Spuren des Vaters: Eine Reise durch Sharjah
Ein langer Weg
Eigentlich hatte alles mit einer alten Fotografie angefangen. Ein vergilbtes Bild meines Großvaters, aufgenommen irgendwo in den frühen 70ern, auf einem Markt in Dubai. Er hatte als Ingenieur hier gearbeitet, am Aufbau der modernen Emirate beteiligt. Ich kannte ihn nur von den Erzählungen meiner Mutter, ein schweigsamer Mann, der selten über seine Arbeit sprach. Aber auf diesem Foto, inmitten der Gewürzhändler und Kamelhirten, strahlte er eine ungeheure Zufriedenheit aus. Irgendetwas in seinem Blick zog mich in seinen Bann. Ich wollte diesen Ort sehen, diesen Moment spüren. Und natürlich… ich wollte fahren. Motorradfahren ist mehr als nur ein Hobby für mich, es ist eine Art, die Welt zu atmen, mich mit ihr zu verbinden.
Sharjah: Mehr als nur ein Transitort
Die meisten Reisenden sehen Sharjah nur als Transitort auf dem Weg nach Dubai. Ich hatte mir aber bewusst dafür entschieden, hier zu beginnen. Ich wollte die ruhigere Seite der Emirate kennenlernen, die Kultur, die Geschichte. Dubai ist beeindruckend, keine Frage, aber manchmal ein bisschen zu… poliert. In Sharjah spürt man noch eine gewisse Authentizität, eine Verbindung zur Vergangenheit.
Erste Eindrücke
Die Stadt wirkte weniger extravagant als erwartet. Es gab zwar moderne Gebäude, aber sie waren nicht so gigantisch und auffällig wie in Dubai. Stattdessen dominierte eine Mischung aus traditioneller arabischer Architektur und modernen Einflüssen. Viele niedrige Häuser mit Windtürmen, kleine Gassen, die zum Erkunden einluden.
Ich hatte ein kleines Hotel in der Altstadt gebucht, ein einfaches Haus mit einem Innenhof, der von Palmen und Bougainvilleen gesäumt war. Der Besitzer, ein freundlicher Mann namens Hassan, begrüßte mich mit einem breiten Lächeln und einem Glas Minztee. Er erzählte mir von der Geschichte der Stadt, von der Zeit, als Sharjah noch ein kleines Fischerdorf war, von der Entdeckung des Öls und dem damit einhergehenden Wandel.
Der Klang der Gebetsrufe
Am Nachmittag, als die Sonne langsam unterging, wurde ich von dem melodischen Klang der Gebetsrufe aus der nahegelegenen Moschee überrascht. Es war ein beruhigender, fast hypnotischer Klang, der mich in eine andere Welt versetzte. Ich lehnte mich an die Wand des Innenhofs, schloss die Augen und ließ mich von der Atmosphäre mitreißen.
Die Maschine und ich
Meine BMW R 1250 GS stand sicher im Hotelparkplatz. Ein treuer Begleiter auf all meinen Reisen. Ich hatte sie sorgfältig vorbereitet, mit extra Reifen für die Wüste und einem zusätzlichen Tank, um lange Strecken zurücklegen zu können. Sie ist mehr als nur ein Transportmittel, sie ist ein Teil von mir. Ich glaube, wir beide verstehen uns blind. Sie spürt meine Sehnsucht nach Freiheit, und ich spüre ihre Kraft und Zuverlässigkeit.
Aufbruch in die Vergangenheit
Nach dem Abendessen beschloss ich, einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt zu machen. Ich schlenderte durch die engen Gassen, vorbei an kleinen Läden und Cafés, vorbei an Menschen, die in ihren traditionellen Gewändern saßen und Gespräche führten. Ich fühlte mich wie in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. Es war, als würde die Vergangenheit wieder lebendig. Ich hatte das Gefühl, dass ich meinem Großvater näher war, als je zuvor.
Morgen würde ich aufbrechen, die Wüste erkunden und versuchen, die Spuren meiner Familie zu finden. Ich war gespannt darauf, was diese Reise noch bringen würde, welche Abenteuer auf mich warteten. Und während ich durch die dunklen Gassen wanderte, spürte ich eine tiefe Sehnsucht nach dem, was noch kommen würde – eine Reise in das Herz der arabischen Kultur, eine Suche nach der Vergangenheit und ein Abenteuer, das mich für immer verändern würde. Die Weite der Wüste rief, und ich war bereit, ihr zu folgen.
Die Weite der Wüste rief, und ich war bereit, ihr zu folgen.Der Souk Al Arsah: Ein Labyrinth der Düfte
Der Morgen begann früh. Ich wollte den Souk Al Arsah erleben, bevor die Hitze unerträglich wurde. Dieser traditionelle Markt ist einer der ältesten in Sharjah und ein wahres Labyrinth aus Gassen und Ständen. Der Geruch von Weihrauch, Gewürzen und Leder lag in der Luft, vermischt mit dem Duft von frischem Kaffee. Ich verirrte mich fast sofort, aber das war Teil des Charmes. Überall boten Händler ihre Waren an: Datteln in allen Variationen, handgefertigte Teppiche, antike Münzen, Gewürze, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich handelte um einen kleinen Lederbeutel, ein kleines Spiel mit Gebaren und Lächeln, das letztendlich beide Seiten zufriedenstellte. Es war nicht der Preis, der zählte, sondern die Interaktion, der Austausch.
Ich probierte verschiedene Dattelsorten, von den süßen und saftigen Medjool-Datteln bis hin zu den trockenen und herzhaften Ajwa-Datteln. Jede Sorte hatte ihren eigenen Geschmack, ihre eigene Geschichte. Ich lernte, dass Datteln nicht nur eine Süßigkeit sind, sondern ein wichtiger Bestandteil der arabischen Kultur, ein Symbol für Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Ein älterer Mann erklärte mir geduldig die Unterschiede und die Bedeutung der einzelnen Sorten. Er strahlte eine Weisheit und Ruhe aus, die mich tief beeindruckte.
Ein kleiner Zwischenfall
Irgendwo inmitten des Trubels, während ich einen besonders interessanten Stand mit alten Messinglampen betrachtete, merkte ich, dass meine BMW nicht mehr dort stand, wo ich sie verlassen hatte. Ein kurzer Moment der Panik durchfuhr mich, aber dann entdeckte ich sie ein paar Gassen weiter, umringt von neugierigen Einheimischen. Ein kleiner Junge hatte offenbar meinen Schlüsselbund gefunden und versucht, sie zu "testen". Zum Glück war alles gut, und ich konnte den Jungen und seinen Vater lächelnd verabschieden. Es war eine kleine Erinnerung daran, dass man auch in den sichersten Gegenden wachsam bleiben sollte.
Das Sharjah Heritage Museum: Ein Blick in die Vergangenheit
Am Nachmittag besuchte ich das Sharjah Heritage Museum. Das Museum ist in einem restaurierten historischen Haus untergebracht und bietet einen faszinierenden Einblick in das traditionelle Leben in Sharjah. Ich sah alte Möbel, Kleidung, Werkzeuge und Haushaltsgegenstände, die das Leben der Menschen vor dem Ölboom widerspiegelten. Ich lernte, wie die Menschen hier einst lebten, was sie aßen, wie sie arbeiteten und wie sie ihre Freizeit verbrachten.
Besonders beeindruckt war ich von den Dioramen, die das Leben der Fischer, Bauern und Handwerker darstellten. Sie zeigten das harte Leben, aber auch die enge Verbundenheit mit der Natur und die starke Gemeinschaft. Ich verbrachte Stunden damit, die Ausstellungen zu erkunden, und lernte viel über die Geschichte und Kultur von Sharjah.
Die Perlenfischer
Ein ganzer Bereich des Museums war den Perlenfischern gewidmet. Früher war das Perlenfischen die wichtigste Einnahmequelle für die Menschen in Sharjah. Sie verbrachten Monate auf See, unter gefährlichen Bedingungen, um die kostbaren Perlen zu finden. Die Ausstellungen zeigten die Werkzeuge, die sie benutzten, die Boote, mit denen sie segelten, und die Geschichten, die sie erzählten. Es war ein berührender Einblick in ein Leben, das von harter Arbeit, Mut und Entbehrung geprägt war.
Abendstimmung am Khaled Lagoon
Am Abend fuhr ich zum Khaled Lagoon. Die Lagune ist ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Ich fand einen ruhigen Platz am Ufer und beobachtete den Sonnenuntergang. Der Himmel färbte sich in den schönsten Farben – Orange, Rot, Violett. Das Wasser spiegelte die Farben wider, und die Silhouette der Stadt zeichnete sich vor dem Horizont ab. Es war ein magischer Moment, ein Moment der Ruhe und Besinnung. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit für die Möglichkeit, diese wunderschöne Welt zu erkunden und neue Kulturen kennenzulernen. Die Reise hatte noch lange nicht ihr Ende gefunden, doch dieser Tag in Sharjah hatte bereits tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen.
Die Luft war warm und weich, als ich am nächsten Morgen erwachte. Ein sanfter Wind trug den Duft von Datteln und Jasmin in mein Zimmer. Ich saß lange auf dem Balkon, trank meinen starken arabischen Kaffee und ließ die Eindrücke der letzten Tage Revue passieren. Sharjah hatte mich überrascht. Es war nicht die glitzernde Metropole, die ich erwartet hatte, sondern ein Ort der Ruhe, der Authentizität und der tiefen Verbundenheit mit der Vergangenheit.
Reflexionen am Ufer
Ich verbrachte einige Stunden am Strand von Al Mamzar Beach Park. Das Wasser war türkisfarben, der Sand fein und weiß. Ich sah Familien picknicken, Kinder im Meer planschen und ältere Männer, die Schach spielten. Es war ein friedlicher Anblick, ein Spiegelbild des Lebens in Sharjah. Ich dachte an meinen Großvater, an das alte Foto, das mich hierher geführt hatte. War er wohl auch hier gewesen? Hatte er diese Ruhe und Schönheit auch genossen? Ich konnte es mir gut vorstellen. Er war ein Mann, der die einfachen Dinge des Lebens zu schätzen wusste.
Die Suche nach Verbindungen
Ich hatte versucht, mehr über das Leben meines Großvaters in Sharjah herauszufinden. Ich sprach mit Einheimischen, durchforstete Archive und besuchte historische Orte. Ich erfuhr, dass er an wichtigen Infrastrukturprojekten beteiligt war, an der Entwicklung des Hafens und der ersten modernen Straßen. Er hatte einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der modernen Emirate geleistet. Ich war stolz auf ihn, auf sein Engagement und seine Leistung.
Ein Abschied mit Wehmut
Der Tag des Abschieds kam schneller als erwartet. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich von Hassan, dem freundlichen Besitzer meines Hotels, und bestieg meine BMW. Ich fuhr langsam durch die Stadt, nahm noch einmal die engen Gassen, die belebten Märkte und die majestätischen Moscheen in Augenschein. Ich spürte eine tiefe Wehmut, aber auch eine große Dankbarkeit. Sharjah hatte mir viel zu bedeuten. Es war nicht nur eine Reise zu einem fremden Ort, sondern auch eine Reise zu meinen Wurzeln, zu meinem Erbe.
Empfehlungen für Entdecker
Wenn ihr nach Sharjah reist, nehmt euch Zeit, um die Stadt zu erkunden. Verlasst die touristischen Pfade und taucht ein in das lokale Leben. Besucht den Souk Al Arsah, um die Düfte und Aromen des Orients zu erleben. Schlendert durch die Altstadt und bewundert die traditionelle Architektur. Lasst euch von der Ruhe und Schönheit der Moscheen verzaubern. Und vergesst nicht, den Al Mamzar Beach Park zu besuchen, um die Sonne, das Meer und den Sand zu genießen.
Sharjah ist ein Ort, der euch berühren wird. Ein Ort, der euch zeigen wird, dass es mehr im Leben gibt als nur Glanz und Glamour. Ein Ort, der euch daran erinnern wird, dass die wahren Schätze im Leben oft die einfachen Dinge sind.
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- Souk Al Arsah
- Altstadt von Sharjah
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- Al Mamzar Beach Park
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- Sharjah Heritage Museum
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- Die ruhigen Viertel rund um die Moscheen