Südamerika - Kolumbien - Medellín

Medellín: Mehr als nur Bandeja Paisa

Der Geruch von Zimt und frittiertem Teig hängt in der Luft, vermischt mit dem Abgas von einem Bus, der gefühlt aus den 50ern stammt. Ich steige aus dem Taxi, das mich von José María Córdova, dem Flughafen von Medellín, in die Stadt gebracht hat, und fühle mich sofort…verwirrt. Nicht im schlechten Sinne, eher so, als hätte jemand alle meine sensorischen Erwartungen neu kalibriert. Ich bin angekommen. Endlich.

Ein bisschen Hintergrund

Ich bin der Typ Mensch, der für ein gutes Ceviche auch schon mal den halben Globus umrundet. Nicht, dass ich kein normales Essen mag, aber ich bin eben…besessen von authentischen kulinarischen Erlebnissen. Das bedeutet: Keine Touristenfallen, sondern kleine, versteckte Lokale, wo die Omas noch die Rezepte ihrer Urgrossmütter kochen. Und Kolumbien stand schon lange auf meiner Liste. Nicht nur wegen des Kaffees, obwohl, klar, der Kaffee ist ein Faktor. Aber vor allem wegen der Vielfalt der Küche, die ich noch gar nicht kannte. Ich bin 40, Single und habe – zugegeben – eine leicht pathologische Tendenz, meinen Urlaub nach Essensmöglichkeiten zu planen. Meine Freunde nennen mich liebevoll (oder abfällig, je nach Hungerzustand) „der gastro-nomadische Einzelgänger“. Und jetzt bin ich hier, in Medellín, der Stadt der ewigen Frühlinge, mit einem leeren Magen und einer langen Liste von Empfehlungen, die ich im Laufe der letzten Monate in einschlägigen Foren und Blogs gesammelt habe.

Erste Eindrücke

Medellín ist…anders, als ich es erwartet hatte. Ich hatte Bilder von einer gefährlichen, düsteren Stadt im Kopf, aber das, was ich sehe, ist ein lebendiges, pulsierendes Konglomerat aus modernen Hochhäusern, farbenfrohen Graffitis und freundlichen Menschen. Überall stehen Straßenhändler, die Arepas, Empanadas und Obleas anbieten. Es ist eine Kakophonie aus Geräuschen, Gerüchen und Farben. Ich habe ein kleines Hotel in El Poblado gebucht, einem etwas gehobeneren Viertel, das aber trotzdem seinen kolumbianischen Charme bewahrt hat. Mein Zimmer ist einfach, aber sauber und hat einen kleinen Balkon mit Blick auf die Stadt. Ich werfe meine Sachen aufs Bett und bin sofort wieder draußen, auf der Suche nach meinem ersten kulinarischen Abenteuer.

Die erste Arepa

Ich bin vielleicht zwei Blocks gelaufen, als ich eine kleine Bude entdecke, an der eine ältere Frau Arepas zubereitet. Es ist nichts Besonderes, einfach ein kleiner Tisch mit einem Grill und ein paar Hocker davor, aber der Duft ist unwiderstehlich. Ich bestelle eine Arepa de Choclo mit Käse und bin sofort begeistert. Die Arepa ist warm, knusprig und der Käse zerläuft auf der Zunge. Es ist das perfekte erste Essen in Kolumbien. Während ich die Arepa genieße, beobachte ich das Treiben um mich herum. Menschen eilen vorbei, Taxifahrer hupen, Straßenmusikanten spielen. Ich fühle mich lebendig und glücklich. Ich bin hier, um zu essen, zu entdecken und zu genießen. Und ich habe das Gefühl, dass ich hier viel zu erleben haben werde. Ich frage mich, welche kulinarischen Schätze diese Stadt noch für mich bereithält, und ich bin gespannt, meine Suche nach den besten Aromen von Medellín fortzusetzen – besonders, weil ich gehört habe, dass die Bandeja Paisa eine Herausforderung für jeden Magen ist.

Bandeja Paisa und die Folgen

Die Bandeja Paisa. Allein der Name klingt schon nach einer kulinarischen Mutprobe. Und Mutprobe war es definitiv. Ich hatte mich von einem Einheimischen, einem Taxifahrer namens Ricardo, dazu überreden lassen. "Das ist das Essen der Arbeiter, Señor! Es gibt Ihnen Kraft für den ganzen Tag!" Ich hätte ihm vielleicht erklären sollen, dass mein einziger Arbeitsauftrag darin besteht, möglichst viele Restaurants abzuklappern. Ricardo hatte mich in ein kleines, unscheinbares Lokal in der Nähe des Parque de Bolívar gebracht. Es war voll, laut und roch nach…nun, nach allem. Die Bandeja Paisa selbst ist eine gigantische Platte, beladen mit roten Bohnen, Reis, Chicharrón (Schweinehäute), gebratenem Ei, Avocado, Plantain (Kochbananen), Arepa und einem Würstchen. Es war, als hätte jemand beschlossen, alle kolumbianischen Köstlichkeiten auf einem einzigen Teller zu vereinen. Ich habe versucht, alles zu essen. Ich habe wirklich versucht. Aber nach etwa der Hälfte musste ich aufgeben. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Marathon gelaufen, und das Essen hatte entschieden, sich in meinem Magen zu verschanzen. Ich saß da, geschlagen und überfordert, während Ricardo triumphierend grinste. "Sie sind stark, Señor! Sehr stark!" Ich war nur satt. Sehr, sehr satt. Und ich wusste, dass ich für den Rest des Tages keine weiteren kulinarischen Abenteuer mehr unternehmen würde.

Comuna 13 und Streetfood mit Geschichte

Am nächsten Tag, nachdem ich mich von der Bandeja Paisa erholt hatte, beschloss ich, die Comuna 13 zu erkunden. Früher war dieses Viertel ein Synonym für Gewalt und Kriminalität, aber in den letzten Jahren hat es sich durch Kunst und Gemeinschaftsprojekte grundlegend verändert. Ich nahm an einer geführten Tour teil, die von ehemaligen Gangmitgliedern geleitet wurde. Sie erzählten uns die Geschichte des Viertels, zeigten uns die farbenfrohen Graffitis und erklärten die Bedeutung der Streetart. Es war eine bewegende und inspirierende Erfahrung. Und natürlich gab es auch Streetfood. Ich probierte Empanadas, die von einer kleinen alten Dame zubereitet wurden, die seit Jahrzehnten in der Comuna 13 lebte. Die Empanadas waren knusprig, saftig und voller Geschmack. Sie schmeckten nach Geschichte und Hoffnung.

El Mercado Minorista – ein Fest für die Sinne

Mein absolutes kulinarisches Highlight war der Besuch des Mercado Minorista, einem riesigen Markt in der Nähe des Zentrums. Es war ein chaotisches, lebendiges Durcheinander aus Farben, Gerüchen und Geräuschen. Überall standen Händler, die frisches Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Gewürze anboten. Ich habe mich einfach treiben lassen und alles probiert, was mir vor die Augen kam. Exotische Früchte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, frische Säfte, die nach Sonne schmeckten, und lokale Spezialitäten, die von den Händlern mit Stolz präsentiert wurden. Ich habe mich in einen kleinen Stand verliebt, an dem eine alte Dame Arepas mit verschiedenen Füllungen zubereitete. Ich habe eine mit Käse und eine mit Hühnchen probiert, und beide waren unglaublich lecker. Ich habe mit ihr auf Spanisch versucht zu plaudern, was meistens in einem Lachen endete, da mein Spanisch eher rudimentär ist. Aber es war ein schöner Austausch, und ich habe das Gefühl, einen kleinen Einblick in das Leben der Einheimischen bekommen zu haben. Der Mercado Minorista war ein Fest für die Sinne, und ich hätte Stunden damit verbringen können, einfach nur herumzuschlendern und alles zu entdecken. Aber irgendwann musste ich mich doch verabschieden, mit einem vollen Magen und einem noch volleren Herzen. Nach Tagen des Essens, Erkundens und Genießens spürte ich eine tiefe Verbundenheit zu dieser Stadt und ihrer Küche, und ich wusste, dass dies nicht meine letzte Reise nach Kolumbien sein würde.

Der Abschied von Medellín fiel mir schwerer als erwartet. Ich war nur für zwei Wochen hier, aber die Stadt hat mich in ihren Bann gezogen. Nicht nur wegen des Essens, obwohl das natürlich eine große Rolle spielte. Es ist die Mischung aus chaotischer Energie, freundlichen Menschen und einer Geschichte, die sowohl traurig als auch inspirierend ist. Ich sitze jetzt im Flugzeug, den Bauch voll Arepas und das Herz voller Erinnerungen.

Fazit: Medellín ist mehr als ein Reiseziel

Ich bin ja kein klassischer Tourist. Ich suche keine Sehenswürdigkeiten, die ich von Postkarten kenne, sondern Erlebnisse, die mich berühren. Und davon hatte ich in Medellín jede Menge. Ich habe mit Einheimischen gelacht, getrunken und gegessen. Ich habe die Straßen erkundet, mich in den Gassen verirrt und die Seele der Stadt gespürt. Es war eine Reise, die mich verändert hat.

Ein paar Tipps für angehende Medellín-Entdecker

Vergesst die Bandeja Paisa nicht…

Okay, ich habe schon über die Bandeja Paisa gejammert, aber man sollte sie trotzdem probiert haben. Es ist ein kulinarisches Denkmal, ein Beweis für die kolumbianische Lebensfreude. Aber seid gewarnt: Ihr werdet danach wahrscheinlich einen Tag lang nichts mehr essen wollen.

Der Mercado Minorista ist ein Muss

Wenn ihr wirklich in die kulinarische Seele von Medellín eintauchen wollt, dann geht zum Mercado Minorista. Vergesst die Touristenlokale und lasst euch von den Händlern und den Aromen mitreißen. Probiert alles, was euch vor die Augen kommt, und lasst euch einfach treiben. Und vergesst nicht, ein paar exotische Früchte mitzunehmen – die sind perfekt als Souvenir.

Comuna 13: Kunst und Geschichte

Die Comuna 13 ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Kunst und Gemeinschaftsarbeit eine düstere Vergangenheit überwinden können. Nehmt an einer geführten Tour teil und lasst euch von den Geschichten der Einheimischen berühren. Es ist eine Erfahrung, die euch lange in Erinnerung bleiben wird.

Und noch ein Tipp: Lernt ein paar Brocken Spanisch

Klar, man kommt auch ohne Spanisch zurecht, aber wenn man ein paar grundlegende Sätze beherrscht, öffnet das viele Türen und Herzen. Die Einheimischen werden es zu schätzen wissen, und ihr werdet schneller in Kontakt mit ihnen kommen.

Auf Wiedersehen, Medellín!

Ich weiß, dass ich nicht zum letzten Mal in Medellín war. Diese Stadt hat mich verzaubert, und ich freue mich schon darauf, wiederzukommen und noch mehr von ihrer Schönheit und Vielfalt zu entdecken. Und natürlich, um noch mehr Arepas zu essen.

    • Mercado Minorista (Markt mit lokalen Spezialitäten)
    • Comuna 13 (Viertel mit Streetart und Geschichte)
    • Streetart in der Comuna 13
    • El Poblado (Viertel mit Restaurants und Hotels)
👤 Foodie (40) auf der Suche nach authentischen kulinarischen Erlebnissen weltweit ✍️ humorvoll und selbstironisch