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Shenzhen: Eine Reise zwischen Hightech und innerer Unruhe

Der Geruch von gebratenem irgendwas, vermischt mit Abgasen und einer undefinierbaren Süße, schlug mir beim Verlassen des Flughafens entgegen. Shenzhen also. Ich hatte mir vorgestellt, es wäre etwas… grüner. Na gut, ich wusste ja, was ich tat. Oder glaubte es zumindest. Mit sechzig lässt sich das Reisen noch recht gut rechtfertigen, solange man es als "persönliche Entwicklung" oder "Suche nach innerer Ruhe" tarnen kann. Meine Frau nannte es eher "die Flucht vor dem Enkelkind mit der Trompete", aber gut, das ist Geschmackssache.

Die Suche nach dem Nirvana – oder zumindest einem ruhigen Kaffee

Die Idee zu dieser Reise war eher zufällig entstanden. Ich hatte einen Artikel über Shenzhen gelesen, in dem es hieß, die Stadt sei ein “Silicon Valley Chinas” und gleichzeitig ein “grüner, moderner Lebensraum”. Das klang doch ideal, dachte ich. Eine Mischung aus Hightech und Zen. Ein Mann kann ja wohl noch träumen. Ehrlich gesagt, brauchte ich aber einfach Abstand. Abstand von Gartenzaun-Gesprächen über die Wetterlage, Abstand von der ständigen Angst, dass meine Rosen zu wenig Dünger bekommen und Abstand von allem, was nach Routine roch. Ich hatte mir also einen Flug gebucht, ein mittelmäßiges Hotel gefunden und eine vage Vorstellung davon, wie man in einer Stadt mit über zwölf Millionen Einwohnern zur Ruhe kommt. Die erste Herausforderung stellte sich prompt: ein Taxi zu finden, dessen Fahrer kein Englisch sprach und mich nicht versehentlich in die nächste Karaoke-Bar bringen wollte. Nach etwa zwanzig Minuten und pantomimischen Darstellungen meiner Hoteladresse hatte ich Erfolg.

Erste Beobachtungen – und ein leichtes Gefühl der Überforderung

Die Fahrt ins Stadtzentrum war… interessant. Ein Strom aus Autos, Motorrollern und Fahrrädern, der sich in irgendeiner Form ordnungsgemäß zu bewegen schien. Die Gebäude waren riesig, glänzend und irgendwie uniform. Alles sah neu aus, fast schon steril. Keine alten Fassaden, keine verwinkelten Gassen, keine Seele. Man könnte meinen, die Stadt sei gerade erst aus der Fabrik gerollt. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber es war unmöglich. Überall blinkten Neonlichter, schrillten Werbespots und drängten sich Menschenmengen. Es war, als wäre ich in eine surreale Mischung aus Times Square und einem chinesischen Bazar geraten. Ich spürte, wie sich ein leichtes Gefühl der Überforderung in mir breit machte.

Das Hotel – ein Lichtblick in der Betonwüste

Das Hotel war dann doch eine positive Überraschung. Es war zwar nicht gerade luxuriös, aber sauber, ruhig und hatte sogar einen kleinen Garten. Dort fand ich eine Bank und setzte mich hin, um die ersten Eindrücke Revue passieren zu lassen. Ich bestellte mir einen Kaffee und versuchte, mich zu entspannen. Der Kaffee war… anders. Süß, stark und mit einem Hauch von Kardamom. Nicht schlecht, aber auch nicht das, was ich gewohnt war. Ich nippte daran und beobachtete das Treiben im Garten. Dort saßen ein paar ältere Herren und spielten Mahjong. Sie schienen sich sichtlich wohlzufühlen. Vielleicht, dachte ich, ist das ja der Schlüssel zur Ruhe: sich dem Leben in dieser Stadt einfach hinzugeben.

Ein erster Ausflug – und die Erkenntnis, dass ich nicht in Disneyland bin

Am nächsten Morgen wagte ich mich dann allein auf Erkundungstour. Ich hatte mir vorgenommen, den Lianhuashan Park zu besuchen, einen angeblich wunderschönen botanischen Garten. Der Weg dorthin war allerdings etwas komplizierter als erwartet. Ich verirrte mich in einem Labyrinth aus Straßen und Gassen, wurde von Händlern angesprochen und musste mich mehrmals von freundlichen Einheimischen helfen lassen. Es war anstrengend, aber auch irgendwie aufregend. Ich lernte, dass man in Shenzhen mit wenig Englisch und viel Geduld erstaunlich weit kommen kann. Und ich lernte, dass die Stadt nicht das ist, was ich erwartet hatte. Es war kein idyllischer Zufluchtsort, kein grüner Paradiesgarten, sondern eine pulsierende, chaotische Metropole, die mich mit ihrer Energie überwältigte. Ich merkte, dass meine Vorstellung von Ruhe und Entspannung vielleicht etwas naiv war. Ich war nicht in Disneyland, sondern in einer Stadt, die mich herausforderte, die mich aus meiner Komfortzone lockte und die mich zwang, mich mit einer völlig anderen Kultur auseinanderzusetzen. Und ich begann zu ahnen, dass diese Reise vielleicht doch etwas mehr sein könnte, als nur eine Flucht vor dem Enkelkind mit der Trompete.

Der Window of the World – oder die Welt in Miniatur

Der Lianhuashan Park war zwar ganz nett, aber irgendwie nichts Besonderes. Ein paar Blumen, ein paar Bäume, ein paar Teiche – das hatte ich auch schon zu Hause. Also beschloss ich, mir den Window of the World anzusehen, einen Themenpark, in dem Miniaturen berühmter Bauwerke aus aller Welt zu bestaunen sind. Klingt kitschig? Ja, war es auch. Aber irgendwie faszinierend. Ich stand also vor einem winzigen Eiffelturm und fragte mich, warum jemand eine Miniaturversion eines Bauwerks bauen sollte, das man eigentlich selbst besuchen könnte. Vielleicht, dachte ich, ist das hier eine Art Therapie für Leute, die zu viel Geld haben und zu wenig Zeit. Oder einfach nur ein Ort, an dem man Selfies machen kann, um anderen zu zeigen, wie viel man gesehen hat. Ich schlenderte von Miniatur-Kolosseum zu Miniatur-Schloss Neuschwanstein, immer umgeben von Touristen, die eifrig ihre Smartphones zückten. Es war anstrengend, aber auch unterhaltsam. Ich beobachtete ein chinesisches Ehepaar, das vor dem winzigen Taj Mahal posierte und sich dabei so verhielt, als wäre es das Original. Ich lächelte. Manchmal braucht man eben ein bisschen Kitsch im Leben.

Die Metro – ein tägliches Abenteuer

Das Fortbewegen in Shenzhen ist allerdings eine Wissenschaft für sich. Die Metro ist zwar effizient, aber auch unübersichtlich. Die Schilder sind nur auf Chinesisch und Englisch, aber die Durchsagen sind nur auf Chinesisch. Man muss also gut improvisieren und auf die freundliche Hilfe der Einheimischen hoffen. Einmal stieg ich in die falsche Linie ein und landete in einem Stadtteil, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber es war unmöglich. Ich sprach einen jungen Mann an und zeigte ihm meinen Hotelzettel. Er schaute mich verständnislos an und zuckte mit den Schultern. Ich seufzte. Manchmal ist es eben einfacher, sich treiben zu lassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich dann doch den richtigen Weg zurück ins Hotel. Ich war erschöpft, aber auch erleichtert. Und ich hatte eine neue Erfahrung gesammelt. Ich hatte gelernt, dass man auch in einer fremden Stadt mit etwas Glück und Geduld seinen Weg finden kann.

Dafen Village – die Kunst der Fälschung

Ein weiteres Highlight meiner Reise war Dafen Village, ein kleines Dorf am Rande von Shenzhen, das für seine Kunstfälschungen berühmt ist. Hier kann man Gemälde, Skulpturen und andere Kunstwerke kaufen, die täuschend echt aussehen – zumindest auf den ersten Blick. Ich schlenderte durch die engen Gassen, vorbei an unzähligen kleinen Werkstätten und Geschäften. Überall hingen Gemälde von Monet, Van Gogh und Picasso. Ich staunte über die Geschicklichkeit der Künstler – und über ihren Geschäftssinn. Ich kaufte ein kleines Ölgemälde von einem unbekannten Meister. Ob es ein Original war oder eine Fälschung, spielte keine Rolle. Es gefiel mir und es würde mich an meine Reise nach Shenzhen erinnern.

Kulinarische Entdeckungen – und ein kleiner Kulturschock

Auch kulinarisch hat Shenzhen einiges zu bieten. Ich probierte unzählige neue Gerichte, von Dim Sum über Pekingente bis hin zu exotischen Früchten. Manchmal war es köstlich, manchmal gewöhnungsbedürftig. Einmal bestellte ich etwas, das wie ein gebratener Vogelmaul aussah. Ich aß es trotzdem. Man muss eben mutig sein. Aber nicht alles war gut. Ich versuchte, in einem kleinen Restaurant mit einem Kellner zu kommunizieren, der kein Englisch sprach. Ich zeigte auf die Speisekarte und nickte. Er brachte mir etwas, das ich nicht bestellt hatte. Ich aß es trotzdem. Manchmal ist es einfach zu anstrengend, zu diskutieren. Ich wurde langsam zu einem Meister der Improvisation. Und so vergingen die Tage in Shenzhen. Ich hatte nicht die erhoffte innere Ruhe gefunden, aber ich hatte etwas anderes entdeckt: die Fähigkeit, mich auf das Unerwartete einzulassen und das Leben mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Die Reise hatte mich verändert, vielleicht nicht tiefgreifend, aber doch spürbar. Und ich ahnte, dass dies nur der Anfang einer langen Reihe von Abenteuern sein könnte – selbst wenn die Enkelin mit der Trompete mich weiterhin verfolgen würde.

Der letzte Tag in Shenzhen war seltsam befreiend. Ich saß in einem kleinen Café, trank einen weiteren süßen, stark gewürzten Kaffee und beobachtete das bunte Treiben. Ich hatte keine Erleuchtung gefunden, keine innere Ruhe entdeckt, aber ich hatte gelernt, dass man das Leben auch mit einem Augenzwinkern betrachten kann – selbst wenn man in einer Stadt voller Neonlichter und Menschenmassen gestrandet ist.

Ich hatte mir Shenzhen als eine Art Zen-Garten vorgestellt, einen Ort der Entspannung und Kontemplation. Stattdessen fand ich eine pulsierende Metropole, die mich mit ihrer Energie überwältigte. Es war anstrengend, chaotisch und manchmal auch nervig. Aber es war auch faszinierend, aufregend und überraschend. Und ich glaube, das ist es, was eine gute Reise ausmacht: nicht das, was man erwartet, sondern das, was man tatsächlich erlebt.

Die Suche nach dem authentischen China – und die Erkenntnis, dass es das vielleicht nicht gibt

Ich hatte versucht, das authentische China zu finden, die verborgenen Winkel und die traditionellen Bräuche. Aber Shenzhen ist keine Stadt, die ihre Traditionen zur Schau stellt. Es ist eine moderne, dynamische Stadt, die sich ständig im Wandel befindet. Und vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht ist das authentische China nicht etwas, das man finden kann, sondern etwas, das man selbst erschafft.

Ich habe unzählige Eindrücke gesammelt, unzählige neue Dinge gelernt und unzählige neue Erfahrungen gemacht. Ich habe Dim Sum gegessen, Pekingente probiert und exotische Früchte entdeckt. Ich habe mich in der Metro verirrt, in kleinen Gassen umhergestreift und mit freundlichen Einheimischen geplaudert. Ich habe gelernt, dass man auch ohne Englischkenntnisse erstaunlich weit kommen kann – wenn man nur mutig genug ist, sich auf das Unerwartete einzulassen.

Ein paar Tipps für angehende Shenzhen-Reisende

Wenn ich jemandem raten müsste, nach Shenzhen zu reisen, würde ich ihm sagen: Erwarte nicht zu viel. Sei offen für neue Erfahrungen. Lass dich treiben. Und vergiss nicht, ein paar bequeme Schuhe einzupacken. Du wirst viel laufen.

Und noch ein Tipp: Nimm dir Zeit, um die kleinen Dinge zu genießen. Beobachte die Menschen, höre den Lärm, rieche die Gerüche. Shenzhen ist eine Stadt, die alle Sinne anspricht. Und wenn du Glück hast, entdeckst du vielleicht auch ein paar versteckte Schätze – wie einen kleinen, ruhigen Garten inmitten des urbanen Chaos.

Ich habe Shenzhen verlassen, ohne die erhoffte innere Ruhe gefunden zu haben. Aber ich bin mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Koffer voller Erinnerungen abgereist. Und ich glaube, das ist genug. Vielleicht sogar mehr.

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      👤 Alleinreisender (60) der Ruhe und Entspannung sucht ✍️ sarkastisch und ironisch