Europa - Frankreich - Loiretal (Schlösser)

Schatten der Loire

Der Geruch von feuchtem Stein und altem Holz hing in der Luft, vermischt mit dem süßlichen Duft von Backwaren, der aus einer kleinen Boulangerie am Place de la République herüberwehte. Ich stand da, am frühen Morgen, mit meinem viel zu schweren Rucksack auf dem Kopfsteinpflaster von Tours, und versuchte, nicht völlig verloren zu wirken. Der TGV hatte mich hier aus Paris ausgespuckt, und die Sonne kämpfte gerade erst damit, die Schatten der Fachwerkhäuser zu vertreiben.

Ein flüchtiger Gedanke und ein alter Atlas

Es war eine spontane Entscheidung gewesen, diese Reise. Eigentlich hatte ich vor, den Sommer in Berlin zu verbringen, an einem neuen Projekt zu arbeiten. Aber dann, beim Stöbern in einem Antiquariat, stieß ich auf einen alten Atlas. Die Seiten waren vergilbt, die Karten handgezeichnet und voller Notizen eines längst verstorbenen Reisenden. Ein Zettel fiel heraus, auf dem in blasser Schrift „Loiretal – wo die Zeit stillzustehen scheint“ stand. Irgendetwas in dieser Zeile rührte mich an. Ich, der ich mich in den letzten Monaten in einem Strudel aus Deadlines, Erwartungen und dem endlosen Rauschen der Stadt verloren hatte, brauchte dringend einen Ort, an dem die Zeit tatsächlich stillzustehen schien.

Die Suche nach dem Vergessenen

Ich bin Künstler, oder zumindest versuche ich es zu sein. Ich arbeite hauptsächlich mit alten Techniken, mit Kohle, Kreide, manchmal auch mit Ölfarbe. Mich fasziniert das Vergessene, das Verblasste, die Patina der Zeit. Ich glaube, dass in alten Dingen, in alten Geschichten, eine Authentizität wohnt, die in unserer schnelllebigen Welt verloren gegangen ist. Und das Loiretal, mit seinen prachtvollen Schlössern und ihren verwunschenen Gärten, schien mir der perfekte Ort zu sein, um diese Authentizität wiederzufinden. Ich hatte mir vorgenommen, nicht einfach nur als Tourist herumzureisen, sondern tief einzutauchen, die Atmosphäre aufzusaugen, die Geschichten zu hören, die in den Mauern dieser alten Gemäuer eingeschlossen sind. Ich wollte nicht nur die Schönheit der Architektur bewundern, sondern auch die Seele dieses Ortes spüren. Ich hatte mir ein kleines, einfaches Hotel in der Altstadt von Tours gebucht. Es war ein charmantes, leicht heruntergekommenes Gebäude mit knarrenden Dielen und einem verwilderten Garten. Der Besitzer, ein freundlicher, älterer Herr namens Monsieur Dubois, begrüßte mich mit einem verschmitzten Lächeln und einem Glas kühlem Apfelsaft. Er erzählte mir von den Legenden, die sich um die Schlösser ranken, von den Königen und Königinnen, die hier gelebt und geliebt hatten, von den Intrigen und Geheimnissen, die in ihren Mauern verborgen liegen.

Die ersten Tage verbrachte ich damit, durch die Stadt zu schlendern, die kleinen Cafés zu besuchen, die Marktplätze zu erkunden und die Atmosphäre aufzusaugen. Ich zeichnete in meinem Skizzenbuch, fing flüchtige Momente ein, versuchte, die Stimmung des Ortes zu erfassen.


Es war ein melancholisches Gefühl, das mich begleitete. Eine Sehnsucht nach etwas, das ich nicht genau benennen konnte. Vielleicht war es die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, nach einer Welt, die einfacher und authentischer war. Oder vielleicht war es einfach nur die Sehnsucht nach mir selbst, nach dem Künstler, der in mir schlummert und darauf wartet, geweckt zu werden. Ich spürte, dass diese Reise mehr war als nur eine Reise zu alten Schlössern. Es war eine Reise zu mir selbst, eine Suche nach Inspiration, nach Bedeutung, nach einem tieferen Verständnis der Welt und meiner Rolle darin. Und als ich am nächsten Morgen, mit dem Fahrrad beladen, in Richtung Chambord aufbrach, wusste ich, dass die eigentliche Reise gerade erst begonnen hatte, eine Reise durch die Zeit, durch die Geschichte, und in die Tiefen meiner eigenen Seele.

Chambord: Ein Spiegelbild der Sehnsucht

Das Rad knirschte unter mir, als ich den langen, geraden Weg zum Schloss Chambord entlangfuhr. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Licht brach sich in den unzähligen Fenstern des Schlosses, als würde es selbst leuchten. Es war überwältigend, fast schon beängstigend. Die Größe, die Pracht, die schiere Übermacht dieses Bauwerks. Es wirkte wie ein Traum, ein Hirngespinst eines verrückten Königs. Ich parkte mein Fahrrad im Schatten eines alten Baumes und ging langsam auf das Schloss zu. Der Rasen war perfekt gemäht, die Blumenbeete in akkuraten Mustern angelegt. Alles wirkte steril, fast schon unnatürlich. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das Leben hier einst ausgesehen haben musste, wie die Höfe gefüllt waren mit rauschenden Kleidern und gelächter, wie die Musik durch die Säle hallte. Aber es gelang mir nicht. Ich sah nur noch die leeren Mauern, die kalten Steine, die stummen Zeugen einer vergangenen Zeit.

Ich verbrachte Stunden damit, durch die endlosen Gänge zu irren, die Treppen zu steigen und wieder hinab, die verschiedenen Räume zu erkunden. Ich zeichnete Skizzen, notierte Gedanken, versuchte, die Atmosphäre aufzusaugen. Aber je mehr ich sah, desto leerer fühlte ich mich. Es war, als würde das Schloss meine eigene innere Leere widerspiegeln.

Amboise: Ein Hauch von Melancholie

Amboise war anders. Kleiner, beschaulicher, menschlicher. Das Schloss thronte auf einem Hügel über der Stadt, und von hier aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf die Loire. Ich wanderte durch die Gärten, die wild und verwunschen wirkten, als wären sie schon lange nicht mehr gepflegt worden.

Ich entdeckte einen kleinen, versteckten Garten, der von hohen Hecken umgeben war. Hier stand eine alte Bank, und ich setzte mich hin, um eine Weile zu verweilen. Die Sonne schien durch die Blätter, und der Duft von Rosen lag in der Luft. Es war ein friedlicher Ort, ein Ort der Stille und Kontemplation.


Ich schloss die Augen und lauschte den Geräuschen der Stadt. Das Läuten der Kirchenglocken, das Rauschen der Blätter, das ferne Gelächter von Kindern. Es war ein melancholisches Gefühl, das mich überkam. Eine Sehnsucht nach etwas, das ich nicht genau benennen konnte.

Ein Missgeschick in Blois

Blois war chaotisch. Enge Gassen, belebte Plätze, überall Menschen. Ich wollte die Altstadt erkunden, aber ich verirrte mich immer wieder in dem Labyrinth aus Straßen. Irgendwann, in einer besonders engen Gasse, stieß ich mit meinem Fahrrad gegen eine Mauer und stürzte. Zum Glück ging es mir nicht ernsthaft schlecht, aber mein Skizzenbuch fiel auf den Boden und die Seiten wurden durchnässt. Ein älterer Mann half mir auf, entschuldigte sich und bot mir einen Kaffee in einem nahegelegenen Café an. Es war ein kleines Missgeschick, aber es zeigte mir, dass es nicht immer alles perfekt laufen muss. Manchmal sind es die kleinen Pannen, die das Leben interessant machen. Wir saßen lange zusammen, er erzählte mir Geschichten über die Stadt, über ihre Geschichte, ihre Menschen. Es war ein unerwartetes, schönes Erlebnis.

Als ich am Abend in mein Hotel zurückkehrte, fühlte ich mich erschöpft, aber glücklich. Ich hatte viel gesehen, viel erlebt, viel gelernt. Ich hatte die Schönheit der Schlösser bewundert, die Geschichte der Städte aufgesaugt, die Menschen kennengelernt. Aber ich hatte auch meine eigene innere Leere gespürt, meine eigene Sehnsucht. Diese Reise war noch lange nicht zu Ende, und ich spürte, dass ich noch viele Antworten suchen musste, bevor ich wirklich Frieden finden konnte.

Die Sonne versank am Horizont, und die Loire erstrahlte in einem goldenen Licht. Ich wusste, dass ich diese Reise nicht vergessen würde, und dass sie mich für immer verändern würde. Es war eine Reise durch die Zeit, durch die Geschichte, und in die Tiefen meiner eigenen Seele – und sie würde mich weiterhin auf dem Weg führen.

Die letzten Tage verbrachte ich damit, mich immer wieder treiben zu lassen, ohne festes Ziel. Ich fuhr mit dem Fahrrad entlang der Loire, beobachtete die Fischer, die in der Dämmerung ihre Netze auswarfen, und die Enten, die gemächlich auf dem Wasser dahin glitten. Es war, als würde die Zeit langsamer, als würde ich in einem anderen Jahrhundert leben.

Die Stille der alten Steine

Ich begann, die Schlösser mit anderen Augen zu sehen. Es waren nicht mehr nur prachtvolle Monumente der Vergangenheit, sondern Zeugen menschlichen Leidens und menschlichen Glücks. Ich stellte mir vor, wie die Könige und Königinnen hier gelebt haben, wie sie geliebt und gestritten, wie sie Intrigen gesponnen und Kriege geführt haben. Es waren Geschichten von Macht und Ohnmacht, von Liebe und Verrat, von Leben und Tod. Und all das geschah in diesen alten Mauern, die die Zeit überdauert hatten.

Ein Atelier am Fluss

Ich mietete ein kleines Atelier in einem alten Fischerdorf. Es war ein einfacher Raum mit großen Fenstern, die einen Blick auf den Fluss boten. Hier verbrachte ich Stunden damit, zu zeichnen und zu malen, inspiriert von der Schönheit der Landschaft und den Geschichten der Vergangenheit. Ich versuchte, die Stimmung des Loiretals einzufangen, die Melancholie, die Sehnsucht, die Hoffnung. Ich experimentierte mit verschiedenen Techniken, mit Kohle, Kreide, Ölfarbe. Ich wollte nicht nur das Äußere der Schlösser darstellen, sondern auch ihre Seele, ihre Geschichte, ihre Geheimnisse.

Das Licht der Dämmerung

Besonders fasziniert war ich vom Licht der Dämmerung. Wenn die Sonne unterging, tauchte sie die Schlösser in ein goldenes Licht, das ihre Pracht noch verstärkte. Es war ein magischer Moment, der mich immer wieder aufs Neue verzauberte. Ich versuchte, dieses Licht in meinen Bildern einzufangen, die Wärme, die Weichheit, die Melancholie.

Reflexionen und Abschiede

Es ist schwer zu erklären, was mich auf dieser Reise so verändert hat. Ich glaube, es war die Kombination aus der Schönheit der Landschaft, der Geschichte der Orte und der Stille der alten Steine. Ich habe gelernt, langsamer zu werden, die kleinen Dinge zu schätzen und die Gegenwart zu genießen. Ich habe gelernt, dass die Vergangenheit immer präsent ist und dass sie uns beeinflusst, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Und ich habe gelernt, dass die Kunst eine Möglichkeit ist, die Vergangenheit zu bewahren, die Gegenwart zu interpretieren und die Zukunft zu gestalten.

Als ich mich schließlich auf den Heimweg machte, fühlte ich mich traurig, aber auch dankbar. Ich hatte viel gesehen, viel erlebt und viel gelernt. Ich hatte die Inspiration gefunden, die ich gesucht hatte, und ich wusste, dass diese Reise noch lange nachwirken würde.

Ich werde die Loire nie vergessen, ihre Schönheit, ihre Geschichte, ihre Stille. Und ich werde immer wieder dorthin zurückkehren, um mich von ihr inspirieren zu lassen.

Ein paar Tipps für zukünftige Reisende

Wenn du auch das Loiretal bereisen möchtest, habe ich ein paar Tipps für dich:

  • Miete ein Fahrrad: Das Loiretal lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden. Es gibt viele gut ausgebaute Radwege, die dich zu den schönsten Schlössern und Dörfern führen.
  • Nimm dir Zeit: Hetze nicht von Schloss zu Schloss. Nimm dir Zeit, um die Atmosphäre zu genießen, die Gärten zu erkunden und die Geschichten der Orte zu entdecken.
  • Probiere die lokalen Spezialitäten: Das Loiretal ist bekannt für seine exzellenten Weine und seine köstliche Küche. Probiere unbedingt die lokalen Spezialitäten, wie zum Beispiel den Ziegenkäse, den Honig und die Weine aus der Region.
  • Lerne ein paar französische Wörter: Die Einheimischen werden sich freuen, wenn du ein paar französische Wörter sprichst. Es zeigt, dass du dich für ihre Kultur interessierst.

Und vor allem: Lass dich treiben und genieße die Reise!

    • Schloss Chambord
    • Schloss Amboise
        • Altstadt von Tours
      👤 Kreativer (30) der Inspiration für seine Kunst in anderen Kulturen sucht ✍️ nostalgisch und melancholisch