Nizza: Zwischen Olivenöl und abgestandenem Parfum
Warum eigentlich Nizza?
Die Frage stelle ich mir selbst immer wieder. Nicht, weil es hier unattraktiv wäre, ganz im Gegenteil. Aber ich, ein Mann von Welt (oder zumindest jemand, der so tut), der schon in den entlegensten Winkeln der Erde nach dem perfekten Pad Thai oder der authentischsten Paella gesucht hat, in Nizza? Klingt fast nach kulinarischer Kapitulation. Aber meine Freundin, nennen wir sie mal Sophie (weil ihr Name hier eigentlich irrelevant ist, sie ist ja nur die Geldbörse und diejenige, die die Reise geplant hat), besteht auf „französischem Flair“. Französisches Flair, meine Damen und Herren, bedeutet meistens: sehr teuer und sehr klein portionierte Speisen. Aber gut, ich bin ja nicht nachtragend – zumindest bis zum nächsten leeren Teller.Der Koffer und die Erwartungen
Ich hatte mir vorgenommen, diesmal minimalistisch zu packen. Das Ergebnis? Ein Koffer, der aussieht, als hätte er eine Diät vergessen. Darin befinden sich neben den obligatorischen Feinschmecker-Utensilien (kleines Olivenöl, spezielle Gewürzmischung, ein paar seltene Sorten Meersalz – man weiß ja nie) auch noch drei verschiedene Arten von Strickjacken. Ja, ich bin ein Mann, der Angst vor kühlen Abenden hat und sich gleichzeitig weigert, anzuerkennen, dass er vielleicht einfach zu viel isst.Die Taxifahrt ins Hotel war dann ein erster Kulturschock. Nicht wegen der Architektur oder der Landschaft, sondern wegen der Fahrweise. Dieser Fahrer muss in einem früheren Leben Formel-1-Pilot gewesen sein, oder zumindest eine sehr aggressive Vespa fahren. Ich hatte ernsthaft Angst, mein Olivenöl würde dabei explodieren.
Die erste Erkundungstour
Das Hotel, ein kleines, unscheinbares Boutique-Hotel in der Altstadt, war überraschend charmant. Keine protzigen Marmorhallen, keine überfreundlichen Concierges, sondern einfach nur ein schöner, ruhiger Ort mit einer netten Dame an der Rezeption, die überraschenderweise kein Englisch sprach. Ich verbrachte die ersten zehn Minuten damit, pantomimisch zu erklären, dass ich einen Aperol Spritz brauchte. Es funktionierte.Nach dem ersten Spritz (und dem zweiten) wagte ich mich dann in die Gassen der Altstadt. Ein Labyrinth aus kleinen Läden, Cafés und Restaurants. Überall duftete es nach frischen Baguettes, Olivenöl und – natürlich – Parfum. Die Menschenmassen waren beeindruckend, aber irgendwie auch sympathisch. Ein bisschen wie ein großer, lauter, gut riechender Ameisenhaufen.
Der erste kulinarische Fehlgriff
Mein erster kulinarischer Ausflug führte mich in eine kleine, unscheinbare Trattoria, die angeblich die beste Socca der Stadt servierte. Socca, für alle, die es nicht wissen, ist eine Art Kichererbsenpfannkuchen, eine Spezialität aus Nizza. Klingt gut, oder? War es nicht. Es war trocken, fad und schmeckte vage nach altem Gummi. Ich aß trotzdem die ganze Portion auf, denn ich bin ein Mann, der seine Prinzipien verteidigt – selbst wenn sie bedeuten, einen geschmacklosen Kichererbsenpfannkuchen zu essen.Nach dem kulinarischen Reinfall brauchte ich dringend einen Plan B. Ich beschloss, mich auf die Suche nach einem authentischen Markt zu begeben. Immerhin konnte man dort zumindest sehen, was die Menschen hier wirklich essen – und hoffentlich etwas Essbares finden.
Die bunten Marktstände, die frischen Produkte und die lebhafte Atmosphäre waren vielversprechend. Vielleicht würde ich doch noch eine kulinarische Offenbarung erleben. Vielleicht war Nizza doch mehr als nur ein teures Baguette und ein fadenscheiniger Kichererbsenpfannkuchen. Ich begann, die Stände abzuklappern, immer auf der Suche nach diesem einen, besonderen Geschmack, der meine Reise doch noch retten könnte. Und so ging es weiter, auf der Suche nach dem wahren Nizza, versteckt zwischen den Touristenmassen und den geschmacklosen Kichererbsenpfannkuchen.
Der Cours Saleya und die Qual der Wahl
Der Cours Saleya, dieser berüchtigte Blumen- und Gemüsemarkt, war ein Angriff auf alle Sinne. Ein Meer aus Farben, Düften und Geräuschen. Rosen, Lilien, Tomaten, Oliven, Käse, Wurst – alles in höchster Konzentration. Und natürlich die Touristen, die wie Motten vom Licht angezogen wurden. Ich versuchte, mich durch die Menge zu schlängeln, immer auf der Suche nach dem perfekten Stück Käse oder der außergewöhnlichen Olive. Es war anstrengend, aber lohnend. Ich probierte mich durch verschiedene Sorten Olivenöl, Käse und Tapenaden, und mein Gaumen tanzte vor Freude. Allerdings auch meine Geldbörse, denn die Preise waren astronomisch. Ich vermutete, die Oliven wurden mit Platin bewässert.Nach dem Marktbesuch brauchte ich dringend eine Pause. Ich fand ein kleines Café in einer Seitenstraße, bestellte einen Café au lait und beobachtete das Treiben. Die Menschen waren interessant. Touristen, Einheimische, Künstler, Geschäftsleute – ein bunter Mix aus allen Lebensbereichen. Ein alter Mann spielte auf einer Zieharmonika, eine junge Frau malte ein Bild von der Promenade, und ein Geschäftsmann stritt am Telefon. Das Leben, in all seiner Schönheit und Komplexität.
Vom Vieux Nice in die Moderne
Das Vieux Nice, die Altstadt, war ein Labyrinth aus engen Gassen, kleinen Läden und versteckten Restaurants. Ich verirrte mich mehrmals, aber es machte mir nichts aus. Es war ein Vergnügen, einfach durch die Gassen zu schlendern, die Atmosphäre zu genießen und die kleinen Details zu entdecken. Ich entdeckte einen winzigen Laden, der handgemachte Seifen verkaufte, eine Bäckerei, die köstliche Macarons anbot, und ein Restaurant, das angeblich die beste Bouillabaisse der Stadt servierte. Die Bouillabaisse, eine Art Fischsuppe, war allerdings ein Reinfall. Zu viel Knoblauch, zu wenig Fisch, und viel zu teuer. Ich aß sie trotzdem, denn ich bin ein Mann, der seine Prinzipien verteidigt – selbst wenn es bedeutet, eine geschmacklose Fischsuppe zu essen.Um dem Trubel der Altstadt zu entfliehen, beschloss ich, einen Spaziergang entlang der Promenade des Anglais zu machen. Die Promenade war ein Kontrast zur Altstadt. Breit, modern, und voller Leben. Skater, Jogger, Touristen, Einheimische – alle teilten den Raum. Ich setzte mich auf eine Bank, beobachtete das Meer und genoss die Sonne. Es war ein friedlicher Moment, ein Moment der Ruhe und Besinnlichkeit.
Eine kulinarische Entdeckung im Viertel Cimiez Cimiez, ein Viertel etwas außerhalb des Stadtzentrums, war ein unerwarteter Glücksfall. Weniger touristisch, mehr authentisch. Ich entdeckte ein kleines Restaurant, das von einem alten Ehepaar geführt wurde. Die Speisekarte war einfach, aber vielversprechend. Ich bestellte eine Niçoise Salade und einen Glas Roséwein. Die Salade war perfekt. Frische Zutaten, eine leichte Vinaigrette, und eine großzügige Portion Thunfisch. Der Roséwein war kühl, trocken und erfrischend. Es war ein kulinarischer Höhepunkt, ein Moment der Glückseligkeit.
Nach dem Mittagessen besuchte ich das Musée Matisse, ein Museum, das dem Werk des berühmten Malers Henri Matisse gewidmet ist. Ich bin kein Kunstexperte, aber ich konnte die Schönheit und die Kraft seiner Werke schätzen. Es war eine inspirierende Erfahrung, ein Moment der kulturellen Bereicherung.
Die Tage in Nizza vergingen wie im Flug. Ich hatte viel gesehen, viel erlebt und viel gegessen. Aber ich hatte noch nicht das Gefühl, die Stadt wirklich kennengelernt zu haben. Es war, als ob ich nur an der Oberfläche gekratzt hätte. Ich brauchte noch Zeit, um in die Seele der Stadt einzutauchen, um ihre Geheimnisse zu entdecken und ihre Schönheit voll und ganz zu erfassen. Die Suche nach dem authentischen Nizza ging also weiter, ein kulinarisches Abenteuer, das noch lange nicht zu Ende war.
Nach einer Woche in Nizza bin ich noch immer nicht sicher, ob ich die Stadt verstanden habe. Es ist, als ob sie sich bewusst weigert, ihre wahre Identität preiszugeben. Einerseits dieser glitzernde Glamour der Côte d'Azur, die Luxusyachten, die teuren Boutiquen, die perfekt gestylten Menschen. Andererseits diese versteckten Gassen der Altstadt, die kleinen Läden mit handgemachten Produkten, die einfachen Restaurants, in denen die Einheimischen essen. Eine Stadt der Kontraste, sozusagen. Und natürlich das Essen. Oh, das Essen.
Ich habe mich durch unzählige Restaurants, Cafés und Märkte gekämpft, immer auf der Suche nach diesem einen, perfekten Geschmack, der meine Reise retten könnte. Und ich habe ein paar wirklich gute Dinge gefunden. Die Olivenöle waren fantastisch, die Käse köstlich, die Macarons himmlisch. Aber ich habe auch ein paar geschmacklose Kichererbsenpfannkuchen, eine zu knoblauchlastige Fischsuppe und ein paar überteuerte Salate gegessen. Es war ein kulinarisches Auf und Ab, wie eine Achterbahnfahrt.
Die Suche nach Authentizität
Ich habe festgestellt, dass Authentizität in Nizza ein relativer Begriff ist. Was für den einen authentisch ist, ist für den anderen nur eine touristische Inszenierung. Ich habe versucht, mich von den Touristenmassen fernzuhalten und die versteckten Ecken der Stadt zu erkunden. Und ich habe ein paar wirklich interessante Orte gefunden. Kleine Läden, in denen die Einheimischen ihre Einkäufe erledigen, Cafés, in denen die alten Männer Schach spielen, und Restaurants, in denen die Köche noch mit Liebe kochen. Aber selbst in diesen Orten spürt man die Präsenz des Tourismus. Es ist, als ob die Stadt von einem unsichtbaren Schleier bedeckt ist, der ihre wahre Seele verbirgt.
Was ich gelernt habe
Ich habe gelernt, dass Nizza mehr ist als nur ein schöner Strand und ein glamouröses Publikum. Es ist eine Stadt mit einer reichen Geschichte, einer vielfältigen Kultur und einer lebendigen Atmosphäre. Es ist eine Stadt, die es zu entdecken gilt, langsam und mit offenen Augen. Und ich habe gelernt, dass man nicht zu viel erwarten sollte. Nizza ist nicht das Paradies, aber es ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann, ein Ort, an dem man das Leben genießen kann, ein Ort, an dem man einfach nur sein kann.
Meine Tipps für Nizza
Wenn Sie nach Nizza reisen, empfehle ich Ihnen, sich Zeit zu nehmen, die Stadt zu erkunden. Verlieren Sie sich in den Gassen der Altstadt, besuchen Sie die Märkte, probieren Sie die lokalen Spezialitäten, und lassen Sie sich von der Atmosphäre treiben. Vermeiden Sie die Touristenmassen, und suchen Sie nach den versteckten Ecken der Stadt. Und vor allem: Erwarten Sie nicht zu viel. Nizza ist nicht das Paradies, aber es ist ein Ort, an dem Sie sich wohlfühlen können.
Und wenn Sie ein Feinschmecker sind, empfehle ich Ihnen, sich auf die lokalen Spezialitäten zu konzentrieren. Probieren Sie die Socca, die Salade Niçoise, die Bouillabaisse, und die Pissaladière. Und vergessen Sie nicht, den lokalen Roséwein zu probieren. Er ist perfekt, um die warme Sonne und die angenehme Atmosphäre zu genießen.
Und wenn Sie ein Kunstliebhaber sind, besuchen Sie das Musée Matisse, das Musée Marc Chagall, und die Villa Ephrussi de Rothschild. Diese Museen beherbergen einige der schönsten Kunstwerke der Welt und bieten einen Einblick in das Leben und Werk dieser berühmten Künstler.
Fazit
Nizza ist eine Stadt, die man lieben oder hassen kann. Ich bin mir noch nicht sicher, wo ich stehe. Aber ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe, für die Menschen, die ich getroffen habe, und für die Aromen, die ich gekostet habe. Nizza ist eine Stadt, die ich nicht vergessen werde. Und vielleicht werde ich eines Tages zurückkehren, um ihre Geheimnisse weiter zu erkunden.
- Vieux Nice (Altstadt)
- Promenade des Anglais
- Musée Matisse
- Cours Saleya (Markt)