Venezianische Gedanken
Eine späte Entscheidung
Ich hatte Venedig eigentlich gar nicht geplant. Ehrlich gesagt, war ich kurz davor, die ganze Reise abzusagen. Meine Frau, Elisabeth, ist ja im letzten Jahr schwer krank geworden, und seitdem… naja, seitdem ist vieles anders. Wir hatten immer gesagt, wir machen noch mal Italien, nachdem wir mit dem Wohnmobil vor ein paar Jahren die Toskana unsicher gemacht hatten. Aber dann… dann ist das alles so schnell gegangen. Ich bin jetzt 60, und plötzlich fühlt es sich an, als wäre die Zeit viel kostbarer geworden, als ich dachte. Ich brauchte einfach… Abstand. Ruhe. Etwas, um den Kopf freizubekommen. Elisabeth hätte sich das gewünscht, ich weiß es. Sie hat immer gesagt, ich soll reisen, solange ich kann. Also habe ich kurz entschlossen einen Flug gebucht. Venedig schien mir… passend. Anders, mystisch, vielleicht sogar ein bisschen traurig. So wie ich mich gerade fühlte.Erster Eindruck
Die Gassen sind eng, verdammt eng. Viel enger, als man es auf Fotos vermutet. Ich hatte mein kleines Gepäckstück auf Rädern mitgebracht, aber selbst das ist schon eine Herausforderung. Überall diese Brücken, diese Stufen… ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Aber es ist okay. Ich nehme mir Zeit. Es ist unglaublich, wie viele Menschen hier sind, und trotzdem… trotzdem hat die Stadt etwas Intimes. Man biegt um eine Ecke, und plötzlich ist man ganz allein in einer kleinen Gasse, umgeben von alten Mauern und blühenden Geranien. Ich habe ein kleines Hotel gefunden, das „Al Ponte dei Sospiri“. Na ja, klein ist relativ. Es ist eher ein Zimmer in einem alten Palazzo. Aber es ist sauber, gemütlich und hat einen kleinen Balkon mit Blick auf einen Kanal. Perfekt.Der Besitzer, ein älterer Herr mit freundlichen Augen, hat mir gleich einen Espresso angeboten. Wir haben uns auf gebrochenem Italienisch und Englisch unterhalten. Er erzählte mir, dass er die letzten 50 Jahre hier gelebt hat und die Stadt in all ihren Facetten kennt. Er meinte, Venedig sei wie eine alte Dame – schön, aber auch ein bisschen verwöhnt und anspruchsvoll.
Ein Spaziergang ohne Ziel
Ich bin einfach losgegangen, ohne Plan, ohne Ziel. Mich hat niemand bedrängt, niemand angesprochen. Ich bin an kleinen Läden vorbeigegangen, die Glasbläser, Masken und Souvenirs verkauften. An Restaurants, in denen es nach frischem Fisch und Pasta roch. An Kirchen, die voller Kunstschätze waren.Ich habe mich verloren, mehrmals. Aber das war okay. Ich habe mich einfach treiben lassen, den kleinen Gassen und Kanälen folgen. Ich habe auf einer Brücke gestanden und den Gondeln zugesehen. Die Gondolieri sangen alte Lieder, aber ich habe nicht wirklich hingehört. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Atmosphäre aufzusaugen.
Ich habe eine kleine Bar gefunden, in der es „Cicchetti“ gab – kleine venezianische Tapas. Ich habe ein Glas Wein dazu bestellt und einfach nur dasitzen und die Leute beobachten. Es waren viele Touristen da, aber auch Einheimische. Alte Männer, die Karten spielten, Frauen, die auf dem Weg zum Markt waren, Kinder, die lachend durch die Gassen rannten. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie das Leben hier früher war, als Venedig noch eine mächtige Seerepublik war. Wie die Kaufleute und Künstler durch die Gassen zogen, wie die Schiffe mit exotischen Waren in den Hafen einliefen.Es ist schwer, sich das vorzustellen. Venedig hat sich verändert. Es ist heute eine Stadt, die von Touristen überflutet ist, die sich an die Bedürfnisse der Besucher angepasst hat. Aber unter all dem Trubel und dem Kommerz spürt man immer noch den Hauch einer vergangenen Zeit.
Ich glaube, ich brauche noch ein paar Tage hier, um Venedig wirklich kennenzulernen. Um mich von der Schönheit und der Melancholie der Stadt verzaubern zu lassen. Um meinen Frieden zu finden und vielleicht auch ein bisschen Trost. Denn obwohl ich alleine reise, fühle ich mich nicht einsam. Ich habe das Gefühl, dass Elisabeth irgendwie bei mir ist, in jedem Winkel dieser faszinierenden Stadt. Und so begann ich, mich tiefer in die verwinkelten Gassen und die ruhigen Kanäle Venedigs fallen zu lassen, bereit, die Geheimnisse dieser einzigartigen Stadt zu entdecken.Der Rialtomarkt am Morgen
Ich bin früh aufgestanden, noch bevor der große Touristenstrom losgebrochen ist. Ich wollte den Rialtomarkt sehen, so richtig authentisch. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es war ein lebendiges Gewimmel aus Händlern und Einheimischen. Überall frischer Fisch, Gemüse, Obst, Gewürze… der Duft war überwältigend. Ich habe mir einen Espresso und ein kleines Stück Focaccia gekauft und bin am Ufer des Canal Grande gestanden, um das Treiben zu beobachten. Die Lieferboote brachten frische Waren in die Stadt, die Händler riefen ihre Preise aus, die Einheimischen feilschten um den besten Preis. Ich bin an einem Stand vorbeigegangen, wo eine ältere Dame frische Artischocken verkaufte. Sie hat mir ein paar angeboten und mir gezeigt, wie man sie richtig zubereitet. Wir haben uns auf Italienisch und mit Händen und Füßen verständigt. Sie hat mir ein Rezept verraten und mir einen Kuss auf die Wange gedrückt. Diese kleinen Begegnungen sind es, die eine Reise so wertvoll machen.Ein Missgeschick im Ghetto
Am Nachmittag bin ich ins Ghetto gewandert. Es ist ein ruhiges Viertel, abseits des großen Trubels. Die alten Häuser sind eng aneinander gebaut, die Gassen sind verwinkelt und schmal. Ich wollte die Synagogen besichtigen und mehr über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Venedig erfahren. Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich nicht aufgepasst habe und mit dem Fuß in eine tiefe Pfütze getreten bin. Meine Schuhe waren klatschnass, und ich musste mich erstmal sammeln. Zum Glück hatte ich ein kleines Handtuch im Rucksack. Ich bin in ein kleines Café gegangen, um mich aufzuwärmen und ein bisschen zu trocknen. Der Besitzer, ein freundlicher Mann mit grauem Bart, hat mir einen heißen Tee angeboten und mir erzählt, dass es in Venedig oft zu ungewöhnlichen Wetterkapriolen kommt. Er hat mir auch ein paar Tipps für die Erkundung des Viertels gegeben.Dorsoduro und die Kunst
Dorsoduro ist ein Viertel, das mir sofort gefallen hat. Es ist weniger touristisch als San Marco oder Rialto, und es hat eine entspannte Atmosphäre. Hier befinden sich einige der wichtigsten Museen und Galerien der Stadt, wie die Gallerie dell'Accademia und die Peggy Guggenheim Collection. Ich habe Stunden in der Peggy Guggenheim Collection verbracht, um die Werke von Picasso, Dalí, Magritte und anderen modernen Künstlern zu bewundern. Die Sammlung ist beeindruckend, und die Lage des Museums am Canal Grande ist einfach traumhaft. Ich bin am Ufer entlangspaziert und habe die alten Palazzi und Kirchen bewundert. Ich bin in ein kleines Bacaro (eine venezianische Weinbar) gegangen und habe ein Glas Wein und ein paar Cicchetti (kleine Snacks) gegessen. Ich habe mich mit ein paar Einheimischen unterhalten und viel über das Leben in Venedig gelernt. Ich habe festgestellt, dass Venedig mehr ist als nur eine Stadt für Touristen. Es ist ein Ort mit einer reichen Geschichte, einer lebendigen Kultur und einer einzigartigen Atmosphäre. Es ist ein Ort, der einen verzaubert und inspiriert. Und während die Sonne langsam über den Canal Grande sank, wusste ich, dass diese Reise mir nicht nur Ruhe und Entspannung gebracht hatte, sondern auch einen neuen Blick auf das Leben und die Erinnerung an eine Stadt, die für immer in meinem Herzen bleiben würde.Der letzte Tag kam schneller als gedacht. Ich saß auf der kleinen Terrasse meines Zimmers, trank einen Espresso und blickte auf den Kanal. Das Licht war weich, die Luft still. Es war ein Moment der Perfektion, ein Moment, den ich für immer in meinem Herzen tragen würde.
Abschied vom Labyrinth
Ich bin noch einmal durch die Gassen geschlendert, habe mich bewusst verloren, um jeden Winkel, jede Brücke, jedes Haus ein letztes Mal aufzusaugen. Ich bin an dem kleinen Stand vorbeigekommen, wo die ältere Dame Artischocken verkauft hat. Sie hat mich erkannt und mir ein paar Stück geschenkt. Wir haben uns umarmt, ohne viele Worte. Manchmal reichen Blicke und Gesten aus, um eine Verbindung herzustellen.
Ein letzter Spaziergang
Ich bin zum Markusplatz gegangen, aber ich habe mich nicht von der Menschenmenge überwältigen lassen. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und einfach nur beobachtet. Die Tauben flatterten umher, die Gondeln glitten über den Canal Grande, die Musikanten spielten ihre Lieder. Es war ein lebendiges Bild, ein Sinnbild für Venedig. Aber ich habe auch die Schattenseiten gesehen: den Kommerz, den Massentourismus, die fehlende Authentizität. Venedig ist eine Stadt der Gegensätze, eine Stadt, die sowohl fasziniert als auch frustriert.
Was Venedig mir bedeutet hat
Diese Reise war mehr als nur ein Urlaub. Sie war eine Suche nach innerer Ruhe, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, eine Hoffnung auf die Zukunft. Ich bin nicht mit allen Antworten zurückgekehrt, aber ich habe gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen, die Schönheit der Natur zu erkennen und die Bedeutung von Beziehungen zu verstehen. Ich habe gelernt, dass das Leben kostbar ist und dass man jeden Moment genießen sollte.
Ein paar Tipps für andere Reisende
Wenn ich anderen Reisenden einen Tipp geben könnte, dann wäre es dieser: Verlassen Sie die ausgetretenen Pfade. Entdecken Sie die versteckten Gassen, die kleinen Plätze, die authentischen Bacari. Sprechen Sie mit den Einheimischen, probieren Sie die lokale Küche, lassen Sie sich von der Atmosphäre verzaubern. Und nehmen Sie sich Zeit, um Venedig wirklich kennenzulernen. Es ist eine Stadt, die mehr zu bieten hat, als man auf den ersten Blick sieht.
Die Rückreise
Am Abend bin ich zum Flughafen gefahren. Ich habe noch einmal zurückgeblickt auf die Stadt, die ich verlassen musste. Ein Gefühl der Wehmut machte sich breit. Aber ich wusste auch, dass ich Venedig in meinem Herzen tragen würde, für immer.
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- Rialtomarkt (lebendiges Treiben, authentische Erfahrung)
- Dorsoduro Viertel (ruhige Atmosphäre, Kunst und Kultur)
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- Peggy Guggenheim Collection (moderne Kunst, traumhafte Lage)
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- Gassen und Kanäle (Verlorenes Herumstreifen und Entdecken)