Europa - Großbritannien - Bristol

Bristol, Chai-Latte und verlorene Mützen

Regen peitschte gegen die Bullaugen des Busses, und ich versuchte krampfhaft, meinen selbstgemachten Chai-Latte nicht zu verschütten. Erfolglos, wie sich herausstellte. Ein warmer, zimtduftender Fleck breitete sich auf meinen Jeans aus. Perfekter Start in ein neues Abenteuer, dachte ich zynisch. Bristol, ich komme.

Warum eigentlich Bristol?

Ich bin Lena, 25, und neige dazu, mich in Projekte zu stürzen, die entweder komplett sinnlos oder unglaublich wichtig sind. Meistens ist es eine Mischung aus beidem. Diesmal ging es um ein soziales Projekt in Bristol, das sich um die Integration von Flüchtlingen dreht. Klingt edel, oder? In Wirklichkeit bedeutet es, dass ich für die nächsten drei Monate versuche, nicht komplett unterzugehen, während ich versuche, anderen Menschen zu helfen, die sich in einer noch schlimmeren Lage befinden. Meine Eltern waren wenig begeistert. “Warum nicht einfach ein Praktikum in einer Marketingagentur?”, hatte meine Mutter gefragt, als wäre das die naheliegendste Lösung aller Probleme. Ich bin halt nicht so der Marketingtyp. Ich bin eher der Typ, der versucht, komplizierte Formulare auszufüllen und dabei den Überblick verliert.

Erste Eindrücke: Nässe und Backsteine

Als der Bus endlich am Bristol Bus Station anhielt, war ich ehrlich gesagt froh, dass ich überhaupt noch trockene Klamotten hatte. Bristol empfing mich mit einer Mischung aus grauem Himmel, nassen Pflastersteinen und einer beeindruckenden Anzahl von Backsteingebäuden. Alles sah irgendwie… viktorianisch aus? Ich hatte erwartet, dass England irgendwie moderner ist, aber Bristol wirkte, als wäre die Zeit hier stehengeblieben. Und das meine ich nicht unbedingt negativ. Es hatte einen gewissen Charme, diese Mischung aus Geschichte und… Feuchtigkeit. Ich hatte ein kleines Zimmer in einem Shared House gemietet, irgendwo in der Nähe der Universität. Der Weg dorthin führte mich durch enge Gassen und vorbei an Pubs, die schon um Mittag voller Leute waren. Das gefiel mir. Ich liebe es, Leute zu beobachten, besonders in Pubs. Es ist wie eine kostenlose Reality-Show, nur mit mehr Bier.

Das Shared House und die ersten Begegnungen

Mein Zimmer war… nun ja, klein. Aber zumindest hatte es ein Fenster. Und ein Bett. Und keine offensichtlichen Spinnweben. Das nenne ich schon mal einen Erfolg. Meine Mitbewohner stellten sich als eine bunte Mischung aus Studenten, Künstlern und einem pensionierten Mathematiker vor. Der Mathematiker, Herr Peterson, sprach ausschließlich in Formeln und hatte eine Vorliebe für gestrickte Hüte. Ich hatte das Gefühl, dass ich in einem Roman von Terry Pratchett gelandet war. Die erste Woche war hauptsächlich damit verbracht, mich im öffentlichen Nahverkehr zurechtzufinden (Spoiler: ich habe mich mehrmals verirrt) und zu lernen, wie man einen britischen Frühstücks-Sandwich bestellt, ohne komplett zu versagen. Die Briten scheinen eine seltsame Obsession mit Frühstücks-Sandwiches zu haben, und ich bin ehrlich gesagt nicht abgeneigt.

Das Projekt und die Herausforderungen

Das soziale Projekt, bei dem ich mitarbeiten sollte, war ziemlich groß und komplex. Es ging darum, Flüchtlingen bei der Integration in die britische Gesellschaft zu helfen, ihnen bei der Wohnungssuche, der Jobsuche und dem Erlernen der Sprache zu helfen. Es war eine große Aufgabe, und ich fühlte mich anfangs ziemlich überwältigt. Ich hatte zwar einige Vorkenntnisse im Bereich der sozialen Arbeit, aber das war alles theoretisch. In der Praxis war es viel schwieriger, sich mit den Problemen der Menschen auseinanderzusetzen, ihnen Hoffnung zu geben und ihnen gleichzeitig nicht falsche Versprechungen zu machen. Ich arbeitete in einem kleinen Team von Freiwilligen und Mitarbeitern, und ich lernte schnell, dass es wichtig war, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir teilten unsere Erfahrungen, diskutierten unsere Herausforderungen und lachten viel. Es war schön, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem man sich wohl und akzeptiert fühlte. Die ersten Tage waren geprägt von unzähligen Formularen, Telefonaten und Besprechungen. Ich lernte, dass die britische Bürokratie genauso kompliziert und undurchsichtig sein kann wie jede andere. Aber ich lernte auch, dass es möglich ist, sie zu durchbrechen, wenn man hartnäckig genug ist und die richtigen Leute kennt. Und so begann mein Abenteuer in Bristol, mit Regen, Chai-Latte-Flecken und einer gehörigen Portion Unsicherheit. Aber ich war entschlossen, das Beste daraus zu machen und einen positiven Beitrag zu leisten. Denn auch wenn ich manchmal ein bisschen chaotisch und unorganisiert bin, habe ich ein gutes Herz und eine große Portion Lebensfreude. Und das, dachte ich, ist vielleicht schon die halbe Miete. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wie ich den britischen Morgenverkehr überlebe und wie ich Herrn Peterson davon überzeuge, dass ein gestrickter Hut nicht zu jedem Anlass passt.

Stokes Croft und die Kunst der Verhandlung

Stokes Croft ist… anders. Das ist noch untertrieben. Es ist ein wildes Durcheinander aus Graffiti, Secondhand-Läden, veganen Cafés und Pubs, die scheinbar rund um die Uhr geöffnet haben. Ich hatte gehört, dass es das alternative Zentrum von Bristol sein soll, und das stimmte definitiv. Ich hatte mich aufgemacht, ein altes Fahrrad zu finden – mein Budget war knapp, und ich wollte nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sein. Was ich in Stokes Croft fand, war eine Ansammlung von Fahrrädern, die entweder komplett auseinanderfielen oder von einer mysteriösen Vergangenheit zu zeugen schienen. Ich landete bei einem kleinen Laden, der eher einer Werkstatt ähnelte. Ein Mann mit ölverschmierten Händen und einem verschmitzten Grinsen begutachtete mein Gesichtsausdruck. „Suchst du was?“, fragte er, als ob er meine Gedanken lesen könnte. Ich erklärte ihm, was ich brauchte, und er nickte bedächtig. Er führte mich zu einem Fahrrad, das aussah, als hätte es den Zweiten Weltkrieg überlebt. „Das hier ist ein Klassiker“, sagte er. „Ein bisschen Liebe und Pflege, und es läuft wie geschmiert.“ Ich war skeptisch, aber ich war auch knapp bei Kasse. Also verhandelte ich. Und verhandelte. Und verhandelte noch ein bisschen. Der Mann war ein Profi. Er lenkte mich mit Fachbegriffen ab, spielte auf meine Unwissenheit an und versuchte, mir ein teures Schloss aufzuschwatzen. Am Ende zahlte ich mehr, als ich eigentlich wollte, aber ich hatte ein fahrfähiges Fahrrad – zumindest theoretisch.

Der St. Nicholas Market und die kulinarische Herausforderung

Der St. Nicholas Market ist das genaue Gegenteil von Stokes Croft. Es ist sauber, ordentlich und voller Essensstände. Hier kann man alles finden, von lokalen Käsesorten über exotische Gewürze bis hin zu Street Food aus aller Welt. Ich hatte beschlossen, mir einen Überblick zu verschaffen und etwas Leckeres zu Mittag zu essen. Das Problem war, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Es gab so viele Optionen! Ich probierte ein bisschen von hier und ein bisschen von dort, und am Ende fühlte sich mein Magen an, als wäre er kurz vor der Explosion. Ich landete bei einem Stand, der vegane Jerk Chicken-Burger anbot. Ich bin kein Veganer, und ich habe noch nie Jerk Chicken gegessen, aber es sah so gut aus, dass ich es einfach probieren musste. Es war… interessant. Es schmeckte weder nach Hühnchen noch nach Jerk, aber es war essbar. Ich aß es trotzdem auf, denn ich hatte keine Lust, unhöflich zu sein.

Clifton und der Blick über die Stadt

Clifton ist das schickere Viertel von Bristol, mit seinen eleganten Häusern, den exklusiven Geschäften und dem berühmten Clifton Suspension Bridge. Ich war dort, um die Aussicht zu genießen und ein paar Fotos zu machen. Die Brücke ist wirklich beeindruckend, und der Blick über die Stadt ist atemberaubend. Ich stand dort und fotografierte, als mir plötzlich ein heftiger Windstoß meine Mütze vom Kopf riss und sie direkt in den Avon Gorge hinunterwehte. Ich starrte fassungslos auf den Abgrund. Es war nicht nur irgendeine Mütze, es war meine Lieblingsmütze, die meine Oma für mich gestrickt hatte. Ich seufzte. Manchmal hat man einfach kein Glück. Ich beschloss, dass es besser war, nicht darüber nachzudenken und mich auf die schönen Dinge zu konzentrieren – wie den atemberaubenden Blick über die Stadt und die Tatsache, dass ich noch ein halb gegessenes veganes Jerk Chicken-Burger im Rucksack hatte. Nach all den Eindrücken und kleinen Katastrophen begann ich, mich in Bristol langsam wohlzufühlen. Ich hatte gelernt, mich im öffentlichen Nahverkehr zurechtzufinden (meistens), ich hatte ein fahrfähiges Fahrrad (mehr oder weniger) und ich hatte gelernt, veganes Jerk Chicken zu tolerieren. Ich hatte noch viel vor, aber ich war optimistisch, dass ich die nächsten Monate in dieser verrückten, schönen Stadt genießen würde. Denn auch wenn Bristol manchmal chaotisch und unvorhersehbar war, hatte es etwas Besonderes – eine Energie, die mich anzog und mich dazu brachte, mich zu Hause zu fühlen. Und das, dachte ich, war der perfekte Ausgangspunkt für das nächste Kapitel meines Abenteuers.

Die letzten Wochen in Bristol sind wie im Flug vergangen. Irgendwie habe ich es geschafft, nicht komplett unterzugehen, und ich glaube sogar, dass ich ein paar Menschen auf dem Weg geholfen habe. Zugegeben, es gab auch einige Pannen und Missverständnisse, aber das gehört doch dazu, oder? Ich habe gelernt, dass Integration nicht nur für die Flüchtlinge eine Herausforderung ist, sondern auch für mich als Freiwillige. Es geht darum, Brücken zu bauen, Vorurteile abzubauen und zu akzeptieren, dass es nicht immer eine einfache Lösung gibt.

Das Projekt und die kleinen Siege

Im sozialen Projekt ging es nicht nur um Bürokratie und Anträge. Es ging um Menschen mit Geschichten, Träumen und Ängsten. Ich erinnere mich an einen jungen Mann aus Syrien, der unbedingt Ingenieur werden wollte, aber Schwierigkeiten hatte, seine Qualifikationen in Großbritannien anerkennen zu lassen. Wir haben gemeinsam unzählige Formulare ausgefüllt, Telefonate geführt und Besprechungen besucht. Am Ende hat er ein Stipendium für ein Ingenieurstudium bekommen. Das war ein Moment, der mir wirklich am Herzen lag.

Es gab auch viele kleine Siege, wie zum Beispiel, wenn ein Flüchtling zum ersten Mal selbstständig einkaufen gehen konnte, oder wenn er einen Job gefunden hat, der ihm Spaß macht. Diese kleinen Erfolge waren oft viel wertvoller als die großen.

Stokes Croft und die Kunst des Verhandelns (Teil 2)

Ich bin immer wieder gerne durch Stokes Croft geschlendert. Die Graffiti-Kunst ist beeindruckend, die Secondhand-Läden sind voller Schätze und die Atmosphäre ist einfach einzigartig. Ich habe sogar noch einmal den Fahrradladen besucht, um ein paar Ersatzteile zu kaufen. Der Mann hinter der Theke hat mich schon beim Namen erkannt und mir einen Rabatt gewährt. Ich glaube, er hatte Mitleid mit meinem Fahrstil.

Der Abschied und die Erkenntnisse

Jetzt steht mein Abschied von Bristol bevor. Ich bin traurig, diese Stadt zu verlassen, aber ich bin auch dankbar für die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, offen zu sein für andere Kulturen, dass Integration ein langer Prozess ist und dass es immer etwas zu lernen gibt.

Ich habe auch gelernt, dass man auch in einer fremden Stadt Freunde finden kann, dass man auch mit einem kleinen Budget glücklich sein kann und dass man auch ohne perfekte Sprachkenntnisse kommunizieren kann.

Und ich habe gelernt, dass man in Bristol immer einen Regenschirm dabei haben sollte – egal, wie schön das Wetter aussieht.

Meine Empfehlungen für Bristol

Wenn du vorhast, Bristol zu besuchen, hier sind meine persönlichen Empfehlungen:

  • Besuche Stokes Croft: Tauche ein in die alternative Kultur, bewundere die Graffiti-Kunst und entdecke die einzigartigen Geschäfte.
  • Mach einen Spaziergang über die Clifton Suspension Bridge: Genieße den atemberaubenden Blick über die Stadt und den Avon Gorge.
  • Probiere die lokale Küche: Bristol hat eine vielfältige Gastronomieszene mit vielen veganen und vegetarischen Optionen.
  • Nimm dir Zeit, um die Menschen kennenzulernen: Die Einwohner von Bristol sind freundlich, offen und hilfsbereit.
    • Stokes Croft
    • Clifton Suspension Bridge
    • M Shed (Museum über die Geschichte Bristols)
    • Stokes Croft
👤 Freiwillige (25) die in sozialen Projekten im Ausland mitarbeitet ✍️ humorvoll und ironisch