Europa - Frankreich - Bordeaux

Ein Hauch von Vergangenheit in Bordeaux

Der Geruch von feuchtem Stein und etwas Süßem, fast Karamelligem, hing in der Luft, als ich aus dem Taxi stieg. Es war ein milder Herbsttag in Bordeaux, die Sonne kämpfte sich durch die Wolken und malte goldene Flecken auf die Fassaden der alten Häuser. Ein leises Brummen der Stadt mischte sich mit dem Zwitschern der Spatzen – ganz anders als das monotone Rauschen, an das ich aus Berlin gewöhnt war.

Zurück zu den Wurzeln

Ich hatte schon lange davon geträumt, hierher zu kommen. Nicht, um Sehenswürdigkeiten abzuklappern, sondern um zu spüren, was meine Großeltern empfanden, als sie vor vielen Jahren aus dieser Region Frankreichs vertrieben wurden. Sie sprachen selten über ihre Kindheit, nur Fetzen blieben im Gedächtnis – der Duft von frisch gebackenem Brot, das Lachen der Dorfbewohner, das Rauschen der Weinberge. Diese vagen Erinnerungen waren wie ein Anker in meinem Leben, eine Sehnsucht nach etwas Verlorenem.

Ich selbst bin kein Winzer, kein Gourmetkoch. Einfach jemand, der gerne isst und trinkt, der sich für Geschichten hinter den Dingen interessiert. Aber es ist mehr als das. Essen ist für mich ein Portal in die Vergangenheit, eine Möglichkeit, Menschen und Kulturen zu verbinden. Und hier, in Bordeaux, ging es mir nicht nur um den Wein, sondern um das Erleben einer Lebensart, die fast verloren gegangen ist.

Die Suche nach Authentizität

Ich hatte bewusst ein kleines Hotel in der Altstadt gewählt, abseits der Touristenströme. Ein schmales, fünfstöckiges Haus mit einem winzigen Innenhof, überwuchert von Efeu. Die Besitzerin, eine ältere Dame namens Madame Dubois, empfing mich mit einem warmen Lächeln und einem Glas kühlen Weißwein. Sie sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen sowie ein paar Brocken Französisch konnte ich mich verständlich machen.

Madame Dubois erzählte mir, dass ihre Familie seit Generationen dieses Hotel führte. Sie kennt jeden Stein, jede Geschichte, jede Anekdote. Es war beruhigend, mit jemandem zu sprechen, der noch an die alten Werte glaubt, an die Bedeutung von Gemeinschaft und Tradition. Sie meinte, ich solle nicht die großen Weingüter besuchen, sondern die kleinen, familiengeführten Betriebe, die noch nach alten Rezepten arbeiten. Dort, so sagte sie, finde ich das wahre Herz von Bordeaux.


Erste Eindrücke

Ich verbrachte den ersten Tag damit, durch die Gassen zu schlendern, die Augen offen für alles Neue und Unbekannte. Ich entdeckte winzige Käsegeschäfte, wo der Duft von reifem Camembert und Roquefort in der Luft lag. Ich sah Metzger, die stolz ihre handgefertigten Würste präsentierten. Ich hörte das Lachen der Menschen auf den kleinen Plätzen, das Klappern der Gläser in den Bistros.

Es war anders, als ich erwartet hatte. Nicht so poliert und perfekt, wie man es oft in Reiseführern sieht. Eher rau und authentisch, mit Ecken und Kanten. Die Fassaden waren verblichen, die Fensterläden abgenutzt, aber es hatte etwas Charmantes. Eine gewisse Ehrlichkeit, die mir gefiel.

Ich aß in einem kleinen Bistro zu Mittag, wo ich Moules Frites bestellte – Muscheln mit Pommes. Es war einfach, aber köstlich. Die Muscheln waren frisch, die Pommes knusprig und die Soße aromatisch. Dazu trank ich ein Glas lokalen Weißwein, der perfekt zum Essen passte. Ich saß draußen auf der Terrasse und beobachtete das Treiben auf der Straße. Es war ein Moment der Glückseligkeit, ein Gefühl von Ankommen.

Die Tage hier versprachen, langsam, bedächtig und voller kleiner Entdeckungen zu werden. Aber während ich auf mein Essen wartete, fragte ich mich, ob ich wirklich die Geschichte meiner Großeltern aufspüren könnte oder ob ich nur eine romantische Vorstellung von der Vergangenheit verfolgte. Ob ich die Essenz dieser Region wirklich erfassen könnte, oder ob ich nur ein weiterer Tourist wäre, der auf der Suche nach einem authentischen Erlebnis ist. Doch ich war fest entschlossen, es herauszufinden, und dieser Gedanke beflügelte mich, mich weiter in dieses alte Land einzutauchen, um die Geheimnisse zu entdecken, die in den Weinbergen und auf den Tellern verborgen lagen.

Und so begann meine Reise, eine Suche nach den Wurzeln meiner Familie, einer kulinarischen Entdeckungsreise durch die Weinberge und die Geschichte von Bordeaux.

Das Herz von Saint-Michel

Am nächsten Tag wagte ich mich in das Viertel Saint-Michel, bekannt für seine lebhaften Märkte und kleinen Handwerksläden. Es war ein ziemliches Gedränge, aber genau das gefiel mir. Ich schlenderte zwischen den Ständen hindurch, vorbei an frischem Obst und Gemüse, Käse in allen Variationen und aromatischen Gewürzen.

Ich landete in einer kleinen, unscheinbaren Fromagerie, geführt von einem alten Mann mit weißem Bart und freundlichen Augen. Er sprach kein Wort Englisch, aber mit Zeigegestenförmigen Handbewegungen und einem Lächeln konnte ich ihm mitteilen, dass ich verschiedene Käsesorten probieren wollte. Er schnitt mir großzügig Stücke von Brie, Roquefort und einem lokalen Ziegenkäse ab und erklärte mir mit theatralischen Gesten, wie man sie am besten genießt. Der Ziegenkäse war eine Offenbarung – cremig, würzig und mit einem Hauch von Honig. Ich kaufte ein kleines Stück, um es später in meinem Hotelzimmer zu genießen.

Bei dem Versuch, aus dem Viertel herauszukommen, verirrte ich mich in einem Labyrinth aus engen Gassen. Ich drehte mich im Kreis und fragte schließlich einen Passanten nach dem Weg. Er lachte und sagte, ich sei nicht der Erste, der sich hier verliert. Er führte mich dann aber freundlicherweise aus dem Gewirr und gab mir noch einen Tipp für ein kleines Weinlokal in der Nähe.

Entdeckung in Chartrons

Am Nachmittag erkundete ich das Viertel Chartrons, das historische Zentrum des Weinhandels. Die alten Lagerhäuser mit ihren verwitterten Fassaden zeugten von einer glorreichen Vergangenheit. Ich besuchte ein kleines, familiengeführtes Weingut, das von einem jungen Mann namens Antoine geführt wurde. Er erklärte mir leidenschaftlich die Geschichte seines Weinguts und die Kunst der Weinherstellung.

Antoine führte mich durch die Weinberge und zeigte mir, wie die Trauben angebaut und geerntet werden. Er erklärte mir die verschiedenen Rebsorten und die Bedeutung des Terroirs. Anschließend führte er mich in den Keller, wo die Weine in Eichenfässern reiften. Der Duft von Wein und Holz lag in der Luft. Ich probierte verschiedene Weine, darunter einen trockenen Weißwein und einen vollmundigen Rotwein. Jeder Wein erzählte eine eigene Geschichte, geprägt von Sonne, Erde und Leidenschaft.

Dabei kam es zu einer kleinen Pannen: Ich stolperte über einen Stapel Weinkisten und kippte beinahe einen ganzen Kasten Rotwein um. Antoine lachte und sagte, das sei ein gutes Zeichen – ein Zeichen dafür, dass ich mich mit dem Wein verbunden hätte. Er half mir auf, und wir lachten gemeinsam. Es war ein Moment der ungezwungenen Freude, der mir noch lange in Erinnerung bleiben würde.

Abendliche Melancholie am Garonne-Ufer

Am Abend saß ich am Ufer der Garonne und beobachtete den Sonnenuntergang. Das Licht tauchte die Stadt in ein warmes, goldenes Licht. Ich nippte an einem Glas Wein und dachte über meine Erlebnisse nach. Die Erinnerungen an meine Großeltern kamen mir wieder in den Sinn. Ich fragte mich, ob sie jemals an diesem Ort gewesen waren, ob sie jemals die gleichen Eindrücke gehabt hatten.

Die Melancholie überkam mich, eine bittersüße Sehnsucht nach etwas Verlorenem. Aber es war auch eine friedliche Melancholie, eine Akzeptanz der Vergangenheit. Ich hatte das Gefühl, einen Teil meiner Familiengeschichte wiedergefunden zu haben, einen Anker in der Gegenwart.

Die Tage in Bordeaux vergingen wie im Flug, doch die kleinen Momente, die Begegnungen mit den Menschen, die Aromen und die Geräusche, hatten tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen und mich auf eine tiefere Reise zu mir selbst geführt – und so begann ich, mich auf die letzte Etappe meiner Suche vorzubereiten, wissend, dass die wahre Entdeckung in der Summe aller Erfahrungen lag.

Die letzten Tage in Bordeaux waren wie ein sanftes Ausklingen, ein Abschiednehmen von einem Ort, der tief in mein Herz gedrungen war. Ich hatte nicht erwartet, so viel mehr zu finden als nur guten Wein und gutes Essen. Ich hatte eine Verbindung zur Vergangenheit gespürt, eine Ahnung von dem Leben meiner Großeltern, eine Bestätigung, dass ihre Erinnerungen nicht verloren gegangen sind.

Die kleinen Dinge zählen

Es waren die kleinen Dinge, die mir am meisten in Erinnerung blieben: der Duft von frisch gebackenem Brot am Morgen, das Lachen der Menschen auf dem Markt, das Klappern der Gläser in den Bistros, das Licht, das durch die alten Fenster fiel. Diese kleinen Momente hatten eine Magie, eine Authentizität, die ich anderswo selten gefunden hatte. Ich hatte gelernt, die Schönheit im Einfachen zu sehen, die Freude am Genießen, die Bedeutung von Gemeinschaft.

Ein letzter Bummel

Ich unternahm noch einen letzten Bummel durch die Altstadt, vorbei an den kleinen Geschäften und Cafés. Ich kaufte ein paar Souvenirs: eine Flasche Wein, ein Stück Käse, ein paar Macarons. Aber das Wichtigste war nicht das Materielle, sondern die Erinnerungen, die ich mitnahm. Ich setzte mich in ein Café und bestellte einen letzten Kaffee. Ich beobachtete die Menschen und dachte über meine Reise nach.

Das Vermächtnis der Erinnerung

Ich hatte nicht alle Antworten gefunden, aber ich hatte ein Stück meiner Familiengeschichte wiedergefunden. Ich hatte gelernt, dass die Vergangenheit nicht verloren ist, solange wir uns daran erinnern. Und ich hatte gelernt, dass das Leben ein Geschenk ist, das wir jeden Tag aufs Neue genießen sollten. Der Wein, die Käse, das Brot – alles hatte einen Geschmack von Vergangenheit, von Familiengeschichte, von Liebe. Ich spürte, wie ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit in mir aufstieg.

Meine persönlichen Empfehlungen

Wenn Sie jemals nach Bordeaux reisen sollten, dann möchte ich Ihnen ein paar Tipps geben. Erstens: Verlieren Sie sich in den Gassen der Altstadt. Entdecken Sie die kleinen Geschäfte und Cafés. Sprechen Sie mit den Menschen. Lassen Sie sich treiben und genießen Sie die Atmosphäre. Zweitens: Besuchen Sie die kleinen, familiengeführten Weingüter. Lernen Sie die Winzer kennen und probieren Sie ihre Weine. Sie werden überrascht sein, wie viel Leidenschaft und Wissen in jedem Tropfen steckt. Und drittens: Lassen Sie sich einfach treiben und genießen Sie das Leben. Bordeaux ist ein Ort, der die Seele berührt und einen mit einem tiefen Gefühl der Glückseligkeit erfüllt.

Ich werde Bordeaux nie vergessen. Es ist ein Ort, der für immer in meinem Herzen bleiben wird. Und ich hoffe, eines Tages wiederzukommen, um die Magie dieses besonderen Ortes erneut zu erleben.

    • Die Gassen der Altstadt von Bordeaux
    • Chartrons (Viertel)
👤 Foodie (40) auf der Suche nach authentischen kulinarischen Erlebnissen weltweit ✍️ nostalgisch und melancholisch