Europa - Slowenien - Bled

Ein stiller Sommer am Bleder See

Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras und ein bisschen nach feuchtem Stein. Nicht der beißende Geruch von Großstädten, sondern etwas Sanftes, Erdverbundenes. Ich stand am Busbahnhof von Bled, die kleine Reisetasche fest in der Hand, und sah mich um. Es war anders, als ich es erwartet hatte. Bilder im Internet, Reisebroschüren – das alles hatte es nicht wirklich eingefangen. Echte Orte, so dachte ich, offenbaren sich erst, wenn man wirklich da ist, atmet, fühlt.

Eine Reise mit 70 Jahren und wenig Geld

Man könnte fragen, was ein alter Mann wie ich in seinem Alter noch auf Reisen sucht. Nun, die Antwort ist einfach: Das Leben selbst. Nach dem Tod meiner Frau vor drei Jahren wurde die Welt plötzlich grau. Die Wohnung, einst voller Leben und Lachen, wirkte wie ein Museum. Ich brauchte Farbe, etwas Neues, einen Grund, jeden Morgen aufzustehen. Die Kinder hatten vorgeschlagen, ich solle doch ins Altersheim ziehen. Ein ordentliches Zimmer, Gesellschaft, Verpflegung. Aber das war nicht meine Vorstellung vom Leben. Ich wollte noch einmal raus, sehen, riechen, fühlen. Und ich wollte es nicht teuer machen. Die Rente ist schließlich nicht unendlich.

Also beschloss ich, alleine zu reisen. Mit dem Bus, der Bahn, vielleicht mal ein Hostel. Slowenien schien mir ein guter Kompromiss. Nicht zu weit weg, nicht zu teuer, und angeblich wunderschön. Ich hatte ein paar alte Reiseführer durchstöbert, die aus den 80ern stammten, und mich in die Landschaft verliebt. Die Julischen Alpen, der Bleder See, die kleinen Dörfer – das klang nach dem, was ich brauchte.

Der Bleder See im ersten Licht

Ich hatte ein kleines Zimmer in einer Pension am See gebucht. Einfach, aber sauber. Die Vermieterin, eine freundliche Frau mit silbergrauem Haar, begrüßte mich mit einem Lächeln und einem Glas selbstgemachtem Kirschsaft. Der Saft schmeckte nach Sommer und Kindheit. Ich trank ihn langsam, während ich aus dem Fenster auf den See blickte. Es war noch früh am Morgen, die Sonne stand tief und tauchte die Landschaft in ein goldenes Licht. Der See lag da wie ein Spiegel, umgeben von grünen Hügeln und den schneebedeckten Gipfeln der Alpen. Auf einer kleinen Insel ragte eine Kirche empor, ihr Turm spiegelte sich im Wasser. Das Bild war so friedlich, so harmonisch, dass ich einen Moment lang vergaß, wie alt ich war.

Ich stellte meine Tasche ab und ging nach draußen. Die Luft war kühl und klar, und der Duft von Kiefern und Wasser lag in der Luft. Ich folgte einem kleinen Pfad, der um den See führte. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, ein paar Jogger, ein älteres Paar, das Händchen haltend spazieren ging. Ich blieb an einer kleinen Bank stehen und beobachtete das Treiben auf dem See. Ein paar Ruderboote glitten über das Wasser, und ein Entenpaar schwamm gemächlich an mir vorbei. Es war eine Szene von stiller Schönheit, die mich tief berührte.

Ich hatte mir vorgenommen, diesen Urlaub nicht nur als eine Reise zu sehen, sondern als eine Art Pilgerfahrt. Nicht zu einem heiligen Ort, sondern zu mir selbst. Ich wollte die Stille genießen, die Natur erleben, und versuchen, den Sinn des Lebens wiederzufinden. Es war vielleicht ein naiver Gedanke, aber ich brauchte etwas, an das ich glauben konnte. Und vielleicht, dachte ich, könnte ich hier am Bleder See etwas davon finden.

Erste Begegnungen und kleine Geschichten

Am Nachmittag wanderte ich durch das kleine Städtchen Bled. Es war voller Touristen, aber trotzdem hatte es einen gewissen Charme. Ich besuchte die Burg, die auf einem steilen Felsen über dem See thront. Die Aussicht war atemberaubend. Ich saß lange auf einer Bank und blickte über die Landschaft. Ich beobachtete die Menschen, die vorbeigingen, und versuchte, mir ihre Geschichten vorzustellen. Der junge Mann mit dem Rucksack, der verzweifelt nach einem WLAN-Hotspot suchte. Das ältere Paar, das sich an der Hand hielt und den Blick über den See genoss. Die Mutter mit dem kleinen Kind, das lachend durch die Gassen rannte.

Ich unterhielt mich mit ein paar Einheimischen. Mit dem alten Fischer, der mir von den Zeiten erzählte, als der See noch voller Fische war. Mit der Bäuerin, die mir einen Strauß frischer Blumen schenkte. Mit dem jungen Mann, der in einem kleinen Café arbeitete und davon träumte, die Welt zu bereisen.

Jede Begegnung war eine kleine Geschichte, die mich berührte und mir zeigte, dass das Leben überall zu finden ist, auch in den kleinsten Dingen. Ich erkannte, dass es nicht darauf ankommt, wo man ist, sondern wie man es sieht. Und ich begann, die Welt mit anderen Augen zu betrachten.

Während ich am Abend in einem kleinen Restaurant saß und eine einfache Mahlzeit genoss, begann ich zu verstehen, dass diese Reise mehr war als nur ein Urlaub. Es war eine Suche nach dem Sinn, nach dem Frieden, nach der Schönheit des Lebens. Und ich ahnte, dass ich hier am Bleder See noch viele Antworten finden würde, bevor ich mich wieder auf den Weg machen würde.

Die Kirche auf der Insel und das Vintgar-Tal

Am nächsten Morgen beschloss ich, die berühmte Kirche auf der Insel zu besuchen. Man erreicht sie nur mit einem traditionellen "Pletna"-Boot, das von einem "Pletnar" gesteuert wird – eine Art Gondelier. Ich stand am Anlegesteg und wartete, etwas unsicher, ob ich alt genug für so eine Fahrt war. Der Pletnar, ein kräftiger Mann mit wettergegerbten Gesicht, lächelte mich freundlich an und half mir ins Boot. Die Fahrt war herrlich. Das Wasser glitzerte in der Sonne, und die Aussicht auf die Berge war atemberaubend.

Die Kirche selbst ist klein und unscheinbar, aber voller Geschichte und Spiritualität. Ich zündete eine Kerze an und wünschte mir, dass meine Frau irgendwo da oben auf mich aufpasst. Es war ein stiller Moment der Besinnung, der mich tief berührte. Auf dem Rückweg unterhielt ich mich mit dem Pletnar. Er erzählte mir von der Legende, dass man in der Kirche einen Glockenwunsch äußern kann, der dann in Erfüllung geht. Ich lächelte. Ich brauchte keine Wünsche mehr. Ich hatte alles, was ich brauchte.

Abseits der Touristenpfade – ein Ausflug ins Vintgar-Tal

Ich wollte aber auch die Umgebung erkunden und entschied mich für einen Ausflug ins Vintgar-Tal. Es liegt etwas außerhalb von Bled und ist bekannt für seine spektakuläre Schlucht, die von einem smaragdgrünen Fluss durchzogen wird. Ich nahm den Bus, und die Fahrt führte mich durch malerische Dörfer und grüne Wiesen. Als ich aus dem Bus stieg, merkte ich, dass ich meine Wasserflasche vergessen hatte. Mist! Ich hoffte, es gäbe irgendwo eine Möglichkeit, etwas zu trinken zu kaufen.

Der Weg durch die Schlucht war atemberaubend. Das Wasser rauschte unter mir hindurch, und die Felsen waren mit Moos und Farne bedeckt. Es gab Holzstege und Leitern, die man benutzen musste, um durch die Schlucht zu gelangen. Ich war zwar nicht mehr der Jüngste, aber ich hielt mich tapfer. Immer wieder begegneten mir junge Leute, die mit ihren Smartphones Selfies machten. Ich lächelte. Ich zog es vor, den Moment einfach zu genießen.

Ich fand dann doch noch einen kleinen Kiosk am Eingang des Tals und konnte mir eine Flasche Wasser kaufen. Erleichtert setzte ich mich auf eine Bank und beobachtete das Treiben. Es waren viele Touristen da, aber trotzdem herrschte eine friedliche Atmosphäre. Ich erkannte, dass Schönheit nicht immer perfekt sein muss. Sie kann auch in den kleinen Dingen liegen, in den ungeschliffenen Ecken, in den Momenten der Stille.

Das Dorf Bled und die kleinen Freuden des Alltags

Ich verbrachte auch einige Stunden damit, einfach durch das Dorf Bled zu schlendern. Ich besuchte den Markt, wo ich frisches Obst und Gemüse kaufte. Ich aß ein "Kremšnita"-Kuchen, eine lokale Spezialität, die unglaublich lecker war. Ich saß im Park und beobachtete die Kinder beim Spielen. Es waren die kleinen Freuden des Alltags, die mir am meisten Spaß machten.

Ich lernte auch eine alte Dame kennen, die vor ihrem Haus Blumen pflegte. Wir unterhielten uns auf gebrochenem Deutsch und Slowenisch. Sie erzählte mir von ihrem Leben, von ihrer Familie, von ihren Träumen. Sie war eine kluge und warmherzige Frau, und ich fühlte mich sofort mit ihr verbunden. Wir verabschiedeten uns, und ich versprach, ihr bald wieder einen Besuch abzustatten.

Als ich am Abend in meine Pension zurückkehrte, fühlte ich mich erschöpft, aber glücklich. Ich hatte viel gesehen und erlebt, und ich hatte das Gefühl, dass ich ein Stück weit zu mir selbst gefunden hatte. Ich wusste, dass meine Reise bald zu Ende gehen würde, aber ich war bereit, die Erinnerungen mitzunehmen und sie in meinem Herzen zu bewahren. Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht immer einfach ist, aber dass es immer einen Grund zum Lächeln gibt – selbst wenn man siebzig Jahre alt ist und nur wenig Geld hat.

Die Tage vergingen wie im Flug, und bald war es Zeit, Bled zu verlassen, aber ich wusste, dass ein Teil von mir immer in dieser friedlichen Landschaft zurückbleiben würde.

Der Morgen meiner Abreise war grau und feucht. Es passte irgendwie zu meiner Stimmung. Nicht traurig, aber melancholisch. Ich saß noch einmal am Seeufer, trank meinen Kaffee und atmete die kühle Luft ein. Der See lag da wie ein stiller Zeuge meiner Reise, und die Berge schienen mir zuzuwinken. Es war, als ob sie mich einluden, wiederzukommen. Und ich wusste, dass ich eines Tages wiederkommen würde.

Die Stille suchen

Ich hatte gelernt, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Ein schönes Zimmer, gutes Essen, nette Menschen und die Stille der Natur. Das waren die Dinge, die mir am wichtigsten geworden waren. Ich hatte auch gelernt, dass das Alter keine Krankheit ist, sondern eine Chance. Eine Chance, das Leben mit anderen Augen zu sehen, die kleinen Dinge zu schätzen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich hatte die Stille gesucht, und ich hatte sie gefunden. Nicht in der Abgeschiedenheit, sondern mitten im Leben.

Was ich mitgenommen habe

Ich hatte viele Erinnerungen gesammelt, die ich in meinem Herzen bewahren würde. Die Gespräche mit den Einheimischen, die Wanderungen durch die Berge, die Besuche in den kleinen Dörfern, die stillen Momente am Seeufer. Ich hatte auch gelernt, dass das Leben nicht immer einfach ist, aber dass es immer einen Grund zum Lächeln gibt. Selbst wenn man siebzig Jahre alt ist und nur wenig Geld hat.

Ein paar Tipps für andere Reisende

Wenn ich anderen Reisenden einen Tipp geben könnte, dann wäre es dieser: Reisen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit, die Umgebung zu erkunden, die Menschen kennenzulernen und die kleinen Dinge zu schätzen. Versuchen Sie, abseits der Touristenpfade zu wandern und die authentische Seite des Landes zu entdecken. Und vergessen Sie nicht, die Stille zu suchen. Sie ist oft der größte Reichtum.

Budget-Reisen in Bled

Bled kann auch mit kleinem Budget bezahlbar sein. Nutzen Sie öffentliche Verkehrsmittel, essen Sie in lokalen Restaurants und wählen Sie einfache Unterkünfte. Viele Wanderwege sind kostenlos zugänglich, und die Natur bietet unzählige Möglichkeiten, die Landschaft zu erkunden. Ich habe oft im Supermarkt eingekauft und mir selbst ein Picknick zubereitet. Das war nicht nur günstiger, sondern auch gesünder und entspannter.

Die Kirche auf der Insel und das Vintgar-Tal – noch einmal

Die Kirche auf der Insel ist zwar ein beliebtes Touristenziel, aber sie ist auch ein Ort der Ruhe und Besinnung. Nehmen Sie sich Zeit, die Kirche zu besichtigen und die Atmosphäre zu genießen. Das Vintgar-Tal ist ein weiteres Highlight. Die Schlucht ist atemberaubend schön, und die Wanderung entlang des Flusses ist ein unvergessliches Erlebnis. Aber seien Sie vorsichtig, der Weg kann an einigen Stellen rutschig sein.

Ich verließ Bled mit einem weinenden Auge, aber auch mit einem dankbaren Herzen. Ich hatte eine wunderschöne Zeit gehabt, und ich hatte viel gelernt. Ich wusste, dass ich diese Reise nie vergessen würde. Und ich wusste, dass ich eines Tages wiederkommen würde, um die Stille und die Schönheit des Bleder Sees noch einmal zu erleben.

    • Kirche auf der Insel
    • Vintgar-Tal
    • Bled
👤 Rentner (70) mit kleinem Budget ✍️ poetisch und philosophisch