Ibiza: Mehr als nur Party
Eine Laune des Lebens
Eigentlich wollte ich ja wieder die Pyrenäen durchwandern. Eine lange, einsame Tour, nur ich und die Berge. Aber dann hatte mich eine alte Sehnsucht übermannt. Eine Erinnerung an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich mit einem Kumpel hier war, noch jung und unbeschwert. Wir hatten tagelang einfach nur am Strand gelegen, Gitarre gespielt und das Leben genossen. Dieser Kumpel, Thomas, ist vor zwei Jahren gestorben. Und plötzlich, ganz unerwartet, hatte ich das Bedürfnis, an diesen Ort zurückzukehren. Nicht um zu trauern, sondern um mich an die schönen Zeiten zu erinnern. Und vielleicht, ganz vielleicht, um ein bisschen von dieser alten Leichtigkeit wiederzufinden.Der Rucksack und die Suche
Ich bin ja kein klassischer Urlauber. Ich brauche keine Luxushotels und All-Inclusive-Angebote. Mir reichen ein einfacher Schlafplatz, gutes Essen und die Möglichkeit, die Natur zu erkunden. Deshalb hatte ich mir eine kleine Finca gemietet, etwas abseits vom Trubel, in der Nähe eines kleinen Dorfes im Landesinneren. Die Idee war, ein paar Tage am Strand zu verbringen, dann ein paar Wanderungen durch das Inselinnere zu unternehmen und einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht zu sehr zu planen, sondern einfach auf den Tag zu schauen und mich treiben zu lassen.Der Transfer zum Finca dauerte eine ganze Weile. Der Taxifahrer, ein älterer Mann mit einem wettergegerbten Gesicht, sprach kaum ein Wort. Er kannte offensichtlich jede Ecke der Insel und fuhr mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit über die kurvigen Landstraßen. Die Landschaft war überraschend vielfältig. Karge Felsen, grüne Pinienwälder, Olivenhaine und Weinberge wechselten sich ab. Immer wieder tauchten kleine, weiß getünchte Dörfer auf, die sich an die Hänge klammerten. Es roch nach wilden Kräutern und warmer Erde.
Erste Schritte
Die Finca war noch bescheidener, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ein einfaches Steinhaus mit einem kleinen Garten und einer Terrasse mit Blick auf das Meer. Aber es war sauber und gemütlich und hatte alles, was ich brauchte. Die Vermieterin, eine freundliche Frau namens Maria, begrüßte mich herzlich und gab mir ein paar Tipps für die Umgebung. Sie empfahl mir einen kleinen, versteckten Strand, der nicht so überlaufen sei, und einen Wanderweg, der zu einer alten Festung führen sollte.Ich packte meinen Rucksack aus, stellte die Thermoskanne bereit und machte mich auf den Weg. Der Strand, den Maria mir empfohlen hatte, war tatsächlich ein kleines Paradies. Feiner, weißer Sand, türkisfarbenes Wasser und eine bizarre Felsformation, die dem Ganzen eine besondere Atmosphäre verlieh. Es waren nur wenige Leute dort, hauptsächlich Einheimische. Ich legte mich in den Sand, schloss die Augen und lauschte dem Rauschen der Wellen. Für einen Moment war ich ganz bei mir, frei von allen Sorgen und Gedanken. Es war, als ob die Insel all meine Last abnehmen wollte.
Am Abend saß ich auf der Terrasse, trank einen Glas Wein und beobachtete den Sonnenuntergang. Der Himmel färbte sich in den schönsten Farben, von leuchtendem Orange über tiefes Rot bis hin zu sanftem Violett. Ich dachte an Thomas, an unsere gemeinsamen Erlebnisse und an die vielen schönen Momente, die wir geteilt hatten. Er hätte diesen Ort geliebt. Und ich wusste, dass ich hier, auf dieser Insel, einen Teil von ihm wiederfinden konnte. Die ersten Tage vergingen wie im Flug. Ich wanderte, schwamm, las und genoss einfach die Ruhe und die Schönheit der Insel. Aber ich spürte auch, dass ich noch etwas suchte, etwas, das über das bloße Entspannen hinausging. Und ich ahnte, dass ich dafür tiefer in das Inselinnere vordringen musste, um die verborgenen Schätze Ibizas zu entdecken.
Die kommenden Tage würden zeigen, ob meine Vorahnung richtig war, und welche Pfade mich noch auf dieser faszinierenden Insel erwarten würden.Das Herz der Insel
Ich hatte recht. Die Küste war schön, keine Frage, aber das wahre Ibiza versteckte sich im Landesinneren. Ich beschloss, mich auf den Weg nach Santa Gertrudis zu machen, einem kleinen Dorf im Zentrum der Insel. Maria hatte mir erzählt, dass es dort einen Markt gibt, auf dem man lokale Produkte kaufen kann. Und ich wollte unbedingt mehr von der ibizenkischen Küche probieren.Ein Dorf wie aus der Zeit gefallen
Die Fahrt dorthin führte mich durch eine Landschaft aus Olivenhainen und Mandelbäumen. Immer wieder tauchten kleine, weiß getünchte Bauernhäuser auf, die von blühenden Büschen umgeben waren. In Santa Gertrudis angekommen, war ich sofort begeistert. Das Dorf wirkte, als wäre die Zeit stehen geblieben. Enge Gassen, alte Steinhäuser, eine wunderschöne Kirche und ein lebhafter Marktplatz. Überall Menschen, die sich unterhielten, lachten und ihre Einkäufe erledigten. Ich schlenderte über den Markt, probierte Käse, Oliven und frisches Brot. Kaufe ein paar Tomaten, die so rot und saftig aussahen, dass ich sie sofort essen wollte. Und natürlich durfte eine Flasche lokalen Weins nicht fehlen. Ich setzte mich in ein kleines Café, bestellte einen Kaffee und beobachtete das Treiben. Es war herrlich, einfach nur dazusitzen und das Leben zu genießen.Verirrte Pfade und unerwartete Begegnungen
Am nächsten Tag wagte ich mich auf einen der Wanderwege, die zu einer alten Festung führen sollten. Maria hatte mir eine Karte gegeben, aber ich muss gestehen, dass ich mich schon bald verlaufen hatte. Die Markierungen waren nicht immer deutlich erkennbar und ich hatte mich von der Hauptroute abseits begeben. Aber ich war nicht enttäuscht. Im Gegenteil, ich genoss die Abwechslung. Ich wanderte durch dichte Pinienwälder, über karge Felsen und durch duftende Macchia. Und dann, plötzlich, traf ich auf einen alten Mann, der auf einem Esel saß. Er war Hirte und verbrachte sein ganzes Leben mit seinen Tieren auf der Insel. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir Geschichten über Ibiza, über seine Geschichte, seine Kultur und seine Traditionen. Er lud mich zu einem einfachen Mittagessen in seine Hütte ein. Es gab Brot, Käse, Oliven und einen selbstgemachten Wein. Es war ein unvergessliches Erlebnis.Dalt Vila – Ein Blick in die Vergangenheit
Ein paar Tage später besuchte ich Dalt Vila, die Altstadt von Ibiza-Stadt. Eine beeindruckende Festungsanlage, die auf einem Hügel thront und einen atemberaubenden Blick auf das Meer bietet. Ich wanderte durch die engen Gassen, besuchte die Kathedrale und das archäologische Museum und ließ die Geschichte der Insel auf mich wirken. Es war faszinierend, zu sehen, wie viele verschiedene Kulturen im Laufe der Jahrhunderte auf Ibiza ihre Spuren hinterlassen hatten. Ich verbrachte Stunden damit, durch die Altstadt zu schlendern, die kleinen Geschäfte zu erkunden und in einem der vielen Restaurants zu Mittag zu essen. Am Abend saß ich auf einer der alten Mauern und beobachtete den Sonnenuntergang. Es war ein magischer Moment. Die Zeit auf Ibiza verging viel zu schnell. Ich hatte zwar nicht alle Wanderwege erkundet und nicht alle Sehenswürdigkeiten besichtigt, aber ich hatte etwas viel Wichtigeres gefunden: ein Stück meiner Seele wiedergefunden und die Erkenntnis, dass die schönsten Erlebnisse oft die unerwarteten sind, und die Suche nach der inneren Ruhe noch lange nicht abgeschlossen ist.Der letzte Morgen. Ich saß noch einmal auf der Terrasse, trank meinen Kaffee und blickte aufs Meer. Es war still, friedlich. Nur das leise Rauschen der Wellen und das Zwitschern der Vögel. Ich versuchte, das Gefühl einzufangen, diese besondere Atmosphäre, die Ibiza so einzigartig macht. Es ist mehr als nur Sonne, Strand und Partys. Es ist eine Insel mit einer reichen Geschichte, einer vielfältigen Natur und einer warmherzigen Bevölkerung.
Das Loslassen und die kleinen Dinge
Ich hatte vor der Reise eine Vorstellung davon, was ich hier finden würde. Ich wollte wandern, die Natur genießen und einfach zur Ruhe kommen. Und das habe ich auch getan. Aber ich habe noch etwas anderes gefunden: die Fähigkeit, loszulassen und die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Die Begegnung mit dem alten Hirten, das einfache Mittagessen in seiner Hütte, das Gespräch mit den Einheimischen auf dem Markt – das sind die Momente, die mir am meisten in Erinnerung bleiben. Es sind nicht die großen Sehenswürdigkeiten oder die teuren Restaurants, die ein Reiseerlebnis ausmachen, sondern die kleinen, authentischen Momente, die man mit offenen Augen und einem offenen Herzen erlebt.
Der Abschied und die Erkenntnis
Am Flughafen angekommen, stand ich noch einmal am Fenster und blickte auf die Insel. Sie lag da, strahlend in der Sonne, ein kleines Juwel im Mittelmeer. Ich wusste, dass ich wiederkommen würde. Nicht sofort, vielleicht nicht nächstes Jahr, aber irgendwann. Denn Ibiza hat einen Teil von mir erobert, einen Teil meiner Seele. Und ich habe einen Teil von mir hier gelassen.
Ein paar Gedanken zum Mitnehmen
Wenn ich jemandem eine Reise nach Ibiza empfehlen würde, dann würde ich ihm sagen, er soll nicht nur am Strand liegen und feiern. Er soll die Insel erkunden, die Natur genießen, die Einheimischen kennenlernen und sich einfach treiben lassen. Er soll sich Zeit nehmen, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und die Fähigkeit zu entwickeln, loszulassen.
Ibiza ist mehr als nur eine Partyinsel. Es ist ein Ort der Ruhe, der Schönheit und der Inspiration. Ein Ort, an dem man sich selbst wiederfinden kann.
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- Dalt Vila – die Altstadt von Ibiza-Stadt
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- Der kleine, versteckte Strand, den Maria empfohlen hat (ohne Namen)
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- Archäologisches Museum in Ibiza-Stadt
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- Santa Gertrudis – das kleine Dorf im Zentrum der Insel