Nordamerika - Kuba - Holguín

Reisebericht Nordamerika - Kuba - Holguín

Der Geruch von feuchter Erde und süßem Rauch hing in der Luft, vermischt mit einer unterschwelligen Note von Salz. Ich stand am Flughafen Holguín, die tropische Hitze schlug mir entgegen, und versuchte, meinen alten Lederkoffer festzuhalten, der sich irgendwie entschlossen hatte, ein Eigenleben zu entwickeln. Um mich herum herrschte ein buntes Treiben. Familien, die sich stürmisch begrüßten, Touristen mit riesigen Kameras, und überall diese unglaublich freundlichen kubanischen Gesichter. Ich hatte so lange davon geträumt, nach Kuba zu reisen. Eigentlich schon mein ganzes Leben.

Ein Leben lang geträumt

Meine Großmutter, meine *Abuela*, war Kubanerin. Sie floh kurz vor der Revolution mit meinem Großvater nach Deutschland. Sie erzählte mir als Kind unzählige Geschichten von ihrer Insel, von den bunten Kolonialstädten, der Musik, dem Essen, den Menschen. Aber sie sprach auch von der Armut, den politischen Unruhen, dem Verlust ihrer Familie. Diese Geschichten prägten mich. Ich lernte Spanisch, verschlang Bücher über kubanische Geschichte und Kultur, und sammelte alte kubanische Schallplatten. Die Musik, besonders der Son Cubano, berührte mich tief. Es war ein Versprechen, das ich mir selbst gab: Eines Tages werde ich diesen Ort sehen, werde ich versuchen, die Wurzeln meiner Familie zu verstehen.

Die Reiseplanung

Mit 65 Jahren hatte ich endlich das Gefühl, genug Zeit und finanzielle Freiheit zu haben, um diesen Traum zu verwirklichen. Ich bin kein Mensch für Pauschalreisen, das liegt mir nicht. Ich wollte Kuba auf eigene Faust entdecken, abseits der Touristenpfade. Ich recherchierte monatelang, studierte Karten, las Reiseberichte und buchte kleine *Casas Particulares*, diese privaten Unterkünfte, die von kubanischen Familien angeboten werden. Ich wusste, dass ich nicht in Luxushotels wohnen wollte. Ich wollte das echte Kuba erleben, das Leben mit den Menschen teilen, ihre Kultur verstehen.

Erste Eindrücke von Holguín

Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war ein Fest für die Augen. Überall Palmen, bunte Häuser, alte amerikanische Autos, die liebevoll restauriert wurden. Die Straßen waren voller Leben, Kinder spielten Fußball, Männer diskutierten auf der Straße, Frauen trugen Körbe voller Obst und Gemüse. Es war chaotisch, laut, aber auch unglaublich lebendig und authentisch. Mein Fahrer, ein freundlicher Mann namens Roberto, erzählte mir von seinem Leben, von den Schwierigkeiten, aber auch von der Hoffnung, die die Menschen in Kuba haben. Er erklärte mir, dass Holguín eine relativ ruhige Stadt sei, im Vergleich zu Havanna oder Santiago de Cuba. Eine Stadt mit einer reichen Geschichte und Kultur, aber auch mit vielen sozialen Problemen.

Die Casa Particular

Meine *Casa Particular* lag in einem ruhigen Wohnviertel, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Die Familie, die mich aufnahm, war unglaublich herzlich und gastfreundlich. Die alte Oma, Maria, sprach kaum Spanisch, aber ihre Augen strahlten eine Wärme aus, die jede Sprachbarriere überwand. Die Tochter, Isabel, kümmerte sich um alles, von der Organisation von Ausflügen bis hin zum Kochen von traditionell kubanischen Gerichten. Das Essen war einfach, aber unglaublich lecker, mit frischen Zutaten und viel Liebe zubereitet. Ich fühlte mich sofort wie zu Hause.

Aufbruch zur Entdeckung

Ich hatte einen groben Plan für die nächsten Tage, aber ich wusste, dass ich mich auch treiben lassen wollte, den Moment genießen und mich von den Begegnungen und Erfahrungen überraschen lassen wollte. Ich wollte Museen besuchen, Galerien erkunden, Theateraufführungen sehen, aber auch einfach nur durch die Straßen schlendern, mit den Menschen sprechen und das Leben aufsaugen. Ich spürte, dass diese Reise mehr sein würde als nur ein Urlaub. Es war eine Pilgerreise zu meinen Wurzeln, eine Suche nach meiner Identität, ein Versuch, die Vergangenheit zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Und so begann mein Abenteuer in Holguín, einer Stadt voller Geschichte, Kultur und menschlicher Wärme, die mich schon in den ersten Stunden in ihren Bann gezogen hatte. Ich war bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, und freute mich darauf, die verborgenen Schätze dieser faszinierenden Insel zu entdecken.

Das Viertel Calixto García

Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück mit frischem Obst und starkem kubanischem Kaffee, wagte ich mich ins Stadtzentrum. Ich hatte mir vorgenommen, das Viertel Calixto García zu erkunden, das bekannt ist für seine Kunstgalerien und kleinen Handwerksläden. Es war ein ganz anderes Gefühl, als einfach nur durch die Straßen zu schlendern. Ich wollte etwas *finden*, etwas Echtes, etwas, das diese Stadt ausmacht. Sofort fiel mir auf, wie viele Menschen einfach draußen lebten, auf ihren Veranden saßen, Karten spielten, sich unterhielten. Die Häuser waren oft verfallen, aber sie hatten einen ganz besonderen Charme, eine Geschichte, die man spüren konnte. Ich entdeckte eine kleine Galerie, versteckt in einem Hinterhof. Der Künstler, ein älterer Herr namens Miguel, saß vor seinem Atelier und malte. Er sprach kaum Englisch, aber mit Händen und Füßen verstand ich, dass er seit über 50 Jahren malt, inspiriert von der kubanischen Landschaft und den Menschen. Seine Bilder waren farbenfroh und ausdrucksstark, sie zeigten das Leben auf der Insel in all seinen Facetten. Ich kaufte ein kleines Aquarell, eine Darstellung eines alten amerikanischen Autos vor einer farbenfrohen Kolonialkulisse. Es war ein Souvenir, ja, aber auch ein Stück kubanische Seele.

Ein Missverständnis auf dem Markt

Später wagte ich mich auf den *Mercado*, den lokalen Markt. Ein riesiges Gewirr aus Ständen, voll mit Obst, Gemüse, Fleisch, Gewürzen und allem, was das Herz begehrt. Es war laut, chaotisch und überwältigend, aber auch faszinierend. Ich wollte Mangos kaufen, die hier einfach unschlagbar sein sollen. Ich zeigte mit dem Finger auf ein paar wunderschöne Früchte und sagte "Dos, por favor!". Die Verkäuferin, eine resolute Dame mit einem breiten Grinsen, begann, wild zu gestikulieren und aufgeregt Spanisch zu sprechen. Ich verstand nur Bahnhof. Erst später, mit Hilfe eines freundlichen Mannes, der Englisch sprach, stellte sich heraus, dass ich versehentlich den Preis pro *Kilo* und nicht pro *Mango* genannt hatte. Es stellte sich als kleine Panne heraus, die alle zum Lachen brachte und mir zeigte, dass man in Kuba mit Humor und Geduld viel erreichen kann.

Abendliche Klänge im Parque Calixto García

Am Abend kehrte ich in den Parque Calixto García zurück. Der Park war voller Leben, Familien saßen auf Bänken, Kinder spielten, ältere Herren spielten Domino. Eine Musikgruppe spielte Son Cubano, die Rhythmen waren mitreißend und schwangen mich sofort mit. Ich setzte mich auf eine Bank, schloss die Augen und lauschte der Musik. Es war ein magischer Moment, ein Gefühl von Freiheit und Lebensfreude, das mich tief berührte. Ich fühlte mich, als wäre ich angekommen, als wäre ich Teil dieser Stadt, Teil dieser Kultur. Ich beobachtete ein junges Paar, das leidenschaftlich tanzte, und lächelte. Es war ein wunderschöner Anblick, ein Ausdruck der Lebensfreude, die in Kuba so präsent ist.

Verlorene Seiten der Geschichte

Ich verbrachte auch einige Stunden im *Museo Histórico Provincial*, einem kleinen Museum, das die Geschichte der Provinz Holguín dokumentiert. Es war kein glamouröses Museum, aber es war authentisch und informativ. Ich lernte viel über die indigene Bevölkerung, die spanische Kolonialzeit, die Unabhängigkeitskriege und die Revolution. Besonders berührt hat mich die Geschichte der *Mambises*, den kubanischen Freiheitskämpfern, die für die Unabhängigkeit von Spanien kämpften. Ihre Opfer und ihr Mut waren beeindruckend. Es war ein wichtiger Teil der kubanischen Geschichte, den ich bisher kaum gekannt hatte. Ich spürte, dass diese Reise nicht nur ein Urlaub war, sondern auch eine Lektion in Geschichte und Kultur. Nach all den Eindrücken, den Begegnungen und den Entdeckungen, begann ich, die Komplexität dieser Insel zu verstehen und sie mit neuen Augen zu sehen. Die Reise nach Holguín hatte bereits tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen, und ich wusste, dass ich diesen Ort nie vergessen würde.

Der Abschied von Holguín fiel mir schwerer, als ich gedacht hätte. Es war nicht nur die Schönheit der Landschaft oder die Wärme der Menschen, sondern auch das Gefühl, etwas von meiner eigenen Geschichte wiedergefunden zu haben. Ich stand am Flughafen, blickte zurück auf die Stadt und spürte eine tiefe Dankbarkeit für all die Erfahrungen, die ich gemacht hatte.

Mehr als nur ein Urlaub

Diese Reise war für mich mehr als nur ein Urlaub. Es war eine Pilgerfahrt zu meinen Wurzeln, eine Suche nach meiner Identität, ein Versuch, die Vergangenheit zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Ich hatte so lange davon geträumt, nach Kuba zu reisen, und endlich war ich hier, hatte die Insel mit eigenen Augen gesehen, die Menschen kennengelernt und ihre Kultur erlebt.

Ich hatte erwartet, eine wunderschöne Insel zu finden, aber ich war nicht darauf vorbereitet, wie tiefgründig diese Erfahrung sein würde. Ich hatte erwartet, die Geschichte meiner Großmutter besser zu verstehen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich auch ein Stück von mir selbst wiederfinden würde.

Die kleinen Dinge, die bleiben

Es waren die kleinen Dinge, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden: das Lachen der Kinder auf den Straßen, die Musik, die aus den Häusern drang, der Duft von Kaffee und Zigarren, die Gespräche mit den Menschen, die mir ihr Leben erzählten. Diese kleinen Momente haben mich tief berührt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, das Leben zu genießen und die einfachen Dinge zu schätzen.

Ich erinnere mich besonders an eine Begegnung mit einer alten Dame, die vor ihrem Haus saß und Domino spielte. Sie sprach kein Englisch, und ich sprach kein Spanisch, aber wir verstanden uns trotzdem. Wir lachten, wir nickten, wir tauschten Blicke aus, und ich spürte eine tiefe Verbundenheit mit ihr. Es war ein Moment der Menschlichkeit, der mir gezeigt hat, dass wir alle Teil derselben Familie sind.

Was ich mitnehmen werde

Ich habe gelernt, dass Kuba ein Land voller Kontraste ist: ein Land voller Schönheit und Armut, Freude und Trauer, Hoffnung und Verzweiflung. Aber trotz all der Schwierigkeiten haben die Menschen eine unglaubliche Lebensfreude und eine unerschütterliche Hoffnung. Sie haben mir gezeigt, dass es auch in den schwierigsten Zeiten möglich ist, glücklich zu sein und das Leben zu genießen.

Ich habe auch gelernt, dass es wichtig ist, offen zu sein für neue Erfahrungen und Kulturen. Kuba hat mich herausgefordert, meine eigenen Vorurteile zu hinterfragen und meine Perspektive zu erweitern. Ich bin dankbar für all die Lektionen, die ich gelernt habe, und ich werde sie mitnehmen in mein weiteres Leben.

Ein paar Tipps für deine Reise

Wenn du selbst nach Kuba reisen möchtest, habe ich ein paar Tipps für dich:

  • Sei offen und neugierig: Sprich mit den Menschen, probiere das lokale Essen, besuche die Museen und Galerien, tauche ein in die Kultur.
  • Lerne ein paar grundlegende spanische Sätze: Es wird dir helfen, dich mit den Menschen zu verständigen und ihre Gastfreundschaft zu genießen.
  • Sei geduldig und flexibel: Kuba ist ein Land, in dem nicht alles nach Plan läuft. Sei bereit, dich anzupassen und das Unvorhergesehene zu genießen.
  • Vergiss nicht, deine Kamera mitzubringen: Kuba ist ein wunderschönes Land, das es wert ist, fotografiert zu werden.

Ich hoffe, dass du diese Tipps hilfreich findest. Ich wünsche dir eine unvergessliche Reise nach Kuba!

    👤 Outdoor-Enthusiast (30) der Wandern, Klettern und Mountainbiken liebt ✍️ emotional und bildhaft