Asien - China - Guangzhou

Reisebericht Asien - China - Guangzhou

Der Geruch von Sternanis hing schwer in der Luft, vermischt mit einer feuchten Wärme, die mir sofort ins Gesicht schlug, als ich aus dem klimatisierten Flughafen Guangzhou trat. Es war anders, diese Wärme, nicht die trockene Hitze, die ich aus den Weinregionen Frankreichs oder Kaliforniens gewohnt war. Eher wie ein warmer, feuchter Mantel, der sich um einen legt. Ich zog meine leichte Jacke fester um mich, nicht wegen Kälte, sondern um dieses neue Gefühl festzuhalten. Draußen wartete bereits Li Wei, mein Kontakt, ein Mann, den ich nur über E-Mails kannte, ein Spezialist für lokale Weine – und er war überraschend groß.

Die lange Reise und der Durst nach Neuem

Fünfzehn Stunden Flug, zwei Umstiege, und jetzt das. Guangzhou. Ich hatte schon so viele Weinregionen besucht, so viele Rebsorten probiert, von den klassischen Cabernet Sauvignons und Merlots bis zu den obskuren, fast vergessenen Sorten aus den Balkanländern. Aber China? Wein aus China? Das war Neuland. Eigentlich hatte ich mich eher auf die kulinarische Seite dieser Region gefreut – Dim Sum, gebratener Reis, Entenblutsuppe – aber Li Wei hatte mich mit seinen E-Mails neugierig gemacht. Er hatte von aufstrebenden Weingütern in den Bergen rund um Guangzhou geschrieben, von experimentierfreudigen Winzern, die lokale Rebsorten wiederbeleben wollen. Und ich, als jemand, der sein Leben dem Wein gewidmet hat, konnte nicht widerstehen.
Ich hatte dieses Jahr beschlossen, etwas Neues zu wagen. Nach Jahrzehnten, in denen ich die etablierten Weinregionen der Welt bereist hatte, brauchte ich eine Herausforderung. Etwas, das meine Geschmacksknospen und mein Wissen auf die Probe stellt. Und China schien der perfekte Ort dafür zu sein.

Erste Eindrücke von der Stadt

Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war überwältigend. Ein endloser Strom von Autos, Motorrollern und Fahrrädern. Hupen, die nicht nur als Warnsignal, sondern als ständiger Teil der Kommunikation dienten. Überall leuchtende Neonreklamen, hoch aufragende Wolkenkratzer und traditionelle Tempel, die friedlich nebeneinander existierten. Es war ein faszinierender Kontrast, ein wilder Mix aus Alt und Neu. Ich versuchte, so viel wie möglich aufzusaugen, die Geräusche, die Gerüche, die Farben.
Li Wei sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen und ein paar wenigen chinesischen Wörtern, die ich mir vor der Reise angeeignet hatte, verstand ich, dass wir in Richtung eines Viertels fuhren, das für seine lokalen Spezialitäten bekannt war. Er wollte mich erst einmal mit der Küche vertraut machen, bevor wir uns den Weinen widmeten. Eine kluge Idee, dachte ich. Wein und Essen gehören untrennbar zusammen.

Ein erster Schluck – Tee statt Wein

Wir parkten vor einem kleinen, unscheinbaren Restaurant. Innen war es eng und voll, die Tische eng aneinandergereiht. Li Wei bestellte etwas, das ich nicht verstand, aber es roch fantastisch. Es stellte sich heraus, dass es Dim Sum war, eine Vielzahl kleiner, dampfgekochter Köstlichkeiten. Wir probierten alles, von Schweinefleischbrötchen bis zu Garnelendämpfern. Es war köstlich, aber ich sehnte mich nach einem Glas Wein.
Stattdessen brachte Li Wei mir eine Tasse grünen Tee. "Tee ist in China wichtiger als Wein", erklärte er mit einem Lächeln. "Es ist ein Teil unserer Kultur, unserer Geschichte." Ich nippte an dem Tee. Er war mild, erfrischend, fast blumig. Es war nicht das, was ich erwartet hatte, aber es war angenehm. Und es war eine gute Erinnerung daran, dass ich nicht in Frankreich oder Kalifornien war. Ich war in China. Und ich musste bereit sein, neue Erfahrungen zu machen, neue Geschmäcker zu entdecken.
Nach dem Essen fuhren wir zu meinem Hotel, einem modernen Hochhaus mit Blick auf den Pearl River. Von meinem Zimmer aus konnte ich die Lichter der Stadt sehen, die sich im Wasser spiegelten. Es war ein beeindruckender Anblick. Aber ich war nicht hier, um die Stadt zu bewundern. Ich war hier, um Wein zu probieren. Und ich spürte, dass die eigentliche Reise erst noch begann. Die Suche nach den verborgenen Schätzen der chinesischen Weinlandschaft.

Auf den Spuren der lokalen Weine

Am nächsten Morgen holte Li Wei mich in einem kleinen, quietschenden Taxi ab. Wir fuhren aus dem modernen Stadtzentrum hinaus, in Richtung der Berge. Die Landschaft veränderte sich schnell. Hochhäuser wichen kleinen Dörfern, breite Boulevards wurden zu engen Gassen. Ich merkte, dass ich mich außerhalb meiner Komfortzone befand, und das gefiel mir.
Unser erstes Ziel war ein kleines Weingut namens „Jade Vineyard“, versteckt in einem Tal, umgeben von Teeplantagen. Der Weg dorthin war abenteuerlich, eine holprige Schotterstraße, die sich an steilen Hängen entlangschlängelte. Ich hielt mich fest, als das Taxi mit quietschenden Reifen um jede Kurve raste. Li Wei lachte nur. „Keine Sorge, unser Fahrer kennt jeden Zentimeter dieser Straße“, sagte er.

Jade Vineyard – Ein verstecktes Juwel

Jade Vineyard war alles andere als das, was ich von einem Weingut erwartet hatte. Es war klein, fast bescheiden, mit nur wenigen Rebstöcken, die auf einem steilen Hang angebaut wurden. Der Winzer, ein älterer Mann namens Herr Chen, empfing uns mit einem freundlichen Lächeln. Er sprach kaum Englisch, aber mit Li Wei als Übersetzer konnte ich herausfinden, dass er seit über zwanzig Jahren Wein baut.
„Er sagt, er hat alles gelernt, indem er einfach ausprobiert hat“, erklärte Li Wei. „Er hat keine formale Ausbildung, aber er hat ein tiefes Verständnis für den Weinbau.“ Herr Chen führte uns durch die Rebstöcke und erklärte, dass er hauptsächlich eine lokale Rebsorte namens „Bai Yu“ anbaut. „Es ist eine alte Sorte, die fast vergessen war“, sagte Li Wei. „Aber Herr Chen hat sie wiederbelebt.“
Wir probierten den Bai Yu Wein. Er war leicht, fruchtig, mit einem Hauch von Jasmin. Er war nicht so komplex wie die Weine, die ich aus Frankreich oder Kalifornien kannte, aber er hatte einen einzigartigen Charakter, eine gewisse Frische. Ich war überrascht, wie gut er zum lokalen Essen passte, das Herr Chen uns servierte – gedämpfte Gemüse, gebratener Reis, marinierte Tofu.

Der quirlige Shamian-Distrikt und eine kleine Panne

Am nächsten Tag erkundeten wir den Shamian-Distrikt, eine ehemalige britische und französische Konzessionszone mit wunderschönen Kolonialgebäuden. Die Atmosphäre war ganz anders als in den anderen Teilen der Stadt – ruhig, friedlich, fast europäisch. Wir schlenderten durch die Gassen, bewunderten die Architektur und tranken Kaffee in einem kleinen Café.
Li Wei hatte mir versprochen, mich in ein kleines Weinlokal zu führen, das er kannte. Leider stellte sich heraus, dass es geschlossen war. „Entschuldigung“, sagte er verlegen. „Der Besitzer ist krank.“ Ich war nicht enttäuscht. Die Erkundung der Stadt war schon aufregend genug.
Stattdessen besuchten wir einen Teehaus und probierten verschiedene Sorten chinesischen Tees. Ich lernte, dass Tee in China nicht nur ein Getränk, sondern eine Kunstform ist. Die Zubereitung, die Präsentation, die Zeremonie – alles ist sorgfältig durchdacht.

Die kulinarische Entdeckungstour in der Yiyou Lu

Die Yiyou Lu, eine Straße bekannt für ihre Streetfood-Stände, war ein wahres kulinarisches Paradies. Überall duftete es nach köstlichen Speisen. Ich probierte Dim Sum, Nudelsuppen, gebratene Ente und viele andere lokale Spezialitäten. Li Wei erklärte mir die Zutaten und die Zubereitung.
An einem der Stände entdeckten wir einen kleinen Stand, der fermentierten Reiswein anbot. Es war ein trübes, leicht sprudelndes Getränk mit einem ungewöhnlichen Geschmack. Ich probierte es und war überrascht, wie gut es zu den würzigen Gerichten passte. Es war nicht der elegante Wein, den ich gewohnt war, aber es war authentisch, ehrlich und köstlich.
Diese Reise hatte meine Erwartungen übertroffen. Ich hatte nicht nur neue Weine entdeckt, sondern auch eine neue Kultur kennengelernt. Und ich verstand, dass guter Wein nicht nur von der Rebsorte und dem Terroir abhängt, sondern auch von den Menschen, die ihn machen, und der Kultur, die ihn umgibt. Nun stand noch die letzte Etappe bevor, um ein umfassendes Bild der chinesischen Weinlandschaft zu erhalten und festzustellen, ob diese Region in Zukunft eine ernstzunehmende Rolle im internationalen Weinmarkt spielen könnte.

Die letzten Tage in Guangzhou waren ein Wirbelwind aus Eindrücken, Aromen und neuen Erfahrungen. Ich hatte erwartet, eine moderne Metropole vorzufinden, aber ich hatte nicht mit der Tiefe der Tradition und der Gastfreundschaft der Menschen gerechnet. Es war mehr als nur eine Reise auf der Suche nach neuen Weinen; es war eine Entdeckung der chinesischen Seele.


Nachdem wir die kleineren Weingüter in den Bergen erkundet hatten, widmeten wir uns den größeren Betrieben in der Nähe der Stadt. Diese Weingüter waren moderner, mit professioneller Ausrüstung und erfahrenen Winzern. Doch selbst hier spürte man den Wunsch, etwas Einzigartiges zu schaffen, etwas, das die chinesische Identität widerspiegelt.


Die Suche nach dem Terroir


Ich hatte das Glück, an einer Weinprobe teilzunehmen, die von Li Wei organisiert wurde. Verschiedene Weingüter präsentierten ihre besten Weine, und ich konnte die Vielfalt der chinesischen Weine kennenlernen. Es gab trockene Weißweine aus der Rebsorte Longyan, fruchtige Rosés aus Cabernet Gernischt und kraftvolle Rotweine aus Merlot und Cabernet Sauvignon.


Was mir besonders aufgefallen war, war der Einfluss des Terroirs. Die Böden in den Bergen waren vulkanischen Ursprungs, was den Weinen eine besondere Mineralität verlieh. Die Nähe zum Meer sorgte für ein mildes Klima und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Und die traditionellen Anbaumethoden, die auf jahrelanger Erfahrung beruhten, trugen dazu bei, dass die Weine ihren einzigartigen Charakter behielten.


Ein kulinarisches Meisterwerk


Die chinesische Küche ist weltberühmt, und ich hatte die Gelegenheit, einige der besten Gerichte der Region zu probieren. Dim Sum, Pekingente, Char Siu – jede Mahlzeit war ein kulinarisches Meisterwerk. Und natürlich wurden die Weine perfekt auf die Gerichte abgestimmt. Ich lernte, dass chinesische Weine nicht nur pur genossen werden können, sondern auch eine perfekte Ergänzung zur chinesischen Küche sind.


Fazit: Ein vielversprechendes Weinland


Am Ende meiner Reise war ich beeindruckt von dem Potenzial der chinesischen Weine. Es ist noch ein junges Weinland, aber es hat alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein: ein ideales Klima, fruchtbare Böden, talentierte Winzer und eine reiche Kultur. Ich bin überzeugt, dass chinesische Weine in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle auf dem Weltweinmarkt spielen werden.


Meine Tipps für Guangzhou


Wenn Sie planen, Guangzhou zu besuchen, hier sind meine persönlichen Empfehlungen:


  • Besuchen Sie den Shamian-Distrikt: Dieser historische Bezirk ist ein architektonisches Juwel und ein wunderschöner Ort zum Spazieren.
  • Probieren Sie Dim Sum: Dim Sum ist ein Muss für jeden Guangzhou-Besucher. Besuchen Sie eines der vielen Dim-Sum-Restaurants und probieren Sie die verschiedenen Köstlichkeiten.
  • Entdecken Sie die lokale Weinszene: Besuchen Sie eines der Weingüter in der Umgebung und probieren Sie die chinesischen Weine.
  • Erkunden Sie die Yiyou Lu: Diese Straße ist ein Paradies für Streetfood-Liebhaber. Probieren Sie die verschiedenen Gerichte und lassen Sie sich von der Vielfalt der chinesischen Küche überraschen.

Guangzhou ist eine faszinierende Stadt, die ich jedem Weinliebhaber und Reisenden empfehlen kann. Es ist ein Ort, an dem Tradition und Moderne aufeinandertreffen, und an dem man neue Erfahrungen sammeln und seinen Horizont erweitern kann.

    👤 Paar Mitte 50, kulturinteressiert und genussorientiert ✍️ sachlich und analytisch