Europa - Deutschland - Nordsee (St. Peter-Ording)

Ein paar Tage an der See

Der Möwenlärm war überraschend laut. Direkt nach dem Aussteigen aus dem Regionalzug. St. Peter-Ording. Hatte schon lange nicht mehr einen so klaren Geruch nach Salz in der Nase. Und nach Fisch, ganz ehrlich. Nicht unbedingt schlecht, aber präsent.

Ankunft und erster Eindruck

War ein bisschen wackelig, die letzten paar Meter zum Bahnhof. Die Knie machen halt nicht mehr so mit. Aber ich bin angekommen. Alleine. Meine Frau, Hanni, hätte das hier geliebt. War ihr großer Wunsch, nochmal die Nordsee zu sehen. Sie ist jetzt fast zwei Jahre weg. Deswegen bin ich hier. Ein bisschen traurig, klar, aber auch gut. Sie hätte sich gefreut, dass ich es mache.

Der Bahnhof ist klein. Nicht so ein riesiges Ding wie in Hamburg oder Berlin. Eher so ein freundliches Häuschen. Ein paar Leute standen da rum, mit Fahrrädern und Strandkörben. Sah alles recht entspannt aus. Ich hatte nur meinen kleinen Koffer dabei. Brauche ja nicht viel. Ein paar Hemden, Hosen, Pullover. Und natürlich meine Strickjacke. Die ist wichtig, wenn’s abends kühl wird. Das Wetter hier ist immer so eine Sache für sich. Kannst Glück haben, kannst auch Pech haben. Hauptsache, es regnet nicht die ganze Zeit.

Die Pension "Zur alten Küste"

Hab mir vorher eine kleine Pension gebucht. “Zur alten Küste”. Nicht gerade Luxus, aber sauber und günstig. Passt zu mir. Der Weg dahin war nicht weit. So 15 Minuten zu Fuß. Durch so eine kleine Straße, mit ganz normalen Häusern. Ein paar mit Rosenbüschen, ein paar mit kleinen Vorgärten. Alles recht ordentlich. Die Dame an der Rezeption war nett. Ältere Frau, mit grauem Haar und freundlichen Augen. Hat mir gleich den Schlüssel gegeben und noch ein paar Tipps für den Tag. Das Zimmer ist klein, aber gemütlich. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Und ein kleines Fenster, mit Blick auf den Garten. Reicht mir vollkommen aus. Ich brauch ja keinen Palast. Hauptsache, es ist ruhig und sauber.

Warum die Nordsee?

Hanni und ich, wir waren früher oft hier. So in den 70ern und 80ern. Damals mit dem Wohnwagen. Waren viel unterwegs. Frankreich, Italien, Spanien… Aber die Nordsee, die war immer etwas Besonderes. Der Geruch, der Wind, die Weite… Das hat uns immer gut getan. Sie hat immer gesagt, die Nordsee, das ist ihre Therapie. Sie war oft so nervös, so angespannt. Aber hier, am Meer, konnte sie alles vergessen. Das war schön zu sehen.

Jetzt, nach ihrem Tod, wollte ich einfach nochmal hier sein. Um an sie zu denken. Um ihre Ruhe zu spüren. Und um ein bisschen traurig zu sein. Das ist okay. Man muss ja nicht immer happy sein. Manchmal muss man einfach traurig sein. Und das Meer, das versteht das. Das weiß das. Das spürt das.

Ein erster Spaziergang

Nachdem ich mein Gepäck abgestellt hatte, bin ich erstmal losgegangen. Einfach so. Ohne Ziel. Ohne Plan. Wollte nur ein bisschen die Gegend erkunden. Bin erstmal zum Strand gegangen. Der war schon ziemlich voll. Viele Familien, viele Kinder, viele Hunde. Es war ein buntes Treiben. Der Sand war feucht und kühl unter den Füßen. Das hat gut getan. Der Wind hat mir das Gesicht zerzaust. Hat ein bisschen wehgetan, aber auch gut. Ich habe mich einfach treiben lassen. Habe die Möwen beobachtet, die am Himmel kreisten. Habe den Wellen gelauscht, die ans Ufer schlugen. Es war schön. Es war gut. Es war wie ein kleiner Gruß von Hanni.

Ich merkte, dass ich Hunger hatte. Also bin ich in so ein kleines Café gegangen. Hab mir einen Fischbrötchen bestellt. Mit viel Remoulade. Schmeckte gut. So richtig norddeutsch. Danach bin ich noch ein bisschen am Strand entlang gelaufen. Habe ein paar Muscheln gesammelt. Als Andenken. Für mich. Für Hanni. Und dann bin ich zurück zur Pension. Müde. Aber zufrieden.

Es war ein guter erster Tag. Und ich hatte das Gefühl, dass noch viele weitere gute Tage folgen würden. Ich freute mich darauf, diese Zeit hier zu nutzen, um zur Ruhe zu kommen und an schöne Erinnerungen zu denken. Und ich war gespannt darauf, was die nächsten Tage noch bringen würden.

Das Dorf und der Leuchtturm

Am nächsten Morgen bin ich früh aufgestanden. Nicht, weil ich ausgeschlafen hätte, eher weil ich einfach nicht richtig schlafen konnte. Liegt vielleicht an der salzigen Luft oder an den vielen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Hab mir erstmal einen Kaffee gemacht. In der Pension gab’s so kleine Filtertüten, das war ganz praktisch. Dann bin ich in den Ort gegangen. St. Peter-Ording ist eigentlich gar nicht so groß. Eine lange Dorfstraße, mit vielen kleinen Geschäften und Restaurants. Überall gab’s Strandläden mit Souvenirs und Klamotten. Hatte aber nicht wirklich Lust, was zu kaufen. Wollte einfach nur ein bisschen schauen.

Bin dann am alten Leuchtturm vorbeigekommen. “Dicke Berta”, wie die hier genannt wird. Ist gar nicht so dick, ehrlich gesagt. Aber schon ziemlich hoch. Bin hochgegangen, die Treppen waren steil und eng. Aber die Aussicht war fantastisch. Man konnte den ganzen Ort überblicken, den Strand, die Dünen, das Wattenmeer. Wunderschön. Hab da oben ein bisschen gestanden und die Luft eingeatmet. Das war gut für die Seele.

Die Markthalle und eine kleine Panne

Am Nachmittag bin ich in die Markthalle gegangen. Da gab’s alles, was das Herz begehrt. Fisch, Käse, Wurst, Obst, Gemüse, Kuchen, Brötchen… Hab mir ein paar frische Brötchen und etwas Käse gekauft. Und natürlich einen Fischbrötchen. Man kann ja nicht genug davon haben. Beim Bezahlen ist mir dann aber mein Portemonnaie aus der Tasche gefallen. Hab’s erst gar nicht bemerkt. Erst die nette Dame hinter dem Tresen hat mich darauf hingewiesen. War mir ganz schön peinlich. Aber zum Glück war alles noch da. Hab mich gleich doppelt bedankt.

Ein Spaziergang am Südstrand

Am Abend bin ich noch am Südstrand entlang spazieren gegangen. Der ist viel breiter und leerer als der Strand direkt vor dem Ort. Da konnte man richtig gut die Ruhe genießen. Hab mich in die Dünen gesetzt und den Sonnenuntergang angeschaut. Der Himmel war rot und orange und violett. Wunderschön. Da hab ich kurz an Hanni gedacht. Sie hätte das auch so schön gefunden. Die Sonne spiegelte sich im nassen Sand, es war fast wie ein Gemälde. Ein paar Möwen kreisten über mir, ihr Geschrei war beruhigend. Es war ein friedlicher Moment. Ein guter Abschluss für den Tag.

Ein nettes Gespräch

Auf dem Rückweg zur Pension bin ich an einem älteren Herren vorbeigekommen, der auf einer Bank saß. Hab ihn gegrüßt und wir sind ins Gespräch gekommen. Er war auch Rentner und kam schon seit Jahren nach St. Peter-Ording. Haben eine Weile über Gott und die Welt geredet. Über das Wetter, über die Preise, über die vielen Touristen. Er meinte, früher war alles besser. Aber das sagen ja alle alten Leute. Trotzdem war es ein nettes Gespräch. Wir haben uns noch gegenseitig viel Spaß gewünscht und dann sind wir jeder unserer Wege gegangen.

Es war ein stiller, unaufgeregter Tag gewesen. Genau so, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Und ich hatte das Gefühl, dass ich hier, an der Nordsee, langsam wieder zu mir selbst fand. Ich wusste, dass ich noch ein paar Tage hier verbringen würde und dass ich diese Zeit nutzen würde, um die Ruhe zu genießen und an schöne Erinnerungen zu denken, bevor ich mich wieder dem Alltag stellen würde.

Die Tage hier sind langsam angezählt. Gefühlt bin ich erst gestern angekommen, aber nächste Woche muss ich schon wieder zurück. Irgendwie schade. Hat gut getan, diese Ruhe. Nicht viel gemacht, nicht viel gesehen. Einfach nur sein. Und das hat gereicht.

Ein bisschen Wehmut

Hanni hätte es hier noch viel schöner gefunden, als ich. Sie war so ein Naturmensch. Hatte immer ein offenes Ohr für die Tiere, für das Meer, für den Wind. Sie hätte die Möwen beobachtet, die Muscheln gesammelt, die Sonne genossen. Ich hab versucht, mir vorzustellen, wie sie hier gewesen wäre. Und ich hatte das Gefühl, dass sie bei mir ist. Das hat gut getan. Hat aber auch wehgetan. Manchmal ist die Trauer einfach da. Und das ist okay. Ich hab gelernt, damit zu leben. Hanni hätte nicht gewollt, dass ich traurig bin. Sie hätte gewollt, dass ich lebe. Und das versuche ich auch.

Das Wetter und die kleinen Dinge

Das Wetter hat auch mitgespielt. Ein paar sonnige Tage, ein bisschen Wind, ein bisschen Regen. Typisch Nordsee eben. Aber es war nie so schlimm, dass man nicht raus konnte. Habe jeden Morgen einen Kaffee auf dem Balkon getrunken und die Aussicht genossen. Habe lange Spaziergänge am Strand gemacht. Habe die Möwen beobachtet, die Fischerboote, die vorbeiziehenden Menschen. Habe einfach das Leben genossen. Die kleinen Dinge sind es, die zählen. Ein freundliches Lächeln, ein nettes Gespräch, ein warmer Sonnenstrahl. Das sind die Dinge, die mir in Erinnerung bleiben.

Ein paar Tipps für andere

Wenn jemand in meinem Alter und mit wenig Geld hierher kommt, dann würde ich sagen: Buch dir eine Pension etwas abseits vom Zentrum. Da ist es ruhiger und günstiger. Nimm dir Fahrräder mit oder leihe dir welche. Damit kannst du die Gegend gut erkunden. Geh nicht in die teuren Restaurants, sondern probier die einfachen Imbisse oder koche selbst. Und vergiss nicht, dich einfach mal treiben zu lassen. Nimm dir Zeit für dich, für deine Gedanken, für deine Gefühle. Die Nordsee hat viel zu bieten. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Abschied nehmen

Morgen muss ich leider wieder abreisen. Ich bin ein bisschen traurig, aber auch dankbar. Dankbar für die schönen Tage, für die Ruhe, für die Erholung. Ich werde die Nordsee nicht vergessen. Und ich hoffe, ich komme bald wieder. Vielleicht schon im nächsten Jahr. Dann nehme ich wieder meinen Koffer und fahre hierher. Um Hanni zu besuchen. Um die Ruhe zu genießen. Um das Leben zu feiern.

    • Dicke Berta (Leuchtturm)
    • Südstrand
    • St. Peter-Ording (Ort)
👤 Rentner (70) mit kleinem Budget ✍️ minimalistisch und prägnant