Afrika - Südafrika - Pretoria

Südafrikanische Melodie

Der warme, trockene Wind zog gerade über das Rollfeld, als ich aus dem Flugzeug stieg. Er roch nach Staub und einer süßen, unbekannten Blüte. Irgendwie nach Leben, nach Ursprünglichkeit. Schon beim Aussteigen spürte ich, wie sich etwas in mir lockerte, eine Anspannung, die ich gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Pretoria. Südafrika. Ein Traum, den ich lange vor mir hergeschoben hatte, jetzt endlich Realität.

Eine innere Suche

Ich bin kein typischer Tourist. Nicht, dass ich das Reisen nicht liebe, ganz im Gegenteil. Aber ich suche nicht nach dem perfekten Instagram-Moment, nach dem Haken bei den Sehenswürdigkeiten. Ich bin Fotograf, ja, aber meine Kamera ist mehr ein Werkzeug, um etwas Festhalten zu können, das ich selbst erlebe, das *mich* berührt. Seit einigen Jahren fühle ich eine tiefe Sehnsucht, eine Art inneren Ruf, der mich immer wieder nach Orten führt, die noch wild und unberührt sind. Nach Orten, die einen mit sich selbst konfrontieren. Ich hatte das Gefühl, dass ich in den letzten Jahren irgendwie den Kontakt zu meiner eigenen Kreativität verloren hatte. Der Alltag, die Arbeit, die Verpflichtungen – sie hatten mich irgendwie abgestumpft. Ich brauchte etwas, das mich wieder aufweckt, mich daran erinnert, wer ich eigentlich bin. Und ich hatte das Gefühl, dass Afrika – speziell Südafrika – mir genau das bieten könnte. Ich hatte Monate damit verbracht, mich vorzubereiten, nicht nur die Ausrüstung zu checken, sondern auch, mich mit der Kultur, der Geschichte und der Tierwelt zu beschäftigen. Es ging mir nicht nur darum, schöne Bilder zu machen, sondern darum, zu verstehen, was diesen Ort so besonders macht.

Erste Eindrücke von Pretoria

Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war schon eine Offenbarung. Die Landschaft war anders, als ich sie von Bildern kannte. Viel trockener, viel rauer. Aber auch voller Leben. Überall wuchsen Bäume, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, mit ihren bizarren Formen und den leuchtenden Blüten. Die Stadt selbst wirkte zunächst etwas unscheinbar, aber je länger ich unterwegs war, desto mehr fiel mir die Mischung aus afrikanischer und europäischer Kultur auf. Überall standen alte, koloniale Gebäude neben modernen Bürogebäuden. Die Menschen auf den Straßen waren bunt gemischt, und überall hörte man verschiedene Sprachen. Ich hatte ein kleines Gästehaus in einem ruhigen Viertel gebucht. Es war ein einfacher, aber gemütlicher Ort, mit einem kleinen Garten und einer Terrasse. Die Besitzerin, eine freundliche ältere Dame namens Miriam, empfing mich herzlich und gab mir ein paar Tipps für die Umgebung.

Das Licht und die Stille

Miriam erzählte mir, dass Pretoria oft als „Jakarandastadt“ bezeichnet wird, weil es im Frühling so viele blühende Jakarandabäume gibt. Jetzt, im Herbst, waren die Bäume zwar nicht mehr in voller Blüte, aber das Licht hatte etwas ganz Besonderes. Es war warm, golden und sehr intensiv. Ich verbrachte den Rest des Tages damit, die Umgebung zu erkunden. Ich wanderte durch die Parks, besuchte ein paar Museen und ließ mich einfach treiben. Es war eine seltsame Mischung aus Ruhe und Aufregung. Ich fühlte mich frei und gleichzeitig irgendwie verloren. Ich stellte fest, dass ich hier anders fotografierte, als zu Hause. Ich suchte nicht mehr nach dem perfekten Bild, sondern nach dem Gefühl, das mich berührte. Ich fotografierte die kleinen Dinge, die anderen vielleicht gar nicht bemerkten: das Licht, das durch die Blätter der Bäume fiel, das Gesicht eines alten Mannes, der auf einer Bank saß, die Muster auf einem Stoff. Ich spürte, dass ich hier etwas finden würde. Etwas, das mir helfen würde, mich selbst besser zu verstehen und meine Kreativität wiederzufinden. Die kommenden Tage würden zeigen, ob ich auf dem richtigen Weg war, und ich freute mich darauf, tiefer in die Schönheit und die Seele dieses Landes einzutauchen. Denn ich ahnte, dass die wahre Reise gerade erst begonnen hatte.

Church Square und das Echo der Geschichte

Am nächsten Morgen beschloss ich, in die Innenstadt zu fahren und den Church Square zu erkunden. Miriam hatte mir erzählt, dass es das historische Zentrum von Pretoria ist und dass dort viele wichtige Gebäude aus der Kolonialzeit stehen. Als ich dort ankam, war ich sofort beeindruckt. Die Architektur war überwältigend, aber gleichzeitig spürte ich auch eine gewisse Schwere, eine Last der Vergangenheit. Das Denkmal von Paul Kruger, dem ersten Präsidenten der Südafrikanischen Republik, dominierte den Platz. Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete das Treiben. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gingen vorbei, einige eilten geschäftsmäßig, andere schlenderten gemächlich. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das Leben hier vor hundert Jahren ausgesehen haben muss, als der Platz noch ein Zentrum der Macht und des Handels war. Ich fotografierte viel, versuchte, das Licht und die Schatten einzufangen, die die Gebäude umspielten. Aber irgendwie gelang es mir nicht, die Atmosphäre wirklich festzuhalten. Es fühlte sich an, als ob ich nur die Oberfläche kratzte, ohne wirklich in die Tiefe zu dringen.

Ein unerwarteter Regenschauer

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel, und es begann zu regnen. Ein heftiger Regenschauer überraschte mich völlig. Ich hatte keine Jacke oder einen Schirm dabei und suchte Schutz unter dem Vordach eines alten Gebäudes. Während ich dort stand und auf das Ende des Regens wartete, kam ich mit einem älteren Mann ins Gespräch. Er stellte sich als David vor und erzählte mir, dass er seit über 50 Jahren in Pretoria lebt. Er hatte die Apartheid erlebt und die Veränderungen, die das Land in den letzten Jahren durchgemacht hatte. David erzählte mir, dass der Church Square für ihn ein Ort der Erinnerung und der Hoffnung ist. Er hatte hier viele Demonstrationen und Kundgebungen erlebt, aber auch Momente der Freude und des Friedens. Er sagte, dass es wichtig sei, sich an die Vergangenheit zu erinnern, um aus den Fehlern zu lernen und eine bessere Zukunft zu gestalten. Sein Blick war voller Weisheit und Erfahrung. Ich hörte ihm aufmerksam zu und verspürte eine tiefe Verbundenheit mit ihm und mit diesem Land. Der Regenschauer hatte mich nicht nur nass gemacht, sondern auch mein Herz berührt.

Der botanische Garten und die Stille der Natur

Am nächsten Tag wollte ich dem Trubel der Stadt entfliehen und suchte den botanischen Garten auf. Ich hatte gehört, dass es ein wunderschöner Ort ist, an dem man die Natur in vollen Zügen genießen kann. Der Garten war wirklich atemberaubend. Überall wuchsen exotische Pflanzen und Bäume, und es gab viele kleine Teiche und Wasserfälle. Ich wanderte stundenlang durch den Garten, beobachtete die Vögel und die Insekten und atmete die frische Luft ein. Ich fand einen ruhigen Platz unter einem alten Baobab-Baum und setzte mich hin, um zu fotografieren. Ich konzentrierte mich auf die kleinen Dinge: die filigranen Blütenblätter einer Blume, die Textur der Baumrinde, das Spiel des Lichts und der Schatten. Ich versuchte, die Stille und die Schönheit der Natur einzufangen. Es war, als ob ich in eine andere Welt eingetaucht wäre. Die Sorgen und Ängste des Alltags waren vergessen, und ich fühlte mich vollkommen frei und entspannt. Ich begann zu verstehen, dass meine Reise nach Südafrika nicht nur eine Suche nach schönen Bildern war, sondern auch eine Suche nach innerer Ruhe und Klarheit. Und ich ahnte, dass ich hier, in der Nähe der Natur, dem Ziel näherkam, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Die Tage vergingen viel zu schnell, und ich spürte, dass ich bald Abschied nehmen musste, aber ich wusste auch, dass ein Teil von mir für immer in diesem Land zurückbleiben würde.

Die letzten Tage in Pretoria waren wie ein sanfter Abschied. Ich verbrachte viel Zeit damit, einfach nur zu beobachten, das Licht, die Menschen, die kleinen Dinge, die den Alltag so besonders machen. Ich wanderte durch die Vororte, besuchte lokale Märkte und ließ mich treiben.

Die Suche nach dem inneren Kompass

Ich hatte das Gefühl, dass ich hier mehr gefunden hatte, als ich gesucht hatte. Ich war nicht nur gekommen, um schöne Bilder zu machen, sondern auch, um mich selbst besser kennenzulernen. Und ich glaube, ich war auf dem richtigen Weg. Die Distanz zu meinem Alltag, die neue Umgebung, die Begegnungen mit den Menschen – all das hatte mir geholfen, meine Perspektive zu verändern und meine Prioritäten neu zu ordnen.

Ich merkte, dass es nicht darum ging, das perfekte Bild zu machen, sondern darum, den Moment bewusst zu erleben und die Schönheit in den kleinen Dingen zu erkennen. Es ging darum, sich mit der Natur zu verbinden, mit den Menschen und mit sich selbst.

Der Abschied und die Erkenntnis

Am Tag meiner Abreise fühlte ich eine gewisse Traurigkeit, aber auch eine tiefe Dankbarkeit. Ich war dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, für die Menschen, die ich kennengelernt hatte, und für die Erkenntnisse, die ich gewonnen hatte.

Ich wusste, dass ich Pretoria und Südafrika für immer in meinem Herzen tragen würde. Es war ein Ort, der mich verändert hatte, der mich inspiriert hatte und der mir gezeigt hatte, dass das Glück oft in den einfachen Dingen zu finden ist.

Ein paar persönliche Empfehlungen

Für alle, die vorhaben, Pretoria zu besuchen, hätte ich ein paar Empfehlungen. Erstens: Nehmt euch Zeit, um die Stadt in Ruhe zu erkunden. Verlasst euch nicht nur auf die touristischen Highlights, sondern auch die kleinen Gassen und versteckten Ecken.

Zweitens: Sprecht mit den Menschen. Die Südafrikaner sind unglaublich freundlich und gastfreundlich. Sie haben viel zu erzählen und können euch wertvolle Einblicke in die Kultur und Geschichte des Landes geben.

Drittens: Verbindet euch mit der Natur. Besucht den botanischen Garten, macht eine Wanderung in den Bergen oder fahrt in einen der vielen Nationalparks. Die Natur in Südafrika ist atemberaubend und bietet unzählige Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten.

Und schließlich: Seid offen für neue Erfahrungen. Lasst euch überraschen, seid neugierig und genießt jeden Moment. Pretoria ist ein Ort, der euch verändern kann, wenn ihr euch darauf einlasst.

Ich saß am Fenster des Flugzeugs und blickte zurück auf die Stadt, die langsam immer kleiner wurde. Ich wusste, dass ich irgendwann zurückkehren würde. Südafrika hatte einen besonderen Platz in meinem Herzen gefunden, und ich freute mich darauf, diese wunderschöne Melodie wieder zu hören.

    • Botanischer Garten Pretoria
    • Church Square
    • Vororte von Pretoria
👤 Fotograf (35) der atemberaubende Landschaften und Tierwelt dokumentieren möchte ✍️ spirituell und achtsam