Waldbriese und Kuckucksuhren
Flucht aus dem Alltag
Ich brauchte das einfach. Eine Auszeit. Seit dem Auszug von Marks vor zwei Jahren war alles irgendwie… grau geworden. Leon, der eigentlich ein Draufgänger ist, zog sich immer mehr zurück. Schulnoten, die schlechter wurden, ewiges Zocken, kein Interesse mehr an seinen Freunden. Ich wollte ihn rausholen, uns beide. Und was liegt näher als der Schwarzwald? Ich hatte als Kind mit meinen Großeltern dort jedes Jahr im Sommer Urlaub gemacht. Erinnerungen an Kirschtorte, Wanderungen und das Rauschen der Bäume. Hoffentlich würde das auch für Leon funktionieren.Die Entscheidung kam eher spontan. Ich hatte abends im Internet gesurft, nach irgendwelchen günstigen Angeboten gesucht. Und dann hatte ich ein kleines Ferienhaus in einem winzigen Dorf entdeckt. Mit Kamin. Leon hatte zwar erstmal skeptisch geguckt, als ich es ihm vorgeschlagen hatte, aber die Aussicht auf ein bisschen Offline-Zeit und vielleicht sogar ein neues Computerspiel schien ihn überzeugt zu haben.
Die Anreise
Die Zugfahrt war lang. Stundenlang. Leon hatte natürlich Kopfhörer auf und in sein Handy gestarrt. Ich hab versucht, die Landschaft zu genießen, aber ehrlich gesagt war ich zu gestresst. Arbeit, Haushalt, Leon… es war einfach zu viel. Ich hatte das Gefühl, ständig irgendwelche Feuer löschen zu müssen.Als wir dann endlich in Titisee-Neustadt ankamen, war ich froh, als der Schaffner uns beim Aussteigen half. Das Gepäck war schwer, aber er war wirklich nett. Leon hat ihm kaum ein Wort entgegengeworfen. Typisch.
Das Ferienhaus
Unser kleines Ferienhaus lag etwas außerhalb des Dorfes, direkt am Waldrand. Es war viel kleiner, als es auf den Fotos ausgesehen hatte, aber gemütlich. Eine kleine Küche, ein Wohnzimmer mit dem erwähnten Kamin und zwei Schlafzimmer. Das Wichtigste: es hatte WLAN. Leon hätte sonst wahrscheinlich sofort die Heimreise angetreten.Die Einrichtung war… rustikal. Blumige Tapeten, Holzmöbel, ein Kuckucksuhr, die jede halbe Stunde schrillte. Ich musste grinsen. Das war genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Leon dagegen runzelte die Stirn. „Sieht aus wie bei Oma und Opa“, sagte er trocken. Ich ignorierte ihn. Ich war froh, dass wir hier waren.
Erste Erkundungen
Nachdem wir das Gepäck ausgepackt hatten, sind wir noch kurz durch das Dorf geschlendert. Es war winzig. Ein Bäcker, ein Metzger, ein kleiner Supermarkt und ein paar Fachwerkhäuser. Überall hingen Blumenkästen. Es war unglaublich idyllisch. Leon war natürlich gelangweilt. Er wollte sofort wieder zurück ins Haus.Ich habe ihn überredet, mit mir noch einen Spaziergang am See zu machen. Der Titisee war wunderschön. Türkisblaues Wasser, umgeben von grünen Hügeln. Es war relativ ruhig, nur ein paar Touristen waren unterwegs. Leon hat ein paar Fotos mit seinem Handy gemacht, aber er wirkte immer noch gelangweilt. Ich versuchte, ihn zum Reden zu bringen, aber er war verschlossen. Er sagte nur knappes „Ja“ oder „Nein“.
Wir kauften noch ein paar Brötchen und Aufschnitt und kehrten dann ins Ferienhaus zurück. Ich bereitete ein einfaches Abendessen zu, während Leon am Kamin saß und in sein Handy starrte. Ich seufzte. Das würde nicht einfach werden.
Doch dann, als wir am Abend vor dem Kamin saßen und ich ihm eine Geschichte aus meiner Kindheit erzählte, sah ich zum ersten Mal seit langer Zeit ein Lächeln auf seinen Lippen. Es war nur ein kurzes Lächeln, aber es war echt. Vielleicht, dachte ich, war das alles doch nicht so verkehrt. Vielleicht konnten wir hier gemeinsam ein bisschen zur Ruhe kommen und wieder zueinander finden. Wir hatten noch eine Woche vor uns, und ich hoffte, dass wir diese Zeit gut nutzen konnten. Und dann, dachte ich, beginnt die eigentliche Reise, die Reise zu uns selbst.
Wanderungen und Waldgeister
Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Leon schlief noch. Ich machte Kaffee und setzte mich auf die kleine Terrasse. Die Luft war frisch und klar, und der Wald roch nach Erde und Moos. Ein Eichhörnchen huschte über den Zaun. Ich atmete tief durch. Das war genau das, was ich gebraucht hatte.Ich weckte Leon und schlug vor, eine Wanderung zu machen. Er stöhnte, aber ließ sich schließlich überreden. Wir packten ein paar Proviant und machten uns auf den Weg. Der Weg führte durch dichten Wald, an kleinen Bächen und über steile Hänge. Leon ging vor mir her, Kopfhörer auf, aber ab und zu hob er den Blick und schien die Landschaft doch wahrzunehmen.
Triberg und die größten Kuckucksuhren der Welt
Wir entschieden uns für eine Route, die uns nach Triberg führen sollte. Ich hatte gehört, dass es dort die größten Kuckucksuhren der Welt geben sollte. Leon rollte mit den Augen, aber ich zwang ihn nicht, begeistert zu sein. Triberg war voller Touristen, aber trotzdem beeindruckend. Die Wasserfälle waren wunderschön, und die Kuckucksuhren… nun, sie waren einfach riesig. Leon fotografierte sie widerwillig, aber er musste zugeben, dass sie doch irgendwie cool waren.Wir aßen zu Mittag in einem kleinen Gasthof. Käsespätzle, natürlich. Leon mochte sie, was mich freute. Er redete sogar ein bisschen, erzählte von seinen Freunden und seinen Plänen für die nächste Gaming-Convention. Es war ein gutes Zeichen.
Verirrte im Wald und eine unerwartete Begegnung
Am nächsten Tag wagten wir uns auf einen anspruchsvolleren Wanderweg. Ich hatte mir eine Karte heruntergeladen, aber irgendwie schafften wir es trotzdem, uns zu verirren. Es war nicht dramatisch, aber wir waren eine Weile orientierungslos. Leon war genervt, aber er half mir, den Weg zurückzufinden.Plötzlich hörten wir ein Geräusch im Unterholz. Wir blieben stehen und lauschten. Dann tauchte ein alter Mann aus dem Wald auf. Er trug eine grüne Jacke, eine alte Mütze und hatte einen langen, weißen Bart. Er sah aus wie ein Waldgeist. Er sprach einen starken lokalen Dialekt, den wir kaum verstanden, aber er erklärte uns geduldig den Weg zurück zum Ferienhaus.
Das kleine Dorf und die freundlichen Menschen
Wir erkundeten auch das kleine Dorf, in dem wir wohnten. Es gab einen kleinen Lebensmittelladen, in dem wir frisches Brot und Milch kauften, und ein kleines Café, in dem wir Kuchen aßen. Die Menschen dort waren unglaublich freundlich und hilfsbereit. Sie sprachen uns an und fragten, wie es uns gefällt.Eines Abends trafen wir eine alte Dame, die uns von der Geschichte des Dorfes erzählte. Sie sagte, dass das Dorf schon seit Jahrhunderten von Waldarbeitern und Bauern bewohnt werde. Sie sagte auch, dass der Schwarzwald ein besonderer Ort sei, an dem die Menschen noch mit der Natur verbunden seien. Leon hörte ihr aufmerksam zu, und ich sah, dass er sich langsam entspannte und die Atmosphäre aufnahm.
Die Tage vergingen wie im Flug. Wir wanderten, lachten, stritten und versöhnten uns. Wir spielten Karten, lasen Bücher und kochten zusammen. Leon fing an, sein Handy öfter wegzulegen, und wir unterhielten uns mehr. Ich spürte, dass wir uns wieder näher kamen. Und so kehrten wir, mit müden Beinen und voller Erinnerungen, zurück – bereit, dem Alltag zu trotzen, gestärkt durch die Stille des Waldes und die Wärme der Begegnungen, und mit dem Versprechen, bald wiederzukehren, denn die Reise hatte gezeigt, dass wir nicht nur den Schwarzwald, sondern auch uns selbst ein Stückchen besser kennengelernt hatten.
Der letzte Tag kam viel zu schnell. Wir packten unsere Sachen, aßen noch ein letztes Frühstück mit frischen Brötchen und machten uns auf den Weg zum Bahnhof. Leon war still, aber ich spürte, dass auch er die Zeit im Schwarzwald genossen hatte. Er hatte mir sogar angeboten, mir beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Ein kleines Zeichen, dass wir wieder zueinander gefunden hatten.
Rückblick und Erkenntnisse
Der Urlaub im Schwarzwald war mehr als nur eine Auszeit vom Alltag. Es war eine Reise zu uns selbst, eine Chance, uns neu zu entdecken und unsere Beziehung zu stärken. Ich hatte gehofft, dass wir uns besser verstehen würden, aber ich hätte nicht erwartet, dass es so gut klappt. Wir haben viel gelacht, gestritten, aber vor allem viel Zeit miteinander verbracht. Und das war es wert.
Es war nicht immer einfach. Leon ist ein Teenager, und Teenager sind nun mal kompliziert. Aber ich habe gelernt, ihm mehr Freiraum zu geben und ihm mehr zuzuhören. Und er hat gelernt, dass ich auch ein Mensch bin, der Fehler macht und manchmal einfach nur eine Umarmung braucht.
Was ich gelernt habe…
Ich habe gelernt, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Ein schöner Wald, eine gute Tasse Kaffee und die Nähe zu seinen Liebsten reichen oft schon aus. Und ich habe gelernt, dass man auch in schwierigen Zeiten Hoffnung haben kann. Die Natur im Schwarzwald hat uns gezeigt, dass es immer wieder einen Neuanfang gibt, dass das Leben sich immer wieder erneuert.
Tipps für eure Reise
Wenn ihr auch mal dem Alltag entfliehen und eine Auszeit im Schwarzwald verbringen möchtet, habe ich noch ein paar Tipps für euch:
Wandern
Packt gutes Schuhwerk ein und erkundet die zahlreichen Wanderwege. Es gibt Routen für jeden Geschmack und jedes Fitnesslevel. Und vergesst nicht, euch einen Proviant einzupacken!
Kuckucksuhren
Besucht Triberg und bestaunt die größten Kuckucksuhren der Welt. Es ist zwar etwas touristisch, aber es ist ein Erlebnis, das man nicht verpassen sollte.
Regionale Küche
Probiert die regionale Küche. Käsespätzle, Schwarzwälder Kirschtorte, Biber… es gibt so viele leckere Sachen zu entdecken! Und vergesst nicht, einen guten Wein dazu zu trinken.
Und noch ein Tipp: Schaltet eure Handys aus und genießt die Natur. Lasst euch treiben, atmet tief durch und lasst die Seele baumeln. Der Schwarzwald ist ein besonderer Ort, an dem man zur Ruhe kommen und neue Energie tanken kann.
Wir werden wiederkommen. Das verspreche ich. Denn der Schwarzwald hat einen festen Platz in unserem Herzen gefunden.
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- Triberg (mit Wasserfällen und Kuckucksuhren)
- Wanderungen durch den dichten Schwarzwald
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- Das kleine Dorf, in dem wir wohnten (idyllische Atmosphäre)