Asien - Jordanien - Totes Meer

Zwischen Wüste und Stille

Der Geruch von Datteln und Staub lag in der Luft, vermischt mit dem Abgas von einem alten, türkisfarbenen Taxi. Ich saß auf einem viel zu kleinen Plastikstuhl vor dem Flughafen in Amman und versuchte, meine müden Beine zu entwirren. Es war heiß, eine drückende Hitze, die sich sofort unter die Haut grub, anders als die sanfte Wärme, an die ich aus Südfrankreich gewöhnt war.

Ein neuer Anfang, eine alte Sehnsucht

Jordanien. Warum Jordanien? Eine gute Frage, auf die ich selbst noch keine wirklich klare Antwort hatte. Es war keine spontane Entscheidung gewesen, eher ein langsames, unaufhaltsames Driften in diese Richtung. Seit Monaten hatte ich das Gefühl, ein Puzzle, dessen Teile einfach nicht zusammenpassen wollten. Die Scheidung war jetzt fast ein Jahr her, und obwohl ich mich nicht unglücklich fühlte, so fühlte ich mich auch nicht wirklich *lebendig*. Ich hatte meine Wohnung in Montpellier verkauft, meinen sicheren Job als Bibliothekarin gekündigt und mir dieses Ticket gekauft. Ein Einwegticket, eigentlich. Ich wollte nicht planen, nicht festlegen, einfach nur sein. Ich hatte die Nase voll von Büchern, die andere geschrieben hatten, von Leben, die andere gelebt hatten. Ich wollte selbst die Geschichte schreiben, auch wenn ich noch nicht wusste, wie sie enden würde. Es war kindisch, naiv vielleicht, aber ich brauchte diese Auszeit, diese Leere, um wieder etwas zu finden. Etwas, das ich verloren hatte, oder vielleicht nie wirklich besessen hatte.

Erste Eindrücke

Amman breitete sich vor mir aus, ein Meer aus beigen und weißen Häusern, die sich an die Hügel schmiegten. Es war anders, viel anders, als alles, was ich bisher gesehen hatte. Keine eleganten Boulevards, keine schicken Boutiquen, sondern ein pulsierendes, chaotisches Leben, das sich in den Gassen abspielte. Männer saßen in kleinen Cafés und tranken Tee, Frauen in langen, dunklen Gewändern eilten ihren Geschäften nach, Kinder spielten auf der Straße. Ich fühlte mich verloren, aber nicht ängstlich. Eher neugierig. Es war eine gute Art von Fremdheit, eine, die einen dazu zwang, die eigene Perspektive zu überdenken. Ich hatte mich so lange in meiner kleinen Welt eingerichtet, in meinen Gewohnheiten und Routinen, dass ich vergessen hatte, wie es sich anfühlt, wirklich neu zu sein.

Der Taxifahrer, ein älterer Mann mit zerfurchtem Gesicht und freundlichen Augen, hatte mir den Weg zu meinem kleinen Hotel in der Innenstadt gewiesen. Es war einfach, zweckmäßig, aber sauber und hatte einen kleinen Balkon mit Blick auf eine belebte Straße. Ich hatte mich für ein Hotel entschieden, weil ich das Gefühl hatte, etwas mehr menschliche Interaktion zu brauchen, als ein anonymes Hostel bieten könnte.

Die Suche nach Stille

Nachdem ich mein Gepäck abgestellt hatte, ging ich auf die Straße hinaus. Die Hitze schlug mir ins Gesicht, aber ich ignorierte sie und ließ mich treiben. Ich wanderte durch die Gassen, vorbei an kleinen Läden, die Gewürze, Stoffe und Souvenirs verkauften. Der Geruch von frisch gebackenem Brot und süßem Tee lag in der Luft. Ich setzte mich in ein kleines Café und bestellte einen starken arabischen Kaffee. Er war bitter und süß zugleich, genau wie das Leben, dachte ich. Ich beobachtete die Menschen, die vorbeigingen, und versuchte, ihre Geschichten zu erahnen. Ein junges Paar, das Hand in Hand ging, eine alte Frau, die ihren Einkaufswagen schob, ein Geschäftsmann, der am Telefon schrie. Ich brauchte Stille, brauchte einen Ort, an dem ich meine Gedanken ordnen konnte. Ich hatte gehört, dass es in der Nähe eine alte Zisterzienserabtei gab, ein versteckter Ort, an dem man dem Trubel der Stadt entfliehen konnte. Ich beschloss, dorthin zu gehen, um ein paar Stunden in Frieden und Ruhe zu verbringen. Der Gedanke daran, an einem Ort der Kontemplation zu sein, wo Jahrhunderte der Geschichte in den Mauern widerhallten, beruhigte mich. Ich wollte dort sitzen, den Blick über die karge Landschaft schweifen lassen und mich fragen, was ich eigentlich suchte. War es die Heilung von alten Wunden, die Entdeckung neuer Leidenschaften oder einfach nur die Akzeptanz dessen, was war? Die Abtei schien mir ein guter Ort, um mit dieser Suche zu beginnen. Und so verließ ich das kleine Café und machte mich auf den Weg, in der Hoffnung, einen Hauch von Frieden in dieser fremden, faszinierenden Welt zu finden.Ich fand die Abtei schneller als erwartet. Sie lag versteckt hinter einer Reihe von Olivenbäumen, ein grauer Kasten aus Stein, der fast mit der Landschaft verschmolz. Es war ein Ort von unglaublicher Stille, nur unterbrochen vom Zirpen der Zikaden und dem leisen Rauschen des Windes in den Bäumen.

Zwischen Gebet und Verzweiflung

Ich setzte mich auf eine Steinbank und schloss die Augen. Die Sonne wärmte mein Gesicht, und ich atmete tief ein. Der Duft von wildem Thymian und Erde lag in der Luft. Ich versuchte, meinen Geist zu beruhigen, aber es war schwer. Erinnerungen an meine gescheiterte Ehe, an die enttäuschten Erwartungen, an die Leere, die sich in meinem Leben breit gemacht hatte, drängten sich in mein Bewusstsein. Ich öffnete die Augen und blickte über den kleinen Klostergarten. Verwelkte Rosenbüsche standen neben einem steinernen Brunnen, dessen Wasser versiegt war. Es war ein trauriger Anblick, aber er berührte mich irgendwie. Ich erkannte mich in dieser Verzweiflung wieder, in diesem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ich verbrachte Stunden in der Abtei, las in einem alten Buch, das ich in meiner Tasche hatte, schrieb in meinem Tagebuch und beobachtete die kleinen Eidechsen, die über die Steinmauern huschten. Es war ein Ort der Besinnung, der mir half, meine Gedanken zu ordnen und meine Gefühle zu verarbeiten.

Das Viertel von Rainbow Street

Am nächsten Tag wagte ich mich in die Rainbow Street, ein lebhaftes Viertel voller Kunstgalerien, Cafés und Souvenirläden. Es war das genaue Gegenteil der Stille der Abtei. Überall waren Menschen, Musik und Gelächter. Ich fühlte mich zunächst etwas überfordert, aber dann ließ ich mich von der Energie der Straße mitreißen. Ich schlenderte durch die Gassen, betrachtete die handgefertigten Schmuckstücke, die bunten Keramiken und die alten Bücher. Ich setzte mich in ein kleines Café und trank einen Minztee. Der Kellner, ein freundlicher junger Mann, erzählte mir etwas über die Geschichte des Viertels und seine Künstler. Ich kaufte ein kleines Gemälde von einem lokalen Künstler, eine abstrakte Darstellung der jordanischen Wüste. Es war ein impulsiver Kauf, aber er fühlte sich richtig an. Ich wollte etwas mit nach Hause nehmen, das mich an diese Reise erinnern würde, an die Schönheit und die Mystik dieses Landes.

Eine kleine Panne und eine große Freundlichkeit

Mein Versuch, mit dem lokalen Bus zum römischen Theater zu gelangen, endete in einem amüsanten Chaos. Ich hatte die falsche Linie genommen und landete in einem Viertel, das nicht im Reiseführer stand. Ich sprach kein Arabisch, und niemand verstand mein gebrochenes Französisch oder mein noch schlechteres Deutsch. Ich stand hilflos am Straßenrand, als eine ältere Frau auf mich zukam. Sie sprach kein Englisch, aber sie verstand meine Verzweiflung. Sie winkte ein Taxi heran und schrieb dem Fahrer auf einem Stück Papier die Adresse des Theaters. Sie weigerte sich, Geld anzunehmen, und lächelte nur freundlich. Diese kleine Geste der Freundlichkeit berührte mich tief. Sie erinnerte mich daran, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die bereit sind, anderen zu helfen, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen und aus unterschiedlichen Kulturen stammen. Ich saß auf den alten Steinstufen des römischen Theaters, blickte über die Stadt und spürte einen Hauch von Frieden. Ich hatte noch keine Antworten auf meine Fragen gefunden, aber ich hatte gelernt, die Schönheit im Einfachen zu sehen, die Freundlichkeit der Fremden zu schätzen und die Stille in meinem Herzen zu finden. Die Reise hatte noch nicht viel verändert, doch ich hatte das Gefühl, dass sich etwas in mir verschob – ein leises, zartes Aufkeimen von Hoffnung, das mich auf dem Weg der Selbstfindung weiterführen würde.

Die Tage vergingen wie im Flug, und doch fühlte ich mich, als hätte ich eine Ewigkeit in Jordanien verbracht. Ich hatte das Totes Meer besucht, natürlich. Das Schweben in dem salzhaltigen Wasser war ein surreales Erlebnis, fast schon befreiend. Ich schloss die Augen und ließ mich treiben, spürte, wie der Körper leichter wurde, wie die Sorgen und Ängste davonschwammen. Doch selbst dieses fast schon kitschige Erlebnis konnte die tiefe Melancholie, die mich begleitete, nicht vollständig vertreiben.

Die Stille der Wüste

Ich hatte ein paar Tage in Wadi Rum verbracht, in einem Beduinencamp mitten in der Wüste. Die endlose Weite der Sanddünen, die tiefroten Felsen, die sich gegen den blauen Himmel abzeichneten – es war eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. Ich wanderte mit einem Beduinen durch die Wüste, lernte etwas über ihre Kultur, ihre Lebensweise. Er erzählte mir Geschichten über seine Vorfahren, über die Bedeutung der Gastfreundschaft, über die Verbindung zur Natur. Die Nächte in der Wüste waren magisch. Der Sternenhimmel war so klar und strahlend, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Ich saß am Lagerfeuer, trank Tee und lauschte den Geschichten der anderen Reisenden. Es war eine Zeit der Besinnung, der Ruhe, der inneren Einkehr.

Rückkehr nach Amman

Zurück in Amman suchte ich wieder die kleinen Cafés auf, beobachtete die Menschen, ließ das Leben an mir vorbeiziehen. Ich hatte mich an das Chaos, die Wärme, die Freundlichkeit der Jordanier gewöhnt. Ich hatte gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen, die Schönheit im Einfachen zu erkennen. Ich hatte nicht alle Antworten gefunden, aber ich hatte einen neuen Blick auf mein Leben gewonnen.

Was ich mitgenommen habe

Jordanien hatte mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, verloren zu sein, dass es in Ordnung ist, nicht alle Antworten zu haben. Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht immer einfach ist, dass es auch schmerzhafte Erfahrungen gibt, aber dass es sich lohnt, weiterzugehen, weiterzusuchen, weiterzuleben. Ich hatte gelernt, dass die wahre Schönheit im Inneren liegt, in der Verbindung zu anderen Menschen, in der Liebe zum Leben.

Ein paar Tipps für Reisende

Wenn ihr nach Jordanien reist, nehmt euch Zeit, um das Land wirklich kennenzulernen. Lasst euch nicht nur die touristischen Highlights zeigen, sondern erkundet auch die kleinen Dörfer, die abgelegenen Täler, die verborgenen Schätze. Sprecht mit den Menschen, lernt ihre Kultur kennen, tauscht euch aus. Und seid offen für das Unerwartete. Jordanien ist ein Land, das euch überraschen wird, das euch berühren wird, das euch verändern wird.

Und noch ein Tipp: Vergesst nicht, genügend Wasser zu trinken, besonders in der Wüste. Und schützt euch vor der Sonne. Die Hitze kann unbarmherzig sein.

Ich werde Jordanien nie vergessen. Es ist ein Land, das einen Teil von meinem Herzen gestohlen hat. Und ich hoffe, ich werde eines Tages wieder dorthin zurückkehren.

    • Wadi Rum (Wüstenlandschaft)
    • Amman (Hauptstadt mit historischem Zentrum)
    • Rainbow Street (Viertel in Amman)
👤 Alleinreisende Frau (40) die sich auf Selbstfindungstour begibt ✍️ nostalgisch und melancholisch