Asien - Japan - Kyoto

Reisebericht Asien - Japan - Kyoto

Das monotone Brummen der Klimaanlage vermischte sich mit dem hektischen Geplapper auf Japanisch, als wir vom Flughafen Kansai in Osaka Richtung Kyoto rasten. Draußen flitzten Reisfelder vorbei, gesäumt von perfekt getrimmten Zypressen. Meine Tochter Lena (16) starrte gelangweilt aus dem Fenster, während mein Sohn Max (12) versuchte, die Schriftzeichen auf den Werbetafeln zu entziffern. Mein Mann Thomas blätterte in seinem Reiseführer, ein leicht genervtes Lächeln auf den Lippen – er hasst es, wenn ich spontane Abstecher plane.

Warum eigentlich Kyoto?

Es war meine Idee, nach Japan zu reisen. Eigentlich wollten wir dieses Jahr Italien machen, aber irgendetwas daran fühlte sich ausgelutscht an. Ich wollte etwas anderes, etwas, das uns wirklich aus unserer Komfortzone lockt. Und Japan schien mir die perfekte Mischung aus Abenteuer und Kultur. Thomas war skeptisch, Lena eher desinteressiert, aber Max war sofort Feuer und Flamme, nachdem er einen Anime-Film gesehen hatte. Das hat dann den Ausschlag gegeben.

Ein Familien-Kompromiss

Wir sind nicht die typische Urlaubsfamilie. Wir wollen nicht einfach nur am Strand liegen oder uns in riesigen Hotelanlagen verstecken. Wir suchen nach Erlebnissen, nach Herausforderungen, nach Dingen, die uns zum Nachdenken anregen. Aber natürlich wollen wir auch Spaß haben. Die Kunst ist, einen Kompromiss zu finden, der für alle funktioniert. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man zwei Teenager im Schlepptau hat.

Die Zugfahrt verging schneller als erwartet. Langsam wurde mir klar, dass die Bilder, die ich im Kopf hatte – geheimnisvolle Tempel, blühende Kirschbäume, elegante Geishas – wahrscheinlich nur ein verzerrtes Abbild der Realität waren. Würden wir die "echte" Kyoto erleben, oder nur die Postkartenidylle?

Erste Eindrücke: Mehr als nur Tempel

Als wir am Bahnhof Kyoto ausstiegen, wurden wir von einer Flut von Menschenmassen überwältigt. Es war unglaublich laut, hektisch und überwältigend. Aber inmitten des Chaos spürte ich auch eine gewisse Ordnung, eine Art versteckte Harmonie. Alles schien seinen Platz zu haben, selbst die scheinbare Ziellosigkeit der Menschen.

Unser Ryokan, ein traditionelles japanisches Gasthaus, lag in einer ruhigen Seitenstraße. Die Zimmer waren klein, aber geschmackvoll eingerichtet, mit Tatami-Matten, Shoji-Schiebetüren und einem herrlichen Blick auf einen kleinen Garten. Der Service war unglaublich aufmerksam, fast schon unterwürfig. Das war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich glaube, wir haben uns daran gewöhnen können.

Die Suche nach Authentizität

Wir beschlossen, direkt in die Gassen einzutauchen, abseits der großen Touristenattraktionen. Wir wollten das "echte" Kyoto erleben, die kleinen Geschäfte, die lokalen Restaurants, die versteckten Tempel. Und wir wurden nicht enttäuscht. Wir entdeckten eine kleine Nudelbar, in der wir das beste Ramen unseres Lebens gegessen haben. Wir haben uns in einem Teegeschäft treiben lassen und verschiedene Sorten Matcha probiert. Wir haben ein kleines Kunsthandwerksgeschäft gefunden, in dem wir wunderschöne handgemachte Keramiken gekauft haben.

Aber es war nicht alles perfekt. Wir haben uns auch in der riesigen Menschenmenge verloren, uns in den komplizierten öffentlichen Verkehrsmitteln verirrt und Schwierigkeiten gehabt, uns mit den Einheimischen zu verständigen. Es gab Momente der Frustration und der Erschöpfung. Aber genau das macht eine Reise doch so spannend, oder nicht?

Während wir am Abend durch die erleuchteten Straßen von Gion schlenderten, dem Geisha-Viertel, spürte ich, dass wir erst am Anfang unserer Reise standen. Wir hatten noch so viel zu entdecken, so viel zu lernen, so viel zu erleben. Und ich war gespannt darauf, wohin uns diese Reise noch führen würde.

Die ersten Eindrücke waren intensiv und vielschichtig, ein bunter Mix aus Kultur, Chaos und kulinarischen Genüssen. Doch die eigentliche Reise, das tiefe Eintauchen in die japanische Seele, begann erst jetzt.

Fushimi Inari: Zwischen Ehrfurcht und Touristenmassen

Am nächsten Morgen beschlossen wir, zum Fushimi Inari-Taisha Schrein zu fahren, berühmt für seine tausenden roten Torii-Tore, die sich den Berg hinaufschlängeln. Max war total begeistert, das hatte er in einem seiner Animes gesehen. Schon beim Aussteigen am Bahnhof merkten wir, dass das kein Geheimtipp mehr ist. Eine riesige Menschenmenge schob sich in Richtung des Schreins.

Der erste Abschnitt der Torii-Reihe war wirklich beeindruckend, aber je weiter wir den Berg hinaufstiegen, desto dichter wurde es. Irgendwann fühlte es sich an wie eine Wanderung in der Fußgängerzone. Lena motzte, dass sie ihren Instagram-Feed nicht mit so vielen anderen Touristen ruinieren wollte. Thomas versuchte, die Situation mit einem philosophischen Kommentar über die Allgegenwart des Kapitalismus zu entschärfen, aber das kam bei Lena gar nicht gut an.

Irgendwann, nach etwa einer Stunde steilem Aufstieg, sind wir von den Massen abgekommen und fanden einen kleinen, versteckten Pfad, der zu einem abgelegenen Schrein führte. Dort oben, in der Stille, spürten wir endlich die Ehrfurcht, die dieser Ort eigentlich ausstrahlen sollte. Wir zündeten Räucherstäbchen an und genossen einfach die Aussicht. Das war es wert, sich durch die Touristenmassen gekämpft zu haben.

Nishiki Markt: Eine kulinarische Achterbahnfahrt

Am Nachmittag wagten wir uns in den Nishiki Markt, auch bekannt als "Kyotos Küche". Das war ein absolutes Chaos, aber im besten Sinne. Überall duftete es nach eingelegten Gemüsesorten, gegrilltem Fisch und süßen Leckereien. Wir probierten uns durch die verschiedenen Stände, von eingelegten Auberginen über grüne Sojabohnen bis hin zu kleinen, frittierten Tintenfischen.

Max war begeistert von allem, was knusprig und süß war, während Lena am liebsten die bunten, aber seltsam aussehenden Süßigkeiten fotografierte, anstatt sie zu essen. Thomas versuchte, die verschiedenen Zutaten zu identifizieren, und ich versuchte, nicht versehentlich etwas zu essen, das ich nicht kannte. Irgendwann stolperten wir über einen Stand, der köstliche Matcha-Eiscreme verkaufte. Das war der perfekte Abschluss für unseren kulinarischen Ausflug.

Gion bei Nacht: Zwischen Tradition und Touristenjagd

Wir hatten uns vorgenommen, abends durch Gion zu schlendern, in der Hoffnung, eine Geisha zu sehen. Es war ein bisschen wie eine Touristenjagd, aber wir waren neugierig. Die Gassen waren wunderschön beleuchtet, die traditionellen Holzhäuser strahlten eine besondere Atmosphäre aus. Aber es war auch unglaublich voll. Überall standen Kameras und Smartphones bereit, in der Hoffnung, den flüchtigen Blick auf eine Geisha einzufangen.

Irgendwann sahen wir tatsächlich eine Geisha, die in einem Taxi vorfuhr. Sie war wunderschön gekleidet, aber sie wirkte auch ein bisschen verloren und müde. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie zu sehen, als wäre sie ein exotisches Tier im Zoo. Ich fragte mich, wie es wohl sein muss, ständig im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen.

Als wir später in unserem Ryokan saßen und den Tag Revue passieren ließen, waren wir uns einig, dass Kyoto eine Stadt der Kontraste ist. Eine Stadt, in der Tradition und Moderne, Schönheit und Hässlichkeit, Ehrfurcht und Kommerz nebeneinander existieren. Eine Stadt, die uns herausgefordert, überrascht und inspiriert hat – und uns noch viele Fragen offen gelassen hat, die wir im nächsten Teil unserer Reise beantworten wollen.

Der letzte Tag in Kyoto fühlte sich seltsam an. Nicht traurig, aber irgendwie unvollständig. Wir hatten so viel gesehen, so viel erlebt, aber gleichzeitig das Gefühl, nur die Oberfläche gekratzt zu haben. Lena hatte sich in den letzten Tagen ein bisschen aufgeräumt und endlich angefangen, Fotos zu machen, die mehr als nur Selfies waren. Max war immer noch begeistert von allem, was mit Anime und Videospielen zu tun hatte, aber er hatte auch angefangen, sich für die japanische Geschichte und Kultur zu interessieren. Das war schön zu sehen.

Der Abschied vom Ryokan

Unser Ryokan war mehr als nur eine Unterkunft. Es war ein Ort der Ruhe und Entspannung, ein Ort, an dem wir uns von der Hektik des Alltags erholen konnten. Das Personal war unglaublich freundlich und zuvorkommend, und wir haben uns sofort wie zu Hause gefühlt. Der Abschied fiel uns schwer, besonders als uns die Besitzerin eine kleine Handwerksarbeit als Andenken schenkte.

Ein letzter Spaziergang durch Gion

Wir beschlossen, noch einmal durch Gion zu schlendern, um uns von der Stadt zu verabschieden. Die Gassen waren immer noch voller Menschen, aber die Atmosphäre war etwas ruhiger. Wir entdeckten eine kleine Teestube, in der wir uns noch einmal einen Matcha gönnten. Es war ein perfekter Moment der Besinnlichkeit.

Die Frage nach der Authentizität

Im Laufe unserer Reise habe ich mich immer wieder gefragt, was Authentizität eigentlich bedeutet. Ist es möglich, ein Land wirklich kennenzulernen, wenn man nur für kurze Zeit hier ist? Oder ist es immer nur eine Frage der Perspektive? Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Wir können uns bemühen, die Kultur zu verstehen, aber wir werden immer Außenstehende bleiben. Und das ist auch in Ordnung so.

Was wir gelernt haben

Kyoto hat uns viel gelehrt. Es hat uns gezeigt, dass es wichtig ist, offen zu sein für neue Erfahrungen, dass es wichtig ist, die Kultur anderer Länder zu respektieren, und dass es wichtig ist, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Es hat uns auch gezeigt, dass es nicht immer einfach ist, eine Familie mit zwei Teenagern zu sein, aber dass es sich lohnt, gemeinsam neue Abenteuer zu erleben.

Empfehlungen für andere Reisende

Wenn ihr mit eurer Familie nach Kyoto reisen möchtet, habe ich ein paar Empfehlungen für euch. Erstens: Nehmt euch Zeit. Kyoto ist eine Stadt, die man nicht hetzen kann. Zweitens: Verlasst euch nicht nur auf Reiseführer. Entdeckt die Stadt auf eigene Faust, lasst euch treiben und seid offen für neue Erfahrungen. Drittens: Probiert das lokale Essen. Die japanische Küche ist unglaublich vielfältig und lecker. Und viertens: Seid respektvoll gegenüber der Kultur und den Menschen. Zeigt Interesse und lernt ein paar grundlegende japanische Wörter und Sätze.

Und noch ein Tipp: Wenn ihr mit Teenagern reist, versucht, einen Kompromiss zu finden, der für alle funktioniert. Lasst sie ihre Interessen verfolgen, aber ermutigt sie auch, neue Dinge auszuprobieren. Und versucht, gemeinsam Zeit zu verbringen, ohne ständig am Handy zu hängen.

Kyoto war eine Reise, die uns allen in Erinnerung bleiben wird. Eine Reise, die uns nicht nur die Schönheit und Kultur Japans nähergebracht hat, sondern auch unsere Familie enger zusammengeschweißt hat. Und das ist es, was wirklich zählt.

    👤 Freiwillige (25) die in sozialen Projekten im Ausland mitarbeitet ✍️ ökologisch und nachhaltig