Nordamerika - Kanada - Niagarafälle

Reisebericht Nordamerika - Kanada - Niagarafälle

Der Geruch von abgestandenem Kaffee und einer unterschwelligen Panik lag in der Luft. Ich saß also, inmitten des geschäftigen Toronto Pearson Flughafens, und wartete auf meinen überteuerten Leihmotorrad. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder ein Leihfahrzeug zu nehmen. Aber wie soll man sonst in Kanada rumkommen, wenn man nicht vorhat, sein eigenes Bike über den Atlantik zu schicken? War ja nicht so, als hätte ich das vorher nicht bedacht. Naja, egal. Hauptsache, ich sitze bald drauf.

Warum eigentlich Kanada?

Gute Frage. Eigentlich wollte ich nach Patagonien. Wusste nicht, wie es so weit kam. Irgendwie hat mich ein Reiseführerbild von den Niagarafällen im Sale verlockt. Und dann waren da noch die Bären. Ich bin ja ein Mann der Herausforderung. Also, Kanada. Und weil ich bei meiner Ex gesagt habe, ich würde erstmal *nicht* an einen Ort fahren, wo sie auch schon mal war. Ein Mann muss schließlich zu seinen Worten stehen. Auch wenn er damit im kanadischen Matsch landet.

Die ersten Stunden

Toronto war… naja, eine Stadt. Sehr viele Wolkenkratzer, sehr viele Autos, sehr viele Leute, die in Eile waren. Mir war das alles ein bisschen zu viel. Ich hab's ja nicht so mit Großstädten. Lieber Landstraße, lieber Natur, lieber das Geräusch des Motors in meinen Ohren. Aber ich brauchte erstmal einen Tag, um mich zu akklimatisieren und die Maschine abzuholen. Und um herauszufinden, wie man hier eigentlich parkt, ohne dass einem gleich der ganze Verkehr zum Verhängnis wird. Das Bike selbst war eine Triumph Bonneville. Nicht schlecht. Aber irgendwie fühlte es sich an, als würde ich den Motorrad eines anderen fahren. Keine persönlichen Macken, keine kleinen Kratzer, die eine Geschichte erzählen. Nur blankes, neues Blech. Ich hab's trotzdem getauft: "Gertrud". Weil ich ein Faible für altmodische Namen habe. Und weil es einfach lustig ist.

Aufbruch Richtung Niagarafälle

Nach einer ziemlich durchwachsenen Nacht in einem Hotel, das aussah, als wäre es direkt aus den 70ern gefallen (inklusive orangefarbenen Teppichen und einem Fernseher, der noch Röhren hatte) ging es endlich los. Die ersten Kilometer waren noch relativ stressig. Viel Verkehr, viel Baustellenlärm. Aber dann, plötzlich, öffnete sich die Landschaft. Weite Felder, sanfte Hügel, kleine Dörfer. Und die Luft roch nach… naja, nach nichts Besonderem. Aber irgendwie war sie trotzdem besser als die Luft in Toronto. Ich hab's mir gemütlich angefahren, die Sonne auf der Haut, den Wind im Gesicht. Einfach nur genießen. Und mich fragen, ob ich eigentlich genug warme Klamotten eingepackt hatte. Man hört ja viel über das kanadische Wetter. Und es soll ja auch schon mal Leute gegeben haben, die sich hier im Sommer erkältet haben.

Erste Pannen und Begegnungen

Klar, was wäre eine Motorradreise ohne ein paar kleine Pannen? Nach etwa 200 Kilometern stellte ich fest, dass mein Navi den Geist aufgegeben hatte. Wahrscheinlich hat es die ständige Vibration nicht vertragen. Oder es hat einfach beschlossen, dass es genug gesehen hatte. Egal. Ich hab's dann irgendwie mit einer Papierkarte und meinem beschränkten Orientierungssinn geschafft. Das hat zwar etwas länger gedauert, aber dafür hatte ich mehr Zeit, die Landschaft zu genießen. Und dann war da noch der freundliche Mann in der Tankstelle, der mich gefragt hat, ob ich nicht ein bisschen verloren aussehe. Ich hab's natürlich mit einem grinsenden "Nein, überhaupt nicht" beantwortet. Aber innerlich hab' ich mich schon gefragt, ob ich vielleicht doch die falsche Abfahrt genommen hatte. Er hat mir dann großzügig den Weg erklärt und noch einen Kaffee spendiert. War ein netter Typ. Die Straße wurde schlechter, die Landschaft dramatischer. Und dann, am Horizont, tauchten sie auf: die Niagarafälle. Erst als winzige weiße Linien, dann immer größer, immer imposanter. Und je näher ich kam, desto stärker wurde das Rauschen. Es war, als würde die Natur selbst atmen. Ich dachte kurz, ich würde jetzt hier anhalten und noch eine Zigarette rauchen, aber dann dachte ich mir, das ist nicht so mein Ding. Also fuhr ich weiter. Und war neugierig, was mich noch erwarten würde. Jetzt ging es nämlich erst richtig los.

Niagara-on-the-Lake: Zuckerguss und Touristenhorden

Die Niagarafälle selbst waren… beeindruckend. Ja, das muss ich zugeben. Viel Wasser, viel Lärm, viel Gischt. Aber ehrlich gesagt, war mir das alles ein bisschen zu viel. Zu viele Touristen, zu viele Selfies, zu viele überteuerte Souvenirläden. Ich brauchte dringend eine Auszeit. Und die fand ich dann in Niagara-on-the-Lake.

Das Städtchen ist wie aus dem Bilderbuch. Viktorianische Häuser, gepflegte Gärten, kleine Boutiquen und jede Menge Weingüter. Ich hab's mir gemütlich gemacht, bin durch die Straßen geschlendert und hab' versucht, dem ganzen Zuckerguss zu widerstehen. Hat nicht ganz geklappt. Ich hab' mir ein Eis gegönnt. Und dann noch eins. Und dann hab' ich beschlossen, dass ich dringend einen Weinprobe brauchte. Zur Recherche, versteht sich.

Weinprobe und missglückte Parkplatzmanöver

Die Weinproben waren… interessant. Ich bin kein Experte, aber ich kann guten Wein von schlechtem Wein unterscheiden. Und hier gab es beides. Ich hab' mich durch verschiedene Sorten probiert, hab' mit den Winzern geplaudert und hab' versucht, nicht zu viel zu trinken. Hat auch nicht ganz geklappt. Aber hey, man ist ja schließlich auf Reisen.

Das eigentliche Problem war dann aber der Parkplatz. Irgendwie hab' ich es geschafft, mit Gertrud in einer viel zu kleinen Parklücke zu landen. Und dann kam noch ein aufgebrachter Kanadier vorbei, der mir deutlich machte, dass ich hier falsch parke. Ich hab' mich entschuldigt, hab' versucht, rückwärts zu fahren, und hab' dann fast einen Baum umgefahren. War ein bisschen peinlich. Aber am Ende hab' ich es doch noch geschafft, aus der Misere zu entkommen. Mit ein bisschen Glück und der Hilfe eines freundlichen Passanten.

Niagara Falls – Die Kehrseite der Medaille

Zurück bei den Fällen selbst war es dann noch voller. Die Clifton Hill, dieser bunte Rummelstrip, war ein Albtraum. Neonlicht, grelle Farben, überlaute Musik und jede Menge Menschen, die versuchen, ihr Geld loszuwerden. Ich hab' mich schnell wieder auf den Weg gemacht. Ich brauchte dringend etwas Ruhe.

Ein bisschen Abenteuerlust

Ich bin dann noch etwas die Niagara Parkway entlanggefahren, hab' ein paar schöne Ausblicke genossen und hab' versucht, ein paar Fotos zu machen. Aber ehrlich gesagt, war mir das alles ein bisschen zu touristisch. Ich hab' mich dann entschieden, etwas abseits der ausgetretenen Pfade zu suchen. Ich hab' ein paar kleine Nebenstraßen entdeckt, hab' ein paar versteckte Buchten gefunden und hab' ein paar nette Gespräche mit Einheimischen geführt.

Ich bin dann noch an einem kleinen Wasserpark vorbeigekommen, wo gerade eine Wasserschau stattfand. Ich hab' kurz überlegt, ob ich mir das ansehen soll, aber dann hab' ich beschlossen, dass mir das alles zu viel Trubel ist. Ich hab' stattdessen ein paar Fotos von den Booten gemacht, die unter den Fällen hindurchfuhren. Das war schon aufregend genug.

Mit dem Sonnenuntergang begann ein neuer kalter Wind zu wehen, ich spürte eine gewisse Müdigkeit, aber auch die Vorfreude auf die kommenden Tage. Die Reise hatte bisher einiges an Überraschungen bereithalten, und ich ahnte, dass es noch viele weitere Abenteuer zu erleben geben würde, bevor ich wieder in die Zivilisation zurückkehren würde.

Der kalte Wind pfiff mir ins Gesicht, während ich die letzte Strecke zurück zu meinem Motel kurvte. Die Niagarafälle lagen hinter mir, ein beeindruckendes, aber auch anstrengendes Kapitel meiner Reise. Ehrlich gesagt, war ich froh, dem ganzen Trubel zu entkommen. Ich hatte erwartet, mich überwältigt zu fühlen von der Naturgewalt, aber stattdessen war ich einfach nur erschöpft. Vielleicht bin ich einfach zu alt für solche Spektakel. Oder zu zynisch.

Fazit: Was ich gelernt habe

Kanada ist groß. Sehr groß. Und kalt. Und voller Touristen. Aber auch voller netter Leute und beeindruckender Landschaften. Ich habe gelernt, dass man sich auf alles vorbereiten muss, auch auf unerwartete Pannen und missglückte Parkplatzmanöver. Und dass man manchmal einfach nur akzeptieren muss, dass man verloren ist. Es gehört dazu.

Die Route und die kleinen Abstecher

Die eigentliche Fahrt entlang der Niagara Parkway war zwar schön, aber viel befahren. Ich hätte mir gewünscht, ich hätte mehr Zeit gehabt, um die kleineren Nebenstraßen zu erkunden. Die versteckten Buchten und die abgelegenen Dörfer waren viel interessanter als die überlaufenen Touristenzentren. Ich habe mir vorgenommen, bei meiner nächsten Reise mehr Zeit für solche Abstecher einzuplanen. Und vielleicht auch ein besseres Navi zu kaufen.

Was man besser machen könnte (und was nicht)

Ich würde empfehlen, die Niagarafälle außerhalb der Hauptsaison zu besuchen. Im Sommer ist es einfach viel zu voll und zu teuer. Und man sollte sich nicht zu sehr auf die touristischen Attraktionen konzentrieren. Die eigentliche Schönheit Kanadas liegt in der Natur und in der Freundlichkeit der Menschen. Und man sollte unbedingt eine warme Jacke mitnehmen. Auch im Sommer.

Ein paar konkrete Tipps

Wenn du in Niagara-on-the-Lake bist, solltest du unbedingt eine Weinprobe machen. Aber übertreibe es nicht. Und wenn du die Niagarafälle besichtigen willst, dann geh am frühen Morgen oder am späten Abend. Dann ist es etwas ruhiger. Und vergiss nicht, ein paar kanadische Dollar für die Mautgebühren einzuplanen. Die sind nicht gerade günstig.

Und was ich NICHT empfehlen würde?

Versuche nicht, mit dem Motorrad durch die Clifton Hill zu fahren. Das ist einfach nur Wahnsinn. Und parke dein Motorrad nicht in einer Parklücke, die zu klein ist. Das endet immer im Chaos. Glaube mir.

Nach ein paar Tagen im Motel packte ich Gertrud wieder ein, Richtung Osten. Die nächsten Ziele standen schon fest. Ich hatte noch einiges vor, bevor ich nach Hause zurückkehrte. Und ich war gespannt, was mich auf dem Weg noch erwarten würde. Kanada, du warst anstrengend, aber auch unvergesslich. Und ich komme vielleicht irgendwann wieder. Wenn ich genug Geld gespart habe und eine neue Jacke gekauft habe.

    👤 Alleinreisender digitaler Nomade um die 30 ✍️ experimentell und unkonventionell