Marrakesch: Zwischen Minztee und Orientierungslosigkeit
Die Idee und das vermeintliche Paradies
Die ganze Reise war, ehrlich gesagt, ein bisschen dämlich. Nicht im schlechten Sinne, versteht mich nicht falsch. Aber die Idee, Afrika „zu erleben“, kam mir bei einem besonders deprimierenden Winterabend in meinem winzigen Berliner Apartment. Ich saß da, scrollte durch Instagram und sah irgendwelche perfekt inszenierten Bilder von Surfern in Marokko. „Das ist es!“, dachte ich. „Ich brauche Sonne, Wüste und vielleicht ein paar Kamelreiter, die mich für ihren Lebensunterhalt ausnutzen.“
Ich bin ja nicht so der Strandtyp. Lieber steil nach oben kraxeln oder mich durch den Wald radeln, bis die Beine brennen. Aber das mit dem „Abenteuer“ in Afrika hatte mich irgendwie gepackt. Und Marokko schien mir die perfekte Mischung aus Kultur, Natur und…relativer Sicherheit. Zumindest, was man so online liest. Ich hatte mir vorgestellt, ich würde tagelang durch die Atlasberge wandern, Kletterrouten erkunden, die noch nie jemand begangen hat, und dann abends in einem Berberdorf am Lagerfeuer sitzen und mit mysteriösen Fremden über das Leben philosophieren. Die Realität war bisher…anders.
Der Riad-Schock
Nachdem ich den Taxifahrer mit einer Kombination aus gebrochenem Französisch und theatralischem Entsetzen zum Aufgeben gezwungen hatte, landete ich vor einem unscheinbaren Tor in einer engen Gasse. Dahinter verbarg sich ein Riad – ein traditionelles marokkanisches Haus mit einem Innenhof. Es war hübsch, zugegeben. Überall Mosaike, kleine Springbrunnen und jede Menge Pflanzen. Aber es war auch…eng. Und dunkel. Und es roch nach Mottenkugeln und irgendeinem blumigen Duft, der mich an meine Oma erinnerte.
Ich hatte mir ein Riad ausgesucht, weil ich dachte, das wäre authentischer. Ich bin ja nicht so der Hoteltyp. Aber jetzt stand ich da, mitten in einem Labyrinth aus Gängen, und fragte mich, ob ich mich für ein luxuriöses Gefängnis entschieden hatte. Der Besitzer, ein freundlicher Mann namens Hassan, lächelte mich an und bot mir Minztee an. Ich nahm an. Minztee geht immer. Aber ich konnte nicht umhin, zu denken, dass ich gerade meinen persönlichen Rekord im „Verirren in Innenräumen“ aufgestellt hatte.
Erste Orientierungsschwierigkeiten
Nach dem Tee und einer kurzen Einführung in die Bedienung des komplizierten marokkanischen Wasserhahns (ich brauchte fast eine Ingenieurprüfung, um heißes Wasser zu bekommen) wagte ich mich nach draußen. Die Medina, die Altstadt von Marrakesch, war ein einziger Trubel. Motorroller, Esel, Händler, Touristen – alles vermischte sich zu einem chaotischen, aber irgendwie faszinierenden Spektakel. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber es war unmöglich. Die Gassen waren eng, verwinkelt und aussahen alle gleich. Ich fühlte mich wie eine Maus in einem Labyrinth.
Jeder versuchte, mir irgendetwas zu verkaufen: Teppiche, Gewürze, Lederwaren, gefälschte Markenklamotten. Ich lächelte freundlich und sagte immer wieder „La shukran“ (Nein, danke), aber es half nichts. Ein Händler versuchte mir sogar, einen Kamelmantel zu verkaufen, obwohl ich mitten in der Stadt stand und kein Kamel in Sicht war. Ich begann zu verstehen, warum manche Leute behaupten, Marrakesch sei eine Stadt, die dich entweder liebt oder hasst. Ich war mir noch nicht sicher, auf welcher Seite ich stand.
Aber trotz des ganzen Chaos und der Orientierungsschwierigkeiten begann ich, mich langsam in die Atmosphäre der Stadt hineinzuversetzen. Der Duft von Gewürzen, das bunte Treiben auf den Märkten, die Klänge der Musik – es war anders, exotisch, aufregend. Vielleicht war Marrakesch doch nicht so schlecht, wie ich zuerst gedacht hatte. Es war nur…überwältigend. Und ich hatte das Gefühl, dass ich erst noch herausfinden musste, wie ich hier überleben würde. Und wie ich zu den Bergen komme, die eigentlich der eigentliche Grund für diese Reise waren.
Ich brauchte einen Plan. Und einen Kaffee. Und vielleicht einen Guide. Aber vor allem einen Plan. Die Vorstellung, einfach so in die Berge zu wandern, war ziemlich schnell im Chaos der Medina verpufft. Also entschied ich mich für eine „geführte Tour“, wie sie auf jedem zweiten Plakat angeboten wurde. Ich dachte, das wäre der einfachste Weg, um aus der Stadt zu kommen und die Atlasberge zu erreichen. Falsch gedacht.
Die Suche nach dem "echten" Marrakesch
Die Tour führte mich zuerst in die Gerbereien. Ich hatte Bilder gesehen, aber die Realität war…intensiv. Der Geruch war unbeschreiblich, eine Mischung aus Ammoniak, Tierkadavern und irgendwelchen chemischen Substanzen, die wahrscheinlich illegal waren. Ich bekam sofort eine Art improvisierte Minzmaske, um die Nase zu schützen, die aber kaum half. Die Arbeiter standen knietief in farbigen Becken, bearbeiteten das Leder mit bloßen Händen. Es war beeindruckend, aber auch ziemlich verstörend. Ich fühlte mich wie ein Voyeur, der sich einen Blick in eine Welt verschafft, die er nicht versteht.
Djemaa el-Fna – Der Marktplatz der tausend Geschichten
Am Abend landete ich auf dem Djemaa el-Fna, dem berühmten Marktplatz von Marrakesch. Es war ein einziges Spektakel: Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Garköche, Musikanten, Henna-Künstler – alles dicht an dicht. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber es war unmöglich. Überall wurden mir Essen und Getränke angeboten, die ich nicht kannte. Ich landete schließlich bei einem Garkoch, der mir eine Art Tajine mit Lammfleisch und Pflaumen servierte. Es schmeckte unglaublich, aber ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich aß.
Ich saß da, beobachtete das Treiben und fühlte mich irgendwie fehl am Platz. Die Einheimischen schienen sich untereinander wohlzufühlen, während ich da saß, mit meiner Kamera und meinem unglücklichen Versuch, alles zu dokumentieren. Ich merkte, dass ich die meiste Zeit damit verbrachte, alles zu beobachten, anstatt wirklich daran teilzunehmen. Ich war ein Tourist, und das war mir bewusst. Aber ich wollte mehr sein. Ich wollte die Stadt spüren, riechen, schmecken – nicht nur fotografieren.
Flucht in die Berge – Fast
Am nächsten Tag sollte es endlich in die Berge gehen. Mein Guide, ein junger Mann namens Omar, holte mich im Riad ab. Er sprach fließend Englisch und schien einiges über die Atlasberge zu wissen. Allerdings hatte er auch eine Vorliebe für riskante Fahrweise. Wir querten die Stadt mit einem alten, klapprigen Geländewagen, der mehr Geräusche von sich gab, als er Leistung zeigte. Omar überholte LKWs in Kurven, ignorierte rote Ampeln und schien keinerlei Respekt vor dem Straßenverkehr zu haben. Ich klammerte mich am Sitz fest und betete innerlich, dass wir heil in den Bergen ankommen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir die Ausläufer der Berge. Die Landschaft veränderte sich dramatisch: Von der staubigen Stadtlandschaft zu grünen Tälern und felsigen Hängen. Die Luft war klar und frisch. Ich atmete tief ein und fühlte, wie sich meine Stimmung verbesserte. Endlich, dachte ich, jetzt fängt das Abenteuer wirklich an. Aber dann stellte sich heraus, dass unser Geländewagen nicht weiterkam. Eine steile, unbefestigte Straße führte hinauf zu einem kleinen Berberdorf, das unser Ziel war. Und der Wagen weigerte sich, einen Meter weiterzufahren.
Omar grinste und sagte: „Kein Problem! Wir gehen zu Fuß!“ Ich sah ihn ungläubig an. Wir hatten noch einige Kilometer vor uns, mit vollem Gepäck. Und ich hatte keine Lust mehr auf Überraschungen. Aber was blieb mir anderes übrig? Ich schulterte meinen Rucksack und folgte Omar den steilen Pfad hinauf. Die Sonne brannte, meine Beine schmerzten, und ich begann zu verstehen, warum die Einheimischen so gut darin waren, mit wenig auszukommen. Denn manchmal war der Weg das eigentliche Ziel. Und vielleicht hatte ich doch noch Hoffnung, dieses "echte" Marrakesch zu finden, bevor ich endgültig aufgeben musste.
Der Aufstieg war brutal. Nicht steil, aber endlos. Und heiß. Und staubig. Ich hatte mir vorgestellt, die Atlasberge wären irgendwie… majestätischer. Ich meine, ich habe schon Berge gesehen, aber diese hier waren halt…braun. Sehr braun. Und überall kleine Berberdörfer, die aussahen, als wären sie direkt aus dem Mittelalter gefallen. Aber irgendwie auch charmant.
Die Erkenntnis auf dem Berg
Während ich da so schwitzte, kam mir eine Erkenntnis. Marrakesch ist nicht das, was man erwartet. Es ist nicht das perfekte Instagram-Motiv, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Es ist chaotisch, laut, manchmal auch nervig. Aber es ist auch ehrlich. Die Leute sind echt, die Kultur ist lebendig, und das Essen ist verdammt lecker. Man muss sich einfach darauf einlassen. Und sich nicht von den Touristenfallen verrückt machen lassen.
Der Tee und die Weisheit des Omar
Omar, mein Guide, war ein stiller Typ. Er sprach nicht viel, aber wenn er etwas sagte, dann war es meistens weise. Oder zumindest witzig. Er hat mir beigebracht, wie man richtig Minztee zubereitet (es ist komplizierter, als es aussieht) und wie man mit den Händlern auf dem Markt feilscht (man muss hart sein, aber freundlich). Und er hat mir erklärt, dass die Berge nicht nur zum Wandern da sind, sondern auch zum Leben. Die Berber leben hier seit Generationen, und sie haben gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben. Das ist etwas, was wir in der modernen Welt oft vergessen.
Fazit: Mehr als nur ein Urlaub
Marrakesch war kein typischer Urlaub. Es war eine Erfahrung. Eine Herausforderung. Eine Lernerfahrung. Ich habe gelernt, dass man nicht alles kontrollieren kann. Dass man sich manchmal einfach treiben lassen muss. Und dass man auch im Chaos Schönheit finden kann. Es war nicht immer einfach, aber es war immer lohnend.
Ein paar Tipps für angehende Marrakesch-Reisende
Wenn ihr nach Marrakesch reist, hier ein paar Tipps: Packt bequeme Schuhe ein, denn ihr werdet viel laufen. Nehmt Sonnencreme und einen Hut mit, denn die Sonne ist stark. Lernt ein paar grundlegende arabische Wörter, denn das wird euch helfen, mit den Einheimischen zu kommunizieren. Und seid offen für neue Erfahrungen. Lasst euch überraschen. Verliert euch in den Gassen der Medina. Und genießt den Minztee.
Und noch etwas: Erwartet nicht, dass alles perfekt ist. Marrakesch ist nicht Disneyland. Es ist ein echtes, lebendiges, manchmal auch chaotisches Land. Aber genau das macht es so besonders.
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- Djemaa el-Fna
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- Die Gerbereien (wenn man starke Nerven hat)
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- Die Medina von Marrakesch