Reisebericht Afrika - Ghana - Cape Coast
Warum Ghana?
Es war ein lange gehegter Traum, der sich jetzt endlich erfüllte. Nicht ein Urlaub im klassischen Sinne, eher eine Suche. Eine Suche nach Wurzeln, nach Geschichte, nach einem anderen Verständnis von Leben. Meine Großeltern waren beide im Kolonialdienst tätig, meine Oma in Ghana, mein Opa in Nigeria. Sie sprachen oft von Afrika, aber ihre Erzählungen waren von einer Mischung aus Faszination und Distanz geprägt. Ich wollte mit meinen Kindern dorthin reisen, wo ihre Urgroßmutter gelebt und gearbeitet hat, nicht um die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern um sie lebendig werden zu lassen. Um ihnen zu zeigen, dass Geschichte nicht nur aus Büchern und Filmen besteht, sondern aus Menschen, Orten und Geschichten, die bis heute nachwirken.Die lange Reise
Die Reise war anstrengend, das ist untertrieben. Zwei Flugwechsel, stundenlanges Warten auf den Flughäfen, die Hitze, die Müdigkeit. Aber jedes Mal, wenn ich in die müden, aber neugierigen Gesichter meiner Kinder schaute, wusste ich, dass es das wert war. Max, mein Sechsjähriger, hatte die ganze Zeit über seinen kleinen Dinosaurier fest im Griff, als wäre dieser sein Anker in der ungewohnten Umgebung. Lina, die schon fast erwachsen wirkte mit ihren kritischen Fragen und ihrem aufmerksamen Blick, saugte alles auf wie ein Schwamm.Erste Eindrücke von Cape Coast
Von Accra aus ging es weiter nach Cape Coast, einer Küstenstadt, die reich an Geschichte ist. Die Fahrt führte uns durch eine Landschaft, die ich so noch nie gesehen hatte. Üppige Vegetation, Palmen, die sich im Wind wiegten, kleine Dörfer, in denen das Leben noch im Rhythmus der Natur zu verlaufen schien. Überall waren Menschen unterwegs, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit überfüllten Minibussen, die „Tro-Tros“, wie sie hier genannt werden.Das Fort St. Anthony
Unser kleines Hotel lag direkt am Strand, nur wenige Schritte vom Fort St. Anthony entfernt. Es war ein beeindruckendes Bauwerk, aus Stein gehauen, ein stummer Zeuge einer dunklen Vergangenheit. Das Fort hatte einst als Militärstützpunkt gedient, später als Gefängnis für Sklaven, die für den transatlantischen Sklavenhandel bestimmt waren. Als wir durch die dunklen Gänge gingen, spürte ich eine tiefe Traurigkeit, ein Gefühl von Unfassbarkeit. Ich versuchte, meinen Kindern zu erklären, was hier passiert war, aber es war schwer, diese Grausamkeit in Worte zu fassen. Lina stellte viele Fragen, Max klammerte sich an meine Hand.Das Rauschen des Atlantiks
Draußen rauschte der Atlantik, seine Wellen schlugen an die Mauern des Forts. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, aber gleichzeitig auch beruhigend. Das Meer hat so viel gesehen, so viel erlebt. Es ist ein Zeuge der Geschichte, ein Spiegel der menschlichen Seele. Ich stand da, am Rand des Abgrunds, und blickte hinaus auf den endlosen Ozean. Ich dachte an meine Urgroßmutter, die hier gelebt und gearbeitet hatte. Was hat sie gedacht und gefühlt? Welche Spuren hat sie hinterlassen? Die Hitze flimmerte über dem Sand, die Sonne brannte unerbittlich auf unsere Haut. Aber wir waren nicht allein. Überall um uns herum waren Menschen, die lachten, sprachen, tanzten, lebten. Ghana war ein Land der Kontraste, ein Land der Schönheit und des Leids, ein Land, das uns noch viele Fragen stellen würde. Und so standen wir am Anfang unserer Reise, bereit, uns auf die Suche nach Antworten zu machen, bereit, uns von diesem faszinierenden Land verändern zu lassen. Die kommenden Tage würden uns tiefer in die Geschichte und Kultur Ghanas führen, uns die Möglichkeit geben, die Seele dieses Landes zu berühren, und uns vielleicht auch ein Stück unserer eigenen Seele zurückzugewinnen.Der Markt von Cape Coast
Am nächsten Morgen beschlossen wir, uns ins Getümmel zu stürzen und den Markt von Cape Coast zu erkunden. Es war eine Erfahrung für alle Sinne. Ein Farbenrausch von Stoffen, Obst, Gemüse und Gewürzen. Ein ohrenbetäubender Lärm von Händlern, Käufern und spielenden Kindern. Ein betörender Geruch von gegrilltem Fisch, reifen Mangos und exotischen Gewürzen. Max war sofort begeistert von den Bergen von Kochbananen und versuchte, eine zu probieren, was in einem kleinen Chaos endete. Lina verhandelte geschickt mit einer Händlerin über einen bunten Stoff, den sie unbedingt als Schal haben wollte. Ich versuchte, den Überblick zu behalten und gleichzeitig nicht im Menschenmeer unterzugehen.Ein kleiner Zwischenfall
Es passierte dann doch. In der Enge des Marktes wurde Max von einem vorbeilaufenden Mann angerempelt und verlor seinen geliebten Dinosaurier. Ein kleines Drama brach aus. Tränen flossen, Rufe hallten. Ich suchte verzweifelt nach dem Dino, aber er war verschwunden. Die Menschen um uns herum waren hilfsbereit und beteiligten sich an der Suche. Schließlich fand ihn ein junges Mädchen, das ihn unter einem Stand mit Kochbananen entdeckt hatte. Max war überglücklich und umarmte sie fest. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, wie wichtig kleine Dinge sein können und wie schnell sich in einer fremden Umgebung ein Gefühl von Gemeinschaft entwickeln kann.Das Kakum Nationalpark Abenteuer
Am Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug in den Kakum Nationalpark. Der Park ist bekannt für seine riesigen Affenbäume und sein beeindruckendes Hängebrückensystem. Es war ein unvergessliches Erlebnis, durch die Baumwipfel zu wandern und die atemberaubende Aussicht auf den Regenwald zu genießen. Lina war mutiger als ich und ging als erste auf die Hängebrücke. Max klammerte sich an meine Hand, aber auch er ließ sich von der Schönheit der Natur begeistern. Wir sahen bunte Vögel, lustige Affen und riesige Schmetterlinge. Der Parkführer erzählte uns viel über die Pflanzen und Tiere des Regenwaldes und erklärte uns, wie wichtig der Schutz der Natur ist.Ein Abend am Strand
Am Abend kehrten wir zurück nach Cape Coast und verbrachten einige Stunden am Strand. Wir saßen im Sand, beobachteten den Sonnenuntergang und lauschten dem Rauschen des Atlantiks. Max baute eine Sandburg, während Lina Muscheln sammelte. Ich saß da und dachte über das nach, was wir an diesem Tag erlebt hatten. Ghana war ein Land, das uns herausforderte, uns inspirierte und uns veränderte. Es war ein Land, das uns zeigte, dass Glück nicht von materiellen Dingen abhängt, sondern von den kleinen Dingen im Leben, von der Liebe, von der Freundschaft und von der Schönheit der Natur.Reflexionen und Abschied
Die Tage in Cape Coast vergingen wie im Flug. Wir hatten so viel erlebt, so viel gesehen und so viel gelernt. Die Begegnungen mit den Menschen, die Farben, die Gerüche, die Klänge – all das hatte einen tiefen Eindruck auf uns hinterlassen. Als wir uns von Ghana verabschiedeten, wussten wir, dass wir ein Stück unseres Herzens dort zurückließen und ein Stück Ghana mit uns nach Hause nehmen würden, um die Erinnerungen an diese außergewöhnliche Reise zu bewahren und die Wurzeln zu ehren, die uns mit diesem faszinierenden Land verbinden.Der Abschied von Cape Coast fiel uns schwerer als erwartet. Es war nicht nur der Abschied von einem Ort, sondern auch von einer Stimmung, von einer Lebensweise, die uns tief berührt hatte. Am Flughafen saßen wir noch einmal zusammen, tranken einen letzten frisch gepressten Mangosaft und ließen die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren.
Mehr als nur Tourismus
Es war keine typische Urlaubsreise gewesen. Wir waren nicht einfach nur als Touristen gekommen, um Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Wir waren auf der Suche nach etwas Tieferem, nach einer Verbindung zu den Wurzeln, nach einem besseren Verständnis der Welt und unserer Rolle darin. Und wir hatten gefunden, was wir suchten. Wir hatten gelernt, dass Glück nicht von materiellen Dingen abhängt, sondern von den einfachen Dingen im Leben, von der Familie, von der Freundschaft und von der Schönheit der Natur.
Die Lektionen Ghanas
Ghana hatte uns gelehrt, dass Respekt und Gastfreundschaft keine leeren Worte sind, sondern gelebte Werte. Die Menschen, denen wir begegnet waren, hatten uns mit offenen Armen empfangen und uns ihre Kultur nähergebracht. Wir hatten gelernt, dass Armut kein Schicksal ist, sondern eine Folge von Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Und wir hatten gelernt, dass jeder von uns die Verantwortung hat, einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten.
Konkrete Tipps für Reisende
Wenn ihr euch entscheidet, Ghana zu bereisen, möchte ich euch ein paar Tipps geben, die uns geholfen haben. Erstens: Seid offen und neugierig. Lasst euch auf die Kultur ein, probiert die lokalen Gerichte, lernt ein paar Worte Twi und seid bereit, neue Erfahrungen zu sammeln. Zweitens: Vergesst den Respekt nicht. Die ghanaische Kultur ist von Respekt geprägt. Beachtet die lokalen Bräuche und Traditionen und behandelt die Menschen mit Würde und Freundlichkeit. Drittens: Seid flexibel. Ghana ist ein Land, in dem nicht immer alles nach Plan läuft. Seid bereit, eure Pläne zu ändern und euch auf das Unerwartete einzulassen.
Ein letzter Blick zurück
Als unser Flug abhob und wir Ghana hinter uns ließen, fühlten wir eine Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit. Wir waren dankbar für die Erfahrungen, die wir gemacht hatten, für die Menschen, denen wir begegnet waren, und für die Lektionen, die wir gelernt hatten. Und wir wussten, dass wir Ghana nie vergessen würden. Es war ein Land, das uns verändert hatte, ein Land, das uns ein Stück seines Herzens geschenkt hatte.
Ich erinnere mich besonders an den Kakum Nationalpark, das Rauschen der Blätter hoch oben im Blätterdach und die kindliche Begeisterung von Max und Lina. Auch der Markt von Cape Coast mit seinen leuchtenden Farben und exotischen Düften wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Und natürlich das Gefühl der Verbundenheit mit der Geschichte an den Mauern von Fort St. Anthony.
Diese Reise war mehr als nur ein Urlaub. Sie war eine Erfahrung, die uns als Familie näher zusammengebracht hat und uns die Augen für die Schönheit und Vielfalt der Welt geöffnet hat.