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Groningen: Ein alter Mann entdeckt die Moderne (und Seetang)

Der Geruch von frisch gebackenen Poffertjes hing in der Luft, vermischt mit einer leichten Brise, die irgendwie nach Kanalwasser und Freiheit roch. Ich stand also da, am Bahnhof Groningen, ziemlich überwältigt und mit einem Koffer, der wahrscheinlich mehr wog als ich selbst. Zugegeben, ich hatte mir die Niederlande ein bisschen anders vorgestellt. Irgendwie mehr Tulpenfelder und Windmühlen, weniger… moderne Architektur und Fahrradchaos. Aber hey, ich bin ja nicht mehr der Jüngste, da muss man flexibel sein.

Warum Groningen? Eine etwas längere Geschichte

Die Frage stellt sich ja immer: Warum gerade Groningen? Nun, meine Enkelin Klara studiert hier. Diese Klara, ein Wirbelwind aus Energie und politischem Bewusstsein. Sie meinte, ich solle mal kommen, „um zu sehen, wie es wirklich ist, Opapa“. Ich vermute, damit ich endlich aufhöre, von meinen Zeiten in Paris zu schwadronieren und erkenne, dass die Welt sich weiterdreht. Und da hatte sie wohl Recht. Paris ist schön und gut, aber hier in Groningen pulsiert eine ganz andere Art von Leben. Eine irgendwie… bodenständigere.

Ich bin ja eher der Typ für klassische Musik und Gemäldegalerien, Klara ist eher so die Aktivistin, die jeden Freitag demonstriert. Ein bisschen ein Gegensatz, wenn man so will. Aber das ist ja das Schöne an der Familie, oder? Man lernt voneinander, auch wenn man sich manchmal nicht versteht. Und ganz ehrlich, ich brauchte mal eine Veränderung. Meine routine hier in München war einfach zu… vorhersehbar. Jeden Tag die gleiche Zeitung, die gleichen Spaziergänge, die gleichen Gespräche mit Frau Schmidt über ihren Kater. Man wird eben alt und eingerostet.

Die Ankunft und erste Eindrücke

Der Bahnhof selbst ist ein ziemlich beeindruckendes Gebäude, so richtig mit viktorianischer Pracht. Aber direkt davor herrschte das pure Chaos. Fahrräder überall, Menschen, die umherhuschten, ein Klingeln, das einen fast wahnsinnig macht. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Tourist in einem fremden Land – was ich ja auch war. Zum Glück hatte Klara zugesagt, mich abzuholen. Ich entdeckte sie dann auch bald, inmitten des Fahrradchaos, mit einem riesigen, selbstgestrickten Schal und einem noch größeren Lächeln.

„Opapa!“, rief sie und umarmte mich. „Schön, dass du da bist!“ Ihre Energie war ansteckend. Sie half mir, meinen Koffer auf ihr Lastenrad zu laden – eine ziemlich wackelige Angelegenheit, muss ich sagen – und dann ging es los. Die Fahrt durch die Stadt war… interessant. Kleine, verwinkelte Gassen, alte Häuser, die irgendwie schief zu sein schienen, und überall diese Fahrräder. Ich hatte das Gefühl, wir könnten jeden Moment unter einem Haufen Drahtesel begraben werden.

Unterkunft und erste Erkundungen

Klaras Wohnung ist… nun, sagen wir mal, „studentisch“. Klein, aber fein, mit einer Mischung aus Vintage-Möbeln, bunten Kissen und Büchern, die bis zur Decke stapeln. Aber es war sauber und gemütlich, und das ist ja das Wichtigste. Nach einer Tasse Kaffee und einem kurzen Plausch machten wir uns auf den Weg, um die Stadt zu erkunden. Klara hatte einen ziemlich vollen Terminkalender für mich zusammengestellt: Museen, Galerien, Theater, historische Gebäude – und natürlich eine Führung durch den botanischen Garten. Ich fragte mich, ob ich das alles auch wirklich schaffen würde, aber Klara meinte nur: „Opapa, du bist ja noch jung!“

Die erste Station war das Groninger Museum, ein wirklich beeindruckendes Gebäude in Form eines futuristischen Raumschiffs. Die Ausstellung war… nun, sagen wir mal, „modern“. Ich bin ja eher der Freund von Rembrandt und Vermeer, aber ich habe versucht, mich auf die neue Kunst einzulassen. Ein paar Installationen waren wirklich interessant, andere waren einfach nur… verwirrend. Aber hey, das ist ja Geschmackssache, oder? Und zumindest war es mal eine Abwechslung.

Nach dem Museum ging es weiter durch die Stadt. Wir schlenderten entlang des Kanals, vorbei an kleinen Cafés und Geschäften, und Klara erzählte mir von der Geschichte und Kultur der Stadt. Ich merkte langsam, dass Groningen mehr zu bieten hatte, als ich erwartet hatte. Es war eine lebendige, vielseitige Stadt mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Und ich begann, mich langsam wohlzufühlen. Obwohl ich immer noch ein bisschen Angst um meinen Koffer hatte.

Nach einem Tag voller Eindrücke und neuen Entdeckungen kehrten wir müde, aber zufrieden in Klaras Wohnung zurück. Ich freute mich auf ein warmes Bad und ein gutes Buch. Und ich war gespannt darauf, was die nächsten Tage bringen würden. Ich hatte das Gefühl, dass diese Reise mehr als nur ein Besuch bei meiner Enkelin werden würde. Es war eine Chance, neue Perspektiven zu gewinnen, meinen Horizont zu erweitern und vielleicht sogar ein bisschen jünger zu werden. Jetzt, wo ich mit dem ersten Teil meiner Erkundungstour fertig war, war ich gespannt, welche kulturellen Schätze Groningen noch für mich bereithalten würde.

Ein Spaziergang durch den A-Kwartier und die Grote Markt

Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück, das hauptsächlich aus Müsli und Klaras enthusiastischen Erzählungen über nachhaltige Landwirtschaft bestand, machten wir uns auf den Weg in den A-Kwartier. Klara nannte es liebevoll das “Bohemian Viertel”. Ich nannte es chaotisch. Kleine, unabhängige Läden drängten sich aneinander, Vintage-Kleidung hängte an jeder Ecke, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee vermischte sich mit dem von Räucherstäbchen. Ich fühlte mich plötzlich wie in einem Paralleluniversum. Es war… interessant. Wir stöberten in einem Plattenladen, wo ich versuchte, mich mit der aktuellen Musikszene vertraut zu machen – ein vergeblicher Versuch, muss ich sagen – und in einem kleinen Buchladen, wo ich ein antiquarisches Gedichtband entdeckte. Klara schien die Atmosphäre zu genießen, während ich mich bemühte, nicht über die Menschenmassen zu stolpern.

Danach ging es zur Grote Markt, dem Hauptplatz von Groningen. Ein beeindruckender Platz, umgeben von historischen Gebäuden und belebtem Leben. Dort steht auch das Martiniturm, ein riesiger, gotischer Turm, der angeblich die beste Aussicht über die Stadt bietet. Klara bestand darauf, dass wir ihn besteigen. Ich, der Höhenangst leidende Rentner, stimmte widerwillig zu. Die Treppen waren eng, steil und schienlos. Ich kämpfte mich Meter für Meter nach oben, während meine Beine zu Pudding wurden und mein Herz schneller schlug als ein Kolibri. Aber dann, oben angekommen… die Aussicht war tatsächlich atemberaubend. Man konnte die ganze Stadt überblicken, die roten Ziegeldächer, die grünen Parks und die vielen Fahrräder. Ich musste zugeben, dass es sich gelohnt hatte.

Kultureller Fauxpas im Stripmuseum

Am Nachmittag hatten wir einen Besuch im Stripmuseum geplant – dem Comic-Museum. Klara ist eine begeisterte Comic-Leserin, ich eher ein Kenner klassischer Literatur. Ich dachte, ein kurzer Besuch wäre eine nette Geste. Falsch gedacht. Das Museum war voll von jungen Leuten, die begeistert Comics lasen und diskutierten. Ich, der alte Mann, der kaum den Unterschied zwischen Superman und Spiderman kennt, fühlte sich fehl am Platz. Und dann passierte es: Ich verwechselte einen bekannten Comic-Helden mit einem mittelalterlichen Ritter. Die junge Frau neben mir, die sich gerade einen Comic ansah, sah mich entsetzt an. „Das ist doch Batman!“, zischte sie. Ich murmelte eine Entschuldigung und zog mich diskret zurück. Klara, die das Ganze mitbekommen hatte, grinste verschmitzt. „Opapa, du bist unverbesserlich!“, rief sie. Ich seufzte. Ich würde wohl nie die Popkultur verstehen.

Ein Abend im Stadsschouwburg und ein kulinarisches Missverständnis

Am Abend besuchten wir das Stadsschouwburg, das Stadttheater. Klara hatte Karten für ein experimentelles Theaterstück besorgt. Ich bin ja eher der Freund von Shakespeare und Schiller, aber ich war bereit, mich auf Neues einzulassen. Das Stück war… nun, sagen wir mal, „ungewöhnlich“. Viel Bewegung, wenig Dialog, und eine verwirrende Handlung. Ich verbrachte den größten Teil des Abends damit, zu versuchen, herauszufinden, was eigentlich passiert. Nach der Vorstellung gingen wir in ein kleines Restaurant essen. Ich bestellte etwas, das ich für einen einfachen Braten hielt. Was ich bekam, war ein Gericht mit seltsamen, grünen Algen und einem undefinierbaren Soße. Ich versuchte, tapfer zu sein, aber nach ein paar Bissen musste ich gestehen, dass es mir nicht schmeckte. Klara lachte. „Opapa, das ist doch Seetang!“, erklärte sie. Ich seufzte. Ich würde wohl nie ein kulinarischer Entdecker werden.

Nach einigen Tagen voller kultureller Erfahrungen und kleiner Pannen begann ich, Groningen wirklich zu schätzen. Es war eine lebendige, vielfältige Stadt mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Und ich hatte gelernt, dass man auch mit über 65 noch neue Dinge entdecken und sich überraschen lassen kann. Obwohl ich immer noch ein bisschen Angst um meinen Koffer hatte, und ich nicht ganz verstand, was die jungen Leute heutzutage machten, begann ich mich wohlzufühlen. Und ich ahnte, dass diese Reise mehr als nur ein Urlaub werden würde – es war eine Chance, meinen Horizont zu erweitern und ein bisschen jünger zu werden, bevor ich nach München zurückkehren würde.

Die letzten Tage in Groningen flogen vorbei, wie ein Fahrradfahrer im Gegenwind. Ich hatte mich langsam an das ständige Klingeln, die verwinkelten Gassen und die seltsamen kulinarischen Experimente gewöhnt. Zugegeben, es war nicht das Paris meiner Jugend, aber es hatte einen ganz eigenen Charme. Und ich musste zugeben, dass ich mich amüsiert hatte. Amüsiert über mich selbst, über meine Vorurteile und über meine unfähige Versuche, mit der modernen Welt Schritt zu halten.

Ein letzter Kulturschock im Forum Groningen

Klara schleppte mich noch einmal ins Forum Groningen, ein riesiges, futuristisches Gebäude, das aussah, als wäre es von einem Ufo gelandet. Dort gab es eine Ausstellung über virtuelle Realität. Ich, der Mann, der noch nicht einmal richtig mit seinem Smartphone umgehen kann, sollte also in eine virtuelle Welt eintauchen. Ich will euch nicht langweilen, aber es war… überwältigend. Ich stolperte, fiel hin und verwechselte einen virtuellen Drachen mit einem Staubsauger. Klara lachte Tränen. Ich seufzte. Ich war eindeutig nicht für diese neue Welt gemacht.

Abschied vom A-Kwartier und ein letzter Kaffee

Am letzten Tag schlenderten wir noch einmal durch das A-Kwartier, vorbei an den kleinen, unabhängigen Läden und den Vintage-Kleidungsgeschäften. Ich kaufte ein seltsames Buch über moderne Kunst, das ich wahrscheinlich nie lesen werde, aber es sah gut im Regal aus. Wir tranken einen letzten Kaffee in einem kleinen Café und beobachteten das bunte Treiben auf der Straße. Ich merkte, dass ich mich in dieser Stadt wohlgefühlt hatte. Trotz allem.

Ein Fazit und ein paar Tipps

Groningen ist eine Stadt, die überrascht. Sie ist modern und traditionell zugleich, lebendig und entspannt, chaotisch und geordnet. Es ist eine Stadt für junge Leute, aber auch für ältere Semester, die bereit sind, sich auf Neues einzulassen. Ich bin zwar kein junger Mann mehr, aber ich habe gelernt, dass man auch mit 65 noch etwas dazulernen kann. Und ich habe gelernt, dass es Spaß machen kann, aus seiner Komfortzone auszubrechen und sich von neuen Erfahrungen überraschen zu lassen. Ich bin froh, dass ich Klara auf ihrem Rat gefolgt bin und nach Groningen gekommen bin. Es war eine Reise, die ich nicht vergessen werde.

Was man in Groningen unbedingt gesehen haben sollte

    • Das Groninger Museum mit seiner beeindruckenden Architektur und den wechselnden Ausstellungen.
    • Die Grote Markt mit dem Martiniturm, von dem aus man einen herrlichen Blick über die Stadt hat.
    • Das Forum Groningen mit seinen vielfältigen kulturellen Angeboten.
    • Das A-Kwartier, das kreative Viertel mit seinen kleinen Geschäften und Cafés.
👤 Kulturinteressierte (65) die Museen, Galerien und Theater besucht ✍️ humorvoll und ironisch