir selbst war, sondern auch nach Antworten auf die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit umgehen kann. Und ob es überhaupt möglich ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es war eine komplizierte Frage, und ich hatte das Gefühl, dass ich noch lange danach suchen würde. Aber ich begann zu verstehen, dass meine eigene kleine persönliche Krise Teil eines viel größeren Ganzen war. Und vielleicht, nur vielleicht, konnte ich hier, in diesem fernen Land, einen neuen Sinn finden. Die Tage vergingen, und ich begann, mich langsam in der Stadt zurechtzufinden, die immer noch ein Rätsel für mich blieb. Doch während ich mich immer tiefer in ihre Straßen und ihre Geschichten verstrickte, spürte ich, dass ich mich auf einer Reise befand, die weit über meine ursprünglichen Erwartungen hinausgehen würde.

Bellavista und die Schatten der Vergangenheit

Ich verbrachte ein paar Tage in Bellavista, dem Künstlerviertel. Es war chaotisch, bunt und voller Leben. La Paloma, die berühmte Bar, war ein Magnet für Touristen und Einheimische. Ich saß dort, trank ein chilenisches Bier und beobachtete das bunte Treiben. Aber selbst hier, inmitten all der Kreativität und des Spaßes, spürte ich eine gewisse Melancholie. Die Wände waren mit Graffitis bedeckt, viele davon politische Botschaften, Mahnungen an die Vergangenheit. Ich versuchte, mich mit einem jungen Maler anzuschließen, der gerade ein Porträt von Salvador Allende anfertigte. Er erzählte mir von seiner Familie, die unter der Diktatur gelitten hatte, von Verhaftungen und Verschwindenlassen. Sein Blick war ernst, voller Schmerz, aber auch voller Entschlossenheit. Es war, als ob er mit seinem Pinsel versuchte, die Wunden der Vergangenheit zu heilen.

Ein Ausflug nach Valparaíso

Ein Tagesausflug nach Valparaíso war ein Muss. Die steilen Hügel, die bunten Häuser, die schmalen Gassen – es war wie eine Postkarte. Aber auch hier war es nicht alles idyllisch. Die Armut war allgegenwärtig, die Häuser verfielen, die Straßen waren schmutzig. Ich verirrte mich in den Gassen und landete in einem Viertel, das kaum touristische Füße zu sehen bekam. Eine ältere Frau bot mir einen Tee an und erzählte mir von ihrem Leben. Sie hatte als junge Frau in einer Fabrik gearbeitet und sich während der Diktatur für die Rechte der Arbeiter eingesetzt. Sie hatte viel durchgemacht, aber sie hatte ihren Lebensmut nicht verloren. Sie sagte, dass die wichtigste Lektion, die sie gelernt hatte, darin bestand, niemals aufzugeben.

Pannen und kleine Wunder

Ich hatte auch meine kleinen Pannen. Einmal versuchte ich, mit dem Bus zu einem Weingut außerhalb der Stadt zu fahren. Ich stieg in den falschen Bus, fuhr in die falsche Richtung und landete in einem Viertel, das nicht auf der Karte verzeichnet war. Ich war kurz davor, in Panik zu geraten, als ein junger Mann mich ansprach und mir den Weg zu zeigen begann. Er sprach kaum Englisch, aber wir verstanden uns mit Händen und Füßen. Er begleitete mich bis zur nächsten Bushaltestelle und weigerte sich, ein Trinkgeld anzunehmen. Es war eine kleine Geste, aber sie bedeutete mir viel. Es erinnerte mich daran, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die bereit sind, anderen zu helfen.

Die Suche geht weiter

Ich begann, die chilenische Küche zu entdecken. Empanadas, Pastel de Choclo, Cazuela – alles köstlich. Aber ich stellte fest, dass ich nicht nur den Geschmack, sondern auch die Geschichte hinter den Gerichten kennenlernen wollte. Ich besuchte einen Kochkurs und lernte von einer älteren Dame, die seit Generationen traditionelle chilenische Gerichte zubereitete. Sie erzählte mir, dass jedes Gericht eine Geschichte zu erzählen hatte, eine Verbindung zur Vergangenheit. Und während ich die Zutaten schnitt und die Töpfe rührte, spürte ich, dass ich nicht nur ein Gericht, sondern auch ein Stück chilenische Seele zubereitete. Die Tage in Santiago vergingen wie im Flug, und während ich mich immer tiefer in die Stadt verstrickte, erkannte ich, dass meine Reise noch lange nicht zu Ende war, sondern sich erst richtig zu entfalten begann.

Die letzten Wochen in Santiago waren… kompliziert. Nicht im negativen Sinne, aber eben auch nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war nicht hier, um Postkartenmotive zu sammeln oder den perfekten Urlaub zu erleben. Ich war hier, um mich selbst zu finden, oder zumindest herauszufinden, was von mir übrig geblieben war. Und das ist kein leichter Prozess.

Mehr als nur eine Reise

Es ist schon ironisch, dass ich, die ich mein Leben lang geplant und organisiert habe, jetzt in einem fremden Land versuchte, mich treiben zu lassen. Ich hatte mich von meinen Erwartungen befreien wollen, aber es war schwieriger, als ich gedacht hatte. Immer wieder schlich sich die Angst ein, die Kontrolle zu verlieren, etwas zu verpassen. Ich musste lernen, dass es okay war, nicht alles zu wissen, nicht alles zu verstehen. Dass das Leben nicht immer einen klaren Plan hat.

Die Stille in der Bewegung

Ich begann, lange Spaziergänge zu machen, ohne ein bestimmtes Ziel. Ich verirrte mich in den Gassen von Lastarria, beobachtete die Menschen, lauschte den Geräuschen der Stadt. Ich lernte, die kleinen Dinge zu schätzen: den Duft von frisch gebackenem Brot, das Lächeln eines Fremden, die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Diese Momente der Stille in der Bewegung waren oft wertvoller als alle Sehenswürdigkeiten.

Gespräche am Rande

Ich lernte einige interessante Menschen kennen: einen alten Straßenkünstler, der mir von seinem Leben erzählte, eine junge Studentin, die für die Rechte der indigenen Bevölkerung kämpfte, einen Koch, der seine Leidenschaft für die chilenische Küche mit mir teilte. Diese Begegnungen waren oft zufällig, aber sie bereicherten mein Leben auf eine Weise, die ich nie erwartet hätte. Ich merkte, dass es nicht darauf ankommt, wer du bist oder woher du kommst, sondern darauf, wie du mit anderen Menschen umgehst.

Die Rückkehr ins Leben

Ich glaube, ich habe in Santiago nicht die Antwort auf alle meine Fragen gefunden. Aber ich habe gelernt, mich selbst besser zu verstehen. Ich habe gelernt, meine Stärken und Schwächen zu akzeptieren, meine Ängste zu überwinden, meine Träume zu verfolgen. Ich bin nicht mehr die Frau, die vor einigen Wochen hierher gekommen ist. Ich bin stärker, selbstbewusster, authentischer. Ich habe gelernt, dass das Leben nicht perfekt sein muss, um schön zu sein.

Ein paar Gedanken zum Mitnehmen

Wenn ich jemandem eine Reise nach Santiago empfehlen würde, würde ich ihm sagen, er solle nicht nur die Sehenswürdigkeiten besuchen, sondern auch versuchen, in das Leben der Stadt einzutauchen. Sprich mit den Menschen, probiere die lokale Küche, entdecke die versteckten Ecken. Lass dich treiben, sei offen für neue Erfahrungen, sei bereit, dich selbst zu hinterfragen. Und vergiss nicht, die kleinen Dinge zu schätzen.

Ich werde Santiago nicht vergessen. Es war eine Reise, die mein Leben verändert hat. Eine Reise, die mich gelehrt hat, dass das Glück nicht darin besteht, das perfekte Leben zu führen, sondern darin, das Leben mit all seinen Schatten und Licht zu akzeptieren.

    👤 Backpackerin Anfang 20 mit sehr kleinem Budget ✍️ experimentell und unkonventionell