Europa - Schweiz - Interlaken

Wo die Berge Geschichten flüstern

Die Luft roch nach feuchtem Holz und etwas Süßem, fast wie frisch gebackenen Keksen. Ich stand am Bahnsteig von Interlaken Ost, die Kameratasche schwer auf dem Rücken, und versuchte, den Blick über die Menschenmassen schweifen zu lassen, ohne gleich wieder in meine Gedanken zu versinken. Es war einer dieser Momente, in denen alles – die Geräusche, die Gerüche, das Licht – plötzlich so intensiv war, als würde man die Welt zum ersten Mal sehen.

Ein Traum von schneebedeckten Gipfeln

Ich hatte so lange davon geträumt, hier zu sein. Eigentlich schon seit meiner Kindheit. Mein Großvater, ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und funkelnden Augen, hatte mir als Kind immer Geschichten von den Schweizer Alpen erzählt. Geschichten von Murmeltieren, die pfiffig die Nase rümpfen, von stolzen Steinböcken, die auf schroffen Felsen balancieren, und von Seen, die so klar sind, dass man den Grund sehen kann. Er selbst war nie hier gewesen, aber er hatte mir die Sehnsucht nach dieser Landschaft eingepflanzt. Als er starb, fand ich in seinen Unterlagen ein vergilbtes Foto von Interlaken. Auf der Rückseite stand in seiner krakeligen Handschrift: "Für meinen kleinen Entdecker. Möge er die Schönheit der Welt sehen." Das war der Moment, in dem ich beschloss, dass ich eines Tages hierher kommen würde. Nicht als Tourist, sondern als jemand, der diese Schönheit mit seiner Kamera einfangen und für immer bewahren wollte.
Ich bin Fotograf, das stimmt. Aber ich sehe mich nicht so. Ich bin eher ein Geschichtenerzähler, der seine Geschichten in Bildern festhält. Ich liebe es, in der Natur zu sein, die kleinen Details zu entdecken, die andere übersehen, und die Verbindung zwischen Mensch und Natur zu zeigen. Und die Schweizer Alpen sind dafür der perfekte Ort.

Die erste Begegnung mit dem Aare

Ich verließ den Bahnhof und folgte dem Strom der Leute. Vor mir öffnete sich eine Postkartenansicht: der türkisfarbene Aare, der sich zwischen den grünen Hügeln hindurchschlängelte. Das Wasser war so klar, dass man die Steine am Grund erkennen konnte. Ich blieb stehen und beobachtete, wie die Leute sich in die eisigen Fluten stürzten – Rafting, Kajakfahren, einfach nur Planschen. Mutig, dachte ich. Oder verrückt. Wahrscheinlich beides.
Ich ging weiter und fand ein kleines Café mit Blick auf den Fluss. Ich bestellte einen Kaffee und einen Apfelstrudel und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Es war ein ganz besonderes Gefühl, endlich hier zu sein, nach all den Jahren des Träumens und Planens. Ein Gefühl von Freiheit, von Abenteuer, von unendlichen Möglichkeiten.

Auf der Suche nach dem perfekten Blick

Die Sonne begann langsam unterzugehen und tauchte die Landschaft in ein goldenes Licht. Ich beschloss, einen Spaziergang zu machen und nach dem perfekten Blick zu suchen. Ich verließ die Stadt und wanderte entlang des Flusses, vorbei an grünen Wiesen und kleinen Dörfern. Überall hörte ich das Rauschen des Wassers und das Zwitschern der Vögel. Es war, als würde die Natur selbst eine Symphonie spielen.
Ich entdeckte einen kleinen Pfad, der steil bergauf führte. Ich folgte ihm und kam zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man den gesamten Aare-Talkessel überblicken konnte. Die Sonne war fast untergegangen und hatte den Himmel in ein Farbenmeer aus Rot, Orange und Violett getaucht. Ich stellte meine Kamera auf und begann zu fotografieren. Es war, als würde ich einen Traum festhalten, einen Moment der Perfektion.
Ich wusste, dass dies nur der Anfang meiner Reise war. Dass ich noch viele weitere Abenteuer erleben und viele weitere Bilder machen würde. Aber in diesem Moment, auf diesem Aussichtspunkt, mit dem goldenen Licht in meinem Gesicht, fühlte ich mich vollkommen glücklich. Und ich ahnte, dass ich in den kommenden Tagen noch tiefer in die Schönheit dieser Landschaft eintauchen würde, um die flüchtigen Augenblicke der Wildnis und die Geschichten der Bewohner mit meiner Kamera zu erzählen.

Die stille Magie von Unterseen

Am nächsten Morgen verließ ich Interlaken und wanderte nach Unterseen. Ein kleines, verschlafenes Dorf, das sich malerisch an den Ufern der Aare schmiegt. Ich hatte gelesen, dass es dort eine alte, hölzerne Brücke gibt, die aus dem 14. Jahrhundert stammt. Und ich wollte sie unbedingt fotografieren.
Der Weg dorthin führte mich durch grüne Wiesen und vorbei an kleinen Bauernhöfen. Überall zwitscherten die Vögel und summten die Bienen. Die Luft roch nach frischem Heu und feuchter Erde. Es war, als würde man in eine andere Zeit eintauchen.
Als ich in Unterseen ankam, war ich sofort verzaubert. Die alten Fachwerkhäuser, die kleinen Gassen, die blumengeschmückten Fenster – alles strahlte eine unglaubliche Ruhe und Geborgenheit aus. Ich fand die Brücke, die „Holzbrücke“, wie sie von den Einheimischen genannt wird, und begann zu fotografieren. Sie war viel älter und beeindruckender, als ich es mir vorgestellt hatte. Das dunkle Holz, die kunstvollen Schnitzereien, die Patina der Zeit – alles erzählte eine Geschichte. Ich verbrachte Stunden damit, sie aus allen möglichen Winkeln zu fotografieren, das Licht und die Perspektive immer wieder verändernd.

Ein unerwartetes Porträt

Plötzlich wurde ich von einem alten Mann angesprochen. Er trug eine karierte Weste, eine alte Pfeife im Mund und hatte ein wettergegerbtes Gesicht. Er stellte sich als Herr Müller vor und erzählte mir, dass er in Unterseen geboren und aufgewachsen sei. Er war der Hüter der Brücke, wie er sagte, und kümmerte sich darum, dass sie in gutem Zustand blieb.
Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir viele Geschichten über das Dorf und seine Bewohner. Er erzählte mir von den alten Traditionen, den Festen und Bräuchen. Er erzählte mir von den Menschen, die hier gelebt und gearbeitet hatten. Es war, als würde er ein lebendiges Geschichtsbuch sein.
Ich fragte ihn, ob ich ihn fotografieren dürfe. Er lachte und sagte: "Na, wenn Sie schon so neugierig sind." Ich machte ein paar Aufnahmen von ihm, mit der Brücke im Hintergrund. Sein Gesicht war voller Falten und Weisheit. Es war ein Porträt eines Mannes, der sein Leben lang mit der Natur und den Menschen hier gelebt hatte. Ein sehr ehrliches und authentisches Bild.

Die Trümmelbachfälle – ein tosender Abgrund

Am nächsten Tag wagte ich mich zu den Trümmelbachfällen. Ich hatte Bilder davon gesehen, aber nichts konnte mich auf das vorbereiten, was ich dort erlebte. Die Fälle stürzen aus dem Inneren des Berges und sind teilweise über 100 Meter hoch. Das Wasser tost und donnert, die Gischt spritzt überall hin. Es ist ein überwältigendes Naturschauspiel.
Ich versuchte, die Fälle zu fotografieren, aber es war extrem schwierig. Das Licht war schlecht, das Wasser spritzte auf meine Kamera und der Lärm war ohrenbetäubend. Ich musste meine Ausrüstung immer wieder abwischen und schützen. Außerdem war es sehr eng und überfüllt. Aber ich gab nicht auf. Ich kletterte auf Felsen, zwängte mich durch Spalten und versuchte, den besten Blickwinkel zu finden.
Irgendwann gelang es mir, ein paar brauchbare Aufnahmen zu machen. Ich fing das tosende Wasser, die Gischt und die Felsen ein. Ich fing auch die Gesichter der Menschen ein, die dort standen und staunten. Es waren Aufnahmen, die die Kraft und die Schönheit der Natur zeigten. Aber als ich mich dann etwas von der Hauptstrecke entfernte, rutschte ich auf einem feuchten Stein aus und landete unsanft im kalten Wasser. Die Kamera blieb zum Glück unbeschadet, aber meine Kleidung war klitschnass. Ich musste lachen – und mich dann beeilen, um nicht zu frieren.
Trotzdem war es ein unvergessliches Erlebnis. Die Trümmelbachfälle sind ein Ort, der einen demütig macht und einem die Kraft der Natur vor Augen führt. Und ich wusste, dass ich noch viele weitere Abenteuer erleben und viele weitere Bilder machen würde, bevor meine Reise zu Ende ging, und dass jeder Moment ein weiterer Mosaikstein in der großen Geschichte der Alpen werden würde.

Die letzten Tage in Interlaken waren wie ein sanfter Abschied von einem geliebten Freund. Ich verbrachte viel Zeit damit, einfach nur zu sitzen und die Landschaft zu betrachten, das Licht, die Farben, die Stimmungen. Ich wanderte noch einmal durch die Gassen von Unterseen, genoss einen Kaffee am Aare und versuchte, die unvergesslichen Momente in mir aufzusaugen. Es war, als würde die Landschaft selbst mit mir sprechen, mir Geschichten flüstern von vergangenen Zeiten und verborgenen Schätzen.

Ein Blick zurück – mehr als nur Bilder

Ich hatte so viel mehr erlebt, als ich erwartet hatte. Ich hatte nicht nur atemberaubende Fotos gemacht, sondern auch neue Freunde gefunden, alte Traditionen kennengelernt und mich selbst besser verstanden. Die Begegnung mit Herrn Müller in Unterseen, dem Hüter der Brücke, hatte mich besonders berührt. Seine Geschichten hatten mir gezeigt, dass die wahre Schönheit eines Ortes nicht nur in der Landschaft liegt, sondern auch in den Menschen, die dort leben. Und natürlich die Trümmelbachfälle – eine Naturgewalt, die mich demütig gemacht und mir die Grenzen meiner eigenen Fähigkeiten aufgezeigt hatte. Ich hatte zwar nasse Füße bekommen, aber dafür unvergessliche Bilder im Kasten.

Die Stille des Sees, das Echo der Berge

Ich entdeckte, dass der Thunersee ein ganz besonderer Ort ist, um zur Ruhe zu kommen. Ich mietete ein kleines Ruderboot und fuhr eine Runde auf dem See, umgeben von den majestätischen Bergen. Die Stille war überwältigend, nur unterbrochen vom sanften Plätschern des Wassers und dem Ruf der Vögel. Ich fühlte mich frei, unbeschwert und eins mit der Natur. Es war ein Moment der inneren Einkehr, den ich nie vergessen werde.

Ein paar Worte an angehende Entdecker

Wenn ich jemandem eine Reise nach Interlaken empfehlen würde, würde ich ihm sagen: Nimm dir Zeit. Hetze nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern lass dich treiben und genieße die Atmosphäre. Sprich mit den Einheimischen, probiere die lokalen Spezialitäten und öffne dein Herz für die Schönheit der Natur. Und vergiss nicht, deine Kamera mitzubringen, um die unvergesslichen Momente festzuhalten. Aber sei vorsichtig beim Ausrutschen an Wasserfällen!

Meine persönlichen Empfehlungen

Die Holzbrücke in Unterseen

Dieser Ort hat mich besonders berührt. Die alte Brücke, die Geschichte, die ruhige Atmosphäre – alles hat mich verzaubert. Ich konnte stundenlang dort sitzen und die Landschaft betrachten.

Eine Bootsfahrt auf dem Thunersee

Ein unvergessliches Erlebnis, um die Schönheit der Landschaft aus einer anderen Perspektive zu erleben. Die Berge, das Wasser, die Stille – alles ist einfach atemberaubend.

Wandern im Berner Oberland

Es gibt unzählige Wanderwege im Berner Oberland, die zu atemberaubenden Aussichtspunkten führen. Nimm dir Zeit, um die Natur zu erkunden und die frische Bergluft zu genießen.

Ich verlasse Interlaken mit einem schweren Herzen, aber auch mit unendlich vielen schönen Erinnerungen und unzähligen Fotos, die ich für immer in Ehren halten werde. Ich weiß, dass ich wiederkommen werde, um die Schönheit dieser Landschaft erneut zu erleben und neue Geschichten zu entdecken. Denn die Berge rufen, und ich werde ihnen folgen.

    • Holzbrücke in Unterseen
    • Thunersee (Bootsfahrt)
    • Unterseen
👤 Fotograf (35) der atemberaubende Landschaften und Tierwelt dokumentieren möchte ✍️ romantisch und verträumt