Asien - Katar - Doha

Zwischen Glanz und Hoffnung: Eine Zeit in Doha

Die Klimaanlage brummt monoton, ein gleichmäßiges Rauschen, das sich mit dem gedämpften Stimmengewirr im Flughafengebäude vermischt. Ich sitze in Doha, Katar, inmitten einer sterilen, aber beeindruckenden Ankunftshalle. Draußen, durch die riesigen Glasfronten, glitzert die Hitze über dem Asphalt. Es ist Mitte November, aber hier fühlt es sich eher nach einem schwülen Sommertag zu Hause an.

Ein Sprung ins Ungewisse

Ich bin eigentlich gelandet, weil ich mich für ein paar Monate als Freiwillige in einem sozialen Projekt engagiert habe. Es geht darum, Flüchtlingskindern beim Lernen zu helfen, ihnen etwas Normalität in ihrem Leben zu bieten. Nicht das erste Mal, dass ich das mache. Vorher war ich in Griechenland, dann in der Türkei. Immer wieder dieses Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu wollen, auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Katar wirkt… anders. Die anderen Länder hatten eine gewisse Rauheit, eine Echtheit, die hier fehlt. Alles wirkt poliert, perfekt. Fast schon beängstigend.

Die Ankunft und erste Eindrücke

Der Flug war lang. Von Berlin über Istanbul. Eigentlich bin ich ja nicht so der Flugzeugtyp, aber die Aussicht auf die Wolken und das Gefühl, irgendwohin zu fliegen, entspannt mich immer ein bisschen. Ich hatte mir vorab schon viel über Katar angelesen, aber die Realität ist doch noch einmal anders. Die Architektur ist überwältigend. Riesige Gebäude, die in den Himmel ragen, modernste Technologie überall. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass etwas fehlt. Eine Seele vielleicht. Ich bin mit einem Sammeltaxi von der Ankunftshalle zu meiner Unterkunft gefahren. Der Fahrer, ein indischer Mann, hat kaum Englisch gesprochen, aber er war sehr freundlich und hat mir versucht, den Weg zu erklären. Die Stadt ist riesig, ein Labyrinth aus breiten Straßen und Hochhäusern. Überall Baustellen, überall wird gebaut. Es scheint, als würde sich Doha ständig neu erfinden. Man sieht kaum Menschen auf den Straßen, die meisten scheinen sich in den klimatisierten Einkaufszentren aufzuhalten. Es ist eine seltsame Atmosphäre.

Hintergrund der Reise

Ich bin durch eine Organisation auf das Projekt aufmerksam geworden. Sie arbeiten mit verschiedenen lokalen Hilfsorganisationen zusammen und vermitteln Freiwillige in Projekte, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten einsetzen. Ich hatte mich schon lange nach einem Einsatz in der arabischen Welt umgesehen, wollte die Kultur kennenlernen und einen Beitrag leisten. Katar erschien mir dabei, ehrlich gesagt, nicht unbedingt die erste Wahl. Die Berichte über die Arbeitsbedingungen bei der WM und die Menschenrechtslage haben mich zunächst abgeschreckt. Aber dann habe ich mich genauer informiert und festgestellt, dass es auch viele Menschen und Organisationen gibt, die sich für positive Veränderungen einsetzen.

Erste Begegnungen

Meine Unterkunft ist ein kleines Apartment in einem Wohngebiet etwas außerhalb des Stadtzentrums. Es ist einfach, aber sauber und zweckmäßig. Meine Mitbewohnerin ist eine junge Frau aus den USA, die als Englischlehrerin arbeitet. Wir haben uns noch nicht richtig kennengelernt, aber sie scheint nett zu sein. Am Abend habe ich mich mit dem Koordinator des Projekts getroffen. Er ist ein libanesischer Mann, der schon seit vielen Jahren in Katar lebt. Er hat mir das Projekt erklärt und mir die wichtigsten Informationen über die Flüchtlingsgemeinschaft vermittelt. Es ist eine heterogene Gruppe, die aus verschiedenen Ländern stammt, vor allem aus Syrien, Irak und Sudan. Viele haben traumatische Erfahrungen gemacht und brauchen dringend Unterstützung. Ich habe mich entschieden, hier zu sein, um meinen Teil beizutragen, um den Kindern eine Chance zu geben, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Träume zu verfolgen. Und jetzt, während ich hier sitze und auf den Morgen warte, spüre ich eine Mischung aus Aufregung und Unsicherheit. Ich bin gespannt darauf, was die nächsten Monate bringen werden und wie ich das Leben dieser Kinder positiv beeinflussen kann. Ich habe das Gefühl, dass der eigentliche Einsatz erst jetzt beginnt, mit dem ersten Besuch in der Flüchtlingsunterkunft und dem Kennenlernen der Kinder, denen ich helfen möchte.

Das Viertel Al Nasr

Am nächsten Morgen bin ich zum ersten Mal nach Al Nasr gefahren, dem Viertel, in dem sich die meisten Flüchtlingsfamilien aufhalten. Es ist ein ganz anderes Doha als das glitzernde Stadtzentrum. Die Straßen sind schmal und kurvig, die Häuser sind niedrig und alt, viele sind renovierungsbedürftig. Überall ist es belebt, ein ständiges Hupen und Geschrei. Es riecht nach Gewürzen, Shisha und Abgasen. Es ist laut, chaotisch, aber auch lebendig und authentisch. Ich war zusammen mit Khalil, dem lokalen Koordinator, unterwegs. Er kennt sich hier bestens aus und hat mir die wichtigsten Anlaufstellen gezeigt: die kleine Moschee, das Lebensmittelgeschäft, wo die Familien oft Lebensmittel auf Kredit bekommen, und das improvisierte Gemeinschaftszentrum, in dem wir die Lernstunden abhalten. Es ist ein einfacher Raum, mit ein paar Tischen und Stühlen, aber er ist sauber und einladend.

Erste Stunden mit den Kindern

Die erste Lernstunde war überwältigend. Es waren etwa zwanzig Kinder da, im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Sie kamen aus verschiedenen Ländern, sprachen unterschiedliche Sprachen, hatten unterschiedliche Hintergründe. Aber sie hatten alle eines gemeinsam: Sie waren traumatisiert, verunsichert, aber auch voller Hoffnung. Ich habe versucht, ihnen Deutsch beizubringen, aber es war schwierig. Viele hatten noch nie eine Schule besucht, konnten weder lesen noch schreiben. Einige waren so ängstlich, dass sie sich nicht trauten, ein Wort zu sagen. Ich habe versucht, das Eis zu brechen, indem ich mit ihnen gespielt, gemalt und gesungen habe. Es hat geholfen, aber es war anstrengend. Ich erinnere mich an einen kleinen syrischen Jungen namens Omar. Er war sehr schüchtern und zurückhaltend. Er saß die ganze Zeit in der Ecke und starrte auf seine Hände. Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber er hat nur gemurmelt. Schließlich habe ich ihm einen Stift und ein Blatt Papier gegeben und ihn gebeten, etwas zu malen. Er hat angefangen zu zeichnen, ein Haus, eine Familie, einen Baum. Und plötzlich hat er angefangen zu lachen. Es war ein kleines Lächeln, aber es war echt. In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas bewirken konnte.

Souq Waqif – Ein Ausflug in die Tradition

Khalil hat mich auch in den Souq Waqif mitgenommen, den traditionellen Markt von Doha. Es ist ein faszinierender Ort, voller Farben, Gerüche und Klänge. Hier kann man Gewürze, Stoffe, Schmuck, Kunsthandwerk und vieles mehr kaufen. Aber es ist nicht nur ein Ort zum Einkaufen, sondern auch ein Ort zum Treffen, zum Essen und zum Genießen. Ich habe einen traditionellen arabischen Kaffee getrunken, mit Datteln gegessen und mich von den Geschöpfen der Handwerker verzaubern lassen. Es war ein schöner Kontrast zu der modernen Architektur von Doha. Es hat mir geholfen, die Kultur besser zu verstehen.

Pannen und Überraschungen

Es gab auch ein paar Pannen und Überraschungen. Einmal habe ich versucht, mit einem Taxi zu fahren, aber der Fahrer hat keine Ahnung gehabt, wohin ich wollte. Er hat mich stundenlang durch die Stadt gefahren, bis wir endlich zufällig an meinem Ziel vorbeigekommen sind. Ein anderes Mal habe ich versucht, arabisch zu sprechen, aber ich habe die falschen Wörter benutzt und alle haben gelacht. Aber ich habe daraus gelernt und es hat Spaß gemacht. Eine große Überraschung war die Hilfsbereitschaft der Menschen. Egal, wo ich hingegangen bin, die Leute waren freundlich und zuvorkommend. Sie haben mir geholfen, mich zurechtzufinden, und sie haben mir ihre Kultur nähergebracht. Die Zeit in Doha verging wie im Flug, und je tiefer ich in das Leben der Flüchtlingsgemeinschaft eintauchte, desto mehr wurde mir klar, dass meine Arbeit hier erst der Anfang einer langen Reise ist, und ich mit den Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich hier gesammelt habe, hoffentlich auch in Zukunft einen Beitrag leisten kann.

Die letzten Wochen in Doha sind wie im Flug vergangen. Es ist schwer zu glauben, dass meine Zeit hier bald zu Ende geht. Ich sitze jetzt in einem kleinen Café in Souq Waqif, nippe an einem Minztee und versuche, all die Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Es war eine intensive Zeit, voller Herausforderungen, aber auch voller unvergesslicher Momente.

Der Abschied ist schwer

Der Abschied von den Kindern fällt mir besonders schwer. Ich habe sie in diesen Monaten sehr lieb gewonnen. Ihre Geschichten, ihre Träume, ihre Ängste – sie haben mich tief berührt. Ich werde sie nie vergessen. Ich verspreche ihnen, dass ich sie nicht vergessen werde. Es ist ein Versprechen, das ich unbedingt halten möchte. Wir haben viel gelacht, aber auch geweint. Ich habe versucht, ihnen etwas von meiner Welt zu zeigen, und sie haben mir ihre Welt gezeigt. Eine Welt, die so anders ist als meine, aber die genauso viel Wert hat.

Die Kontraste Dohas

Doha ist eine Stadt der Kontraste. Auf der einen Seite der schillernde Glanz der modernen Architektur, die luxuriösen Einkaufszentren, die teuren Autos. Auf der anderen Seite die Armut, die Ausbeutung, die Hoffnungslosigkeit. Es ist eine Stadt, die einem die Augen öffnet. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Ich habe gelernt, dass Glück nicht vom Geld abhängt, sondern von den Menschen, die man liebt, und den Dingen, die man tut.

Was ich gelernt habe

Ich habe in diesen Monaten viel gelernt. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich für andere einzusetzen, dass es wichtig ist, die Stimme der Schwachen zu erheben, dass es wichtig ist, die Welt ein bisschen besser zu machen. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, tolerant zu sein, dass es wichtig ist, andere Kulturen zu respektieren, dass es wichtig ist, offen zu sein für Neues. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, dankbar zu sein für das, was man hat, und dass es wichtig ist, das Leben zu genießen.

Empfehlungen für Reisende

Wenn Sie nach Doha reisen, sollten Sie sich nicht nur auf die glitzernden Sehenswürdigkeiten konzentrieren. Gehen Sie auch in die Viertel, in denen die Menschen leben, sprechen Sie mit ihnen, lernen Sie ihre Kultur kennen. Besuchen Sie den Souq Waqif, aber vergessen Sie nicht, dass es auch andere Märkte gibt, die genauso interessant sind. Essen Sie in den kleinen Restaurants, wo die Einheimischen essen, und probieren Sie die traditionelle arabische Küche. Und wenn Sie die Möglichkeit haben, helfen Sie den Menschen, die weniger Glück haben als Sie.

Ein paar konkrete Tipps

Erstens: Vermeiden Sie es, in der Mittagshitze draußen zu sein. Die Sonne ist unbarmherzig. Tragen Sie immer einen Hut und Sonnencreme. Zweitens: Achten Sie auf Ihre Kleidung. Katar ist ein konservatives Land. Bedecken Sie Ihre Schultern und Knie. Drittens: Seien Sie respektvoll gegenüber der lokalen Kultur. Vermeiden Sie öffentliche Zuneigungsbekundungen und seien Sie vorsichtig mit Ihren Worten.

Ich werde Doha und die Menschen hier nie vergessen. Es war eine Zeit, die mich verändert hat. Ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die ich gemacht habe, und ich hoffe, dass ich eines Tages wieder nach Katar zurückkehren kann.

    • Souq Waqif (der traditionelle Markt)
    • Al Nasr (das Viertel, in dem die Flüchtlingsfamilien leben)
👤 Freiwillige (25) die in sozialen Projekten im Ausland mitarbeitet ✍️ dokumentarisch und beobachtend