Reisebericht Europa - Großbritannien - Glasgow
Ein unbestimmtes Gefühl
Ich lehnte an einem der eisernen Geländer, die das Denkmal umgaben, und beobachtete das Treiben. Es war Mitte Oktober, die Tage wurden kürzer, und ein bleigrauer Himmel drückte auf die Stadt. Nicht unbedingt unfreundlich, eher melancholisch. Wie ein alter Freund, der eine traurige Geschichte kennt. Ich hatte bewusst diesen Zeitpunkt gewählt. Irgendwie zog mich das trübe Licht und die kühle Luft an. Das Gefühl, dass die Natur sich zur Ruhe begab, passte zu meiner eigenen Stimmung. Es war nicht so, dass ich unglücklich war, im Gegenteil. Aber nach Jahren des ziellosen Herumtreckens, des Suchens nach dem ultimativen Adrenalinrausch – von Klippenspringen in Portugal bis zum Wildwasser-Kajakfahren in Costa Rica – hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlte. Eine Art innerer Kompass, der mir sagte, wohin ich eigentlich wollte. Ich hatte alles getan, was ich mir vorgenommen hatte, und jetzt stand ich da, gefangen in einer seltsamen Leere.Warum Glasgow?
Die Entscheidung für Glasgow war eher zufällig. Ich hatte eine alte Karte durchstöbert, auf der ich meine bisherigen Reiseziele markiert hatte, und mein Blick war auf Schottland gefallen. Ich hatte noch nie ein richtiges Interesse an Schottland gezeigt, immer die Sonne und das Meer bevorzugt. Aber etwas an den zerklüfteten Bergen, den alten Burgen und der düsteren Folklore zog mich an. Es war auch die Abgeschiedenheit. Schottland ist nicht so überlaufen wie andere europäische Reiseziele. Man kann immer noch abgelegene Orte finden, in denen man sich wirklich verloren fühlen kann. Und das war es, was ich brauchte. Einen Ort, an dem ich mich von allem, was mich belastete, befreien konnte.Erste Schritte in der Stadt
Ich hatte ein kleines Apartment in der Nähe des West End gemietet, weit genug vom Trubel der Innenstadt entfernt, um etwas Ruhe zu haben. Die Wohnung war einfach, aber gemütlich, mit alten Holzdielen und einem Blick auf einen kleinen Garten. Ich packte meine Sachen aus, stellte meine Kameras und mein Kletterequipment bereit und machte einen ersten Erkundungsrundgang. Die Stadt war anders, als ich erwartet hatte. Nicht so grau und trostlos, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es gab viele Parks und Grünflächen, versteckte Cafés und eine lebendige Kunstszene. Ich verbrachte Stunden damit, durch die Straßen zu schlendern, die Architektur zu bewundern und die Leute zu beobachten. Es war eine seltsame Mischung aus viktorianischer Pracht und modernem Flair. Ich entdeckte die Buchanan Street, eine belebte Einkaufsstraße, und den George Square, den zentralen Platz der Stadt. Ich besuchte die Glasgow Cathedral, eine beeindruckende gotische Kirche, und das Kelvingrove Art Gallery and Museum, ein riesiges Gebäude mit einer vielfältigen Sammlung von Kunstwerken und Artefakten. Ich aß Fish and Chips in einem kleinen Pub und trank ein Glas Scotch in einer gemütlichen Bar.Auf der Suche nach dem Abgrund
Aber all das war nur die Oberfläche. Ich war nicht hier, um einfach nur eine Stadt zu besichtigen. Ich war hier, um mich selbst herauszufordern, meine Grenzen zu testen, das Abenteuer zu suchen. Und ich wusste, dass ich es in den schottischen Highlands finden würde. Ich hatte bereits einige Recherchen angestellt und einige vielversprechende Kletterrouten und Wanderwege entdeckt. Orte, an denen ich mich wirklich verloren fühlen konnte. Orte, die mich dazu zwingen würden, mich meinen Ängsten zu stellen. Der Gedanke daran, in den Bergen zu klettern, erfüllte mich mit einer Mischung aus Aufregung und Angst. Ich wusste, dass es gefährlich sein würde, aber das war es ja gerade, was ich suchte. Ich brauchte etwas, das mich aus meiner Komfortzone herausdrängte, etwas, das mich dazu zwang, im Hier und Jetzt zu leben. Und ich hatte das Gefühl, dass ich es in Schottland finden würde. Die raue Schönheit der Landschaft, die unberechenbare Natur, die Abgeschiedenheit – all das versprach ein Abenteuer, das mich verändern würde. Doch bevor ich mich in die Wildnis wagte, musste ich die Stadt noch etwas besser kennenlernen, ihre verborgenen Winkel erkunden und mich auf das vorbereiten, was vor mir lag.Die West End Vibes
Ich verbrachte die nächsten Tage hauptsächlich im West End. Dieses Viertel hatte etwas an sich, das mich sofort anzog. Eine Mischung aus Bohème-Flair und studentischer Energie. Die Straßen waren gesäumt von Secondhand-Läden, kleinen Buchhandlungen und Cafés, in denen man stundenlang sitzen und das Treiben beobachten konnte. Ich entdeckte das Ashton Lane, eine verwinkelte Gasse mit farbenfrohen Pubs und Restaurants, die abends in einem warmen Licht erstrahlte. Dort saß ich oft, ein Glas lokalen Ales in der Hand, und lauschte den Gesprächen der anderen Gäste. Einmal versuchte ich, in einem dieser Pubs ein traditionelles schottisches Frühstück zu bestellen. Ich dachte, ich wüsste, was auf mich zukommt – Rührei, Speck, vielleicht eine Wurst. Aber was mir serviert wurde, war eine riesige Portion haggis, black pudding, white pudding, Speck, Eier, Tomaten und Pilze. Ich war überwältigt, aber ich probierte alles. Haggis schmeckte überraschend gut, etwas nach Pfeffer und Wild, aber die Menge war einfach zu viel. Ich schaffte kaum die Hälfte und entschuldigte mich bei der Kellnerin. Sie lachte und sagte, dass viele Touristen damit zu kämpfen hätten.Necropolis und die Geister der Vergangenheit
Eines Nachmittags wanderte ich zur Glasgow Necropolis, einer viktorianischen Friedhofshügel, der über der Glasgow Cathedral thront. Es war ein düsterer, aber faszinierender Ort. Hunderte von Grabsteinen und Denkmälern ragten in den Himmel, viele davon kunstvoll verziert und von Efeu überwuchert. Ich schlendete zwischen den Gräbern umher, las die Inschriften und versuchte, mir die Geschichten der Menschen vorzustellen, die dort begraben lagen. Es war ein unheimliches Gefühl, als würde man in die Vergangenheit reisen. Der Wind heulte durch die Bäume, und die Sonne brach nur spärlich durch die Wolken. Ich stellte mir vor, dass die Geister der Verstorbenen um mich herumspukten, und ich bekam eine Gänsehaut. Ich war zwar nicht abergläubisch, aber ich konnte nicht leugnen, dass dieser Ort eine besondere Atmosphäre hatte. Ich entdeckte ein verlassenes Mausoleum mit einer zerbrochenen Tür und wagte mich hinein. Es war stockdunkel und roch nach Moder. Ich zündete die Taschenlampe an und sah, dass die Wände mit Graffiti bedeckt waren. Es war ein gruseliger Ort, aber ich fühlte mich seltsam angezogen.Die Clyde Arc und die urbane Wildnis
Ein weiteres Highlight war die Clyde Arc, auch bekannt als „Squinty Bridge“. Diese futuristisch anmutende Hängebrücke überspannt den Fluss Clyde und bietet einen fantastischen Blick auf die Stadt. Ich ging mehrmals über die Brücke, um die Aussicht zu genießen und Fotos zu machen. Ich entdeckte auch einen kleinen Park am Flussufer, in dem man sich gut entspannen konnte. Ich mietete mir ein Fahrrad und fuhr entlang des Clyde. Ich verließ die Stadt und fuhr in Richtung der Hügel. Die Landschaft wurde immer wilder und rauer. Ich entdeckte versteckte Pfade und kleine Wasserfälle. Es war ein schöner Kontrast zur geschäftigen Stadt. Ich fühlte mich frei und ungebunden. Ich hielt an einem kleinen See an und beobachtete die Vögel. Ich fühlte mich eins mit der Natur. Es war ein Moment der Ruhe und Besinnung. Die Erkenntnis, dass ich vor einer neuen Herausforderung stand, die mich verändern würde, machte sich immer deutlicher und zog mich unaufhaltsam in ihren Bann.Der Wind peitschte mir ins Gesicht, als ich auf einem der Hügel außerhalb Glasgows stand. Unter mir lag die Stadt, ein Flickenteppich aus grauen Steinen und grünen Parks. Es war der letzte Tag meiner Reise, und ein seltsames Gefühl beschlich mich. Nicht Trauer, eher eine Art melancholische Akzeptanz. Ich hatte nicht gefunden, wonach ich suchte – oder vielleicht doch, aber nicht in der Form, die ich erwartet hatte.
Die Suche nach dem Stillstand
Ich hatte gehofft, in den schottischen Highlands die ultimative Herausforderung zu finden, einen Gipfel zu bezwingen, der mich an meine Grenzen bringen würde. Doch das Wetter spielte nicht mit. Tagelang herrschte Nebel und Regen, und die Sicht war gleich Null. Ich kletterte trotzdem, aber es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ging nicht um den Triumph, sondern um die Geduld, die Ausdauer, die Fähigkeit, mit den Elementen zu leben.
Ich erkannte, dass es nicht darum ging, die Natur zu bezwingen, sondern sich ihr hinzugeben, ihren Rhythmus zu spüren. Der Stillstand, den ich suchte, lag nicht auf dem Gipfel eines Berges, sondern in der Stille eines regnerischen Tages, im Rauschen des Windes, im Knistern des Feuers.
Glasgow im Rückspiegel
Glasgow selbst hatte mich überrascht. Ich hatte eine graue, industrielle Stadt erwartet, aber ich fand eine pulsierende Metropole mit einer reichen Geschichte und einer lebendigen Kunstszene. Die Menschen waren freundlich und offen, und ich fühlte mich schnell wohl.
Ich verbrachte Stunden damit, durch die Straßen zu schlendern, die Architektur zu bewundern und die Pubs zu besuchen. Ich entdeckte versteckte Gärten, kleine Buchhandlungen und gemütliche Cafés. Ich aß Fish and Chips, trank Scotch und lauschte den Gesprächen der Einheimischen.
Ein bittersüßer Abschied
Jetzt stand ich hier, auf diesem Hügel, und blickte zurück auf die Stadt. Ich wusste, dass ich sie vermissen würde. Nicht die Sehenswürdigkeiten, nicht die Museen, sondern die Atmosphäre, die Stimmung, das Gefühl, dass ich hier für einen Moment zu Hause war.
Ich hatte nicht alle meine Fragen beantwortet, aber ich hatte etwas Wichtiges gelernt. Es geht nicht darum, das Ziel zu erreichen, sondern um den Weg dorthin. Es geht nicht darum, die perfekte Herausforderung zu finden, sondern darum, die Schönheit im Einfachen zu erkennen.
Ich drehte mich um und begann den Abstieg. Der Wind peitschte mir ins Gesicht, und der Regen durchnässte meine Kleidung. Aber ich lächelte. Ich wusste, dass dies nicht das Ende meiner Reise war, sondern nur ein neuer Anfang.
Empfehlungen für Reisende
Wenn du nach Glasgow reist, solltest du dir unbedingt die Necropolis ansehen. Es ist ein faszinierender Ort mit einer reichen Geschichte und einer beeindruckenden Aussicht auf die Stadt. Verliere dich in den Straßen des West End, entdecke die kleinen Cafés und Buchhandlungen. Und vergiss nicht, einen Abend in einem der vielen Pubs zu verbringen, um die Atmosphäre zu genießen und die Einheimischen kennenzulernen.
Für Naturliebhaber empfehle ich einen Ausflug in die Highlands. Aber sei vorbereitet auf das unberechenbare Wetter und die raue Landschaft. Und nimm dir Zeit, um die Stille zu genießen und die Schönheit der Natur zu bewundern.
Und schließlich: Sei offen für neue Erfahrungen und lass dich treiben. Glasgow ist eine Stadt, die dich überraschen wird.