La Paz: Zwischen Lama-Spucke und Höhenangst
Landung im Chaos
Ich hatte mir Bolivien eigentlich viel romantischer vorgestellt. So mit Andenpanorama, Lamas und irgendwie auch Ruhe. Stattdessen fühlte es sich an, als wäre ich mitten in eine lebende, atmende, hupende Menschenmenge katapultiert worden. Die Luft war dünn, nicht nur wegen der Höhe – die Stadt liegt auf über 3.600 Metern – sondern auch, weil irgendwie alles nach Stress roch. Meine Ausrüstung, die ich stolz als "leichtgewichtige Profiausrüstung" beworben hatte, fühlte sich plötzlich an wie ein Todesurteil. Ein Kameragepäck, das gefühlt 20 Kilo wiegt, und dazu noch ein Rucksack voll mit unnötigen Sachen, die ich “man weiß ja nie!” mitgenommen hatte. Genial. Ich hatte die Idee zu dieser Reise schon vor zwei Jahren gehabt. Ich, der Großstadtdokumentariker, wollte mich der Tier- und Landschaftsfotografie widmen. Etwas mehr “Authentizität”, hatte ich gesagt, als meine Freundin mich fragte, warum ich nicht einfach wieder die hippen Bars in Berlin fotografiere. Authentizität. Ja, genau das. Und jetzt stehe ich hier, röchte und überfordert, und frage mich, ob ein Foto von einem Hupenden Taxi wirklich das ist, was die Kunstwelt braucht.Die Fahrt ins Zentrum
Nach zähem Feilschen und dem Gefühl, völlig über den Tisch gezogen worden zu sein, saß ich in einem Taxi, das aussah, als hätte es schon bessere Tage gesehen. Und noch bessere Nächte wahrscheinlich. Der Fahrer, ein stämmiger Mann mit einem beeindruckenden Schnurrbart, schien fest entschlossen, alle Geschwindigkeitsrekorde für alte Toyota Corollas aufzustellen. Die Fahrt nach La Paz, der höchsten Hauptstadt der Welt, war… interessant. Man könnte sagen, sie war ein Adrenalinrausch, gemischt mit einer Prise Todesangst. Die Straßen waren eng, kurvig und voller Löcher. Und der Verkehr… nun, der Verkehr war einfach nur… bolivianisch. Ich versuchte, mich an die Landschaft zu gewöhnen. Die Anden, die sich im Hintergrund erhoben, waren zwar beeindruckend, aber irgendwie wurden sie von dem ganzen Chaos übertönt. Ich suchte nach dem "authentischen" Bolivien, nach den Lamas und den malerischen Dörfern. Stattdessen sah ich nur Beton, Abgase und eine endlose Flut von Menschen. Ich hatte mir vorgenommen, die Tierwelt des Landes zu dokumentieren. Ich wollte Fotos von Pumas, Kondoren und anderen exotischen Kreaturen machen. Aber im Moment fühlte ich mich selbst wie ein exotisches Tier, das in einem völlig fremden Habitat gestrandet war.Erste Eindrücke von La Paz
Als wir endlich in La Paz ankamen, war ich platt. Die Stadt erstreckte sich in einem riesigen Talkessel, umgeben von den majestätischen Anden. Die Häuser klammerten sich an die Hänge, als wären sie aus dem Fels gehauen. Es war ein surrealer Anblick, der mich an eine riesige, lebendige Ameisenkolonie erinnerte. Ich checkte in einem kleinen Hostel ein, das von einer freundlichen, aber etwas verschrobenen Dame namens Elena geführt wurde. Sie sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen und einigen bruchstückhaften Spanischkenntnissen konnte ich mich irgendwie verständigen. Mein Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet, aber es hatte ein Fenster mit Blick auf die Stadt. Ich stellte meine Ausrüstung ab und atmete tief durch. Die Luft war immer noch dünn und roch nach Abgasen, aber ich spürte, wie eine gewisse Ruhe in mir einkehrte. Ich war angekommen. Ich war in La Paz. Und ich hatte das Gefühl, dass dies erst der Anfang war. Ich musste nur herausfinden, wie ich all das fotografisch einfangen konnte, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Und vielleicht, ganz vielleicht, konnte ich ja doch noch das authentische Bolivien finden, das ich mir erträumt hatte. Aber zuerst brauchte ich einen starken Kaffee und eine ernsthafte Strategie. Denn eines war klar: Die kommenden Wochen würden definitiv nicht langweilig werden.Elena, die Hostelmutter, hatte Recht mit ihrem Kaffee. Starker, bitterer, fast ungenießbarer Kaffee, aber genau das, was ich brauchte, um meine Gehirnzellen wieder in Gang zu bringen. Nach dem ersten Schluck fühlte ich mich, als könnte ich die Anden erobern. Oder zumindest die steilen Gassen von La Paz bezwingen. Ich beschloss, die Stadt zu Fuß zu erkunden, um ein Gefühl für das Chaos zu bekommen. Und Chaos war es definitiv.
Erkundungstour durch La Paz
Ich begann in der Nähe des Mercado Central, dem zentralen Markt. Ein Ort, an dem sich alle Sinne überfordert fühlten. Der Geruch von frischem Obst vermischte sich mit dem Duft von gebratenem Fleisch und dem undefinierbaren Geruch von… allem Möglichen. Die Gänge waren eng und voll von Menschen, die feilschen, lachen und brüllen. Ich versuchte, Fotos zu machen, aber es war fast unmöglich, ohne jemanden anzustoßen oder zu fotografieren. Eine ältere Dame warf mir einen vernichtenden Blick zu, als ich versuchte, ihr Gesicht einzufangen. Ich verstand es. Man will nicht einfach nur abgelichtet werden, während man versucht, das beste Gemüse auszuwählen.
Witches’ Market und Aberglaube
Von dort aus stolperte ich über den Witches’ Market (Mercado de las Brujas). Ein surreales Erlebnis. Getrocknete Lamafohlen, Alpakas, Kräuter, Amulette und andere mystische Gegenstände wurden hier feilgeboten. Alles für Rituale, Glücksbeschwörungen und die Abwehr böser Geister. Ich bin ja nicht gerade der spirituellste Mensch, aber selbst mir wurde mulmig zumute. Ein Händler versuchte, mir ein “Glücksbringespäckchen” anzudrängen, das angeblich alle meine Probleme lösen würde. Ich lehnte ab. Ich hatte schon genug Probleme mit meiner Ausrüstung.
San Telmo und die Künstler
Am Nachmittag wanderte ich durch das Viertel San Telmo. Hier herrschte eine ganz andere Atmosphäre. Kopfsteinpflasterstraßen, alte Kolonialgebäude und kleine Kunstgalerien. Es fühlte sich an, als wäre ich in eine andere Zeitreise gegangen. Ich traf auf einen alten Mann, der auf der Straße Porträts malte. Er sprach kein Wort Englisch, aber wir verstanden uns trotzdem. Er zeigte mir seine Bilder und ich zeigte ihm meine Fotos. Er lächelte und nickte. Vielleicht war Kunst doch eine universelle Sprache. Ich versuchte, ihn zu fotografieren, aber er winkte ab. "No, señor," sagte er. "Das Herz muss man malen, nicht fotografieren." Er hatte Recht. Wieder einmal hatte mich jemand daran erinnert, dass es mehr im Leben gibt als nur perfekte Bilder.
Pannen und Überraschungen
Natürlich verliefen nicht alle meine Erkundungstouren reibungslos. Einmal verirrte ich mich in einem Labyrinth aus Gassen und konnte mich erst nach Stunden wiederfinden. Ein anderes Mal wurde mir mein Portemonnaie gestohlen. Und dann war da noch der Vorfall mit dem Lama. Ich hatte versucht, ein Lama zu fotografieren, das auf einem Markt stand. Das Lama war jedoch nicht begeistert und spuckte mich an. Eine unschöne Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Aber hey, das ist das Leben, oder? Manchmal muss man einfach lachen und weitergehen. Und vielleicht sollte ich in Zukunft besser auf meine Entfernung zu den Lamas achten.
Trotz all der Pannen und Überraschungen begann ich, La Paz zu verstehen. Es war eine chaotische, verrückte, aber auch faszinierende Stadt. Eine Stadt, die mich herausforderte und mich inspirierte. Ich erkannte, dass meine anfängliche romantische Vorstellung von Bolivien vielleicht etwas naiv gewesen war. Aber ich erkannte auch, dass das echte Bolivien viel interessanter war, als ich es mir je hätte vorstellen können. Die Reise war noch lange nicht zu Ende, aber ich hatte das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg war, um das authentische Bolivien zu finden – oder zumindest ein paar gute Fotos davon zu machen, bevor ich endgültig den Verstand verlor.
Die letzten Tage in La Paz waren… sagen wir mal, intensiv. Ich habe gelernt, dass “Chaos” in Bolivien eine eigene Dimension erreicht. Und dass Lamas eine überraschend gute Zielgenauigkeit beim Spucken haben. Aber ich habe auch gelernt, dass hinter all dem Trubel eine unglaubliche Schönheit und eine warme Gastfreundschaft steckt. Ich hatte mir vorgenommen, spektakuläre Landschaftsaufnahmen zu machen, aber ehrlich gesagt, die interessantesten Bilder waren die, die das alltägliche Leben eingefangen haben: Die Händler auf dem Markt, die Frauen in ihren bunten Trachten, die Kinder, die auf den Straßen spielten. Das authentische Bolivien, das ich gesucht hatte, war nicht in den Anden versteckt, sondern mitten in der Stadt.
Rückblick auf die Reise
Ich muss zugeben, dass meine anfängliche Skepsis nachgelassen hat. La Paz ist nicht einfach eine Stadt, die man “besichtigt”. Man muss sich auf sie einlassen, sich treiben lassen und sich von ihrem Rhythmus mitreißen lassen. Ich hatte erwartet, ein Paradies für Landschaftsfotografen zu finden, und habe stattdessen ein fotografisches Schlachtfeld vorgefunden. Aber ein Schlachtfeld, das voller Leben und Energie war. Ich habe gelernt, dass es nicht immer darum geht, das perfekte Bild zu machen, sondern darum, die Geschichte hinter dem Bild zu erzählen.
Praktische Tipps für Überlebende
Wenn du planst, nach La Paz zu reisen, hier ein paar Tipps, die dir das Leben erleichtern könnten:
Höhenkrankheit ist kein Spaß
La Paz liegt auf über 3.600 Metern. Das bedeutet, dass die Luft dünn ist und du dich schnell erschöpfen kannst. Nimm dir Zeit, um dich zu akklimatisieren, trink viel Wasser und vermeide anstrengende Aktivitäten in den ersten Tagen. Und vergiss nicht, dass Coca-Tee kein Placebo ist. Es kann tatsächlich helfen, die Symptome der Höhenkrankheit zu lindern. Ich habe es selbst ausprobiert und war überrascht, wie gut es funktioniert hat.
Sei vorsichtig mit deinen Wertsachen
La Paz ist eine relativ sichere Stadt, aber Taschendiebstahl und Betrug kommen vor. Halte deine Wertsachen im Auge und sei vorsichtig, wem du dein Vertrauen schenkst. Und lass dein Handy nicht offen herumliegen, wenn du in einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs bist.
Lerne ein paar grundlegende Spanischkenntnisse
Die meisten Menschen in La Paz sprechen kein Englisch. Wenn du ein paar grundlegende Spanischkenntnisse beherrschst, wird es dir leichter fallen, dich zu verständigen und dich zurechtzufinden. Und selbst wenn du nur ein paar Wörter und Sätze kennst, wirst du die Gastfreundschaft der Bolivianer zu schätzen wissen.
Abschied von La Paz
Ich verlasse La Paz mit einem Koffer voller Fotos und einem Kopf voller Erinnerungen. Ich habe gelernt, dass Reisen nicht immer perfekt sein müssen. Manchmal sind es gerade die unerwarteten Herausforderungen und die kleinen Missgeschicke, die eine Reise unvergesslich machen. Und ich habe gelernt, dass die Schönheit des Lebens oft in den kleinen Dingen zu finden ist: In einem Lächeln, einer Umarmung, einem Sonnenuntergang über den Anden. Ich werde La Paz vermissen, mit all seinem Chaos, seiner Intensität und seiner einzigartigen Atmosphäre. Und ich werde zurückkehren, eines Tages. Vielleicht mit einem besseren Lama-Schutzanzug.
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- Mercado Central (Zentralmarkt)
- San Telmo (Viertel mit Kunstgalerien)
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- Kunstgalerien in San Telmo
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- La Paz (Stadt)