Europa - Portugal - Madeira (Funchal)

Madeira: Mehr als nur Blüten und Postkarten

Die Luft roch nach Salz, warm und irgendwie nach reifen Bananen. Ich stand also da, am Flughafen Cristiano Ronaldo in Funchal, mit einem Rucksack, der gefühlt doppelt so schwer war wie ich selbst, und einem Grinsen, das sich hartnäckig in meinem Gesicht festsetzte. Um mich herum das übliche Gewusel: Touristen mit Sonnenhüten, Familien, die sich wieder in die Arme fielen, und die obligatorische Lautsprecherdurchsage, die ich natürlich trotzdem nicht verstand. Madeira. Endlich.

Warum Madeira? Die Geschichte eines Spontan-Trips

Okay, die Wahrheit ist: Madeira stand eigentlich gar nicht auf meiner Liste. Meine ursprüngliche Route sah Backpacking durch Südostasien vor, das klassische Bild eben. Aber dann kam Corona, Flugstornierungen, Visaprobleme, und plötzlich war alles anders. Ich saß also zu Hause, scrollte ziellos durch irgendwelche Reiseblogs und landete dann bei einem Artikel über Madeira. Die Fotos waren unglaublich: Steile Klippen, üppige Vegetation, bunte Blumen, und das alles mitten im Atlantik. Irgendwie wirkte das… anders. Und ehrlich gesagt, ein bisschen erfrischend. Ich recherchierte weiter und stieß dann auf Workaway. Die Idee, im Gegenzug für Unterkunft und Verpflegung bei lokalen Projekten mitzuhelfen, gefiel mir total. Ich bin ja nicht nur Reisender, sondern auch Student, und ein bisschen Praxis im Bereich nachhaltiger Tourismus schadet nie. Also bewarb ich mich bei einer kleinen Bio-Finca im Norden der Insel, und – Überraschung – ich wurde genommen. Die Flüge waren relativ günstig, und innerhalb von zwei Wochen hatte ich alles gebucht. Spontan, ja. Aber manchmal ist das doch das Beste, oder?

Erster Eindruck: Hügel, Häuser, und eine gewisse Gelassenheit

Die Fahrt von Flughafen zur Finca war schon ein Erlebnis für sich. Die Straßen schlängelten sich steil bergauf, vorbei an kleinen Dörfern und terrassierten Feldern. Überall standen diese typischen, kleinen Häuser mit ihren bunten Türen und Fenstern. Ich hatte gelesen, dass die Madeirer früher ihre Häuser farbig strichen, damit die Seeleute sie von Weitem erkennen konnten. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber es sah auf jeden Fall charmant aus. Was mir sofort auffiel, war die Gelassenheit der Menschen. Keine Hektik, kein Stress, einfach ein entspanntes Lebensgefühl. Selbst im Stau lächelten die Fahrer und winkten sich zu. Ich bin ja aus einer Großstadt und da ist das anders. Da wird gehupt, geflucht und getreten, wenn’s eng wird. Hier schien alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen beschaulicher.

Die Finca selbst war genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Ein kleines Paradies inmitten von Bananenplantagen und Weinbergen. Maria, die Besitzerin, empfing mich herzlich und zeigte mir mein kleines Zimmerchen. Es war einfach, aber sauber und gemütlich. Und das Beste: Es hatte einen Balkon mit Blick auf den Atlantik.

Ich half Maria dann den Rest des Tages bei der Ernte von Mangos. War zwar anstrengend, aber es machte Spaß. Und am Abend saßen wir dann zusammen auf der Terrasse, tranken selbstgemachten Wein und unterhielten uns. Maria erzählte mir von der Insel, von ihrer Geschichte, von ihren Traditionen, und von den Herausforderungen, denen sich die Madeirer stellen müssen.
Die Insel ist wunderschön, das steht außer Frage. Aber sie ist auch klein und isoliert. Und der Tourismus stellt eine Belastung für die Umwelt und die Ressourcen dar. Maria ist sich dessen bewusst und versucht, ihren Betrieb so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Das finde ich gut. Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen bringen werden. Ich möchte die Insel erkunden, wandern, schwimmen, und vor allem die Menschen kennenlernen. Und ich möchte herausfinden, ob Madeira wirklich so nachhaltig ist, wie es immer wieder behauptet wird. Denn hinter jeder schönen Fassade steckt auch eine Kehrseite, und ich bin nicht der Typ, der einfach nur blindlings begeistert ist. Ich hinterfrage gerne, und ich möchte die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Und vielleicht kann ich ja auch meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass der Tourismus auf Madeira in Zukunft noch nachhaltiger wird.

Funchal – Mehr als nur bunte Blumen und Postkartenidylle

Die ersten Tage verbrachte ich damit, Funchal zu erkunden. Klar, der Botanische Garten ist beeindruckend, und die Blumen sind wirklich unglaublich bunt. Aber ehrlich gesagt, war mir das alles etwas zu touristisch, zu perfekt inszeniert. Ich brauchte etwas mehr Authentizität, etwas mehr… Leben. Also wanderte ich abseits der Hauptstraßen, in die kleineren Gassen und Viertel.

Zona Velha: Zwischen Geschichte und Gentrifizierung

Die Zona Velha, die Altstadt von Funchal, ist ein guter Ausgangspunkt. Die Häuser sind zwar renoviert und sehen jetzt recht schick aus, aber man spürt noch immer die Geschichte. Die engen Gassen sind voller kleiner Bars, Restaurants und Kunsthandwerksläden. Ich habe mich in einer winzigen Bar versteckt, die kaum größer als ein Wohnzimmer war, und einen Poncha getrunken, das traditionelle Getränk aus Zuckerrohr, Zitrone und Honig. War stark, aber gut. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass die Zona Velha langsam gentrifiziert wird. Überall neue, schicke Restaurants und Läden, die eher auf Touristen als auf Einheimische ausgerichtet sind. Die Mieten steigen, und die traditionellen Geschäfte verschwinden. Das ist ein Dilemma, das ich schon oft gesehen habe. Auf der einen Seite ist es gut, dass die Altstadt wiederbelebt wird, auf der anderen Seite geht etwas von ihrer ursprünglichen Seele verloren.

Mercado dos Lavradores: Ein Fest für die Sinne – und die Touristenkassen

Der Mercado dos Lavradores, der Bauernmarkt, ist ein weiteres Muss in Funchal. Hier gibt es alles, was die Insel zu bieten hat: frisches Obst, Gemüse, Fisch, Blumen, Gewürze. Die Farben, die Gerüche, die Geräusche – es ist ein Fest für die Sinne. Ich habe mir eine Papaya gekauft, die direkt vom Baum gepflückt worden war. Schmeckte himmlisch. Aber auch hier hatte ich das Gefühl, dass der Markt mehr auf Touristen als auf Einheimische ausgerichtet ist. Die Preise waren ziemlich hoch, und viele der Stände verkauften nur noch Souvenirs und Massenware. Ich habe mit einem alten Mann gesprochen, der seit über 50 Jahren auf dem Markt arbeitet. Er erzählte mir, dass der Markt früher viel authentischer war, dass die Bauern ihre eigenen Produkte verkauft haben. Heute sind viele von ihnen nur noch Vermittler, die die Waren von großen Plantagen einkaufen.

Eine kleine Pannen im Osten

Ich wollte unbedingt zum Ponta de São Lourenço wandern, dem östlichsten Punkt der Insel. Also bin ich mit dem Bus dorthin gefahren. Klingt einfach, war es aber nicht. Der Busfahrer sprach kein Englisch, und ich hatte keine Ahnung, wann ich aussteigen sollte. Ich bin dann eine Haltestelle zu früh ausgestiegen und musste den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. War anstrengend, aber die Landschaft war atemberaubend. Steile Klippen, tosender Atlantik, und eine fast unwirkliche Stille. Ich habe dann eine kleine Bucht entdeckt, in der ich mich eine Weile entspannen konnte. Das Wasser war eiskalt, aber erfrischend. Und ich hatte die Bucht ganz für mich allein. Es waren Momente wie diese, die meine Reise so besonders machten. Aber selbst hier, inmitten der Natur, spürte ich die Auswirkungen des Tourismus. Überall Plastikmüll, weggeworfene Flaschen, Verpackungen. Es ist frustrierend zu sehen, wie die Menschen die Schönheit der Natur zerstören. Ich habe versucht, so viel Müll wie möglich einzusammeln, aber es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die nächsten Tage werden mich noch tiefer in die Insel bringen, ich vermute, es wird mehr als nur Postkartenidylle zu sehen geben, und ich bin gespannt, welche weiteren Facetten sich noch offenbaren werden.

Die letzten Tage auf Madeira waren geprägt von einem ständigen Wechselspiel zwischen Begeisterung und Frustration. Begeisterung für die atemberaubende Landschaft, die üppige Vegetation und die freundlichen Menschen. Frustration über den allgegenwärtigen Tourismus, die Müllberge und die fehlende Nachhaltigkeit. Ich habe versucht, hinter die glitzernde Fassade zu blicken, die uns die Reiseführer präsentieren, und die Insel mit all ihren Facetten kennenzulernen. Und ich muss sagen, es war eine lehrreiche Erfahrung.


Leben auf der Finca: Zwischen Arbeit und Gemeinschaft

Das Leben auf der Bio-Finca war zwar hart, aber erfüllend. Maria, die Besitzerin, hat mir viel über nachhaltige Landwirtschaft, Permakultur und die Herausforderungen des ökologischen Anbaus erzählt. Wir haben gemeinsam Mangos geerntet, Gemüse gepflanzt und Kräuter getrocknet. Es war körperlich anstrengend, aber es hat mir auch gezeigt, wie viel Arbeit hinter unseren Lebensmitteln steckt. Und es hat mir die Augen geöffnet für die Bedeutung einer bewussten Ernährung.


Ich habe auch viele interessante Menschen kennengelernt: andere Workaway-Helfer, Einheimische und Touristen. Wir haben gemeinsam gekocht, gelacht und uns über das Leben ausgetauscht. Es war schön, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen.


Wandern und Entdecken: Abseits der Touristenpfade

Ich habe versucht, so viel von der Insel zu Fuß zu erkunden. Ich bin durch dichte Wälder gewandert, entlang steiler Klippen geklettert und habe versteckte Buchten entdeckt. Die Levadas, die alten Bewässerungskanäle, sind ein echtes Highlight. Sie führen durch die grüne Landschaft und bieten atemberaubende Ausblicke.


Ich bin auch zum Pico do Arieiro gewandert, dem zweithöchsten Berg der Insel. Der Ausblick von dort oben war spektakulär. Aber auch hier war der Tourismus allgegenwärtig. Überall waren Menschen, die Selfies machten und die Landschaft mit ihren Kameras festhielten. Es war schwer, die Stille und die Schönheit der Natur zu genießen.


Nachhaltigkeit: Eine Illusion?

Ich habe mich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auf Madeira auseinandergesetzt. Und ich muss sagen, ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite gibt es viele Initiativen, die sich für den Schutz der Umwelt und die Förderung des ökologischen Tourismus einsetzen. Auf der anderen Seite ist der Tourismus auf der Insel viel zu stark gewachsen, um nachhaltig zu sein. Die Ressourcen sind begrenzt, die Umwelt wird belastet, und die Einheimischen leiden unter steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten.


Ich glaube, dass der Tourismus auf Madeira dringend neu gedacht werden muss. Es braucht eine Begrenzung der Besucherzahlen, eine Förderung des ökologischen Tourismus und eine Stärkung der lokalen Wirtschaft. Nur so kann die Insel auch in Zukunft ein attraktives Reiseziel bleiben.


Fazit: Eine Insel voller Widersprüche

Madeira ist eine Insel voller Widersprüche. Sie ist wunderschön und gleichzeitig stark touristisch geprägt. Sie ist reich an Traditionen und gleichzeitig modern und international. Sie ist ein Paradies für Naturliebhaber und gleichzeitig eine Herausforderung für Umweltaktivisten. Ich habe die Insel mit all ihren Facetten kennengelernt und bin zwiegespalten. Ich bin begeistert von der Landschaft und den Menschen, aber ich bin auch frustriert über den Tourismus und die fehlende Nachhaltigkeit.


Ich glaube, dass Madeira ein Ort ist, den man einmal im Leben gesehen haben sollte. Aber man sollte sich bewusst sein, dass es sich um eine fragile Insel handelt, die dringend geschützt werden muss. Und man sollte versuchen, so viel wie möglich zu den lokalen Gemeinschaften beizutragen und die Umwelt zu schonen.


    • Pico do Arieiro (Bergwanderung mit Ausblick)
    • Levadas (Wanderungen entlang der Bewässerungskanäle)
    • Finca (Bio-Finca als Ort der Erfahrung)
👤 Budget-Reisende (20) die Backpacking und Workaways kombiniert ✍️ kritisch und hinterfragend