Reisebericht Asien - Indien - Varanasi
Ein langer Weg zum Ganges
Es hatte lange gedauert, bis ich hierher gefunden hatte. Nicht nur geografisch, sondern auch innerlich. Ich, Thomas, 52 Jahre alt, Winzer aus dem Rheingau, der sein Leben lang die sanften Hügel und die filigranen Aromen des Rieslings gekannt hatte. Ich hatte immer gedacht, das sei alles, was ich brauche. Die Rebstockpflege, die Weinproben, die Gespräche mit Kennern. Es war ein gutes Leben, ein erfülltes. Aber irgendwann, vor etwa fünf Jahren, hatte sich ein leises Unbehagen eingeschlichen. Eine Sehnsucht nach etwas anderem, etwas Unbekanntem. Es begann mit dem Wein. Ich merkte, dass mir die immer gleichen Aromen, die bekannten Terroirs, nicht mehr ausreichten. Ich begann, Weine aus aller Welt zu probieren, aus Georgien, aus Chile, aus Südafrika. Jeder Wein erzählte eine Geschichte, ein Stück Land, eine Kultur. Und diese Geschichten weckten in mir den Wunsch, diese Länder selbst zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Varanasi war dabei fast ein Zufall. Ich las einen Artikel über die Stadt, über das heilige Gangesufer, über die Rituale und die Spiritualität. Und irgendetwas in mir sagte: „Dort musst du hin.“ Es war nicht rational, nicht geplant, einfach ein Gefühl. Ich buchte einen Flug, ohne genau zu wissen, was mich erwartete.Erste Eindrücke: Lärm, Farben, Leben
Die Stadt überwältigt. Es ist ein Angriff auf alle Sinne. Das Hupen der Rikschas, das Geschrei der Verkäufer, das Läuten der Tempelglocken, der Duft von Jasmin und Abfall, die leuchtenden Saris, die sich durch die Gassen schlängeln. Es ist laut, schmutzig, chaotisch. Und trotzdem – oder gerade deswegen – faszinierend. Ich bezog ein kleines Zimmer in einem Gästehaus nahe des Ganges. Es ist einfach, aber sauber, und von hier aus kann ich das Treiben auf der Straße beobachten. Ich sitze stundenlang am Fenster und schaue zu, wie das Leben an mir vorbeizieht. Die Menschen hier sind anders. Sie scheinen eine Gelassenheit auszustrahlen, die ich in Europa selten sehe. Sie akzeptieren das Chaos, die Armut, das Leid. Sie leben im Hier und Jetzt, mit einer inneren Ruhe, die mich beeindruckt.Ich schlendere am Ufer entlang, vorbei an Priestern, Pilgern, Bettlern, Kühen. Der Ganges ist mehr als nur ein Fluss. Er ist heilig, er ist lebendig, er ist der Mittelpunkt des Lebens in Varanasi. Ich beobachte, wie die Menschen im Fluss baden, wie sie Opfergaben ins Wasser werfen, wie sie am Ufer beten. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, voller Spiritualität und Hingabe.
Auf der Suche nach dem besonderen Tropfen
Natürlich bin ich auch auf der Suche nach etwas, das mit Wein zu tun hat. Ich habe gehört, dass es in der Nähe einige kleine Weingüter gibt, die lokale Trauben anbauen und Wein herstellen. Ich bin gespannt, was ich dort finden werde. Ich stelle mir vor, dass der Wein hier anders schmeckt, geprägt von der Hitze, der Erde, der Kultur. Aber im Moment lasse ich mich einfach treiben, lasse mich von der Stadt verzaubern. Ich lasse mich treiben, wie ein Blatt im Wind, bereit, mich auf das Unbekannte einzulassen. Und während die Sonne langsam über den Ganges versinkt, spüre ich, dass ich an einem Ort bin, der mein Leben verändern wird. Ein Ort, der mir zeigen wird, dass es mehr gibt, als ich je gedacht habe. Und dass die Suche nach dem perfekten Tropfen vielleicht doch nicht so wichtig ist, wie die Suche nach dem Sinn des Lebens selbst.Die Gassen von Assi Ghat
Ich fand tatsächlich ein kleines Weingut, etwas abseits, in der Nähe von Assi Ghat. Es war eher ein Familienbetrieb, eine Art Hobbyprojekt, und die „Weinberge“ bestanden aus ein paar Reihen Reben, die zwischen Gemüsegärten und Mango Bäumen gepflanzt waren. Der Winzer, ein freundlicher Mann namens Ravi, erklärte mir stolz, dass er eine alte, lokale Rebsorte anbaue, die er „Ganges Rubin“ nannte. Die Trauben waren klein und dunkel, und der Wein, den er herstellte, war… interessant. Er war herb, fruchtig, und hatte einen leicht erdigen Geschmack. Kein Riesling, das steht fest. Aber er erzählte mir, dass die Reben die Energie des Ganges aufnehmen würden und dass ein Glas seines Weins die Seele reinigen könne. Ich lächelte und trank meinen Wein, während die Sonne über den Reben unterging. Es war kein großartiger Wein, aber es war ein besonderer Moment. Assi Ghat selbst ist ein faszinierender Ort. Viel ruhiger als die anderen Ghats, aber voller Leben. Hier treffen sich Sadhus, Pilger und Einheimische. Ich verbrachte Stunden damit, den Menschen zuzusehen, wie sie ihre täglichen Rituale vollzogen, wie sie beteten, wie sie sich im Ganges wuschen. Es ist ein Ort der Kontraste. Armut und Spiritualität liegen hier dicht beieinander. Ich sah einen alten Mann, der am Ufer bettelte, während ein Priester ein kunstvolles Puja-Zeremoniell durchführte. Es war bewegend und verstörend zugleich.Ein Teehaus in den verwinkelten Gassen
Ich verirrte mich oft in den verwinkelten Gassen von Varanasi. Es ist ein Labyrinth aus engen Wegen, kleinen Läden und Tempeln. Ich entdeckte ein kleines Teehaus, versteckt in einer Seitenstraße. Der Besitzer, ein älterer Herr mit einem freundlichen Lächeln, servierte mir einen Chai, der so süß und würzig war, dass er meine Geschmacksknospen zum Tanzen brachte. Wir sprachen kaum ein Wort, aber wir verstanden uns trotzdem. Er erzählte mir mit Händen und Füßen, dass er sein ganzes Leben in dieser Gasse gelebt hatte, und dass er jeden Stein und jede Geschichte kannte.Die unerwartete Begegnung
Eines Nachmittags, als ich durch die Gassen schlenderte, stolperte ich über eine kleine Werkstatt, in der ein Mann handgeschnitzte Holzfiguren herstellte. Er war ein Künstler, ein Geschichtenerzähler, und seine Figuren waren voller Leben und Ausdruck. Ich verbrachte Stunden damit, ihm bei der Arbeit zuzusehen, wie er aus einem Stück Holz eine Göttin oder einen Dämon erschuf. Er sprach kaum Englisch, und ich kaum Hindi, aber wir verstanden uns trotzdem. Wir kommunizierten durch Gesten und Lächeln, und ich spürte eine tiefe Verbundenheit mit ihm. Ich kaufte eine kleine Holzfigur, eine Darstellung von Shiva, und sie erinnert mich bis heute an diesen besonderen Moment.Rückkehr zum Ganges
Jeden Abend kehrte ich zum Ganges zurück. Ich setzte mich ans Ufer, beobachtete den Sonnenuntergang, lauschte den Gebeten und dem Lärm der Stadt. Der Ganges ist der Lebensnerv von Varanasi, und er hat mich tief berührt. Ich spürte eine Ruhe und Gelassenheit, die ich lange nicht mehr erlebt hatte. Es ist, als ob der Fluss all meine Sorgen und Ängste wegspült hätte. Ich begann, das Leben mit anderen Augen zu sehen, dankbarer und achtsamer. Ich hatte nicht erwartet, dass Varanasi mich so verändern würde. Ich kam hierher, um eine neue Kultur kennenzulernen, um etwas Neues zu erleben. Aber ich habe mehr gefunden, als ich gesucht habe. Ich habe einen Ort gefunden, der mich gelehrt hat, was wirklich wichtig ist im Leben, und der mich auf einen neuen Weg geführt hat – einen Weg, der mich hoffentlich zu einem tieferen Verständnis meiner selbst und der Welt führen wird.Die letzten Tage in Varanasi waren eine Mischung aus stiller Kontemplation und dem pulsierenden Leben der Stadt. Ich erwachte früh, oft noch vor Sonnenaufgang, und ging zum Ganges. Das Licht, das über den Fluss fiel, war magisch, und die Gebete, die vom Ufer herüberwehten, erfüllten mich mit Frieden. Es war, als ob der Fluss selbst ein lebendiges Wesen wäre, das atmete und sich bewegte.
Die Suche nach dem stillen Moment
Ich hatte versucht, mich dem Rhythmus der Stadt anzupassen, hatte mich in das Chaos und die Wärme hineinziehen lassen. Aber ich brauchte auch Momente der Stille, der Ruhe. Ich fand sie oft in den kleinen Tempeln, versteckt in den Gassen, oder in den ruhigen Innenhöfen der Gästehäuser. Dort konnte ich sitzen, meditieren und meine Gedanken sammeln.
Ich lernte, die kleinen Dinge zu schätzen: den Duft von Räucherstäbchen, das Lächeln eines Fremden, das Zwitschern der Vögel am Morgen. Ich lernte, im Hier und Jetzt zu leben, ohne mich um die Vergangenheit oder die Zukunft zu sorgen. Es war eine wertvolle Lektion, die ich mit nach Hause nehmen werde.
Letzte Begegnungen und Abschied
Ich besuchte noch einmal Ravi, den Winzer, und wir tranken zusammen einen Glas seines „Ganges Rubin“. Er erzählte mir, dass er seinen Wein nicht verkaufe, sondern ihn nur an Freunde und Familie verschenke. Es sei ihm wichtiger, Freude zu bereiten, als Geld zu verdienen. Ich war beeindruckt von seiner Lebensphilosophie.
Ich traf auch noch einmal den Holzschnitzer, und ich kaufte von ihm eine kleine Statue von Lakshmi, der Göttin des Glücks. Er lächelte und sagte: „Möge sie dich beschützen und dir Glück bringen.“
Varanasi im Herzen
Am letzten Abend saß ich noch einmal am Ufer des Ganges und beobachtete das Treiben. Die Lichter der Stadt spiegelten sich im Wasser, und die Gebete hallten durch die Nacht. Ich fühlte eine tiefe Verbundenheit mit diesem Ort, mit diesen Menschen. Varanasi hatte mich verändert, hatte mich gelehrt, was wirklich wichtig ist im Leben.
Ich wusste, dass ich diese Stadt nie vergessen würde. Sie würde immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Und ich wusste, dass ich irgendwann wiederkommen würde, um mich noch einmal von ihrer Magie verzaubern zu lassen.
Ein paar Worte zum Mitnehmen
Wenn du nach Varanasi reist, lass dich einfach treiben. Lass dich von der Stadt überraschen. Sei offen für neue Erfahrungen. Und vergiss nicht, die kleinen Dinge zu schätzen.
Nimm dir Zeit, um am Ufer des Ganges zu sitzen und das Leben zu beobachten. Besuche die kleinen Tempel und lerne die Menschen kennen. Probiere das lokale Essen und trink Chai. Und vergiss nicht, die Seele dieser Stadt zu atmen.
Varanasi ist kein Ort für Hektik und Stress. Es ist ein Ort für Ruhe und Besinnung. Ein Ort, der dich dazu einlädt, dich selbst besser kennenzulernen und deinen inneren Frieden zu finden.