Reisebericht Europa - Italien - Verona
Warum Verona? Ein wenig Hintergrund
Nun, die Frage ist berechtigt. Ich reise viel, sehr viel. Und meistens entscheide ich mich für Orte, die nicht unbedingt auf der obersten Prioritätenliste der meisten stehen. Nicht, dass ich das Getriebe der Massen grundsätzlich ablehne, aber ich suche etwas anderes. Etwas Echtes. Rom und Florenz sind wunderschön, keine Frage, aber sie sind auch... erschöpft. Verona, so hatte ich gehört, ist anders. Eine Stadt, die ihre Geschichte bewahrt hat, ohne in einem Museum zu erstarren. Und natürlich die Oper. Ich bin ein Liebhaber, ein erklärter. Die Arena di Verona stand schon lange auf meiner Liste. Aber das war nur ein Teil der Motivation. Ich wollte sehen, ob Verona hält, was die wenigen, diskreten Empfehlungen versprachen.Das Hotel – Erster Eindruck
Ich hatte im Hotel Due Torri Quartieri dell’Arena gebucht. Eine relativ kleine, aber hochgelobte Adresse. Die Lage war perfekt, nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt, aber in einer ruhigeren Seitenstraße. Die Fassade wirkte unscheinbar, fast bürgerlich. Kein pompöser Prunk, kein protziges Design. Aber das hatte ich auch nicht erwartet. Ich bin kein Fan von übertriebenem Luxus. Ich bevorzuge diskrete Eleganz, Qualität statt Quantität. Beim Betreten wurde ich von einem freundlichen, aber nicht aufdringlichen Concierge begrüßt. Das Check-in verlief zügig und effizient. Mein Zimmer lag im dritten Stock, mit Blick auf einen kleinen Innenhof. Es war geräumig, hell und geschmackvoll eingerichtet. Keine übertriebenen Dekorationen, aber hochwertige Materialien und eine durchdachte Farbpalette. Der erste Eindruck war positiv. Sehr positiv. Das Badezimmer war ein kleines Meisterwerk, mit einer freistehenden Badewanne und hochwertigen Pflegeprodukten. Und das Wichtigste: Es gab eine gute Klimaanlage.Die Suche nach dem perfekten Mittagessen
Nachdem ich mein Gepäck abgelegt hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem Mittagessen. Nicht irgendein Mittagessen, natürlich. Ich wollte etwas Authentisches, etwas, das die lokale Küche widerspiegelt. Keine Touristenfallen, sondern ein Ort, an dem die Einheimischen essen. Ich hatte mich vorher etwas informiert und ein kleines Trattoria namens "Osteria Sottoriva" ausgemacht. Es lag etwas abseits der Haupttouristenrouten, versteckt in einer engen Gasse. Es war voll, aber ich bekam Glück und ergatterte einen Platz an der Theke. Die Atmosphäre war lebhaft und ungezwungen. Die Bedienung war freundlich und aufmerksam. Ich bestellte die lokale Spezialität, Risotto all’Amarone. Und dazu einen Glas Amarone della Valpolicella, natürlich. Das Risotto war perfekt zubereitet, cremig und aromatisch. Der Amarone war kräftig und vollmundig. Ich war begeistert.Erste Erkundungen und ein Gefühl der Enttäuschung
Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg, um die Stadt zu erkunden. Ich schlenderte durch die engen Gassen, bewunderte die historischen Gebäude und genoss die Atmosphäre. Aber irgendwie fehlte mir etwas. Die Stadt war wunderschön, keine Frage, aber sie wirkte etwas... leer. Irgendwie seelenlos. Natürlich waren da Touristen, aber sie schienen nur durch die Stadt zu hetzen, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Es fehlte mir an Leben, an Authentizität. Vielleicht lag es auch an der Jahreszeit. Mitte September war vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um Verona zu besuchen. Die Hitze des Sommers war vorbei, aber die Stadt hatte sich noch nicht auf den Herbst eingestellt. Es fehlte etwas Magie, etwas Besonderes. Ich hatte mehr erwartet. Viel mehr. Ich ging über die Ponte Pietra, eine römische Brücke, die über den Fluss Adige führt. Die Aussicht war atemberaubend, aber auch hier fehlte mir etwas. Es war alles so perfekt, so poliert, dass es fast unwirklich wirkte. Ich fragte mich, ob ich mich in der falschen Stadt befand. Oder ob ich einfach zu anspruchsvoll war. Ich kehrte ins Hotel zurück, müde und desillusioniert. Vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen. Vielleicht war Verona einfach nicht das, was ich gesucht hatte. Aber ich wollte noch nicht aufgeben. Ich hatte noch ein paar Tage Zeit, um herauszufinden, ob diese Stadt doch noch etwas zu bieten hatte. Und ich war fest entschlossen, es herauszufinden. Schließlich hatte ich mich nicht ohne Grund hierher begeben. Ich würde tiefer eintauchen, abseits der ausgetretenen Pfade suchen und versuchen, das wahre Gesicht Veronas zu entdecken. Und ich war zuversichtlich, dass ich es finden würde. Denn ich hatte gelernt, dass die wahren Schätze oft verborgen sind.Ich saß auf der kleinen Terrasse des Hotels, den Rest meines Amarone langsam genießend und blickte auf den kleinen Innenhof. Die Luft war nun kühler geworden, die ersten Blätter verfärbten sich. Es war still, fast zu still. Ich brauchte Kontrast, echtes Leben. Und ich wusste, wo ich suchen musste.Jenseits der Postkartenmotive: Das Viertel San Zeno
Am nächsten Morgen verließ ich die touristischen Zentren und machte mich auf den Weg nach San Zeno. Dieses Viertel, südlich der Arena, soll authentischer sein, weniger geprägt vom Massentourismus. Und tatsächlich: Schon nach wenigen Metern spürte ich eine andere Atmosphäre. Die Straßen waren enger, die Häuser älter, die Menschen anders. Keine hastigen Touristen, sondern Einheimische, die ihren Alltag lebten. Ich schlenderte durch die Gassen, vorbei an kleinen Werkstätten, Gemischtwarenläden und Trattorien. Ich entdeckte die Basilika San Zeno Maggiore, ein beeindruckendes romanisches Bauwerk mit einer wunderschönen Fassade. Die Kirche war voller Leben, es gab eine Messe, und die Gesänge erfüllten den Raum. Ich setzte mich kurz auf eine Bank und beobachtete das Geschehen. Es war beruhigend und inspirierend.Die Pasticceria und die misslungene Bestellung
Ich folgte meinem Bauch und entdeckte eine kleine Pasticceria, die "Pasticceria D’Altro Quando". Der Duft von frisch gebackenen Kuchen und Gebäck lockte mich hinein. Es war ein kleines, gemütliches Lokal mit wenigen Sitzplätzen. Die Auswahl war riesig, und ich war sofort begeistert. Ich versuchte, auf Italienisch einen "Cannoli Siciliani" zu bestellen, aber meine Aussprache war miserabel. Die Verkäuferin lachte freundlich und fragte mich auf Deutsch, was ich wollte. Ich bestellte den Cannoli und einen Espresso. Der Cannoli war köstlich, die Füllung cremig und aromatisch. Der Espresso war stark und kräftig. Ich saß draußen auf einem kleinen Stuhl und genoss die Atmosphäre. Es war ein perfekter Moment.Der Mercato von Verona: Ein kulinarisches Chaos
Am Nachmittag besuchte ich den Mercato di Verona, einen Markt, der direkt am Fluss Adige liegt. Es war ein buntes, chaotisches Gewimmel von Ständen mit frischem Obst, Gemüse, Käse, Wurst und anderen Köstlichkeiten. Die Händler priesen ihre Waren lautstark an, und die Luft war erfüllt von Gerüchen und Aromen. Ich schlenderte durch die Reihen, probierte verschiedene Produkte und kaufte ein paar lokale Spezialitäten. Es war ein Fest für die Sinne. Allerdings wurde ich auch von einem Händler über den Tisch gezogen. Ich kaufte ein Päckchen Parmesan, das sich später als minderwertige Qualität herausstellte. Aber das war Teil des Erlebnisses. Manchmal muss man eben auch ein paar Fehler machen.Das Abendessen in der Osteria Sottoriva: Eine Wiederholung und eine Überraschung Ich kehrte zur Osteria Sottoriva zurück, dem Trattoria, das mir am ersten Tag so gut gefallen hatte. Es war voller Menschen, aber ich bekam Glück und ergatterte einen Platz an einem kleinen Tisch in der Ecke. Ich bestellte erneut das Risotto all’Amarone und dazu einen Glas Amarone. Das Essen war genauso köstlich wie beim ersten Mal. Aber diesmal gab es eine Überraschung. Der Besitzer der Osteria kam an meinen Tisch und stellte sich vor. Er erzählte mir, dass er die Osteria vor vielen Jahren von seinem Vater übernommen hatte und dass er stolz darauf sei, die lokale Küche zu bewahren. Wir unterhielten uns lange über Essen, Wein und das Leben in Verona. Es war ein inspirierendes Gespräch. Ich verließ die Osteria mit einem warmen Gefühl im Herzen. Ich hatte das Gefühl, dass ich Verona nun ein wenig besser verstand. Es war nicht nur eine schöne Stadt mit historischen Gebäuden und einer reichen Kultur. Es war auch ein Ort mit Seele, mit Menschen, die stolz auf ihre Traditionen waren und die ihr Handwerk liebten. Aber es war eben auch eine Stadt, die ihre Schattenseiten hatte. Die Touristenmassen, die Kommerzialisierung, die oberflächliche Eleganz. Aber das war eben das Leben. Und ich hatte gelernt, dass man die Schönheit auch in den kleinen Dingen finden konnte. Als ich am Abend zum Hotel zurückkehrte, hatte ich ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ich hatte zwar nicht alle meine Erwartungen erfüllt bekommen, aber ich hatte eine unvergessliche Zeit in Verona verbracht. Und ich wusste, dass ich diese Stadt noch lange in Erinnerung behalten würde, als einen Ort, der mich zum Nachdenken angeregt und meine Sinne verwöhnt hatte, bevor es weiterging, auf der Suche nach dem nächsten authentischen Erlebnis.
Die letzte Nacht in Verona verbrachte ich auf der kleinen Terrasse meines Hotels, einen Grappa in der Hand und den Blick auf den beleuchteten Innenhof gerichtet. Es war still, fast andächtig. Und ich dachte nach. Verona hatte mich überrascht. Nicht in dem Sinne, dass es meine Erwartungen übertroffen hatte, sondern weil es sie auf eine unerwartete Weise hinterfragt hatte.
Ich hatte erwartet, eine romantische Kulisse, ein Postkartenidyll. Und das gibt es in Verona natürlich auch. Aber es ist nur eine Facette dieser vielschichtigen Stadt. Verona ist lebendig, rau, authentisch. Es ist eine Stadt, die ihre Geschichte bewahrt hat, aber nicht in einem Museum verstaubt ist.
Was Verona besonders macht
Was mir besonders gefallen hat, war die Mischung aus Tradition und Moderne, die ich an vielen Ecken der Stadt entdeckt habe. Die kleinen Werkstätten, die noch nach altem Handwerk arbeiten, die Trattorien, in denen die Einheimischen essen, die Märkte, auf denen frische Produkte angeboten werden. Das sind die Dinge, die Verona zu einem besonderen Ort machen.
Die Arena di Verona ist natürlich ein Muss, aber es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Das Viertel San Zeno mit seinen engen Gassen und historischen Gebäuden, die Basilika San Zeno Maggiore mit ihrer beeindruckenden Architektur, der Mercato mit seinem bunten Treiben. Das sind die Orte, an denen man das wahre Verona erlebt.
Kulinarische Highlights und kleine Enttäuschungen
Kulinarisch hatte Verona einiges zu bieten. Das Risotto all’Amarone in der Osteria Sottoriva war ein absolutes Highlight, ebenso wie der frische Käse und das Brot vom Mercato. Aber es gab auch kleine Enttäuschungen, wie das minderwertige Parmesan, das ich auf dem Markt gekauft hatte. Aber das gehört dazu. Man muss eben auch mal einen Fehlgriff machen.
Meine persönlichen Empfehlungen
Wenn ich jemandem eine Reise nach Verona empfehlen würde, dann würde ich ihm sagen, er solle sich nicht nur auf die Sehenswürdigkeiten konzentrieren, sondern auch das Leben in der Stadt genießen. Er solle sich Zeit nehmen, die kleinen Gassen zu erkunden, die lokalen Märkte zu besuchen und in den Trattorien zu essen. Und er solle sich nicht scheuen, auch mal vom Touristenpfad abzuweichen.
Ich würde ihm auch empfehlen, das Viertel San Zeno zu besuchen, um das authentische Verona zu erleben. Und er sollte unbedingt ein Glas Amarone probieren, um die lokale Weinkultur kennenzulernen.
Verona ist nicht perfekt. Es ist eine Stadt mit Ecken und Kanten, mit Schönheiten und Fehlern. Aber gerade das macht es so interessant und so liebenswert. Es ist eine Stadt, die mich zum Nachdenken angeregt hat und die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich werde zurückkehren, das ist sicher. Aber ich muss erstmal ein paar andere Orte auf meiner Liste abgehaken.