Europa - Italien - Comer See

Reisebericht Europa - Italien - Comer See

Das Quietschen der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster war ohrenbetäubend. Nicht, weil es besonders laut war, sondern weil es einfach *alles* zusammenfasste. Italien. Wir waren angekommen. Genauer gesagt: am Comer See. Und ich, mit meinen 35 Jahren und einem pubertierenden Sohn, der aktuell so aussah, als hätte ihn jemand aus einem alten Schrank gekratzt, hatte das Gefühl, ich brauche dringend einen doppelten Espresso und ein sehr, sehr großes Glas Wein.

Flucht aus dem Alltag

Die Idee zu dieser Reise war – ehrlich gesagt – Panik. Reine Panik. Max, mein Sohn, war mit 15 in diesem Alter, in dem alles peinlich ist, jede Bemerkung, die man macht, eine persönliche Beleidigung und der eigene Spiegel der schlimmste Feind. Und ich? Ich war einfach müde. Müde von Arbeit, von Single-Mutter-Dasein und davon, dass unser Wohnzimmer aussah, als hätte eine Bombe explodiert. Also buchte ich kurzerhand Flüge. Italien, Comer See. Irgendwas mit Wasser und Bergen, dachte ich mir, das kann doch beruhigend wirken. Und vielleicht, ganz vielleicht, würden wir uns dort wenigstens ein paar Stunden lang nicht in die Haare kriegen.
Die Fahrt vom Flughafen Mailand nach Como war…interessant. Max verbrachte die meiste Zeit damit, Kopfhörer aufzusetzen und so zu tun, als wäre ich nicht existent. Ich versuchte, mich nicht von dem Gefühl überwältigen zu lassen, dass ich gerade eine teure Reise unternahm, um mit einem Mauerblümchen zu verreisen. Aber hey, immerhin war die Landschaft wunderschön. Die Berge, der See, die kleinen Dörfer…es sah alles aus, als wäre es aus einem Postkartenmotiv entsprungen. Nur fehlte mir noch der Wein. Dringend.

Das Hotel – Ein ambivalent Gefühl

Unser Hotel war…speziell. Nicht unbedingt schlecht, aber definitiv nicht das, was man unter modern versteht. Eher so im Stil von "Omas Wohnzimmer mit Seeblick". Viel Holz, viel Kitsch, und ein Duft, der an Lavendel und abgestandene Luft erinnerte. Max warf mir einen Blick zu, der Bände sprach. "Muuuutter…", begann er, aber ich winkte ab. "Sieht doch gemütlich aus!", sagte ich mit einer Fröhlichkeit, die ich selbst nicht glaubte. Und hey, Seeblick war Seeblick.
Das Einchecken verlief ohne größere Probleme. Der Hotelbesitzer, ein älterer Herr mit einem beeindruckenden Schnurrbart, sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Italienisch gelang es uns irgendwie, zu erklären, dass wir ein Zimmer mit zwei Betten brauchten. Max verdrehte die Augen. "Als ob das hier noch ein Problem wäre", murmelte er. Ich ignorierte ihn.

Nachdem wir unser Gepäck abgestellt hatten, erkundeten wir kurz die Umgebung. Como selbst ist eine wunderschöne Stadt, mit engen Gassen, kleinen Geschäften und einer beeindruckenden Kathedrale. Max fand den Eisdielen natürlich am interessantesten. Was ihn betraf, könnte die ganze Reise aus Eisessen bestehen. Ich stimmte zu. Hauptsache, er lächelt. Und vielleicht, ganz vielleicht, würde er ja irgendwann auch mal ein bisschen mit mir reden.


Erste Erkundungstouren und pubertäre Eigenheiten

Der erste Abend war…interessant. Wir gingen in ein kleines Restaurant am See und bestellten Pizza. Max war natürlich der Meinung, dass seine Pizza zu wenig Käse habe und meine zu viel. Und dass der Kellner ihn überhaupt nicht ernst nehme. Ich versuchte, die Situation zu entschärfen, indem ich ihn immer wieder aufforderte, etwas Positives zu sagen. "Schau mal, das Wasser ist wunderschön!", sagte ich. "Ganz toll", antwortete er gelangweilt.

Am nächsten Tag beschlossen wir, eine Bootsfahrt auf dem See zu machen. Ich hatte gehofft, dass die Landschaft ihn beeindrucken würde. Aber nein. Er fand es "langweilig" und "überbewertet". Und dass alle anderen Touristen nervig seien. Ich seufzte innerlich. Manchmal frage ich mich wirklich, ob er absichtlich versucht, mich zu provozieren. Oder ob er einfach nur in einem fortgeschrittenen Stadium der Pubertät steckt. Was wahrscheinlich beides zutrifft.


Dennoch, trotz aller Widerstände, gab es auch ein paar schöne Momente. Einmal, als wir am Ufer entlangspazierten und er plötzlich anfing, von seinen Lieblingsvideospielen zu erzählen. Und ein anderes Mal, als er mir bei der Suche nach einem Souvenir half. Es waren nur kleine Momente, aber sie gaben mir Hoffnung. Hoffnung, dass diese Reise vielleicht doch nicht ganz zum Scheitern verurteilt sei. Und dass wir vielleicht, ganz vielleicht, am Ende doch noch ein bisschen näher zueinanderfinden würden. Die nächsten Tage versprachen, uns daran zu erinnern, dass eine Reise manchmal auch ein Abenteuer der Geduld sein kann – und dass man als Mutter manchmal einfach nur durchhalten muss.

Bellagio – Die Perle des Comer Sees (und Max’ Desinteresse)

Nach ein paar Tagen in Como beschlossen wir, einen Ausflug nach Bellagio zu machen. Bellagio, so hatte ich gelesen, sei die Perle des Comer Sees. Ich stellte mir romantische Gassen, blühende Gärten und atemberaubende Ausblicke vor. Max stellte sich wahrscheinlich vor, dass es noch mehr Touristen und noch weniger WLAN-Signal geben würde. Und er sollte nicht ganz unrecht haben.
Die Anreise mit der Fähre war zwar schön, aber Max langweilte sich zu Tode. Er starrte auf sein Handy und ignorierte die Landschaft. Ich versuchte, ihn zu ermutigen, etwas zu fotografieren, aber er meinte nur, dass sein Handy sowieso schon voll sei. Männer…
Bellagio selbst war wunderschön, keine Frage. Aber auch ziemlich überlaufen. Wir schlenderten durch die engen Gassen, vorbei an kleinen Geschäften und Restaurants. Ich kaufte ein paar Postkarten und ein T-Shirt für meinen Bruder. Max kaufte eine Packung Gummibärchen und verzog sich dann, um sie in Ruhe zu essen.

Ein kulinarisches Desaster in Varenna

An einem Tag wagten wir uns nach Varenna, einem kleinen Fischerdorf, das noch etwas ruhiger sein sollte. Ich hatte in einem Reiseführer von einem kleinen Trattoria gelesen, in dem es angeblich die beste Pasta des Sees geben sollte. Klingt traumhaft, oder? Nun, die Realität sah etwas anders aus.
Das Restaurant war winzig, mit nur wenigen Tischen. Der Kellner sprach kein Wort Englisch, und ich konnte mich nur mit Händen und Füßen verständigen. Ich bestellte Spaghetti Carbonara für mich und eine Pizza Margherita für Max. Was dann auf unseren Tellern landete, war…interessant. Meine Carbonara war so fettig, dass ich fast einen Herzinfarkt bekam. Und Max’ Pizza…nun, sie sah aus, als hätte sie jemand mit den Füßen gemacht.
Max weigerte sich, mehr als einen Bissen zu essen. “Muuuutter, das ist ja ekelhaft!”, jammerte er. Ich versuchte, die Situation zu retten, indem ich meine Pasta gegen seine Pizza tauschte. Aber auch das half nicht. Am Ende aßen wir beide nur noch die Gummibärchen, die Max am Mittag gekauft hatte.

Die Villa Carlotta – Ein Lichtblick

Ein Höhepunkt unserer Reise war der Besuch der Villa Carlotta. Die Villa ist wunderschön, mit einem prächtigen Garten voller Azaleen und Rhododendren. Sogar Max war beeindruckt. Er fotografierte sogar ein paar Blumen – was ein Wunder war.
Wir schlenderten durch den Garten, vorbei an Statuen und Brunnen. Die Aussicht auf den See war atemberaubend. Ich fühlte mich plötzlich ganz entspannt und friedlich. Vielleicht war Italien doch nicht so schlecht, dachte ich.
Wir verbrachten Stunden in der Villa, bevor wir uns schließlich auf den Heimweg machten. Max war zwar immer noch nicht ganz begeistert von der Reise, aber zumindest hatte er ein bisschen Spaß gehabt. Und ich hatte ein paar schöne Erinnerungen gesammelt.
Als wir am Abend ins Hotel zurückkehrten, saßen wir auf dem Balkon und schauten auf den See. Die Sonne ging unter, und das Wasser glitzerte in allen Farben. Es war ein schöner Moment. Vielleicht, ganz vielleicht, war diese Reise doch nicht so ein Desaster, wie ich befürchtet hatte. Auch wenn es manchmal echt anstrengend war. Aber letztendlich hatte ich gelernt, dass man mit einem pubertierenden Teenager einfach nur mitnehmen muss, was kommt – und dass man manchmal auch einfach nur die kleinen Momente genießen sollte, bevor alles wieder vorbei ist. Und während der See in der Abenddämmerung glitzerte, ahnte ich, dass wir am nächsten Tag die Koffer packen würden – und dass wir beide, auf unsere eigene Art und Weise, ein kleines Stück Italien mit nach Hause nehmen würden.

Der Morgen danach fühlte sich seltsam friedlich an. Max schlief noch, was ein Wunder war, und ich saß auf dem Balkon mit einer Tasse Kaffee und versuchte, die letzten Tage zu verarbeiten. War es ein Erfolg? Ein Desaster? Wahrscheinlich beides. Auf jeden Fall war es…interessant.

Rückblick: Was wirklich zählt

Ich hatte mir von dieser Reise erhofft, eine Art Reset zu erreichen. Eine Auszeit vom Alltag, Zeit für uns beide, um uns wiederzufinden. Und irgendwie, inmitten all der Pasta, Pubertät und Postkarten, ist das auch gelungen. Nicht im Sinne einer romantischen Verklärung, sondern eher als eine Art pragmatische Annäherung. Wir haben uns nicht plötzlich in den Armen gelegen und unsere Seelen bloßgelegt. Aber wir haben gelacht, wir haben uns gestritten, wir haben Eis gegessen und wir haben zusammen die Schönheit des Comer Sees bewundert. Und das, denke ich, ist genug.

Die kleinen Dinge, die bleiben

Was ich von dieser Reise mitnehme, sind die kleinen Momente. Max, der widerwillig zugibt, dass die Villa Carlotta doch ganz nett ist. Das gemeinsame Lachen über das kulinarische Desaster in Varenna. Der Blick in seine Augen, als er zum ersten Mal die Aussicht auf den See richtig wahrgenommen hat. Diese Momente sind kostbar, und ich werde sie in Ehren halten.

Was ich gelernt habe (und was nicht)

Ich habe gelernt, dass man mit einem Teenager nicht planen kann. Wirklich nicht. Man kann sich Hoffnungen machen, man kann Wünsche äußern, aber man muss sich darauf einstellen, dass alles anders kommt. Und ich habe gelernt, dass es okay ist, wenn nicht alles perfekt ist. Im Gegenteil, gerade die kleinen Pannen und Missverständnisse machen das Leben doch erst richtig interessant. Was ich nicht gelernt habe? Wie man Max dazu bringt, seine Kopfhörer auszuziehen und die Welt um ihn herum wahrzunehmen. Aber hey, man kann ja nicht alles haben.

Empfehlungen für andere Überlebenskünstler

Wenn ihr mit einem Teenager an den Comer See reist, hier ein paar Tipps von mir:

  • Packt viel Eis ein. Wirklich viel. Es ist die beste Waffe gegen schlechte Laune und Langeweile.
  • Seid flexibel. Lasst euch treiben, und versucht nicht, zu viel zu planen.
  • Akzeptiert, dass es nicht perfekt sein wird. Es wird Streit geben, es wird Genervtheit geben, und es wird Momente geben, in denen ihr euch fragt, warum ihr euch das alles antut. Aber das ist okay.
  • Genießt die kleinen Momente. Sie sind es wert.

Und noch ein Tipp: Bringt einen guten Reiseführer mit. Nicht, weil ihr ihn wirklich braucht, sondern weil er als zusätzliches Gewicht im Koffer nützlich ist.

Ich weiß nicht, ob wir noch einmal an den Comer See reisen werden. Aber ich weiß, dass diese Reise uns verändert hat. Wir sind ein bisschen näher zusammengerückt, wir haben ein bisschen mehr Verständnis füreinander entwickelt, und wir haben ein paar schöne Erinnerungen gesammelt. Und das ist, denke ich, genug.

    👤 Digitaler Nomade (35) der remote arbeitet und die Welt bereist ✍️ inspirierend und motivierend