Zwischen Stille und Nordlicht
Eine Pause vom Alltag
Ich hatte genug. Genug von Terminen, Besprechungen, dem ständigen Gefühl, etwas leisten zu müssen. Seitdem meine Frau vor zwei Jahren gestorben ist, hat sich alles irgendwie verändert. Das Haus ist zu groß geworden, die Stille zu laut. Ich habe meinen Job als Lehrer gekündigt, die Wohnung verkauft und beschlossen, eine Weile einfach zu reisen. Nicht mit einem festen Plan, sondern einfach so. Mal schauen, wohin es mich verschlägt. Die Idee mit Finnland kam mir beim Stöbern in einem Reiseführer. Lappland, das Land der Mitternachtssonne und des Nordlichts. Es klang nach einem guten Ort, um zur Ruhe zu kommen. Und ich brauche dringend Ruhe. Ich bin 60 Jahre alt, und ich habe das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, je älter ich werde. Ich möchte die verbleibende Zeit bewusst erleben, nicht einfach nur absitzen.Erste Schritte in Rovaniemi
Ich habe mir ein kleines Hotel in der Nähe des Stadtzentrums gebucht. Es ist kein Luxusresort, aber sauber und gemütlich. Der Empfang ist freundlich, aber zurückhaltend, typisch finnisch, glaube ich. Ich bekomme meinen Schlüssel und gehe auf mein Zimmer. Es ist klein, aber zweckmäßig eingerichtet. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl und ein Badezimmer. Das Fenster bietet Blick auf eine schneebedeckte Straße. Nachdem ich mein Gepäck ausgepackt habe, mache ich einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Rovaniemi ist überschaubar, aber lebendig. Es gibt einige Geschäfte, Restaurants und Cafés. Die Leute sind freundlich, aber reserviert. Sie grüßen, aber sie suchen nicht den Kontakt. Ich mag das. Es ist erfrischend, in einer Umgebung zu sein, in der man nicht ständig auf andere achten muss.Der Fluss Kemijoki
Ich gehe am Fluss Kemijoki entlang. Das Wasser ist kalt und klar. Auf der anderen Seite der Brücke erstreckt sich eine weite, schneebedeckte Landschaft. Es ist still. Nur das leise Rauschen des Flusses ist zu hören. Ich bleibe stehen und atme tief ein. Die Luft ist kalt und rein. Es fühlt sich gut an. Ich spüre, wie sich meine Schultern entspannen. Ich beobachte eine Frau, die mit ihrem Hund am Flussufer entlangspaziert. Der Hund ist ein großer, weißer Samojede. Er tobt im Schnee und scheint die Kälte überhaupt nicht zu spüren. Die Frau lächelt. Es ist ein ehrliches, unbeschwertes Lächeln. Ich beneide sie ein bisschen. Sie scheint ein gutes Verhältnis zu ihrem Hund zu haben. Und sie scheint glücklich zu sein. Ich setze mich auf eine Bank und schaue dem Fluss zu. Das Wasser fließt unaufhaltsam dahin. Es ist ein Symbol für das Leben. Es kommt und geht. Es verändert sich. Aber es fließt immer weiter. Ich denke an meine Frau. Ich vermisse sie schmerzlich. Aber ich weiß, dass sie in meinem Herzen weiterlebt. Und ich weiß, dass ich irgendwann wieder glücklich sein werde. Ich beschließe, in einem der Cafés einen Kaffee zu trinken. Ich bestelle einen schwarzen Kaffee und ein Zimtschnecken. Die Zimtschnecke ist warm und duftend. Ich beiße hinein und schließe die Augen. Es ist ein kleines Glück. Ich genieße den Moment. Ich bin allein. Aber ich bin nicht einsam. Ich bin in Lappland. Und ich bin bereit für das, was kommt. Die Tage werden kürzer, und die Dunkelheit hält immer länger an, doch gerade diese spezielle Atmosphäre zieht mich in ihren Bann. Ich spüre, dass diese Reise mehr sein wird als nur ein Urlaub. Es ist ein Neuanfang.Die Arktikum und erste Begegnungen
Am nächsten Tag beschließe ich, das Arktikum zu besuchen. Das Museum ist etwas außerhalb des Stadtzentrums, aber gut erreichbar mit dem Bus. Ich steige aus und gehe durch einen kleinen Park, der mit Schnee bedeckt ist. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Sehr kalt. Ich ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht. Das Arktikum ist ein beeindruckendes Gebäude. Es ist modern und minimalistisch gestaltet. Im Inneren gibt es Ausstellungen über die Geschichte, Kultur und Natur Lapplands. Ich verbringe Stunden damit, die verschiedenen Exponate zu betrachten. Es ist faszinierend, mehr über das Leben der Samen zu erfahren. Ihre Kultur ist so anders als unsere, aber gleichzeitig so reich und vielfältig. Ich lerne, wie sie traditionell Rentierhaltung betrieben haben und wie sie sich an die extremen Bedingungen angepasst haben. Ich sehe Fotos von ihren traditionellen Kleidern und Werkzeugen. Es ist, als würde ich in eine andere Welt eintauchen.Ein Missverständnis im Supermarkt
Am Nachmittag gehe ich in einen Supermarkt, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Ich brauche etwas zum Frühstück und zum Abendessen. Ich bin kein großer Koch, aber ich kann mir einen einfachen Eintopf zubereiten. Ich stehe vor dem Regal mit den Müslis und versuche, mich zu entscheiden. Es gibt so viele verschiedene Sorten. Ich greife nach einer Packung, die mir sympathisch aussieht, und gehe zur Kasse. Die Kassiererin ist eine junge Frau mit blonden Haaren. Sie scannt meine Einkäufe und beginnt, auf Finnisch zu sprechen. Ich verstehe kein Wort. Ich versuche, ihr auf Englisch zu erklären, dass ich kein Finnisch spreche. Sie schaut mich verwirrt an. Ich zeige auf die Packung Müsli und sage: "Müsli?" Sie lächelt und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Sie gibt mir die Packung zurück und zeigt auf eine andere Sorte. Ich verstehe immer noch nicht. Schließlich kommt ein anderer Kunde zu Hilfe. Er spricht Englisch und erklärt der Kassiererin, dass ich nicht verstehe, was sie sagt. Die Kassiererin lächelt entschuldigend und scannt die richtige Packung. Ich bin erleichtert. Es war ein kleines Missverständnis, aber es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die lokale Sprache zu respektieren.Die Ruhe am Fluss Polari
Ich entdecke den Fluss Polari und gehe dort oft spazieren. Es ist ein ruhiger Ort, abseits vom Trubel der Stadt. Ich sitze am Ufer und beobachte die Enten, die im Wasser schwimmen. Der Fluss ist von Bäumen gesäumt, die mit Schnee bedeckt sind. Die Luft ist frisch und rein. Ich lerne einen älteren Mann kennen, der jeden Tag hierher kommt, um zu angeln. Er spricht kein Englisch, aber wir verstehen uns trotzdem. Er zeigt mir, wie man ein Eisloch bohrt und wie man Fische fängt. Ich versuche es auch, aber ich habe keinen Erfolg. Er lächelt und gibt mir einen seiner Fänge. Ich bin dankbar für seine Freundlichkeit. Ich frage mich, wie viele Geschichten dieser Mann wohl erlebt hat. Ich stelle mir vor, dass er schon sein ganzes Leben hier gelebt hat. Ich bewundere seine Verbundenheit mit der Natur. Die Tage vergehen wie im Flug. Ich fühle mich immer wohler in Rovaniemi. Ich habe gelernt, die Ruhe und die Stille zu schätzen. Ich habe gelernt, die einfachen Dinge im Leben zu genießen. Ich habe gelernt, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Ich bin bereit, diesen Frieden mit nach Hause zu nehmen, und gespannt, was diese Reise noch bereithält.Die letzten Tage sind schnell vergangen. Ich sitze in meinem kleinen Hotelzimmer und packe meine Sachen. Es ist schwer zu glauben, dass meine Reise hier bald zu Ende geht. Ich habe Lappland anders erlebt, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war nicht nur ein Urlaub, es war eine Art Therapie. Eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und wieder zu sich selbst zu finden.
Die Suche nach dem inneren Frieden
Ich bin kein Mensch, der viel braucht, um glücklich zu sein. Aber seit dem Tod meiner Frau hatte ich das Gefühl, etwas verloren zu haben. Etwas Wichtiges. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich selbst verloren hatte. Die Reise nach Lappland hat mir geholfen, mich wiederzufinden. Die Stille, die Weite, die Schönheit der Natur – all das hat mir gutgetan. Ich habe gelernt, die einfachen Dinge im Leben wieder zu schätzen. Ein gutes Buch, eine Tasse Kaffee, ein Spaziergang am Fluss – all das kann glücklich machen.
Begegnungen am Rande
Die Begegnungen mit den Menschen hier waren oft still und zurückhaltend, aber immer ehrlich und warmherzig. Der ältere Mann am Fluss, der mir das Angeln gezeigt hat, die Kassiererin im Supermarkt, die mir trotz der Sprachbarriere geholfen hat – all diese Menschen haben meine Reise bereichert. Es ist schön zu sehen, dass es auch noch Menschen gibt, die bereit sind, einander zu helfen, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten.
Das Nordlicht und die inneren Lichter
Ich hatte Glück und konnte das Nordlicht sehen. Es war ein magischer Moment. Ein grüner Schleier zog über den Himmel und tanzte in den Wolken. Es war, als würde die Natur ihre ganze Schönheit zeigen. Ich stand lange draußen und habe einfach nur zugesehen. Ich habe das Gefühl, dass das Nordlicht auch etwas in mir geweckt hat. Ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht.
Ein paar Tipps für andere Reisende
Wenn du auch nach Lappland reisen möchtest, habe ich ein paar Tipps für dich. Erstens: Pack dich warm ein. Es ist kalt hier, sehr kalt. Zweitens: Nimm dir Zeit. Lappland ist kein Ort, an dem man hetzen sollte. Nimm dir Zeit, um die Natur zu genießen, die Menschen kennenzulernen und zur Ruhe zu kommen. Drittens: Sei offen für neue Erfahrungen. Lappland ist ein besonderer Ort, der viel zu bieten hat. Lass dich überraschen und entdecke die Schönheit dieses Landes.
Ich werde Lappland nicht vergessen. Es ist ein Ort, der mich verändert hat. Ich habe gelernt, dass das Glück oft in den kleinen Dingen liegt. Und ich habe gelernt, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen.
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- Der Fluss Polari, ein ruhiger Ort zum Entspannen und Beobachten der Natur
- Das Arktikum, um mehr über die Kultur und Geschichte Lapplands zu erfahren
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- Das Arktikum, ein Museum, das die Kultur Lapplands und die arktische Natur beleuchtet
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- Das Stadtzentrum von Rovaniemi mit seinen kleinen Geschäften und Cafés