Reisebericht Afrika - Seychellen - La Digue
Ein neuer Anfang
Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen nervös. Nicht wegen der Reise selbst, sondern wegen des Grundes, warum ich sie mache. Vierzig Jahre. Eine Scheidung hinter mir, die zwar einvernehmlich war, aber trotzdem ein großes Loch hinterlassen hat. Der Job, den ich zwanzig Jahre lang ausgeübt habe, fühlt sich plötzlich leer an. Als hätte ich mein Leben lang nach den Erwartungen anderer gelebt. Jetzt, wo alles ein bisschen stiller ist, höre ich zum ersten Mal wirklich, was *ich* will. Oder besser gesagt, was ich herausfinden möchte. Ich habe mich für die Seychellen entschieden, weil sie so weit weg sind. Nicht nur geografisch, sondern auch mental. Ein Ort, an dem ich mich verlieren und mich selbst wiederfinden kann. La Digue, eine der kleineren Inseln, soll es sein. Ich habe Bilder gesehen von puderzuckerweißen Stränden und riesigen Granitfelsen. Das klingt gut. Einfach.Erste Schritte
Der Flughafen ist klein und übersichtlich. Die Leute sind freundlich, aber nicht aufdringlich. Ich nehme ein Taxi zum Fähranleger. Die Fahrt führt uns an einer Küstenstraße entlang, vorbei an bunten Häusern und üppiger Vegetation. Überall blühen Hibiskus und Frangipani. Es ist eine Farbenpracht, die mich sofort in ihren Bann zieht. Am Fähranleger herrscht geschäftiges Treiben. Ein buntes Potpourri aus Einheimischen, Touristen und Fischern. Ich steige auf die kleine Fähre, die mich nach La Digue bringen soll. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Ich sitze auf dem Deck und betrachte die Inseln, die an uns vorbeiziehen. Sie sehen aus wie smaragdene Tropfen im tiefblauen Ozean.Die Sonne brennt heiß auf meiner Haut. Ich trinke an einem kleinen Getränkestand einen frisch gepressten Saft aus Passionsfrucht. Er schmeckt unglaublich süß und erfrischend. Eine ältere Frau lächelt mich freundlich an und sagt etwas in Kreol, das ich nicht verstehe. Ich lächle zurück und nicke. Manchmal reichen Worte nicht aus.
Ankunft auf La Digue
La Digue empfängt mich mit einer Stille, die fast schon meditativ ist. Es gibt kaum Autos auf der Insel. Die meisten Leute bewegen sich mit dem Fahrrad fort. Ich miete mir gleich eins und mache mich auf den Weg zu meiner kleinen Pension. Der Weg führt mich durch ein kleines Dorf, vorbei an Geschäften, die Souvenirs und Lebensmittel verkaufen. Überall stehen Kokospalmen und Mango-Bäume. Ich fahre an einer kleinen Kirche vorbei, deren weißer Turm sich in den blauen Himmel erhebt.Die Pension ist einfach, aber sauber und gemütlich. Ich bekomme ein kleines Zimmer mit Blick auf den Garten. Ich packe meine Sachen aus und mache mich auf den Weg zum Strand.
Der erste Strand
Der Strand von Anse Source d’Argent ist atemberaubend schön. Riesige Granitfelsen ragen aus dem türkisfarbenen Wasser. Der Sand ist so fein und weiß, dass er fast schon blendet. Ich lege mich in den Schatten einer Palme und beobachte das Treiben. Ein paar Touristen baden im Meer. Ein Fischer repariert sein Netz. Ein kleines Mädchen baut eine Sandburg. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Die salzige Luft, der warme Sand, das Rauschen des Meeres. Es ist ein Moment der vollkommenen Ruhe und Entspannung. Ich beginne zu verstehen, warum so viele Menschen hierherkommen, um dem Alltag zu entfliehen. Es ist, als würde die Zeit stillstehen. Aber es ist auch mehr als das. Es ist ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit, das ich lange nicht mehr gespürt habe. Die kommenden Tage werden zeigen, ob ich die Antworten finde, die ich suche. Aber im Moment bin ich einfach nur dankbar, hier zu sein. Ich spüre, dass dieser Ort etwas in mir verändern wird. Eine Veränderung, die ich nicht erahnen kann. Ein Gefühl, dass ich am richtigen Ort bin, um herauszufinden, wer ich wirklich bin. Und diese Reise, so ahne ich, wird weitaus mehr sein als nur ein Urlaub.Das Dorfleben und erste Begegnungen
Ich verbringe die nächsten Tage damit, die Insel mit dem Fahrrad zu erkunden. La Digue ist so klein, dass man in ein paar Stunden die ganze Küste entlangfahren kann. Ich entdecke versteckte Buchten, üppige Plantagen und kleine Dörfer, in denen das Leben noch im alten Rhythmus verläuft. Ich finde mich immer wieder in L’Union Estate wieder, einem ehemaligen Plantagenareal, das heute eine Art Freilichtmuseum ist. Hier kann man einen Einblick in das Leben der Kreolen erhalten, die einst auf den Seychellen gelebt haben. Ich sehe, wie Kopra (getrocknete Kokosnuss) hergestellt wird, wie Zimt und Vanille angebaut werden und wie Zuckerrohr zu Rum verarbeitet wird. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Arbeit hinter den einfachen Dingen steckt, die wir im Alltag so selbstverständlich in Anspruch nehmen.Ein missglücktes Mittagessen
Ich versuche, in einem kleinen Restaurant in La Passe, dem Hauptort der Insel, zu Mittag zu essen. Ich bestelle gegrillten Fisch mit Reis und Salat. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis das Essen kommt. Als es endlich serviert wird, stelle ich fest, dass der Fisch noch nicht ganz durchgegart ist. Ich wage es nicht, etwas zu sagen, da die Kellnerin so freundlich und bemüht ist. Ich esse das Essen trotzdem, aber mein Magen protestiert später noch lautstark. Ich lerne daraus: Manchmal ist es besser, etwas Einfacheres zu wählen.Der Wochenmarkt und die Gewürze
Jeden Dienstag gibt es einen Wochenmarkt in La Passe. Hier verkaufen die Einheimischen frisches Obst, Gemüse, Fisch und natürlich jede Menge Gewürze. Der Duft von Zimt, Nelken, Muskatnuss und Curry liegt in der Luft. Ich kaufe ein paar Gewürze, um sie als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Ich lasse mich von einer alten Dame beraten, die mir erzählt, wie man die Gewürze am besten verwendet. Sie erklärt mir, dass die Seychellen ein wahres Paradies für Gewürzliebhaber sind. Ich kaufe ein kleines Säckchen mit Currypulver, das sie selbst gemischt hat.Anse Source d’Argent aus anderer Perspektive
Ich gehe jeden Morgen früh zum Anse Source d’Argent, bevor die Touristenmassen eintreffen. Ich sitze auf einem der riesigen Granitfelsen und beobachte den Sonnenaufgang. Das Licht ist magisch, die Farben unglaublich intensiv. Ich fühle mich klein und unbedeutend angesichts der Schönheit der Natur.
Ich lerne einen alten Fischer kennen, der jeden Morgen mit seinem Boot aufs Meer hinausfährt. Er erzählt mir Geschichten von seinem Leben, von den Stürmen, die er überlebt hat, und von den Fischen, die er gefangen hat. Er erklärt mir, dass das Meer nicht nur seine Lebensgrundlage ist, sondern auch ein Teil seiner Seele. Ich spüre seine tiefe Verbundenheit mit der Natur und seinen Respekt vor dem Meer.
Ein unerwartetes Gewitter
Eines Nachmittags zieht ein heftiges Gewitter über die Insel hinweg. Der Himmel verdunkelt sich, der Wind peitscht, und der Regen prasselt in Strömen herab. Ich suche Schutz in einer kleinen Hütte am Strand. Ich sitze dort und beobachte das Spiel der Elemente. Ich fühle mich überwältigt von der Naturgewalt und gleichzeitig befreit von allem, was mich bisher belastet hat.
Die Tage vergehen wie im Flug. Ich beginne, mich mit der Insel und ihren Bewohnern vertraut zu machen. Ich lerne, die Ruhe und die Einfachheit des Lebens zu schätzen. Ich fühle mich immer mehr mit mir selbst verbunden und beginne, ein neues Verständnis für mich selbst zu entwickeln. Die Suche nach mir selbst ist noch lange nicht abgeschlossen, aber ich habe das Gefühl, einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben, und diese Reise wird mich nachhaltig verändern.
Die letzten Tage sind wie im Flug vergangen. Ich sitze auf der Veranda meiner kleinen Pension und trinke eine letzte Tasse Kaffee. Die Sonne geht gerade auf und taucht die Insel in ein goldenes Licht. Es ist schwer zu glauben, dass ich schon bald wieder abreisen muss.
Ein stiller Abschied
Ich habe gelernt, die Stille zu schätzen. Die Stille, die hier herrscht, ist nicht bedrückend, sondern befreiend. Sie ermöglicht es, in sich selbst zu horchen und die eigenen Gedanken und Gefühle besser wahrzunehmen. Ich habe viele Spaziergänge am Strand unternommen, stundenlang dem Rauschen des Meeres gelauscht und einfach nur dagewesen. Ohne Ablenkung, ohne Verpflichtungen, ohne Erwartungen.
Es gab keine großen Erlebnisse, keine spektakulären Abenteuer. Es war vielmehr eine Reihe von kleinen Momenten, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Das Lächeln einer alten Frau auf dem Markt, der Duft von Zimt und Vanille, das Rauschen des Windes in den Palmen, der Anblick eines bunten Fisches im kristallklaren Wasser. Diese kleinen Dinge haben mich glücklich gemacht und mir gezeigt, dass das Glück oft in den einfachen Dingen zu finden ist.
Was bleibt?
Ich bin nicht mit allen Antworten nach Hause zurückgekehrt, die ich gesucht habe. Aber ich habe gelernt, dass es okay ist, nicht alles zu wissen. Das Leben ist ein Prozess, und wir entwickeln uns ständig weiter. Es geht nicht darum, ein perfektes Ziel zu erreichen, sondern darum, den Weg zu genießen.
Ich habe auch gelernt, dass ich stark und unabhängig bin. Ich kann alleine reisen, alleine leben und alleine Entscheidungen treffen. Ich brauche nicht die Bestätigung anderer, um glücklich zu sein. Ich habe meine eigene innere Stärke gefunden.
Empfehlungen für andere Reisende
Wenn du auf der Suche nach einem Ort bist, um dem Alltag zu entfliehen und dich selbst wiederzufinden, dann kann ich dir La Digue wärmstens empfehlen. Es ist ein Ort, der die Seele berührt und einen dazu einlädt, das Leben in vollen Zügen zu genießen.
Mein wichtigster Tipp: Nimm dir Zeit. Lass dich treiben. Plane nicht zu viel. Entdecke die Insel mit dem Fahrrad und lass dich von der Schönheit der Natur verzaubern. Sprich mit den Einheimischen und lerne ihre Kultur kennen. Und vor allem: Sei offen für neue Erfahrungen.
Noch ein Tipp: Probiere die lokale Küche. Die Seychellen haben eine vielfältige und schmackhafte Küche, die von afrikanischen, indischen und europäischen Einflüssen geprägt ist. Besonders empfehlenswert sind die Fischgerichte mit frischen Gewürzen.
Und noch einer: Vergiss nicht, deine Kamera mitzunehmen. La Digue ist ein Paradies für Fotografen. Die atemberaubende Landschaft, die farbenfrohen Häuser und die exotische Tierwelt bieten unzählige Motive.
Ich werde diese Reise nie vergessen. Sie hat mich verändert und mir gezeigt, was wirklich wichtig im Leben ist. Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe, und für die Menschen, die ich kennengelernt habe. Und ich weiß, dass ich eines Tages wieder nach La Digue zurückkehren werde.